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Kultur
Ausgabe
54/2018

Ein Jahr #MeToo

Feminismus ist jetzt marktkonform

Feminismus ist wieder gesellschaftsfähig - dank #MeToo. Endlich soll Gleichberechtigung herrschen. Aber will die Bewegung wirklich eine bessere Welt?

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Ein Essay von
Donnerstag, 04.10.2018   00:00 Uhr
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Manchmal kommen auch schöne Sätze aus Bayern, schöne Ideen. Sie werben für Toleranz und Achtung, für Solidarität mit den Schwächeren und für Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Diese sei "anzunehmen, einzuüben und auch selbstbewusst zu vertreten". Dass es Menschen gibt, die diese Gleichberechtigung ablehnen, auch das wird gesehen. Derjenige kann dann verpflichtet werden, "sich einem Grundkurs über die Werte der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu unterziehen". Die Sätze richten sich an Migranten und stehen im Bayerischen Integrationsgesetz.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 54/2018
#frauenland
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Solche Sätze sind immer wieder gesagt worden nach der Silvesternacht von Köln, nach jedem Fall, in dem ein Migrant eindeutig Täter war - oder auch nicht. Die Sätze sind wichtig, für Migranten, aber nicht nur für sie. Ein Gedanke steht hinter diesen Sätzen: Wer den Zustand einer Gesellschaft beurteilen will, der betrachte den Umgang mit den Rechten von Frauen.

Die Gleichberechtigung kann als Indikator dienen: Wie modern ist dieses Land, wie modern sind die Menschen, die da leben? Die Idee ist nicht neu; von dem frühen Sozialisten Charles Fourier ist die Ansicht überliefert, dass "der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation" sei, der Nachfolger August Bebel stimmte nachdrücklich zu. Es ist kein schlechter Maßstab, er passt in diese aufgeregten Tage mit Rollendebatten und Geschlechterschlachten, mit Anklagen, mit Verteidigung, Selbstkritik, Befremden. Also, wie sieht es aus?

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Gleichberechtigung: Zwölf Frauen haben wir gefragt: Wie modern ist dieses Land?

Manchmal kommen Politiker an die Macht in dieser Republik, denen es schwerfällt, Gleichberechtigung "anzunehmen, einzuüben und auch selbstbewusst zu vertreten". Innenminister Horst Seehofer, CSU, erträgt es nur schwer, eine Chefin zu haben, er hat versucht, die Kanzlerin zu destabilisieren und zu demütigen, wo er nur kann. Vielleicht hat der Bayer Seehofer einen Integrationskurs nötig.

Der Gedanke drängte sich auf beim Blick auf das Foto, mit dem er Ende März die Machtverteilung im Innenministerium präsentierte: acht Staatssekretäre. Acht Männer. Und vielleicht ist es ja sogar intern jemandem aufgefallen: Mist, wir haben keine Frau dabei. Die Frau haben wir vergessen. Es war zur Gewohnheit geworden, dieses Denken, wenn es um Podien, Kongresse oder auch manche Talkshow ging: Wir brauchen eine Frau. So als wäre das die Aufgabe, die Kompetenz - nicht Fachkraft für irgendetwas zu sein, sondern: die Frau. Und wenn eine zweite zur Debatte stand, hieß es gern: Wir haben doch schon eine.

Seehofer fällt noch hinter dieses Denken zurück. Er hat diese Selbstgefälligkeit, aus der kein Zweifel spricht, diesen Überlegenheitsgestus, der keine Argumente braucht: Seehofer ist das Trump-Ähnlichste, was die deutsche Politik zu bieten hat, und jahrzehntelang wäre er unter leisem Murren der Frauen damit durchgekommen. Jetzt geht das nicht mehr.

#MeToo wurde zum Echoraum für ein Unbehagen in Deutschland, das sich gelegentlich artikuliert hatte, aber eine Massenbewegung war es nicht. Wie so oft wurde die Sache erst dadurch wichtig, dass sie in den USA wahrgenommen wurde und anschließend weltweit. Vor einem Jahr erschienen die Artikel in der " New York Times" und dem "New Yorker", die dem Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein Übergriffe von Belästigung bis hin zur Vergewaltigung vorwarfen; der Hashtag MeToo, verbreitet von der Schauspielerin Alyssa Milano, wurde zum Weltereignis. "Me too!" - "Ich auch!"

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#MeToo: Vom Hashtag zur Bewegung

Es sammelten sich Geschichten von Diskriminierung, Belästigung, Missbrauch und manchmal auch nur von missglückten Komplimenten. In Deutschland wurden Vorwürfe laut gegen den Regisseur Dieter Wedel (in der "Zeit") und den WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke (im SPIEGEL), beide haben sie bestritten. Eine Vielzahl von Geschichten über Männer und Männerverhalten wird seitdem erzählt.

Jetzt wird gesprochen. Leise und anonym - oder laut. Manchmal auch überlaut. Ein bisschen erstaunlich ist es schon. "Ich bin ja keine Feministin, aber...": In diesem Defensivmodus kam jahrzehntelang daher, wer für Frauenrechte eintrat. Die letzte Welle des Feminismus war verplätschert in den späten Achtziger-, frühen Neunzigerjahren - damals, als viele soziale Bewegungen am Ende waren und überhaupt das Wort "sozial" seine positive Färbung verlor.

Feminismus war lange uncool

Feminismus war nicht cool. Feminismus war ein schmutziges Wort. Wie der Sozialismus so erschien auch der Feminismus als ein peinliches Relikt aus vergangener Zeit. Ein Ismus, über den sich ein starkes Individuum erheben kann, selbstständig, eigenverantwortlich, nicht auf das angewiesen, was man "Bewegung" nennt.

Freundlich und manchmal ein wenig herablassend sahen diejenigen, die altfeministische Zeiten noch kannten, auf Jüngere, die sich plötzlich im Netz austobten, für gendergerechte Wörter kämpften, über Nacktfeminismus debattierten und "Aufschreie" losließen, weil ein FDP-Politiker zu tief ins Dekolleté geblickt hatte. Ach, wenn ihr wüsstet, seufzen die Älteren, wie schlimm es früher war. Als auf vielen Fluren, Hierarchieebenen, Konferenzen noch keine Frau war, keine einzige, wenn sie nicht dasaß, um Protokoll zu führen.

Im Fernsehen rauchten Männer und führten das Wort. Minister waren Männer. Konzernchefs sowieso. Und die Eltern zu Hause sagten nicht: Klar, du wirst mal Chefin sein. Sondern: Handarbeitslehrerin in Teilzeit? Ist doch was Schönes für eine Frau. Das Nichtteilhaben, das Nichtmitreden - es war so lange normal gewesen, dass geringe Fortschritte groß erschienen.

Es gibt Frauen, die oben mitspielen

Die letzte Welle der Frauenbewegung, in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, hat der Republik Gleichstellungsbeauftragte, Frauenquoten, Väter in Elternzeit und eine Kanzlerin verpasst, und man könnte ja denken: ist doch schon mal was. Ist es nicht, denkt heute ein anspruchsvoller Teil jüngerer Frauen, der es für selbstverständlich hält, dass Frauen ganz oben mitspielen. Bilder wie das von Seehofers Männerriege werden heute als grotesk empfunden, generationenübergreifend. Und wer sich bei diesem Anblick ärgert, muss sich generationenübergreifend derselben Frage stellen: Was wollen die Frauen eigentlich, wenn sie oben mitspielen? Die bessere Karriere? Die bessere Welt?

Als eine der Wichtigen im westlichen Feminismus gilt Sheryl Sandberg, die Facebook-Chefin, "Lean In" heißt ihr Buch. Es ist auch in Deutschland ein großer Erfolg. "Lean in" heißt: Arbeite an dir. Mach mit. Optimiere dich selbst, nicht die Welt da draußen, los, nicht schlappmachen, knechte dich. Sandbergs Buch beweist, dass nicht zwangsläufig Fortschrittliches dabei herauskommt, wenn eine Frau sich etwas denkt.

Hauptsache, du führst: Das ist die Botschaft. Was du führst, ist sekundär. Du kannst einen Konzern führen, der sich weigert, Steuern zu zahlen; du kannst ein Unternehmen führen, das seine Arbeiterinnen schlecht bezahlt; du kannst Chefin einer Atom- oder Rüstungsfirma sein: egal. Es ist ein einverstandener Feminismus, marktkonform. Er erfüllt die Bedürfnisse des globalisierten Kapitalismus, der ja nach "Diversity" ruft. Er tut das vor allem, seit Studien ergeben haben, dass ein Unternehmen besser dasteht, wenn es mehr Frauen, mehr ethnische Vielfalt in die oberen Ränge bringt.

Jede darf sich Feministin nennen

Warum der marktkonforme Feminismus so stark geworden ist, dazu hat die britische Publizistin Susan Watkins eine Theorie: Sehr gezielt, so schreibt sie, haben Stiftungen wie die amerikanische Ford Foundation den markt liberalen, einverstandenen Feminismus finanziell unterstützt. Sie boten Jobs, Gehälter, Kontakte, hochkarätige intellektuelle Unterstützung an, so Watkins, "und als dann Aktivistinnen zu bezahlten Angestellten wurden, führte die Angst, den Lebensunterhalt zu verlieren, zu wachsendem Konservatismus und Selbstzensur".

Gleichberechtigung - was muss sich noch ändern?

Feminismus ist kein eingetragenes Warenzeichen. Niemand kann Sheryl Sandberg daran hindern zu sagen: Ich bin Feministin. Aber wenn das Feminismus ist: Wie nützt er einer Frau, die mühsam ihren Lebensunterhalt verdient? Was hat eine Arbeiterin beim VW-Zulieferer davon, wenn im VW-Aufsichtsrat eine Porscheerbin sitzt?

Es ist Zeit, die Frage zurückzuspielen: Wie fortschrittlich ist der Feminismus in Deutschland? #MeToo, als Bewegung einer wohlinformierten Mittelschicht - lässt sie nicht einen Teil der Wirklichkeit aus dem Blick? Ein Hamburger Supermarkt nach einem halben Jahr Berichterstattung über #MeToo, ein Mann und eine Frau vom Personal im Gespräch, der Mann blickt auf sein Handy. "Weinstein", liest der Mann. "Weinstein, wer ist denn das?" - "Ach, nur so ein Typ, der Frauen auf den Po geklatscht hat, und jetzt regen sich alle auf", sagt die Frau. Nichts Wichtiges, sagt ihr Ton.

Es ist heilsam, so etwas mitzuhören. Die Szene bewahrt vor dem Glauben, die Debatte habe die gesamte Gesellschaft erfasst. Das soll nicht heißen: Es passiert nichts, abseits der Mittelklasse-Diskurse. Da passiert sehr wohl etwas.

Auch Frauen beherrschen Machtstrukturen

Die "Süddeutsche Zeitung" hat vor ein paar Monaten diejenigen zu Wort kommen lassen, von denen kaum jemand spricht: die Krankenschwester, die Kassiererin, die Putzfrau, die Kellnerin. Protokolle, die mit großer Selbstverständlichkeit von Übergriffen berichten, die einen froh, dass endlich jemand zuhört, andere verwundert, dass sich jetzt jemand dafür interessiert - weil es doch normal sei, dass sich Männer so benehmen, immer schon.

Plastisch illustrieren diese Protokolle das Machtgefälle, das diese Übergriffe erlaubt. Es geht ja nicht einfach um Lust, die sich nicht um Grenzen schert. Es geht auch darum, wer die Spielregeln bestimmt. Männer sind das, in den allermeisten Fällen. Und im Kampf für Frauenquoten schwingt die Hoffnung, vielleicht auch die Unterstellung mit, dass mit der weiblichen Führung automatisch eine freundlichere einkehre, dass mehr Frauenkarrieren ein Schritt seien zur besseren Welt.

Und nun ist da die Schauspielerin Asia Argento, eine der Anklägerinnen im Fall Weinstein, und wird selbst der Übergriffe an einem jungen Schauspielkollegen beschuldigt. Nun ist da die dekonstruktivistische Geisteswissenschaftlerin Avital Ronell, hoch angesehen in ihrem Sektor, und ein Doktorand wirft ihr massive Übergriffe vor. Nun ist da an einem deutschen Max-Planck-Institut eine Direktorin, die nicht der Übergriffe, aber des Machtterrors beschuldigt wird von Wissenschaftlern, deren Vorgesetzte sie war.

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Alyssa Milano: #MeToo-Bewegung ist "immer noch stark"

Was bedeutet Feminismus: Eine Frau geht ihren Weg? Indem sie Dinge tut, die sonst nur Männer tun? Dann wären diese drei, wenn die Vorwürfe zuträfen, immer noch Feministinnen. Dann wäre Alice Weidel Feministin, die Fraktionschefin der immer weiter nach rechts driftenden AfD. Sie ist eine Frau, geht in der Männerwelt ihren Weg, und lesbisch ist sie auch noch.

Feminismus als Freiheitsmoment, das ist die eine Seite, eine wichtige, das war sie schon immer, aber sie reicht eben nicht. Was fehlt immer wieder? Haltung. Ja doch, darf man es aussprechen? Moral. Parteilichkeit vielleicht, im Sinne der Schwächeren, egal, ob die männlich, weiblich oder etwas ganz anderes sind. Allerdings gibt es so etwas Ähnliches schon: Es heißt Humanismus. Vielleicht wäre das dann wirklich modern - eine Gesellschaft, in der der Feminismus im Humanismus aufgehen kann. Aber bis dahin ist noch allerhand zu tun.

insgesamt 38 Beiträge
juttakristina 10.10.2018
1. Wenn ich mir viele der Kommentare männlicher Leser
zum Thema "Ernennung von Kavanaugh" anschaue, hat #MeToo ziemlich wenig bis gar nichts erreicht (leider)... Bei vielen Männern, die sich dazu geäußert haben, hält immer noch der alte Tenor vor, dass die Frauen, die [...]
zum Thema "Ernennung von Kavanaugh" anschaue, hat #MeToo ziemlich wenig bis gar nichts erreicht (leider)... Bei vielen Männern, die sich dazu geäußert haben, hält immer noch der alte Tenor vor, dass die Frauen, die sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten melden, per se unglaubwürdig seien, warum sie das nicht sofort gemacht hätten, für Kavanaugh wird die Unschuldsvermutung gefordert, während man gleichzeitig Ford aber der Lüge bezichtigt (für sie gilt das nicht), ist doch gar nichts passiert, ein bisschen Mund zu halten, jeder hätte in dem Alter doch mal rumgeknutscht - also klassische Verharmlosung - frau solle sich mal nicht so anstellen usw. usw. Schon einige Geschlechtsgenossinnen hatten dann auch auf die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche hingewiesen, ob man denen das dann auch sagen würde... Diese Verharmlosungen erinnern mich stark ans 19. Jahrhundert, als man Frauen noch Hysterie als Krankheit unterstellte (okay, bis weit ins 20. Jahrhundert...) und es wohl Ärzte gab, die meinten, diese "Krankheit" heilen bzw. behandeln zu können, indem man sie - also der Arzt, nicht der Ehemann - mit der Hand stimulierte. Oder auch "Medikamente" wie Frauengold, wo dann die Frau mittels Alkohol "ruhiggestellt" werden sollte. Ich weiß jetzt nicht, ob sich da neben Trump-Bots und den üblichen Trollen die Chauvinisten und Machos und Ewiggestrigen einfach zusammengetan hatten oder ob das wirklich halbwegs die Haltung vieler Männer widerspiegelt. Natürlich will ich nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus auch männliche Zuschriften gab, die aus dieser Reihe gefallen sind und zeigten, dass es durchaus auch Männer gibt, die Frauen tatsächlich achten und respektieren und von daher auch an dieses Thema mit sehr viel mehr Verständnis rangehen. Nein, wenn man das so alles liest, haben leider viele Männer den Schuss noch nicht gehört und stecken in der Steinzeit fest, obwohl, da war die Gesellschaft wahrscheinlich ausgeglichener als zu späteren Zeiten... Als Frau, die selbst - wie viele andere - Missbrauch in der Familie, versuchte Vergewaltigungen und eine vollzogene erlebt hat, die auch ihre Erfahrungen mit Anzeigen bei der Polizei und daraus und der Gesellschaft folgend, nicht wieder angezeigt hat, fühlt man sich von diesen überheblichen, instinkt- und gefühllosen Kommentaren, die zeigen, dass man Frauen nicht ernst nimmt, nochmals irgendwie missbraucht.
mostly_harmless 10.10.2018
2.
Gewiss. Die Verurteilung von Siggi Maurer https://www.stern.de/panorama/sylvia-margret-steinitz/causa-sigi-maurer--skandal-um-obszoene-nachrichten---und-wohl-nur-der-anfang-8395374.html zeigt, dass wir im letzten Jahr echt [...]
Gewiss. Die Verurteilung von Siggi Maurer https://www.stern.de/panorama/sylvia-margret-steinitz/causa-sigi-maurer--skandal-um-obszoene-nachrichten---und-wohl-nur-der-anfang-8395374.html zeigt, dass wir im letzten Jahr echt weiter gekommen sind. Vorwärts in die Vergangenheit sozusagen.
hansgustor 10.10.2018
3. Feminismus ist nicht cool
Der Begriff Feminismus steht immer noch für das Einfordern von Besserstellung ohne Gegenleistung. Ich bin für jede Unterstützung der Gleichberechtigung. Feminismus aber steht für unpraktische Gender-Sternchen, Benachteiligung [...]
Der Begriff Feminismus steht immer noch für das Einfordern von Besserstellung ohne Gegenleistung. Ich bin für jede Unterstützung der Gleichberechtigung. Feminismus aber steht für unpraktische Gender-Sternchen, Benachteiligung von Jungen im Schulunterricht, ungerechte Frauenquoten in Betrieben mit hohem Anteil männlicher Mitarbeiter, etc. Ich fordere pragmatische Lösungen statt Ideologie!
Fuxx81 10.10.2018
4. Feminismus soll cool sein?
---Zitat--- Endlich soll Gleichberechtigung herrschen ---Zitatende--- Gleichberechtigung herrscht schon längst. Was Femnisten jetzt wollen ist faktische Gleichheit. Allerdings, wie mir scheint, nur in prestigeträchtigen [...]
---Zitat--- Endlich soll Gleichberechtigung herrschen ---Zitatende--- Gleichberechtigung herrscht schon längst. Was Femnisten jetzt wollen ist faktische Gleichheit. Allerdings, wie mir scheint, nur in prestigeträchtigen Kategorien. Eine Frauenquote wird oft bei Dax-Vorständen gefordert, selten bei der Müllabfuhr. Dass die meisten Nobelpreise an Männer gehen, wird als Problem erfunden, dass auch die meisten Gefängnisinsassen Männer sind hingegen nicht. Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege... Zwei Unterschiedliche Ansätze konkurrieren gerade, wie faktische Gleichheit erreicht werden soll: Der eine ist Antidiskriminierung und geht davon aus, dass wenn nur alle künstlichen Hemmnisse, wie z.B. die männliche Anrede in der Stellenausschreibung, beseitig werden, automatisch genauso viele Frauen wie Männer den Ingenieursberuf ergreifen werden (Spoiler: wird nicht passieren). Der andere ist gezielte Frauenförderung, bei dem versucht wird, die Chancen von Frauen künstlich zu verbessern ("bei gleicher Eignung werden Frauen bevorzugt") Beides sind diametrale Gegensätze, die nicht gleichzeitig verwirklicht werden können, denn je mehr man eine von zwei Gruppen fördert, desto mehr diskriminiert man automatisch (das diese Form der Diskriminierung durchaus sinnvoll und gewollt sein kann, steht auf einem anderen Blatt). Es wird spannend zu sehen, welcher Ansatz sich durchsetzt. Dass Feminismus plötzlich coool sein soll, halte ich übrigens auch für Wunschdenken. Im Gegenteil: ich fürchte der Ruf des Feminismus ist inzwischen so schlecht, dass schon ganze Parteien Wahlkampf dagegen machen können (Trump, AfD u.a.). Was man früher noch als nervig aber harmlos gesehen hat, halten viele inzwischen für ein echtes Problem.
Fuxx81 10.10.2018
5.
Würde nicht sagen, dass sie per se unglaubwürdig sind, aber über Schuld und Unschuld wird halt immer noch in einem Gerichtsverfahren entschieden. Und soweit ich weiß, ist Kavanaugh nicht verurteilt oder auch nur angeklagt [...]
Zitat von juttakristinazum Thema "Ernennung von Kavanaugh" anschaue, hat #MeToo ziemlich wenig bis gar nichts erreicht (leider)... Bei vielen Männern, die sich dazu geäußert haben, hält immer noch der alte Tenor vor, dass die Frauen, die sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten melden, per se unglaubwürdig seien, warum sie das nicht sofort gemacht hätten, für Kavanaugh wird die Unschuldsvermutung gefordert, während man gleichzeitig Ford aber der Lüge bezichtigt (für sie gilt das nicht), ist doch gar nichts passiert, ein bisschen Mund zu halten, jeder hätte in dem Alter doch mal rumgeknutscht - also klassische Verharmlosung - frau solle sich mal nicht so anstellen usw. usw. Schon einige Geschlechtsgenossinnen hatten dann auch auf die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche hingewiesen, ob man denen das dann auch sagen würde... Diese Verharmlosungen erinnern mich stark ans 19. Jahrhundert, als man Frauen noch Hysterie als Krankheit unterstellte (okay, bis weit ins 20. Jahrhundert...) und es wohl Ärzte gab, die meinten, diese "Krankheit" heilen bzw. behandeln zu können, indem man sie - also der Arzt, nicht der Ehemann - mit der Hand stimulierte. Oder auch "Medikamente" wie Frauengold, wo dann die Frau mittels Alkohol "ruhiggestellt" werden sollte. Ich weiß jetzt nicht, ob sich da neben Trump-Bots und den üblichen Trollen die Chauvinisten und Machos und Ewiggestrigen einfach zusammengetan hatten oder ob das wirklich halbwegs die Haltung vieler Männer widerspiegelt. Natürlich will ich nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus auch männliche Zuschriften gab, die aus dieser Reihe gefallen sind und zeigten, dass es durchaus auch Männer gibt, die Frauen tatsächlich achten und respektieren und von daher auch an dieses Thema mit sehr viel mehr Verständnis rangehen. Nein, wenn man das so alles liest, haben leider viele Männer den Schuss noch nicht gehört und stecken in der Steinzeit fest, obwohl, da war die Gesellschaft wahrscheinlich ausgeglichener als zu späteren Zeiten... Als Frau, die selbst - wie viele andere - Missbrauch in der Familie, versuchte Vergewaltigungen und eine vollzogene erlebt hat, die auch ihre Erfahrungen mit Anzeigen bei der Polizei und daraus und der Gesellschaft folgend, nicht wieder angezeigt hat, fühlt man sich von diesen überheblichen, instinkt- und gefühllosen Kommentaren, die zeigen, dass man Frauen nicht ernst nimmt, nochmals irgendwie missbraucht.
Würde nicht sagen, dass sie per se unglaubwürdig sind, aber über Schuld und Unschuld wird halt immer noch in einem Gerichtsverfahren entschieden. Und soweit ich weiß, ist Kavanaugh nicht verurteilt oder auch nur angeklagt worden.

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