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2020 - Die Zeitungsdebatte
07.08.2013
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R.I.P. Tageszeitung

Tageszeitungen seien lediglich eine Technologie zur Informationsübermittlung, sagt Thomas Knüwer, Blogger und Berater für digitale Strategien. Und diese wird gerade durch eine bessere abgelöst.

Tageszeitungen sterben.

Nicht in einigen Dekaden, nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt. "Financial Times Deutschland", "Mendener Zeitung", "Abendzeitung Nürnberg" oder "Münstersche Zeitung Rheine" - existieren nicht mehr. "Frankfurter Rundschau" und "Westfälische Rundschau" - seelenlose Zombies, die nichts mit ihrem alten Anspruch gemein haben.

Diese Tatsache zu negieren, ist geradezu ein Hobby von Verlegern wie dem Münchner Dirk Ippen. Er ist einer derjenigen, der schnell einwirft: "Die Auflagen werden sich stabilisieren." Nur: Warum? Darauf gibt es keine Antwort, sondern allein die Bekundung der persönlichen Hoffnung, dass nach 20 Jahren fallender Verkäufe der Sturz irgendwann aufhört.

Fakt ist: Es gibt kein einziges Indiz, dass wir derzeit eine Zeitungskrise durchleben (der Begriff impliziert ja eine zeitliche Begrenzung der miesen Tage). Nein, wir erleben das Sterben der Zeitung. Wer zum Beispiel die Auflage von Deutschlands größter Tageszeitung, der "Bild", extrapoliert, landet so ungefähr 2028 auf der Nulllinie - und glaubt irgendwer, das Blatt würde noch gedruckt, wenn ein paar tausend Stück verkauft werden? Die Begeisterung der Anzeigenkunden wäre an diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon überschaubar.

Es geht auch nicht darum, dass überhaupt niemand mehr Tageszeitungen lesen mag. 20 Millionen Zeitungen werden wochentäglich noch verkauft, in den Kommentaren hier werden sicher engagierte Leser auflaufen und erklären, sie könnten nicht ohne das Gedruckte. Nur: Es sind nicht mehr genug Menschen, um das Geschäftsmodell Tageszeitung aufrechtzuerhalten - so wurden vor zehn Jahren noch rund sechs Millionen Zeitungen mehr verkauft an jedem Tag.

Dieser Schwund hat nur bedingt etwas mit dem Internet zu tun. Schließlich regen sich Leser seit vielen Jahren über die Qualität ihrer örtlichen Zeitung auf. Nehmen wir eine gewisse Toni Buddenbrook aus Lübeck: "Diese städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen... In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig", hat es ihr Thomas Mann in den Mund gelegt. Und: "Ich lese sie ja auch, gewiss, weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist."

112 Jahre nach dem ersten Erscheinen der "Buddenbrooks" ist etwas anderes zur Hand. Jederzeit und ständig aktuell - das Internet. Egal, welches journalistische Thema aufbereitet werden soll, das Web ist die bessere Plattform. Das heißt nicht, dass Onlinejournalismus per se besser ist als der in Print - aber er könnte grundsätzlich besser sein. Denn das Netz liquidiert Limitationen wie Druckzeiten, Verteilung, Längenbegrenzungen oder die Beschränkung auf Schrift und Bild. Jedes Thema kann so reportiert werden, wie es für den Leser am besten erscheint.

Und so gehen sie, die Leser. Ins Internet. Warum sollten sie an einem Morgen im digitalen Zeitalter auch Texte konsumieren, die mindestens sieben Stunden alt sind? Und deren Auswahl ohnehin nicht auf den einzelnen Käufer, sondern auf einen imaginären Durchschnittsleser zielt?

Als ich, zum Beispiel, 1995 aus dem Münsterland nach Düsseldorf zog, telefonierte ich täglich mit meiner Mutter - weil sie die Lokalzeitung bezog. Denn die "Rheinische Post" schrieb unerklärlicherweise nichts über meine fußballerische Liebe, den SC Preußen Münster - und die münsterschen Lokalzeitungen hatten online noch nichts zu bieten. Heute bekomme ich nicht nur deren Nachrichten, sondern auch Fanblogs, Videos und die News des Vereins selber im Netz. Ich bin besser, tiefer und vielfältiger informiert über ein typisches Lokalthema als je zuvor.

Der Leser-Schwindsucht ist längst der Abgang der Anzeigen gefolgt. Noch geht es vielen Zeitungen bilanztechnisch gut, doch die Verantwortlichen merken, dass sich dies rasant ändert.

Nüchtern betrachtet sind Tageszeitungen eine Technologie zur Informationsübermittlung - und Technologien werden irgendwann durch bessere Technologien abgelöst. Diese Entwicklung war seit 15 Jahren absehbar und wurde von vielen prognostiziert. Die Zeitungskonzerne reagierten darauf mit Ignoranz. Sie mochten keine Chance im Internet erkennen, nicht dessen Möglichkeiten ausloten, sie machten ihre Mitarbeiter nicht schlau in digitaler Technik. Nun wird das strategische Fenster, in dem sie noch handeln können, täglich kleiner.

Das Internet ist ein Konkurrent für Zeitungen im Nachrichtenmarkt. Auf Konkurrenz reagieren angestammte Anbieter in jedem Markt der Welt entweder mit Preissenkung oder Qualitätssteigerung - vielen Verlagen dagegen fällt nur Verweigerung ein. Dabei verlieren sie sich auch noch in Absurditäten. Zum Beispiel wird bestritten, dass Onlineangebote sich werbefinanzieren können - obwohl dies zum Beispiel bei SPIEGEL ONLINE, "Focus" oder der "Rheinischen Post" der Fall ist. Dann heißt es schnell, diese Angebote würden intern subventioniert, die veröffentlichten Bilanzen entsprächen nicht der Wahrheit. Lieber also ein Angebot zum Fall für die Staatsanwaltschaft erklären, als der Wahrheit ins Auge sehen - so verkorkst ist die Verlagsindustrie. Und ganz nebenbei: Auch verlagsunabhängige Seiten wie die Karrierebibel oder Caschys Blog schreiben schwarze Zahlen.

Mit diesem Missmanagement gefährden die Verlage Arbeitsplätze und den damit verbundenen Journalismus. Sie riskieren, dass wir einige Jahre erleben werden, in denen unsere Gesellschaft mit weniger Journalismus auskommen muss. Das ist nicht schön, doch halte ich es mit Clay Shirky, dem Medienforscher von der New York University: "Wenn Medien sich zurückziehen, heißt das nicht, dass über ein Feld nicht mehr berichtet wird - es wird nur anderenorts berichtet." Sprich: Wenn ein Interesse der Menschen an Nachrichten besteht, wird es andere Menschen geben, die darüber berichten. Nur Tageszeitungen werden das in einigen Jahren nicht mehr sein.

Wir werden darüber hinwegkommen.

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Zum Autor

  • Peyman Azhari
    Thomas Knüwer ist Gründer der digitalen Strategieberatung kpunktnull in Düsseldorf. Der langjährige "Handelsblatt"-Redakteur bloggt bei Indiskretion Ehrensache über Medien und Marketing sowie bei Gotorio über Reisen, Essen und Wein.

2020 - Die Zeitungsdebatte

  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
  • Übersicht: 2020 - Die Zeitungsdebatte

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