Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Dritte Geschlechtsoption

Der Staat als Spanner

Eine kontrollierte Geschlechteridentität ist so absurd wie ein Sternzeichen im Pass. Jetzt legt das Innenministerium auch noch einen Gesetzentwurf zur dritten Option vor, der Trans- und Intersexualität pathologisiert.

DPA

"Mein Körper. My choice"

Eine Kolumne von
Dienstag, 09.10.2018   15:49 Uhr

In einem 2017 neu aufgelegten Buch für angehende Lehrkräfte gibt es folgende Stelle:

"Die Geschlechtsentwicklung umfasst drei Bereiche, mit denen sich Jugendliche auseinandersetzen müssen:
1. mit der Geschlechtsidentität: Eigenwahrnehmung und Körperbewusstsein als Mann oder Frau,
2. mit dem geschlechtstypischen Verhalten: über rollentypische Verhaltensweise reflektieren,
3. mit der sexuellen Orientierung, die sich als Hetero-, Homo-, Bi- oder Transsexualität ausdrücken kann."

(Bovet und Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis. Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf, 9. Auflage, Cornelsen Verlag 2017)

Fällt Ihnen etwas auf? Abgesehen davon, dass unter Punkt 1 davon ausgegangen wird, dass alle Menschen entweder Mann oder Frau sind? Transsexualität steht bei Punkt 3 unter "sexuelle Orientierung". Das zitierte Buch ist ursprünglich 2004 erschienen, wurde dann überarbeitet und aktualisiert, und selbst in der neunten Auflage, die schon durch einige Hände gegangen sein muss, ist niemandem aufgefallen, dass es bei Transsexualität nicht darum geht, auf wen man steht, sondern darum, wer man ist. Transsexualität als sexuelle Orientierung einzuordnen ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn jemand gefragt wird: "Was sind deine liebsten Reiseziele?", und er antwortet: "Frankreich, Japan und Flugzeug."

Diese Fehler in einem aktuellen Fachbuch sind nur ein Beispiel dafür, wie wenig Ahnung viele Leute haben, wenn es um Trans- oder Inter-Themen geht - selbst wenn sie sich beruflich damit beschäftigen. Es ist ziemlich sicher, dass man im Innenministerium davon ganz besonders wenig Ahnung hat, immerhin macht die aktuelle Besetzung des Ministeriums den Anschein, dass dort die Nachricht noch gar nicht angekommen ist, dass es überhaupt mehr als ein Geschlecht gibt. Wenig Ahnung zu haben ist erst mal nicht schlimm, solange man nicht in Verlegenheit gerät, sich äußern zu müssen.

Nun ist man im Innenministerium aber gezwungen, sich über Geschlechterfragen Gedanken zu machen, weil das Bundesverfassungsgericht vor einem Jahr feststellte , dass der Gesetzgeber seinen Umgang mit Geschlechtergrenzen ändern muss: Es gibt nicht nur "weiblich" und "männlich", es gibt noch mehr. Die Optionen im Geburtenregister müssen entsprechend erweitert werden, sodass bei nicht binär geborenen Kindern nicht die einzigen Optionen sind, den Eintrag auszulassen oder das Geschlecht falsch einzutragen. Bisher werden viele intergeschlechtlich Geborene dann operiert , um ein "eindeutigeres" Geschlecht zu erhalten. Viele leiden ihr Leben lang unter diesen Eingriffen.

Mehr zum Thema

Horst Seehofers Ministerium wollte die dritte Option zunächst "weiteres" nennen, inzwischen ist man - nach einiger Kritik - beim Begriff "divers" angelangt. Dem aktuellen Gesetzesentwurf zufolge können über 14-jährige Personen ihren Eintrag ändern lassen, allerdings brauchen sie dafür ein ärztliches Attest (das sie bezahlen müssen): "Durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung ist nachzuweisen, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt."

Das heißt, Menschen, die geschlechtlich nicht binär sind und ihren Geschlechtseintrag ändern wollen, werden gezwungen, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Für Menschen, deren Genitalien so aussehen, wie Horst Seehofer sich das für Frauen und Männer vorstellt, die aber trans oder genderqueer leben, sind keine Verbesserungen vorgesehen.

Mehr dazu auf bento

Zur Erinnerung: Diese Menschen sind nicht krank, sie haben keine Behinderung, ihnen fehlt im Großen und Ganzen nichts, bis auf einen Staat, der sie nicht pathologisiert. Am kommenden Donnerstag soll der Bundestag über den Gesetzesentwurf diskutieren.

Wer grauenhafte Geschichten über aufgezwungene Therapien und Untersuchungen hören will, kann sich jetzt schon von trans Personen erzählen lassen, mit welcher gewalttätigen Präzision der deutsche Staat über Geschlechtergrenzen wacht.

Wenn man einmal verstanden hat, wie unwissenschaftlich bis brutal die Einteilung von Menschen in "männlich" und "weiblich" ist, kann man es nicht für etwas anderes als eine höllische Anmaßung halten, dass der Staat Leute in diese Kategorien zwingt. Das wird nicht wesentlich besser, wenn es eine dritte Option gibt, die ärztlich bescheinigt werden muss.

In anderen Ländern ist man da weiter. In Chile können Menschen ihren Namen und Geschlechtseintrag seit Neuestem unkompliziert auf dem Amt ändern lassen , in Argentinien geht das bereits seit 2012, in Irland und Malta seit 2015.

Fotostrecke

"Spartacus"-Ranking: Die Topreiseziele für Homosexuelle und Transgender

Man könnte viel Leid umgehen, wenn man den Geschlechtereintrag nicht erweitern, sondern weglassen würde. Wir reden so viel über Datenschutz und Privatsphäre, aber bezüglich der Geschlechteridentität ist Deutschland hier noch nicht im aktuellen Jahrhundert angekommen.

Den staatlichen Geschlechtseintrag wegzulassen, diese Vorstellung mag für einige eine heftige Überforderung darstellen. Das ist okay. Für viele Leute war auch die Umstellung in Euro eine Überforderung, die haben zehn Jahre später noch in Mark umgerechnet oder tun es immer noch, und natürlich können sie auch weiterhin im Kopf Menschen in Männer und Frauen und Andere umrechnen, wenn es ihnen hilft.


Video: Endlich im richtigen Körper - Leben als Transgender

Foto: SPIEGEL TV

Ich fühle geradezu körperlich, wie schon in diesem Moment bei bestimmten Leuten die Pointen sich von selbst bauen. Ha, ha, wenn es keinen staatlichen Geschlechtseintrag mehr gibt, und es gab einen Banküberfall und die Polizei will den aufklären, was macht sie dann, wenn die Zeugen alle sagen: Keine Ahnung, ob der Täter ein Mann oder 'ne Frau war, man weiß ja heutzutage gar nichts mehr? Oder: Erübrigt sich dann die Frauenquote, weil man bei Bewerbern, die Günther, Klaus und Siegbert heißen, ja nie wissen kann, als was sie sich identifizieren? So viel Fun denkbar. Ich könnte eine komplette Kollegen-Kolumne füllen mit Witzen dieser Art.

Nur: Es ist natürlich überhaupt nicht verboten, über Geschlechter zu reden, wenn es keinen staatlichen Eintrag mehr gibt. Und: Leute werden in den allermeisten Fällen immer noch sehr leicht zuzuordnen sein. Sie werden sich weiter fortpflanzen können, Generationen über Generationen, und eines Tages wird ein staatlich kontrollierter Geschlechtseintrag so absurd erscheinen wie ein in den Pass eingetragenes Sternzeichen. Es ist nur leider noch ein äußerst weiter Weg dahin.

insgesamt 185 Beiträge
dr2jh 09.10.2018
1. Erübrigt sich dann die Frauenquote, weil....
Ja, es wäre die logische Konsequenz, denn die *Frauen*quote orientiert sich an der binären Geschlechtereinteilung. Eine Quote aufgrund eines oder mehreren Kriterien wird dann gezwungenermaßen ad absurdum geführt, denn man wird [...]
Ja, es wäre die logische Konsequenz, denn die *Frauen*quote orientiert sich an der binären Geschlechtereinteilung. Eine Quote aufgrund eines oder mehreren Kriterien wird dann gezwungenermaßen ad absurdum geführt, denn man wird dann entsprechend viele Feinabstufungen berücksichtigen müssen. Frauenquote und eine nichtbinäre Geschlechtszuordnung sind exklusiv. Egal was man will.
Motorpsycho 09.10.2018
2.
Wow, dass der Tag kommt, an dem ich Frau Stockowski vollumfänglich zustimmen kann, hätte ich ja nicht gedacht. Eine Abschaffung des Geschlechtseintrages wird es aber nicht geben, denn der Gesetzgeber möchte gezielt aufgrund [...]
Wow, dass der Tag kommt, an dem ich Frau Stockowski vollumfänglich zustimmen kann, hätte ich ja nicht gedacht. Eine Abschaffung des Geschlechtseintrages wird es aber nicht geben, denn der Gesetzgeber möchte gezielt aufgrund des Geschlechts diskriminieren und tut dies auch. Am augenfälligsten ist dies bei §1631d BGB und §226a StGB zu sehen, wo Jungen massiv rechtlich diskriminiert werden. Die Verfassungswidrigkeit wird nur noch offensichtlicher, wenn sich der Gesetzgeber dazu bekennen muss, ob für "diverse" Menschen §1631d BGB, §226a StGB oder noch was anderes gelten soll. Der Umgang des Gesetzgebers mit dem Geschlecht ist an Heuchelei nicht zu überbieten.
Horst Scharrn 09.10.2018
3. Hmm
---Zitat--- I sexually Identify as an Attack Helicopter. Ever since I was a boy I dreamed of soaring over the oilfields dropping hot sticky loads on disgusting foreigners. People say to me that a person being a helicopter is [...]
---Zitat--- I sexually Identify as an Attack Helicopter. Ever since I was a boy I dreamed of soaring over the oilfields dropping hot sticky loads on disgusting foreigners. People say to me that a person being a helicopter is Impossible and I'm fucking retarded but I don't care, I'm beautiful. I'm having a plastic surgeon install rotary blades, 30 mm cannons and AMG-114 Hellfire missiles on my body. From now on I want you guys to call me "Apache" and respect my right to kill from above and kill needlessly. If you can't accept me you're a heliphobe and need to check your vehicle privilege. Thank you for being so understanding. ---Zitatende--- Geschlecht im Ausweis weglassen wäre vermutlich die beste Option. Und warum haben wir eigentlich fast nirgendwo Unisex-Toiletten ?!?
murksdoc 09.10.2018
4. Stokowski!
Zur Erinnerung;: Es heisst "eher ähnlich einem humanoiden Mann" (männlich) und " mehr einer humanoiden Frau ähnelnd" (weiblich). Nirgendwo steht: "Mann" oder "Frau". Wenn Sie das alles [...]
Zur Erinnerung;: Es heisst "eher ähnlich einem humanoiden Mann" (männlich) und " mehr einer humanoiden Frau ähnelnd" (weiblich). Nirgendwo steht: "Mann" oder "Frau". Wenn Sie das alles trotzdem stört, schreiben Sie von mir aus noch dazu: "Keinem von beiden ähnelnd" (z.b. mein Dackel) oder: "ähnlich wie beides" (da fühle sogar ich mich angesprochen). Aber schreiben Sie NICHT: "Divers". Das heisst auf Englisch: "Taucher" und sorgt an den angloamerikanischen Grenzen garantiert für Heiterkeit, wenn man nicht gar Schnorchel und Flossen sehen will.
roenga 09.10.2018
5. Wenn Frau sein hilft
Zitat: "und natürlich können sie auch weiterhin im Kopf Menschen in Männer und Frauen und Andere umrechnen, wenn es ihnen hilft." Mal wir doch mal was ganz revolutionäres, trennen wir auch in jeder [...]
Zitat: "und natürlich können sie auch weiterhin im Kopf Menschen in Männer und Frauen und Andere umrechnen, wenn es ihnen hilft." Mal wir doch mal was ganz revolutionäres, trennen wir auch in jeder Alltagssituation nicht mehr zwischen Mann und Frau (eine unvollständige Auflistung): - kein drücken mehr von Frauen vor dem Wehrdienst in fast allen Ländern, die Militärdienst noch kennen (also z.B Deutschland bis 2011) - keine niedrigeren Gefängnisstrafen für Frauen gegenüber Männern für die gleichen Straftaten - keine Frauenquoten mehr in Männerdominierten Berufen (die gutdotierten Berufe natürlich, keine Frau hat jemals über den Mangel an weiblichen Müllwerkern geklagt) - kein 'ladies first', Tür aufhalten, beim Date bezahlen oder ähnliche überkommene Annehmlichkeiten die Frau gerne mal mitnimmt - das Ende des gender pay gaps, denn wo kein gender mehr identifiziert wird, da kann auch keine Lücke sein - keine Präferenz der Mutter gegenüber dem Vater vor Gericht, wenn es um das Sorgerecht im Scheidungsfall geht. Wenn Frau Stokowski und die Mehrheit der feministischen Frontkämpferinnen dem zustimmen würden, dann könnten wir die Begriffe Mann und Frau einmotten. Also am Sankt Nimmerleinstag.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!
Newsletter
Kolumne - Oben und unten

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP