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Kultur

Gewalt

Der Frauenhass ist gar nicht eingewandert

Angeblich weigern sich linke Feministinnen, die Frauenfeindlichkeit geflüchteter muslimischer Männer zum Thema zu machen. Tatsächlich sind aber nicht die Flüchtlinge das Problem, sondern Frauenfeinde jeder Herkunft und Religion.

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Eine Kolumne von
Dienstag, 19.02.2019   17:11 Uhr

Wissen Sie noch, damals, als Deutschland ein feministisches Paradies war, wo Frauen und Männer einander ausnahmslos verstanden, liebten und ehrten, wo sie gleich viel verdienten und nie eine Frau ermordet wurde, weil sie einen Mann abgewiesen hatte? Damals, bevor die vielen jungen muslimischen Männer kamen? Nein, weiß ich auch nicht mehr.

Es müsste allerdings ungefähr so ausgesehen haben, wenn all diejenigen Recht haben sollten, die davon sprechen, dass linke Feministinnen sich heute in Deutschland irgendwie immer auf die falschen Fragen stürzen: dass sie ungleiche Bezahlung, schlechte Bedingungen für Schwangere, Gewalt gegen Frauen, sexistische Medien und frauenfeindliche Werbung kritisieren, statt sich um das angeblich eigentliche Problem zu kümmern, nämlich die Weltanschauungen geflüchteter Männer.

Letzte Woche hatte ich eine Lesung in Gießen, zu der ein enttäuschter Lokalreporter des "Gießener Anzeigers" hinterher schrieb: "Warum ausgerechnet diejenigen, die - zurecht - die letzten Verteidigungslinien des hiesigen Patriarchats attackieren, so nachsichtig mit eingewanderten frauenfeindlichen Wertesystemen sind, das hat Margarete Stokowski an diesem Abend leider nicht verraten."

Ich kann gern verraten, was da los ist. Bisschen tricky, weil man natürlich erst mal nicht exakt weiß, welche "eingewanderten frauenfeindlichen Wertesysteme" gemeint sind, wenn diejenigen nicht genannt werden, die diese Systeme vertreten. Aber vielleicht kommt man der Sache auf die Schliche, wenn man sich anschaut, dass der Autor des Lesungsberichts jemand ist, der auch kein Problem damit hat, ein Podium mit Götz Kubitschek zu moderieren.

Jede linke Feministin kennt diesen Vorwurf, sie würde sich nicht hinreichend um die Probleme kümmern, die durch geflüchtete Männer verursacht werden. Wann immer einer dieser Männer gewalttätig gegen Frauen wird, schreiben mir Leute, die fragen, warum ich über diesen bestimmten Fall nicht längst geschrieben habe und ob ich ihn unter den Teppich kehren will.

Im Eifer des Gefechts vergessen sie, dass in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Es gibt ein massives Problem mit Gewalt gegen Frauen in Deutschland, aber die meisten dieser Fälle werden nur dann öffentlich diskutiert, wenn der Täter einen Migrationshintergrund hatte und damit gutes Propagandamaterial für Rassisten und Rassistinnen darstellt.

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Wenn Sie bisher nicht mitbekommen haben,wie viele Frauen in Österreich seit Jahresbeginn ermordet wurden, dann könnte es daran liegen, dass es immer noch als "Familiendrama" oder "Beziehungsdrama" gilt, wenn ein weißer Mann seine (Ex-)Partnerin oder Schwester tötet.

Es wäre die Traumvorstellung vieler weißer deutscher Männer, wenn linke Feministinnen sich hauptsächlich um "eingewanderte frauenfeindliche Wertesysteme" kümmern würden, und nicht um die hier seit Ewigkeiten ansässigen Frauenfeinde. Wie praktisch es wäre, wenn wir dabei helfen würden, so zu tun, als sei aller Sexismus (und Antisemitismus) erst 2015 nach Deutschland gekommen.

Ich könnte das nicht so gut. Ich weiß dafür zu viel über Missbrauch in der katholischen Kirche, über Gewalt in Beziehungen zwischen weißen Deutschen und Frauenfeindlichkeit deutscher Politiker.

Natürlich ist es möglich, sich um mehrere Probleme gleichzeitig zu kümmern, und es ist möglich, Zwangsverschleierung, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung zu kritisieren, und zugleich Vergewaltigung durch Pfarrer, christliche Abtreibungsgegner, Lesben-, Schwulen- und Transfeindlichkeit. Nur wird man dann feststellen, dass nicht "der Islam" oder "die Migration" die Wurzeln dieser Probleme sind, sondern ein Hass gegen Frauen und queere Menschen, der unter religiösen Fundamentalisten aller Art verbreitet ist.

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Ein anderer Journalist, nicht der aus Gießen, erzählte mir neulich, er würde meine Texte im Großen und Ganzen gut finden, würde sich aber regelmäßig etwas angegriffen fühlen, weil er christlich ist. Verstehe ich. Jedes Mal, wenn ich über den Papst schreibe und darüber, dass er immer noch ein frauenfeindlicher und homophober Hardliner ist, erklären mir Leute, dass der Papst doch nur ein alter Mann sei, auf den nun wirklich niemand mehr hört. Naja. Niemand außer die Kirche, der er vorsteht und die in Deutschland immer noch sehr viel Macht hat.

Jede der großen Weltreligionen hat ein Problem mit Frauen. Das heißt nicht, dass jeder und jede Gläubige, der oder die einer dieser Religionen anhängt, frauenfeindlich ist. Aber es heißt, dass alle großen Weltreligionen daran beteiligt sind, Frauen das Leben zur Hölle zu machen. Wenn nun linke Feministinnen sich daraus nicht nur ausgerechnet den Islam als Hauptproblem herauspicken, dann ist das nicht verwunderlich oder blind, sondern konsequent.


insgesamt 101 Beiträge
Dreamer 22 19.02.2019
1. hartnäckige Realitätsverweigerung
Nein, Frau Stokowski, niemand (außer ein paar Vollidioten) behauptet, dass es Gewalt gegen Frauen nicht auch schon vorher gab. Aber jeder, der auch nur ein bisschen die Augen aufmacht, kann das problematische Frauenbild im Islam [...]
Nein, Frau Stokowski, niemand (außer ein paar Vollidioten) behauptet, dass es Gewalt gegen Frauen nicht auch schon vorher gab. Aber jeder, der auch nur ein bisschen die Augen aufmacht, kann das problematische Frauenbild im Islam nicht übersehen. Sich an der katholischen Kirche (die in der westlichen Welt keine weltliche Macht hat) abzuarbeiten, aber die Probleme in der muslimischen Welt auszublenden, dazu muss man schon ideologisch extrem verbohrt sein. Vergleichen Sie einfach mal die Frauenrechte im Iran oder in Pakistan mit denen in der Bundesrepublik oder in Kanada, dann kommen Sie drauf. Da lobe ich mir doch Alice Schwarzer, die genau diese ideologisch motivierte Einäugigkeit des ach so hippen neuen Feminismus anprangert.
lofeu 19.02.2019
2. so ist es leider...
... und hat nix mit Männerfeindlichkeit zu tun. Der weiße Mann des Abendlandes unterscheidet sich hier vom Grundsatz her nur unwesentlich von jungen männlichen Migranten aus dem Morgenland. Traurig aber wahr. Alles, was nicht [...]
... und hat nix mit Männerfeindlichkeit zu tun. Der weiße Mann des Abendlandes unterscheidet sich hier vom Grundsatz her nur unwesentlich von jungen männlichen Migranten aus dem Morgenland. Traurig aber wahr. Alles, was nicht der binären Norm entspricht wird abgelehnt.
arvenfoerster 19.02.2019
3. Schuldkomplex versus Verhältnismässigkeit
Magarete Stokowski verliert wieder einmal die Dimensionen aus den Augen und negiert dabei unfreiwillig die Leistungen, die das europäische Streben nach Gleichberechtigung bereits erreicht hat. Gibt es Gewalt von deutschen [...]
Magarete Stokowski verliert wieder einmal die Dimensionen aus den Augen und negiert dabei unfreiwillig die Leistungen, die das europäische Streben nach Gleichberechtigung bereits erreicht hat. Gibt es Gewalt von deutschen Männern gegenüber Frauen? Natürlich! Der Mensch ist, wie alle Geschöpfe, ein gewalttätiges Wesen und zwar in beiden Geschlechtern. Nur hat unsere Gesellschaft Methoden entwickelt, die Gewalttätigkeit zu mässigen und zu kanalisieren. Gerade bei der Gewalt von Männern gegenüber Frauen würde die zunächst bestehende Akzeptanz immer weiter eingeschränkt und ist heute weitestgehend verschwunden. Ein grosser, wenn auch nicht abgeschlossener zivilisatorischer Fortschritt. Sind alle Asylbewerber frauenfeindlich? Natürlich nicht! Aber ein Teil von ihnen kommt aus Gesellschaften, die diesen Weg der Nichtakzeptanz von Gewalt von Männern gegenüber Frauen nicht (so weit) beschritten haben. Und diese Sozialisation bringen sie halt mit. Es ist jetzt auch einfach eine Frage der Zahlenverhältnisse, in welche Richtung der gegenseitige Prozess der Integration stattfinden wird.
PhilipKunze 19.02.2019
4. Die Ausmaße nicht vergessen
es mag ja sein, dass es in Deutschland schon immer ein Gewaltproblem gegen Frauen gab und gibt. Niemand sollte jedoch vergessen, dass es in der islamischen Welt (und auch anderswo) sehr viel krasser ist als hier bei uns.
es mag ja sein, dass es in Deutschland schon immer ein Gewaltproblem gegen Frauen gab und gibt. Niemand sollte jedoch vergessen, dass es in der islamischen Welt (und auch anderswo) sehr viel krasser ist als hier bei uns.
otto.normalster 19.02.2019
5. Bei manchem Weltbild, kann man nur den Kopf schütteln
Den verlinkte Beitrag zum Thema Österreich, kann man sich ruhig mal anschauen. Den hätte ich an Ihrer Stelle mal lieber nicht erwähnt. Ungünstiger Weise sind die Veränderungen nicht nur auf Deutschland begrenzt, weshalb [...]
Den verlinkte Beitrag zum Thema Österreich, kann man sich ruhig mal anschauen. Den hätte ich an Ihrer Stelle mal lieber nicht erwähnt. Ungünstiger Weise sind die Veränderungen nicht nur auf Deutschland begrenzt, weshalb "Argumente" mit Bezug auf Rassismus, Dunkeldeutschland und Biodeutsch doch langsam sehr ermüden. Wenn Sie das nächste mal in den Nachrichten zufällig z.B. von einem Afghanen lesen, sollten Sie sich vielleicht mal fragen, wie viele Afghanen hier in Deutschland leben. Das Statistische Bundesamt kann dabei helfen. Nur gut das der "Fortschritt" nicht aus bleibt, mit Dingen wie "Heimwegtelefon", "Mein nein meint Nein" oder "Ist Luisa da?". Früher war halt alles schlechter...
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