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Kultur

Friedenspreis für Jan und Aleida Assmann

Ein anderes Erinnern

Sie haben noch nie von den Assmanns gehört? Nicht schlimm. Was Sie wissen müssen: Dass die Forscher mit dem Friedenspreis ausgezeichnet werden, ist ein Symbol für einen überlegteren Umgang mit autoritären Bewegungen.

DPA

Aleida Assmann und Jan Assmann

Von
Dienstag, 12.06.2018   19:37 Uhr

Trendthema des vergangenen Jahres: Die Frage, ob und wie man mit Rechten reden soll. Wobei sich in der Realität jedoch schnell zeigte, dass diese Idee grundsätzliche Dynamiken radikalen Denkens und populistischer Inszenierung außer Acht lässt.

Als bei einer Veranstaltung des rechtsextremen Antaios-Verlags bei der Buchmesse 2017 Protestler die Veranstaltung mit Zwischenrufen störten, wurde schnell klar, wie wenig es um eine diskursive Auseinandersetzung geht - auch, nachdem die kleinen Gruppen von den Sicherheitskräften entfernt wurden und die Veranstaltung zunächst weitergehen konnte, kam es zu keiner Diskussion, sondern nur zur Selbstversicherung des eigenen Opferstatus: "Wann werden die Menschen endlich verstehen, dass wir die Guten sind", rief Ellen Kositza vom Antaios-Verlag an einer Stelle.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur ordnete die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann, 71, die Dynamik klug ein: Es gehe der Rechten nicht um Meinungsvielfalt, sondern um "die Gegenstimme gegen das System, in dem wir leben".

Von geschichtlichem Selbstbewusstsein geprägt

Dass sie und ihr Ehemann und Forschungspartner, der Ägyptologe Jan Assmann, 79, in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet werden, lässt sich - zumindest - als Wunsch eines anderen, reflektierteren Umgangs mit autoritären Bewegungen lesen. Dieser erfasst rechtspopulistische Dynamiken besser, weil er von einem geschichtlichen Selbstbewusstsein geprägt wird.

Der Grundgedanke der Assmanns ist der eines kulturellen Gedächtnisses - er wurde inspiriert durch ihre Studien über die alten Ägypter, über ihr Leben, ihren Totenkult - und wie sie sich selbst durch monumentale Denkmäler in die Erinnerung einschreiben wollten. Heute streift fast jeder Kulturwissenschaftsstudent irgendwann im Grundseminar die Idee des kulturellen Gedächtnisses, das die Forschungen des Ehepaars als auch seine Stimme als öffentliche Intellektuelle seit Jahrzehnten prägt. Die sehr groben Züge dieses Konzepts:

Das kulturelle Gedächtnis ist ein Sammelbegriff für ein von Generation zu Generation überliefertes Wissen, das Handeln und Wahrnehmung steuert und das Bewusstsein einer Gruppe schärft über die eigene Identität, über Fremdes und Zugehöriges, über "Ihr" und "Wir". Fixpunkte, die das Gedächtnis prägen, sind "schicksalshafte Ereignisse" in der Vergangenheit, die etwa mit Ritualen oder Denkmälern und auch durch stete Auseinandersetzung wachgehalten werden, dabei aber eben auch immer in Beziehung zur aktuellen Situation gesetzt werden.

Was eine Gesellschaft will

Dabei gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen des Erinnerns: "Die einen erinnern sich an die Vergangenheit aus Angst, von ihrem Vorbild abzuweichen, die anderen aus Angst, sie wiederholen zu müssen", schrieb Jan Assmann 1988 in einem Aufsatz. In der Form der Erinnerungskultur werde so auch immer sichtbar, was eine Gesellschaft ist und worauf sie hinaus will.

Natürlich ist dieser Ansatz kritisierbar, nur einige Punkte: Die Assmanns trennten in ihrem Grundgedanken scharf zwischen einem Alltagsgedächtnis und dem kulturellen Gedächtnis, auch wenn hier Grenzen fließend sein können. Auch, ob es festgesetzte Fixpunkte überhaupt gibt, oder nur Ereignisse situativ dazu umgedeutet werden, ist diskutierbar. Zudem setzen sie ein kollektives Erinnern und damit eine Gruppenidentität sehr hoch und auch häufig durchaus positiv an, was sich etwa auch in ihrem Engagement für das Holocaust-Mahnmal in Berlin spiegelte - ein stark an Ritualisierung geknüpftes Symbol, während individuelle, experimentelle Spielarten des Erinnerns weniger Raum finden.

Das macht die Auszeichnung mit dem Friedenspreis als Symbol jedoch nicht schwächer - es bleibt eine Perspektive, die Aufmerksamkeit auf etwas richtet, was sonst zu häufig in der öffentlichen Diskussion vergraben bleibt: der Gedanke, dass, macht man sich die eigene Verstricktheit in geschichtliche Zusammenhänge bewusst, der eigene Blick nicht vernebelt, sondern geschärft wird.

Vielleicht kann man gar nicht verlieren

Während die meisten, die den Holocaust als Täter erlebt haben, schon tot sind und auch die, die ihn als Opfer überlebt haben, nach und nach sterben, scheint sich in der Deutung der Vergangenheit derzeit ein diskursiver Raum aufzutun.

Die Assmanns selbst fühlen sich der 68er-Generation zugehörig, für diese sei das Holocaust-Gedenken so etwas wie eine historische Mission gewesen: "Ich frage mich, was bleiben wird, wenn sie einmal nicht mehr ist", so Aleida Assmann in einem Interview. Gleichzeitig suchen AfD-Politiker darum, historische Fixpunkte wie den Holocaust umzudeuten; wenn etwa Björn Höcke das Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet oder Alexander Gauland den Holocaust als "Vogelschiss" relativiert.

Nach den Tumulten auf der Buchmesse, über die die Medien groß berichteten, gab es mal wieder eine Diskussion darüber, ob bei solchen Provokationen am Ende nicht immer die Rechten gewinnen. Weil das mit dem Reden eben nicht klappt, es aber gerade deshalb die Art öffentliche Aufmerksamkeit gibt, die am Ende eine gesellschaftliche Spaltung nicht nur abbildet, sondern weiter vertieft.

Vielleicht liegt aber auch schon ein Irrtum in dieser Betrachtungsweise. Vielleicht kann man gar nicht so viel verlieren. Vielleicht kann man einfach in Anlehnung an Aleida und Jan Assmann sagen: Es wird eine Lücke in unserem Umgang mit Geschichte geben. Es scheint wichtig, wie sie gefüllt wird.

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