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2020 - Die Zeitungsdebatte
07.08.2013
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Raus aus der Wiederholungsschleife!

Die Journalistin Hatice Akyün liest keine Tageszeitung mehr, sie seien eintönig, redundant, überflüssig. Dabei könne die Zeitung eigentlich viel mehr, sagt Akyün, sie könnte sogar besser sein als alle anderen Medien.

Wenn man mich fragt, ob ich eine Tageszeitung abonniert habe, so muss ich das verneinen. Wie kann es sein, Journalistin zu sein, aber selbst nicht mindestens ein Abonnement zu haben? Das ist schnell erklärt: Es sind die Lebensumstände. Wäre ich Feuerwehrfrau, würde ich auch keine Löschdecken und Feuerlöscher zu Hause horten. Wäre ich Sterneköchin, kochte ich zu Hause nur Hausmannskost.

Ich habe kein Zeitungsabo, weil ich die Tageszeitung erst aus dem Briefkasten ziehen würde, wenn mein halber Arbeitstag schon vorüber ist. Weil mir die Zeitungen entgegenquillen würden, wenn ich von einer längeren Lese- oder Recherchereise zurückkehrte. Auf die technische Möglichkeit, mir per App meine Zeitung auf mein iPad zu laden, verzichte ich auch. Die News-Plattformen verschaffen einen Überblick über die Hauptmeldungen aller Tageszeitungen.

Zu Hause in Duisburg, wo ich aufgewachsen bin, hatten wir lange keine Tageszeitung. Das änderte sich erst, als ich, Kind von türkischen Einwanderern, selbst alt genug war, um am sozialen Leben aktiv teilzunehmen. Das Kinoprogramm, Spiele des MSV, Konzerte, Ausstellungen und Kommunalpolitik interessierten mich. Ich wollte wissen, was in meiner unmittelbaren Umgebung passiert.

In meinem Berliner Bezirk organisiert sich das Leben über andere Netzwerke. Über den Kindergarten, die Schule, die Termine des Bezirksamts. Mein Leben läuft nicht nach einem Nine-to-Five-Schema, so dass ich als zeitversetzte Arbeiterin an der organisierten Zivilgesellschaft mit geregeltem Leben nicht teilnehmen kann. Eine Zeitung zu abonnieren, um auf einer oder zwei Seiten zu erfahren, was sich in meinem Bezirk tut, bringt mir keinen Nutzen. Und was in Berlin, in Deutschland, in Europa, in der Welt geschieht, erfahre ich - mal besser, mal schlechter - zeitaktueller aus anderen Medien.

Genau genommen, und hier setzt die größte Kritik an der Presselandschaft für mich als Konsument an, gibt es einen Redundanz-Overkill. Viele schreiben irgendwie dasselbe, beziehen sich auf die gleichen Quellen, wortgleiche Zitate, nur gering voneinander abweichende Tendenzen und Folgerungen. Sorgsam gleich gebürstet, bieten Ereignisse nur eine Schlussfolgerung und nur eine Konsequenz. Das gebotene Sowohl-als-auch, für den Fall, dass ich nicht übereinstimme, püriert das, was geschieht, zusätzlich und nivelliert Positionen, die so keinen Sinn ergeben, da ja jeder Standpunkt dem Standpunkt und nicht dem Inhalt dient.

Jede Woche stolpere ich über mindestens drei Themen, über die ich berichten könnte. In der Regel nimmt man derartige Vorschläge in den Redaktionen als Nischenthemen achselzuckend zur Kenntnis, oder sie werden wegen des Aufwands, sie einigermaßen erhellend aufzubereiten, als zu teuer und als nicht umsetzbar beschieden. Dinge, die Einblicke quer oder tief aus einer anderen Richtung offenlegen, seien nicht mainstreamig, könnten aber als Inseln der Vernunft in einem Meer der Eintönigkeit den Medien ein Stück Glaubwürdigkeit und Empathie zurückgeben.

Obwohl Medien alles andere als monochrom konstruiert sind, kommt man als Konsument nicht umhin, über viele Indizien zu stolpern. Sie bedeuten, dass in den Kontrollständen der großen Medienunternehmen der Versuchung nicht widerstanden wird, Meinung in bestimmte Richtungen zu lenken. Auch wenn über Bande gespielt wird, jede Richtung eine Gegenrichtung erlaubt und jede Fokussierung Möglichkeiten der Antithese eröffnet. Auf den Hauptverkehrstrassen der Berichterstattung ziehen immer größere Konvois der gleichen Karawane hinterher, die dann nur so schnell sind wie das langsamste Kamel. Ob sich diese gefühlte "embedded information policy" in einer höheren Akzeptanz der Rezipienten niederschlägt, wage ich zu bezweifeln. Das ist so ähnlich wie mit den inflationären Kochsendungen im Fernsehen. Signifikant mehr und besser wird in Deutschland deswegen auch nicht gekocht.

Wenn man glaubt, dem potentiellen Leser leicht verdauliche Info-Häppchen anbieten zu müssen, garniert in einer Werbekulisse, die sich in der Produktpalette dem Leserprofil oder vorerst zumindest in idealer Verbindung zum Artikel präsentiert, dann ist der Axel Springer Verlag auf dem richtigen Weg. Werbefinanziertes Infotainment mit Premium-Angeboten für Leser, die für Content zu zahlen bereit sind. Ob das dann noch in die Kategorie Journalismus passt, werden die Leser entscheiden. Eine verlängerte Werkbank, die sich an den Interessen der Hersteller von Produkten und Dienstleistungen ausrichtet, wird zum Onlineshop mit Produkt-PR, zum digitalen Quelle-Katalog, in der die Models als namenlose Avatare Sprechblasen absondern.

Was kann also die Zeitung besser als andere Medien? Sie kann berichten mit Fakten und Tiefe. Sie kann Strukturen offenlegen und dokumentieren. Sie kann mehrere Standpunkte nebeneinander in den Wettbewerb treten lassen. Aber dafür braucht sie Protagonisten, die selbst für etwas stehen. Zeitung ist keine Berichterstattung aus der Zuschauerdemokratie, von oben oder mit festgelegtem Blickwinkel. Zeitung ergreift Partei nicht für eine Seite, sondern für alle Seiten. Zeitung baut Brücken und leuchtet in die Tiefe. Zeitung, die nur über das Geschehen wischt, verliert ihren Vorteil, über das gedruckte Wort den Leser zu eigenen Gedanken zu motivieren.

Den Nachteil der Langsamkeit durch Oberflächlichkeit auszugleichen, macht die Zeitung zum ausgedruckten Webbrowser auf Papier und damit überflüssig. Vielfalt, Erkennbarkeit und Kante brauchen alle Medien. Für eine Zeitung sind sie die Grundnahrungsmittel. Und dafür gibt es heute nicht nur eine Berechtigung, sondern auch mehr Bedarf denn je.

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Heft 32/2013
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Zur Autorin

  • André Rival
    Hatice Akyün lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul. Die deutsch-türkische Autorin ist freie Journalistin und hat die wöchentliche Kolumne "Meine Heimat" beim "Tagesspiegel". Sie veröffentlichte die Bestseller "Einmal Hans mit scharfer Soße" und "Ali zum Dessert". 2009 wurde Hatice Akyün mit dem Preis für Toleranz und Zivilcourage ihrer Heimatstadt Duisburg ausgezeichnet, 2011 bekam sie den Berliner Integrationspreis für ihre Beiträge zur Debatte um Einwanderung und Integration. Im September 2013 erscheint ihr neues Buch "Ich küss dich, Kismet - Eine Deutsche am Bosporus".

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  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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