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Kultur

Ahnenforschung

DNA-Esoterik zum Sonderpreis

Man schickt seine Speichelprobe an ein Unternehmen und wird vermeintlich über die eigene Herkunft aufgeklärt. Doch was bringt die Erkenntnis, dass man von einer Dynastie von Apothekern oder Axtmörderinnen abstammt?

DPA

DNA-Test

Eine Kolumne von
Dienstag, 20.02.2018   15:51 Uhr

"Wir alle sind Geflüchtete", hieß es vor einigen Tagen auf "Zeit Online", und mit "alle" waren tatsächlich alle gemeint. Die deutsche Autorin und Kuratorin Emma Braslavsky hatte zwei Speicheltests gemacht und daraufhin eine Art literarische Vision durchlebt. Sie war einem äußerst zweifelhaften Trend gefolgt, bei dem Leute eine DNA-Probe an ein Unternehmen schicken und dann vermeintlich über ihre Herkunft aufgeklärt werden: Zu wie viel Prozent bin ich mitteleuropäisch, wie viel nordafrikanisch, und so weiter.

Eine Art ausführlicher Glückskeks für die Kosmopoliten von heute, nur dass Glückskeks-Sprüche meist von der Zukunft handeln und DNA-Analysen von der Vergangenheit - und dass Glückskekse üblicherweise harmlos sind, und billiger.

Zum Sonderpreis von 69 Euro kann man zum Beispiel beim Anbieter "MyHeritage" seine Spucke untersuchen lassen. Man erhält zwei Wattestäbchen, die man eingespeichelt ins Labor schickt. Nach ein paar Wochen gibt es online die Ergebnisse. "Die Wohnorte Ihrer Ahnen sind in Ihrer DNA verschlüsselt", heißt es mäßig seriös auf der Webseite. "Wir bieten 42 verschiedene Ethnizitäten an - die höhste (sic) Anzahl unter allen größeren DNA-Test Anbietern (sic)".

Spätestens mit dem Video "The DNA Journey" wurde die Methode berühmt: ein Werbevideo einer Reisesuchmaschine von 2016, aufgezogen wie Videos von halbwegs ernsthaften Untersuchungen. Ein stolzer Engländer lernte, dass er "zu fünf Prozent Deutscher" ist, obwohl er Deutsche nicht mag. Eine Kurdin erfuhr von ihren kaukasischen Wurzeln und so weiter. Viele Tränen, viel Rührung, und am Ende die Frage: Würdest du gern an all diese Orte fahren? Jaaa! Und erwähnte ich, dass das alles von einem Unternehmen bezahlt war, dessen Business eben Reisen sind?

Seitdem gibt es immer wieder Leute, die ganz ergriffen bunte Balkendiagramme auf Facebook oder Twitter posten, um ihre vermeintliche prozentuale Herkunfts-Zusammensetzung zu präsentieren, und da sind ausnahmsweise mal diejenigen sympathischer, die Updates zu ihrem Körperfettgehalt geben.

Björn Höcke: ein "ausgewanderter Portugiese"

Aus wissenschaftlicher Hinsicht sind solche "Lern dich kennen"-DNA-Tests äußerst zweifelhaft. Weder die Abgrenzungen der Nationalstaaten noch die Prozentzahlen lassen seriöse Schlüsse von der DNA auf die Geschichte oder Identität der untersuchten Person zu. Im "Guardian" hieß es von einem Professor für Evolutionsgenetik, die meisten der Unternehmen, die solche Tests anbieten, betreiben eher eine Art "genetische Astrologie".

Genetische Genealogie habe hingegen durchaus eine Berechtigung, erklärte ein DNA-Experte der Charité Berlin auf SPIEGEL ONLINE, aber Ländergrenzen anzugeben sei komplett unseriös. Es werde eine "Romantik der Herkunft" bedient, aber ohne wissenschaftliche Beweise, und die Bedeutung der Prozentzahlen sei dubios.

Der Verkauf von Herkunftsromantik ist aber vielleicht nicht die schlimmste Gefahr solcher Gen-Esoterik. Auf Twitter schrieb Ende Januar Thomas Gottschalk: "Hab meine DNA aufschlüsseln lassen. Afrika war ja klar. Aber über 50 Prozent Osteuropäer! Deswegen hab ich als Kind so geklaut." Weil es verständlicherweise Kritik an seiner Tiefenpsychologie gab, entschuldigte sich Gottschalk später für den Tweet. War nicht so gemeint. Und noch mal ganz anders gemeint war es, als das "Zentrum für Politische Schönheit" erklärte, man habe die DNA von Björn Höcke auswerten lassen. Er sei gar nicht hundertprozentig deutsch, sondern "ausgewanderter Portugiese", folglich sei er ein unglaubwürdiger Rassist. Mit Rassenkunde gegen völkisches Denken, das konnte nur Kunst sein.

Jahrhundertealte Expertise in Sachen Flucht

Auch die bereits oben zitierte Autorin Emma Braslavsky machte Kunst aus ihren Ergebnissen. Sie stellte sich ihre Vorfahren vor: hier die "schmale, hochgewachsene Nymphe" in Westafrika, dort der schöne "Jüngling aus Frankreich". Sie erleben einen Sack voll Kitsch, und Generationen später sagt ihre Nachfahrin: "Mit dem Tag, als ich die Ergebnisse sah, änderte sich mein Bewusstsein über das, woraus ich gemacht bin. Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, ausgewiesene, jahrhundertealte Expertise in Sachen Flucht zu haben." Sie selbst war 1989 aus der DDR geflohen und empfiehlt nun, im Angesicht ihrer Speichelprobe, "ein Wiederbewusstwerden für die, die wir alle einmal waren und hier geworden sind, woher wir alle kamen und was wir alle durchgemacht haben".

Das ist eine häufige Begründung, warum diese DNA-Tests so gewinnbringend seien. Auch bei der "Huffington Post" hieß es mal - in einem gesponserten Post, bezahlt von oben erwähntem Reiseunternehmen: "Dieser Gentest beweist, dass Fremdenfeindlichkeit sinnlos ist."

Nein. Wer für Menschenrechte und Empathie eine Speichelprobe braucht, bei dem läuft etwas grundlegend falsch. Wenn es nicht maximal fragwürdig erscheint, sich zu soundso viel Prozent auf wissenschaftlich wackelige Art irgendeine Zugehörigkeit zu verpassen und deswegen für die Leute dieser Gruppe jetzt ganz besonders viel Liebe und Verständnis zu haben - oder direkt "durchgemacht" zu haben, was sie erlebt haben -, was ist denn da los?

Das Erbgut einer Banane

Deutschland ist ein Land, in dem vor nicht allzu langer Zeit Menschen unter anderem als "deutschblütig" oder "Vierteljuden" klassifiziert wurden. Es sind bestimmt nicht alle Leute Nazis, die diese eigenartige DNA-Esoterik betreiben (aber auch nicht ganz wenige), doch es ist zutiefst beunruhigend, wie wenig die Verknüpfung zwischen einer körperlichen Untersuchung und politischen Schlussfolgerungen hinterfragt wird. Müssen wir "alle Geflüchtete" sein, um Menschen, die Asyl suchen, Menschenrechte und Respekt zu gönnen?

Und was wäre der Umkehrschluss? Was wäre, wenn bei irgendwem rauskäme, dass die Vorfahren seit über zweitausend Jahren in einem verlassenen Dachsbau im Spreewald wohnen? Darf diese Person dann ihre Angst vor Überfremdung voll ausleben?

Die Idee von "Rassenreinheit" kann man aufgeben, indem man in ein nahezu beliebiges Geschichtsbuch guckt, anstatt für nicht wenig Geld in ein Röhrchen zu spucken, und seine Gen-Daten bei einer Firma in Amerika zu lassen. Es hat überhaupt keinen seriösen informativen Mehrwert, zu wissen, dass irgendwelche Vorfahren irgendwann von irgendwo herkamen. Man weiß dann immer noch nichts darüber, wie diese Leute drauf waren. Es kann sein, dass man von einer Dynastie von Apothekern oder Axtmörderinnen abstammt, aber was würde das bedeuten?

Ich habe mal gelesen, Menschen hätten zu 50 Prozent das gleiche Erbgut wie eine Banane. Kann man auch mal drüber nachdenken.

insgesamt 138 Beiträge
dasfred 20.02.2018
1. Schön, dass hier auf Esoterik verwiesen wird
Vor Jahren gab es einen Höhlenfund im Harz, aus dem DNA isoliert und heute noch lebenden Nachfahren zugeordnet werden konnte. Hier gab es zumindest den Erkenntnisgewinn, dass es Familien gibt, die ihrem Standort sechstausend [...]
Vor Jahren gab es einen Höhlenfund im Harz, aus dem DNA isoliert und heute noch lebenden Nachfahren zugeordnet werden konnte. Hier gab es zumindest den Erkenntnisgewinn, dass es Familien gibt, die ihrem Standort sechstausend Jahre beibehalten haben. Rückwirkend schließen zu wollen, irgendeine Gen Sequenz, die auch auf Papua Neuguinea vorkommt hätte irgendeinen Einfluss auf mein Leben hier und jetzt ist absurd. Bestenfalls Rassentheoretiker würden versuchen, irgendwelche Ideologien zu untermauern, so wie sie schon an der Schädelvermessung gescheitert sind. Welchen Nutzen könnte man aus diesen Untersuchungen ziehen? Keinen.
RedEric 20.02.2018
2. oh
Oh, Frau Stokowski hat mal ein anderes Thema über das sie sich aufregen kann. Vielleicht ist dies besser als immer nur zu jammern, dass die Frauen von Männern unterdrückt werden. Ps.: Übrigens jede DNA stammt zu 50% von [...]
Oh, Frau Stokowski hat mal ein anderes Thema über das sie sich aufregen kann. Vielleicht ist dies besser als immer nur zu jammern, dass die Frauen von Männern unterdrückt werden. Ps.: Übrigens jede DNA stammt zu 50% von einer Frau ab, bei dem Thema ist die Quote erfüllt. ;)
Breston 20.02.2018
3. Verrannt
Als ich die Subüberschrift las, dachte ich: jetzt hat die Stokowski sich voll verrannt. Nun, nach dem Lesen des Artikels, muss ich sagen: nö, hat sie nicht.
Als ich die Subüberschrift las, dachte ich: jetzt hat die Stokowski sich voll verrannt. Nun, nach dem Lesen des Artikels, muss ich sagen: nö, hat sie nicht.
christian0061 20.02.2018
4. machem Sie doch erst mal selbst nen DNA-test, Frau Stokovsky
machen Sie doch erst mal selbst nen DNA-Test, Frau Stokovsky, bevor Sie hier ahnungslos rumkrakelen! Nichts dient der Völkerverständigung mehr, als das Wissen um die eigene Herkunft. Nichts macht demütiger und toleranter [...]
machen Sie doch erst mal selbst nen DNA-Test, Frau Stokovsky, bevor Sie hier ahnungslos rumkrakelen! Nichts dient der Völkerverständigung mehr, als das Wissen um die eigene Herkunft. Nichts macht demütiger und toleranter gegenüber dem Fremden, als das Wissen um die eigene Fremdheit!
Atheist_Crusader 20.02.2018
5.
"...es ist zutiefst beunruhigend, wie wenig die Verknüpfung zwischen einer körperlichen Untersuchung und politischen Schlussfolgerungen hinterfragt wird. Müssen wir "alle Geflüchtete" sein, um Menschen, die Asyl [...]
"...es ist zutiefst beunruhigend, wie wenig die Verknüpfung zwischen einer körperlichen Untersuchung und politischen Schlussfolgerungen hinterfragt wird. Müssen wir "alle Geflüchtete" sein, um Menschen, die Asyl suchen, Menschenrechte und Respekt zu gönnen? Und was wäre der Umkehrschluss? Was wäre, wenn bei irgendwem rauskäme, dass die Vorfahren seit über zweitausend Jahren in einem verlassenen Dachsbau im Spreewald wohnen? Darf diese Person dann ihre Angst vor Überfremdung voll ausleben?" Rasse ist ein überholtes Konzept und sagt nichts über einen Menschen aus. Kultur allerdings ist ein gewisser Indikator. Man kann kein Problem mit dunkelhäutigen Menschen haben - aber durchaus eines wenn Europa eine große Zahl an Menschen aufnimmt in deren Kultur Dinge wie Misogynie oder Antisemitismus eine starke Rolle einnehmen. Ich finde hellhäutige Arschlöcher genauso widerwärtig wie dunkelhäutige. Aber es ist nunmal so dass vergleichsweise viele hellhäutige Arschlöcher einen deutschen Pass haben und nicht einfach rausgeworfen werden können - aber dann muss man eben NICHT der Fairness halber sagen "Nur weil es Sorte 1 hier gibt, muss Sorte 2 auch willkommen sein". Ich fühle mich nicht der Gleichbehandlung von Arschlöchern verpflichtet. Es sollte eher unser Ziel sein, die Arschlochdichte so gering wie möglich zu halten. Und das fängt eben an damit dass man die Arschlöcher an der Grenze identifiziert und nicht hereinlässt - bzw. bei späterer Identifikation dann wieder rauswirft. Nette Menschen wiederum sind mir in jeder Hautfarbe willkommen. Aber man muss schon zwischen den beiden unterscheiden dürfen.
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