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Kultur

Die Wiedergänger

Und von vorn: Fahnen. Stolz. Boden. Ehre. Heimat.

Immer wieder beschwören Rechte die Angst, dass Deutschland im Chaos versinken werde. Was man dagegen tun kann? Das völlig Unerwartete im Kapitalismus: nämlich zusammenzuhalten.

SINGER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Pegida- und AfD-Kundgebung in Dresden, September 2017

Eine Kolumne von
Samstag, 13.01.2018   08:52 Uhr

Was passiert eigentlich mit Gehirnen, wenn sie einem Dauer-Sirenen-Geräusch ausgesetzt sind? Jeden Tag eine neue Entgleisung irgendeines neuen Politikers, der die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten austestet. Wöchentlich erfindet sich eine neue Bewegung mit tollen inneren Stiefeln, ein neuer Autor oder Verleger, der sich in den Dienst der neuen "nationalkonservativen" Revolution stellt, eine neue Sirene wird zugeschaltet, und die Hirne der Probanden - stumpfen sie ab?

Einige Unermüdliche empören sich, eröffnen Strafverfahren. Diskutieren über Meinungsfreiheit versus Volksverhetzung versus gezielter Provokation. Als gäbe es die Bedrohung unseres Planeten durch irrsinnigen Raubbau und den Wunsch nach Selbstauslöschung der Menschen nicht, muss man jetzt erneut den sogenannten Anfängen wehren.

Greif. Wald. Gute Frau

"Was die klassische Rhetorik der Rechten betrifft, so können wir uns kurz fassen. Sie hätschelt immer die gleichen Ängste. Seit unvordenklichen Zeiten beschwört sie den Untergang des Abendlandes und den Verlust der Mitte. Regelmäßig beklagt die Partei der Bulldozer den Zerfall der Werte, die Partei der Korruption die sittliche Verwahrlosung, die Partei der Banausen die Zerstörung der Kultur. (...) Dass das drohende Versinken in Anarchie und Chaos ausgeblieben ist, darin sehen sie keinen Grund, sich zu revidieren; sie betrachten es als ihr Verdienst. Unverdrossen warnen sie uns vor Überfremdung und Unterwanderung und fallen uns mit Identitätsproblemen und Orientierungsverlusten auf die Nerven, mit denen das Gemeinwesen angeblich zu kämpfen hat." Hans Magnus Enzensberger, "Mittelmaß und Wahn", Frankfurt 1988

Ein dreißig Jahre alter Text. Und weiter geht es. Wieder von vorne. Fahnen. Stolz. Boden. Ehre. Heimat. Männer. Noch mehr Stolz. Greif. Wald. Gute Frau. Und.

Die Fremden sind schuld. Die Fremden, Fremden, Fremden. Das ist doch mal eine Botschaft, die sich gewaschen hat. Die nicht mit anstrengend vernetzten Informationen zu tun hat, nicht mit der Frage: Was haben Dieselautos mit Asthma zu tun, was ist mit den Rohstoffen, die zu Ende gehen, wie kann die ausgequetschte Erde bald 10 Milliarden ernähren, wie kann man den minimalen Rest der Insekten und Tiere retten, was tun gegen die sich häufenden extremen Wetterereignisse, was mit Hartz IV, der Sozialhilfe, von der keiner richtig leben kann, und der Altersarmut? Alles erledigt. Holt die Mistgabeln raus. Mit denen beseitigen wir gerade noch die AI. What? Egal. Der stolze wehrhafte Mann, der mit einem halb geöffneten weißen Hemd mit einer Ähre in der Hand auf dem heimischen Boden steht. Und endlich wieder zu seiner wütenden Mannhaftigkeit gefunden hat.

Anarchie des Unerwarteten

Von sich gelangweilte Medienkommentatoren jubeln. Hurra, ein Ruck wird durch die erstarrte Politik gehen. In die erstarrte, langweilige, feige, weibliche Politik, die einen starken Führer braucht. Nun ja. Die Regierungen der Welt versagen schon lange. Sie versagen in den großen aktuellen Fragen des Planeten. Ein Ruck wäre sinnvoll. Aber doch nicht diese rückwärtsgewandte Herrenreitersoße, mit ihren simplen Parolen, die nichts vermögen, außer Menschen zu ermutigen, endlich mal wieder "Scheiße" sagen zu dürfen. Und die, wo immer sie an Einfluss auf Regierungen gewinnen, sofort an den Stellen auf Einsparung und Abschaffung drängen, die die Zukunft der Welt noch ein wenig - ähm - verlängern könnten: Bildung, Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung, Gesundheitswesen usw.

Das ist nicht nur absurd unsozial, sondern lebensbedrohlich. Die Mehrheit der Bevölkerung hat den Ton der Dauersirenen im Ohr und ist so abgelenkt, dass sie das Offensichtliche übersieht.

Wenn es eine Sache gibt, bei der die Bewegung der unterschiedlichsten Farben Braun brillant ist, dann in der kurzfristigen Einigkeit, mit der sie sich findet, um ihr Ziel, das für die Akteure im Nachspielen eines Leni-Riefenstahl-Filmes besteht, zu erreichen. So wie die neuen Rechten die Mittel der Demokratie nutzen, um sie abzuschaffen, könnte die Masse jener, die verwundert dem Erstarken von längst Totgeglaubtem zusieht, von den Nationalisten lernen:

Zusammenhalten.

Vergessen, dass man als Einziger immer im Recht ist. Die bislang unpolitischen Bürger, Linken, Konservativen, die Antifa (man kann die Herrenreiter so wunderbar in Rage bringen mit der Erwähnung des Namens), die Bürgerlichen, Sozialisten, Piraten, die Nerds - könnten für eine Weile vergessen, dass sie als Einzige im Besitz der absoluten Wahrheit sind, und könnten zusammenhalten um einen Ruck in die Politik zu bringen, der daraus besteht, den Planeten noch ein wenig zu erhalten. Sich vereinigen für ein Ziel, das größer ist als der private Glaube an die eigene Überlegenheit. Das wäre im Moment die Anarchie des Unerwarteten.

insgesamt 114 Beiträge
dirk.resuehr 13.01.2018
1. Das große Dilemma
Das ist so, die Mehrheit möchte Demokratie und Toleranz und Liberalität. Da werden auch Meinungen und Verhaltensweisen toleriert, die das schamlos ausnutzen und die Werte der Demokratie mißachten und mißbrauchen. Fakt ist [...]
Das ist so, die Mehrheit möchte Demokratie und Toleranz und Liberalität. Da werden auch Meinungen und Verhaltensweisen toleriert, die das schamlos ausnutzen und die Werte der Demokratie mißachten und mißbrauchen. Fakt ist auch, daß weder Sozialismus noch Kommunismus Gerechtigkeit gebracht haben und bringen, selbst das Leben ist generell nie gerecht. Selten sind gerade die Guten von Gesundheit gesegnet und von Unglück befreit, Gemein. Daran ändert keine Linke der Welt etwas. Pervers auch, daß gerade die den Verfall einer Kultur bejammern, die weder wissen, was das ist, noch selbst welche haben und das öffentlich durch Worte und Verhalten zeigen.Auch wenns noch eine Minderheit ist, wir haben erlebt, daß wohlfeile Lügen, viel bewegen können. Menschen sind verführbar, also wehret den Anfängen!
jamguy 13.01.2018
2. zusammen halten
Ich sehe nur Zusammenhalte und ggroße dahingehende Bemühungen, von ganz links bis ganz rechts und es ist schwierig ,vielleicht zu schwierig.
Ich sehe nur Zusammenhalte und ggroße dahingehende Bemühungen, von ganz links bis ganz rechts und es ist schwierig ,vielleicht zu schwierig.
Champagnerschorle 13.01.2018
3. keine Sorge
Es ist genau NICHT das Unerwartete, dass der Kapitalismus zusammenhält. In Dresden marschiert die Rechte und wird geduldet. In München gab es in 2015 sofort Gegenveranstaltungen von "München ist bunt". Ergebnis: Keine [...]
Es ist genau NICHT das Unerwartete, dass der Kapitalismus zusammenhält. In Dresden marschiert die Rechte und wird geduldet. In München gab es in 2015 sofort Gegenveranstaltungen von "München ist bunt". Ergebnis: Keine Naziaufmärsche in München (mehr). "Der Kapitalismus" sprich: Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung kennt durchaus die Hintergründe des "Erfolgs" und läßt sich von ein paar Rechten (mögen es um die 15% sein) sicher nicht die Butter vom Brot nehmen (das Bild paßt hier).
Joe Sarian 13.01.2018
4. Geschätzte Sybille Berg,
eine schöne Utopie ist das schon mit dem Zusammenhalten, aber dafür müssten die meisten Angesprochenen ja erstmal "Erkennen, wie unwichtig man ist", damit sie sich dafür entscheiden können "Sich vereinigen [...]
eine schöne Utopie ist das schon mit dem Zusammenhalten, aber dafür müssten die meisten Angesprochenen ja erstmal "Erkennen, wie unwichtig man ist", damit sie sich dafür entscheiden können "Sich vereinigen für ein Ziel, das größer ist als der private Glaube an die eigene Überlegenheit." Eine Woche ist da wahrscheinlich etwas zu kurz für Erkenntnis und Umsetzung :o) Aber grundsätzlich stimme ich Ihrem klugen Gedanken zu. Nanoo Nanoo Joe
mwroer 13.01.2018
5.
Es wäre fast lesenswert gewesen aber natürlich muss wieder, egal wie sinnlos und unzutreffend, der Mann als Täter herhalten und plötzlich ist die alte Politik 'die weibliche'. Es geht nicht ohne Feinbild - und das ist, gerade [...]
Es wäre fast lesenswert gewesen aber natürlich muss wieder, egal wie sinnlos und unzutreffend, der Mann als Täter herhalten und plötzlich ist die alte Politik 'die weibliche'. Es geht nicht ohne Feinbild - und das ist, gerade angesichts letzten Absatzes, genau der Punkt an dem die Autorin sich ständig und wie es scheint mit wachsender Begeisterung selbst unglaubwürdig macht.
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