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Kultur

Kunstfreiheit

Solidarität mit einer Wand

Da läuft etwas falsch: Der demokratische Vorgang um ein Gedicht an einer Hochschule führt zu Faschismusvorwürfen, während im Fall der Gewaltvorwürfe gegen Dieter Wedel der große Aufstand ausbleibt.

DPA/ASH Berlin/David von Becker

Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule

Eine Kolumne von
Dienstag, 30.01.2018   17:11 Uhr

Die Frage, ob und warum irgendwo Kunst zerstört wird, treibt Menschen zu Recht um. Aber wenn die Aufregung um einen eigentlich nicht so wilden, demokratischen Vorgang an einer Hochschule so riesig wird, während andere Aufregung um viel grausamere Fälle ausbleibt oder viel leiser bleibt, dann läuft etwas falsch.

Ich wünschte, die Alice-Salomon-Hochschule hätte entschieden, das Gedicht von Eugen Gomringer an ihrer Fassade zu lassen und irgendwie durch andere Kunst zu ergänzen. Stattdessen sollen jetzt alle paar Jahre neue Gedichte an die Fassade kommen. Stefanie Lohaus verwies auf "Zeit Online" darauf, dass im Leitfaden der Stadt Berlin zu Kunst am Bau steht, die Kunst trage dazu bei, die "Akzeptanz und Identifikation der Nutzer mit ihrem Bauwerk (...) zu stärken". Es ist verständlich, dass die Studierenden an der Gestaltung ihrer Hochschule teilhaben wollen. Ich verstehe auch den Dichter Eugen Gomringer, der das alles nicht versteht, und seine Tochter Nora Gomringer, die ihn verteidigt. Wen ich aber nicht verstehe, sind die Leute, die jetzt im Namen der Kunst ausrasten.

Kein Halten mehr

Es war schon von "Zensur" die Rede, als die Hochschule im Sommer ankündigte, die Gestaltung der Fassade neu zu verhandeln. Der PEN-Ehrenpräsident Christoph Hein hatte von "barbarischem Schwachsinn" gesprochen. Als die Entscheidung nun feststand, gab es kein Halten mehr. Das harmlose Gedicht, wo doch nur ein armer Mann Frauen und Blumen und Straßen bewundert, musste verteidigt werden. "Wenn Bewunderung jetzt schon ein Synonym für Belästigung ist, dann hat der Kulturpuritanismus auf ganzer Linie gesiegt", hieß es im BR. Das Magazin "tip" sah die Aktion "nahe am Rufmord" an Gomringer.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von einer "Diktatur des Zeigbaren" und einem "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei", hier werde das Grundrecht der Kunstfreiheit unterhöhlt. Die Kunst habe verloren an diesem Tag, hieß es hier bei SPIEGEL ONLINE. Sogar Vergleiche mit der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten gab es von der AfD. Und CSU-Politiker sprachen von "Säuberungsaktionen".

"Neue Tugendterroristen"

Man kann die Bewertung der Studierenden übertrieben finden. Aber wie reagiert man darauf am besten - mit noch mehr Übertreibung? Mit Nazivergleichen? Es ist ein eigenartiger Schachzug, vermeintliche Überempfindlichkeit bezüglich Sprache kritisieren zu wollen, indem man die Neugestaltung einer Fassade mit Verbrechen aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte vergleicht.

Blankes Entsetzen auch im Hause Springer: "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt schimpfte über das "Bürgerkinder-Jakobinertum" und freute sich, als die #freeDeniz-Leuchtschrift auf dem Springer-Hochhaus digital überpinselt wurde - "gegen den Irrsinn der Gedichtübermaler und Kunstfreiheitsgegner." Im selben Haus schrieb "WamS"-Chef Peter Huth: "Stoppt die neuen Tugendterroristen!" Es sei eine Farce, wenn "Poesie unter Burkas aus Wandfarbe verschwindet". Seine Zeitung druckte das Gedicht sicherheitshalber auf 15 Seiten.

Menschen aus mehreren Städten boten an, das Gedicht an oder vor ihren Häusern zu präsentieren: eine Firma in Bielefeld und die Stadt Rehau, wo Gomringer wohnt, sowie Schaffhausen in der Schweiz. Ein Bekannter postete auf Facebook ein Foto von dem Gedicht vom nächsten U-Bahnhof aus und schrieb, außer ihm würden lauter andere Leute das Gebäude fotografieren, und er sei direkt von einem Fernsehteam dazu interviewt worden. Es hätte nur noch gefehlt, dass veranlasst wird, Lichterketten ums Gebäude bilden und Mahnwachen zu halten, bei denen "Sag mir wo die Blumen sind" gesungen wird.

Das offensichtliche Missverhältnis der Solidarität und des Einsatzes für Kunstfreiheit

Wie viel wird geredet über das verschulte Hochschulsystem und unpolitische junge Leute, und dann wollen Studierende ein Gedicht aus dem Jahr 1951, das ihnen unpassend vorkommt, ersetzen lassen und beantragen das in einem offenen Brief - fast schon spießig für Leute in dem Alter. Den Brief vom April 2016 interessierte keine Sau, bis die Hochschule eine ergebnisoffene Ausschreibung der Fassadengestaltung ankündigte.

Hätten die Studierenden mit Paintball-Gewehren Farbe auf die Wand geballert, wäre die Debatte nie so riesig geworden. Es ist absurd: Erst durch den demokratischen Vorgang an der Hochschule wurden die Faschismusvorwürfe möglich. Man hätte auch einfach sagen können: Okay, eigenartig, dass euch das Gedicht ans Belästigtwerden erinnert, da wären wir jetzt nicht drauf gekommen, aber wenn ihr meint - lasst uns ein anderes Kunstwerk suchen, mit dem mehr Leute zufrieden sind. Wäre das so ein absurdes Szenario?

Es gibt ein offensichtliches Missverhältnis der Solidarität und des Einsatzes für Kunstfreiheit in zwei aktuellen Fällen. Parallel zur "avenidas"-Debatte veröffentlichte die "Zeit" zwei ausführliche Recherchen zum Regisseur Dieter Wedel, nach denen es sehr wahrscheinlich ist, dass Wedel jahrelang gewalttätig gegen Frauen war, die in seinen Filmen mitspielten. Die Anschuldigungen werden mit Dokumenten aus Archiven und zahlreichen Aussagen untermauert. Wedel bestreitet die Vorwürfe.

Keine Flut der Solidarität

Jetzt könnte man sagen, es ist wahnsinnig, Wedel und den "avenidas"-Streit in einem Atemzug zu nennen. Einmal geht es um vielfache Gewalt und Machtmissbrauch, und einmal nur um ein harmloses Gedicht. Das stimmt. Aber in beiden Fällen geht es um Kunstfreiheit, denn Kunstfreiheit bedeutet auch, unbelästigt arbeiten zu können als Schauspielerin. Es könnte eine Flut der Solidarität für die Frauen geben, deren Karrieren zerstört wurden, weil Wedel sie so terrorisierte, wie nun zahlreiche Zeugen darlegen. Ich habe von keiner Solidaritätsaktion gehört (aber dafür von Vorwürfen, warum die Anschuldigungen jetzt erst kommen).

Immer wieder erklären Leute aus der Filmbranche, jeder hätte von den ätzenden Geschichten über Wedel gewusst. Offenbar war Wedels Verhalten seit Jahrzehnten bekannt genug, wenn 1996 im SPIEGEL der beachtliche Nebensatz stehen konnte, dass Wedel "im Ruf steht, seinen Hauptdarstellerinnen und natürlich allen seinen Nebendarstellerinnen nachzustellen", aber nur als beiläufige Anekdote. "Es ist Zeit, sich von diesem Mann aufs Deutlichste zu distanzieren", schrieb Filmemacher Simon Verhoeven. Gleichzeitig berichtet die "Süddeutsche": "Versucht man im aktuellen Fall, jemanden für ein Interview zu den Machtstrukturen abseits von Hollywood zu gewinnen, ist das nicht leicht. 30 Interviewanfragen, dreieinhalb Rückmeldungen." Sogar die "Bild"-Zeitung versucht sich in Recherche, man fragt 27 männliche Schauspieler und Produzenten an - und keiner äußert sich.

Es könnte einen Aufstand geben, weil Leute sagen: Wir wollen nicht, dass die Filme, die wir sehen, von übergriffigen Menschen gemacht werden, und dass Fördergelder für solche Typen draufgehen. Als würde die Kunstfreiheit nicht auch leiden, wenn Männern wie Wedel ihr Unwesen treiben. Aber der große Aufstand bleibt aus. Es ist so viel leichter, um eine Hauswand zu weinen.

insgesamt 122 Beiträge
Freier.Buerger 30.01.2018
1. zwei verschiedene Dinge
1.) Gedichte übermalen ist wie Bücher verbrennen. Letzteres wurde auch von einer demokratisch gewählten Regierung veranlasst. Also nicht jeder demokratische Prozess kann zur Entschuldigung von Schweinereien herangezogen werden. [...]
1.) Gedichte übermalen ist wie Bücher verbrennen. Letzteres wurde auch von einer demokratisch gewählten Regierung veranlasst. Also nicht jeder demokratische Prozess kann zur Entschuldigung von Schweinereien herangezogen werden. 2.) Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn Wedel gegen Normen und Gesetze verstoßen hat, dann gehört er angeklagt und verurteilt. Bis dahin git er als unschuldig.
peterw 30.01.2018
2. Unterschied
Frau Stokovski versteht nicht, dass es in einem Fall um ein Gedicht (und nicht um den Autor) und im anderen Fall um einen Regisseur (und eben nicht um das Kunstwerk, einen Film) geht. Die Kunst ist zu verteidigen ebenso wie das [...]
Frau Stokovski versteht nicht, dass es in einem Fall um ein Gedicht (und nicht um den Autor) und im anderen Fall um einen Regisseur (und eben nicht um das Kunstwerk, einen Film) geht. Die Kunst ist zu verteidigen ebenso wie das Verhalten des Regisseurs zu verurteilen ist.
wjr69 30.01.2018
3. Demokratie?
Man kann sich aber fragen ob der link(sextrem)e AStA, der gerade mal von 7 % der Wahlberechtigten gewählt wurde, sich demokratisch legitimiert fühlen darf. Man stelle sich mal vor, wenn bei einer ähnlich niedrigen [...]
Man kann sich aber fragen ob der link(sextrem)e AStA, der gerade mal von 7 % der Wahlberechtigten gewählt wurde, sich demokratisch legitimiert fühlen darf. Man stelle sich mal vor, wenn bei einer ähnlich niedrigen Wahlbeteiligung nur rechte Hochschulgruppen gewählt worden wären - man hätte schon deswegen alle Forderungen des ASTA - soweit gesetzlich möglich - ignoriert. Stattdessen macht sich die Hochschulleitung zum Vollzugsorgan von Linksextremisten. Ob bei einer Abstimmung unter allen Studenten tatsächlich eine Mehrheit für die Entfernung des Gedichts gestimmt hätte, würde ich bezweifeln. Selbst Frau Stokowski scheint ja nicht vollständig von der frauenerniedrigenden Wirkung des Gedichtes überzeugt zu sein. Mit dem Vergleich zu Wedel macht sie das, was sie ihren Gegnern immer vorwirft: Derailing.
Nordstadtbewohner 30.01.2018
4. Vorwürfe vs. Beweise/ rechtskräftige Urteile
Man sollte in beiden Fällen deutlich unterscheiden: Die Vorwürfe gegen Dieter Wedel sind in erster Linie eben nur Vorwürfe, aber keine gerichtsfesten Beweise, die zu einem Gerichtsurteil geführt haben. Solange das der Fall [...]
Man sollte in beiden Fällen deutlich unterscheiden: Die Vorwürfe gegen Dieter Wedel sind in erster Linie eben nur Vorwürfe, aber keine gerichtsfesten Beweise, die zu einem Gerichtsurteil geführt haben. Solange das der Fall ist, gilt auch für Herrn Wedel die Unschuldsvermutung, auch wenn er nicht gerade das ist, was man einem sympathischen Menschen nennt. Gerade beim Fall Jörg Kachelmann hat sich doch gezeigt, dass man nicht blindlings Beschuldigungen folgen sollte, sondern nur Beweisen und Gerichtsurteilen. Was die bemalte Wand mit dem Gedicht angeht: Was Sie, Frau Stokowski, als demokratischen Vorgang bezeichnen, sehe ich mit mehr Abstand. Als ich selbst ein Student war, zeichneten sich die Studierendenausschüsse nicht gerade durch Basisdemokratie aus. Dort hatten Studenten das Sagen, die im Gegensatz zu anderen bis heute keinen Hochschulabschluss haben, weil zu beschäftigt waren, anderen Studierenden die eigene Meinung aufzuzwingen.
cpt.z 30.01.2018
5. Gesellschaftlicher Konsens
Man muss das alles nicht gut finden, aber es sieht doch so aus, als ob es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass wenn es ums Gedichte übermalen geht, eine deutliche Grenze überschritten ist. Dabei geht es nichtmal speziell [...]
Man muss das alles nicht gut finden, aber es sieht doch so aus, als ob es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass wenn es ums Gedichte übermalen geht, eine deutliche Grenze überschritten ist. Dabei geht es nichtmal speziell um das Gedicht, es geht um das "verbieten" von etwas, das allgemein nicht als anstößig empfunden wird, weil Einzelne sich daran stoßen. Dem gegenüber wird hier die #metoo Debatte gestellt. Doch diese Debatte ist nie im Kern der Gesellschaft angekommen. Auch hier scheint die vorherrschende Meinung zu sein, dass wenn den Frauen Unrecht angetan wurde, dann gibt es dafür den Rechtstaat, der für Gerechtigkeit zu sorgen hat - und wenn der nichts tut, dann - und nur vielleicht dann, würde es auch einen Aufschrei geben. Weil die bösen Vergewaltiger ja immer ungeschoren davon, aber der Steuerhinterzieher/Falschparker...etc. Der Unterschied hat auf der einen Seite damit zu tun, dass viele Leute ja schon die Augen rollen, wenn das Wort "Gender" nur fällt. Oft in der Erwartung, gleich zu hören: "Was man jetzt nicht mehr tun/sagen darf." Auf der anderen Seite eben auch damit, was als öffentlich (Gedicht an Hauswand) und was als privat (sexuelle Belästigung) betrachtet wird.
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