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Kultur

Antisemitismus

Judenhass war schon immer da

Immer wieder wird über muslimischen Judenhass diskutiert. Aktuelle Zahlen zu antisemitischen Straftaten belegen aber: Antisemitismus ist weniger ein importiertes Problem - die meisten Taten verüben Leute, die schon immer hier leben.

DPA

Begegnung und Bildung auf dem Campus Rütli

Ein Kommentar von Armin Langer
Donnerstag, 09.08.2018   19:49 Uhr

Die Polizei meldete im ersten Halbjahr 2018 401 antisemitische Straftaten, darunter zwölf Gewaltdelikte. 349 Taten wurden von Rechtsextremen verübt, sechs von Linksextremen, 21 von sogenannten Anhängern ausländischer und religiöser Ideologien - darunter werden auch Täter aus muslimischen Familien eingeordnet.

Rechtsextreme Täter dominieren die Statistik seit je. Immer wieder, wenn die aktuellen Polizeistatistiken zu antisemitischen Straftaten in Deutschland veröffentlicht werden, muss ich mir die Frage stellen: Wie verhält sich das zu dem Narrativ, in dem immer erst mal Muslime und arabische Geflüchtete für den Judenhass in unserem Land verantwortlich gemacht werden?

Seit 2015 wird im Zusammenhang mit dem Zuzug von 800.000 Geflüchteten aus muslimisch-geprägten Ländern von Antisemitismus zunehmend als eine Importware gesprochen. Aber Fakt bleibt: Die überwiegende Mehrheit der antisemitischen Straftaten wird von "einheimischen" Antisemiten begangen.

Judenfeindliche Ressentiments in der Mitte der Gesellschaft

Antisemitismus braucht nicht importiert zu werden, weil er schon immer hier war. Die jahrhundertelange christlich-antijüdische Tradition des Abendlandes verschwand auch nach dem Holocaust nicht. Im Juni 2018 veröffentlichte das Forschungsunternehmen Ipsos eine Studie zur (Nicht-)Anerkennung von Minderheiten in den unterschiedlichen Ländern. In der Bundesrepublik waren lediglich 46 Prozent der Befragten der Meinung, dass Juden wirklich zu Deutschland gehören. Laut dem zweiten Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus aus dem Jahr 2017 sind 20 Prozent der Deutschen offen für antisemitische Vorurteile.

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Judenfeindliche Ressentiments sind auch in der Mitte der Gesellschaft präsent. Besonders der sekundäre Antisemitismus trifft auf Zustimmung. Diese Art von Judenfeindlichkeit verzichtet auf direkte antisemitische Äußerungen, sie ist eher durch Erinnerungsabwehr und Relativierung des Holocaust gekennzeichnet: Zum Beispiel, wenn Politiker der AfD, der drittgrößten Partei im Bundestag, eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordern. Oder wenn Linksradikale die Israelis mit den Nazis gleichsetzen und damit die Verbrechen der NS-Zeit relativieren.

Es fällt einem scheinbar leichter, ausschließlich über den Antisemitismus der "Araber" zu sprechen als über die eigenen gescheiterten Strategien im Umgang mit dem Judenhass. So kann der Berliner Bezirk Neukölln, in dem der Anteil von Muslimen und als solche wahrgenommenen Menschen relativ hoch ist, zur No-go-Area ausgerufen werden. Gibt es Antisemitismus in Neukölln? Sicher! Trotzdem ist der Antisemitismus nicht nur eine Herausforderung in Neukölln, sondern im ganzen Land.

Der Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, eine Hochburg der rechtsextremen Szene, wird allerdings nie als No-go-Area für Juden bezeichnet. Es ist auch vielsagend, dass die antisemitische "Gürtel-Attacke" im April dieses Jahres in Berlin-Prenzlauer Berg auf einen Kippa tragenden Araber durch einen anderen Araber einen Skandal ausgelöst hat. Der Fall wurde sogar von der Bundeskanzlerin verurteilt - vollkommen berechtigt, weil Antisemitismus keinen Platz in der Bundesrepublik hat. Leider stieß zwei Monate später die Angriffsserie von Neonazis auf einen jungen Juden in der Dortmunder Innenstadt auf kein vergleichbares mediales und politisches Echo.

Der Antisemitismus ist keine "Lawine"

Judenhass ist fester Bestandteil in Europa. Es braucht viel Engagement seitens der Mehrheit und anderer Minderheiten, um zumindest kleine Erfolge zu erreichen. Die Auseinandersetzung muss aber sachlich bleiben. Der Antisemitismus ist keine "Lawine", wie einige behaupten, keine Naturkatastrophe, gegen die wir gar nichts unternehmen können.

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Seit Jahren arbeiten Bürgerprojekte an Schulen, um Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren - zum Beispiel die "Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus". Auch ich habe viele positive Erfahrungen bei Schulbesuchen gemacht. Am Anfang wollen Schüler, sowohl aus muslimischen als auch nicht muslimischen Familien, mich oft für die israelische Palästinapolitik zur Rechenschaft ziehen. Ich bin aber kein israelischer Regierungsvertreter, sondern einfach ein Berliner Jidd.

Statt eine Stellung zum Konflikt einzunehmen, plädiere ich für ein Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer gemeinsamen Stadt Berlin: Juden und Nichtjuden sind in erster Linie Nachbarn, Kommilitonen und Kollegen, die im gleichen Supermarkt einkaufen und ähnlichen Alltagsproblemen begegnen. Wenn ich diese Botschaft effektiv vermitteln kann, diskutieren wir am Ende der Sitzung schon darüber, wo man die besten Falafels in Neukölln kaufen kann. Begegnung und Bildung haben keine Alternative.

insgesamt 53 Beiträge
H.Schirmer 09.08.2018
1. Was jetzt, Muslime sind keine Deutschen?
Artikeleinleitung: "Immer wieder wird über muslimischen Judenhass diskutiert. Aktuelle Zahlen zu antisemitischen Straftaten belegen aber: Antisemitismus ist kein importiertes Problem - die meisten Taten verüben [...]
Artikeleinleitung: "Immer wieder wird über muslimischen Judenhass diskutiert. Aktuelle Zahlen zu antisemitischen Straftaten belegen aber: Antisemitismus ist kein importiertes Problem - die meisten Taten verüben Deutsche." Sind Deutsche etwa per Definition keine Muslime? Oder Muslime keine Deutschen? Wer hat sich den diese Artikeleinleitung ausgedacht?
hollaonboard 09.08.2018
2. Gott sei Dank!
Die überwiegende Mehrheit von antisemitischen Straftaten werden von "Einheimischen", im besten Fall sogar von "Deutschen" verübt. Ich hoffe hier wurde auch wirklich die absolute Zahl betrachtet und nicht [...]
Die überwiegende Mehrheit von antisemitischen Straftaten werden von "Einheimischen", im besten Fall sogar von "Deutschen" verübt. Ich hoffe hier wurde auch wirklich die absolute Zahl betrachtet und nicht relativiert, nicht das am Ende doch noch pro eingewanderten Muslim prozentual mehr verübt wird. Sonst würde mein so krampfhaft konstruiertes Deutschland-Heile-Welt-Bild zerstört. Weiter so!
zeisig 09.08.2018
3. Warum jetzt?
Bis vor wenigen Jahren war Ruhe. Antisemitismus war kein Thema. Jetzt plötzlich kommt das wieder auf. Und da will mir jemand erklären, das habe nichts mit moslemischen Einwanderern zu tun?
Bis vor wenigen Jahren war Ruhe. Antisemitismus war kein Thema. Jetzt plötzlich kommt das wieder auf. Und da will mir jemand erklären, das habe nichts mit moslemischen Einwanderern zu tun?
geteducated 09.08.2018
4. Meint der Autor, dass Muslime keine Deutsche sein können?
„Immer wieder wird über muslimischen Judenhass diskutiert. Aktuelle Zahlen zu antisemitischen Straftaten belegen aber: Antisemitismus ist kein importiertes Problem - die meisten Taten verüben Deutsche.“ Muslim ist keine [...]
„Immer wieder wird über muslimischen Judenhass diskutiert. Aktuelle Zahlen zu antisemitischen Straftaten belegen aber: Antisemitismus ist kein importiertes Problem - die meisten Taten verüben Deutsche.“ Muslim ist keine Nationalität. Muslime die hier in dritter und vierter Generation leben werden eben nicht als Ausländer in die Statistik aufgenommen, sondern einfach als Deutsche. Vielleicht ist dem Autor auch aufgefallen, dass nicht alle Ausländer Muslime sind. Also sagt ein Deutscher vs Ausländer Statistik nichts über dem Islam aus. Außerdem weißen die offiziellen Statistiken enorme Mängel auf. Während unabhängige jüdische Forscher herausfanden, dass über 80 % des Antisemitismus von Muslimen ausgeht, meint die deutsche Regierung, dass 94 % von Rechtsextremen ausginge. Hier ein guter Artikel der ARD: https://faktenfinder.tagesschau.de/hintergrund/antisemitismus-147.html Ja, es gibt auch Antisemitismus in Deutschland die von Nazis ausgeht. Und das darf man nicht verharmlosen. Die Zahlen zeigen aber eindeutig, dass der Antisemitismus hauptsächlich von Muslimen ausgeht. Was ziemlich beängstigend ist, da wir nur 5 Millionen Muslime in Deutschland haben. Mein Kernerlebnis: eine Gruppe von 5 Muslimen haben "stirb du Judenschwein" nach mir gerufen. Als ich einkaufen ging. Von der anderen Straßenseite aus. Und wenn man dann noch erfährt, dass man in diversen Moscheen aus den islamischen Schriften rezitiert, wo glasklar zum Völlermord an Juden aufgerufen wird, dann wird einem Angst und Bange. Nicht alle Muslime sind Antisemiten. Aber es gibt ein deutliches Problem in Schrift, Moscheen und Auslebung in Deutschland. Nicht weggucken, sondern handeln!
whmueller 09.08.2018
5. Ich fahre seit 25 Jahren Taxi
in einer Deutschen Millionenstadt, noch nie habe ich auch nur 1 x ein einziges schlechtes Wort über Juden gehört von meinen Fahrgästen und auch nicht im Bekanntenkreis in all den Jahren !
in einer Deutschen Millionenstadt, noch nie habe ich auch nur 1 x ein einziges schlechtes Wort über Juden gehört von meinen Fahrgästen und auch nicht im Bekanntenkreis in all den Jahren !
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