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18.05.2013
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World Press Photo Award

"Schwer zu sagen, wo Betrug anfängt"

AFP/ Scanpix

Der schwedische Fotograf Paul Hansen mit seinem Gewinnerbild

Wie stark dürfen Pressefotos nachbearbeitet werden, um noch als authentisch gelten zu können? Der Digital-Forensiker Jens Kriese hat das umstrittene Gewinnerbild des "World Press Photo Award" analysiert - und erläutert die Veränderungen an Paul Hansens Aufnahme.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kriese, woran erkennt man, dass Paul Hansens Pressefoto des Jahres manipuliert ist?

Kriese: Das sieht man schon an der Bildsprache von Hansen. Sein Foto sieht wie ein High Dynamic Range Image (HDR) aus. Bei solchen Bildern wurden die Helligkeitsunterschiede nachträglich mit einer Software ausgeglichen. Auf ihnen sollen Objekte so aussehen, wie auch ein Mensch sie sehen würde: Nichts ist über- oder unterbelichtet. Es sind Bilder, die wie gemalt wirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie erreicht man diesen Effekt?

Kriese: Man kann zum Beispiel mehrere Bilder einer Belichtungsreihe, also einer Serie von schnell aufeinander folgenden Bildern, übereinander legen. Das wäre dann eine Komposition aus überbelichteten Fotos, die Details im Schatten zeigen, unterbelichteten Fotos, die Details in der Sonne erkennbar machen, und normalen Aufnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Paul Hansen auch mehrere Bilder übereinander gelegt?

Kriese: Nein. Das halte ich für ausgeschlossen. Er hält in seinem Foto fest, wie eine Gruppe von Männern zwei tote Kinder durch Gaza-Stadt trägt. Das ist eine Bewegung, aus der er einen Moment festhält. Hätte er mehrere Bewegtbilder zusammengefügt, dann hätten diese nicht deckungsgleich aufeinanderliegen können.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Bild wurde bearbeitet. Wie weist man das nach?

Kriese: Ich habe das Foto, das die schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" zuerst veröffentlicht hat, mit dem Foto verglichen, mit dem Hansen den World Press Photo Award gewonnen hat. Die Unterschiede erkennt man mit bloßem Auge. Aber sie werden noch deutlicher, wenn man die Bilder in der exakt gleichen Größe, also pixelgenau, übereinander legt. Dann kann man sie mit einer Software für wissenschaftliche Bildanalyse, etwa "ImageJ", voneinander abziehen. An dem Differenzbild erkennt man leicht, welche Bereiche der Fotograf verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Kriese: Auf dem Differenzbild sieht man dunkle Flecken. Dort ist etwas passiert. Die Bereiche des Bildes, die nicht verändert wurden, erscheinen neutral grau. Alle anderen Stellen, an denen Hansen gearbeitet hat, sind heller oder dunkler.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hat er verändert?

Kriese: Die Aussage der Aufnahme ist zwar die gleiche. Aber das Bild aus der Zeitung wirkt viel bunter, die Wände der Häuser, die die Straße säumen sind heller. Das Gewinnerbild ist im Gegenzug bedrückender, weniger gesättigt - das lenkt den Blick auf die Mitte, auf die toten Kinder. Außerdem wirkt es durch die abgeschwächten, ungesättigten Farben ruhiger, harmonischer. Man erkennt an dem Differenzbild auch, dass der Fotograf unter Zeitdruck gearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man das?

Kriese: Er hat Retuscheartefakte hinterlassen. Ungenauigkeiten. Das sieht man zum Beispiel an dem Kapuzenpullover des Mannes, der zentral im Bild steht. Auf dem Pulli sind dunkle Flecken, die da nicht hingehören.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker hatten außerdem behauptet, man erkenne die Manipulation durch einen Schattenvergleich. Die Schatten auf den Häuserwänden würden den Schatten auf den Gesichtern der Männer nicht entsprechen.

Kriese: Das kann man bei den ganzen Veränderungen nicht mehr nachvollziehen. Die Kontraste wurden so stark verändert, dass die Lichtquelle nicht mehr auszumachen ist.

SPIEGEL ONLINE: Auf der englischsprachigen Nachrichtenseite news.com.au hat Hansen die Vorwürfe von sich gewiesen. Sein Bild sei keine Fälschung. Hat er in Ihren Augen betrogen?

Kriese: Durch die ungesättigte Farbgebung könnte der Eindruck entstehen, dass die Leblosigkeit der Kinder hervorgehoben wurde. Es ist schwierig zu sagen, wo Betrug anfängt. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob Hansen damit die Bildaussage verändert hat.

Fotostrecke

Fotografie: Siegerbilder des World Press Photo Awards 2013
SPIEGEL ONLINE: Die Jury des World Press Photo Award hat die Kritik zurückgewiesen. Es sei zwar "eindeutig, dass das veröffentlichte Foto im Hinblick auf allgemeine und einzelne Farbgebung und Farbtiefe retuschiert wurde. Darüber hinaus finden wir jedoch keinen Beweis für signifikante Fotomanipulation oder eine Zusammensetzung aus mehreren Bildern."

Kriese: Wenn die Jury Bearbeitungen auch in Zukunft akzeptiert, dann ist das doch kein fairer Wettbewerb mehr. Der Zweitplatzierte hätte vielleicht gewonnen, wenn er sein Bild auch auf diese Weise manipuliert hätte. Bei den Awards würde es gerechter zugehen, wenn sie nur unbearbeitete Originale verwenden würden. Wenn die Jury es weiter akzeptiert, dass die Fotografen ihre Bilder bearbeiten, dann schafft das nur eine Basis für Neider.

SPIEGEL ONLINE: Hat Hansen den Preis denn in Ihren Augen verdient?

Kriese: Er hat sein Leben dafür aufs Spiel gesetzt und ein bemerkenswertes Foto produziert. Das ist eine Leistung, die honoriert werden muss. Er hätte den Preis auch ohne die Bearbeitung gewonnen.

Das Interview führte Kristin Haug

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Zur Person

  • Jens Kriese
    Jens Kriese studierte Biologie an der Justus-Liebig Universität in Gießen und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Forschung und E-Learning. Er entwickelte das Bildarchiv IRISPIX und analysiert Fotografien forensisch.

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