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Kultur

Gleichberechtigung

Auch mal was fürs Auge

Dürfen Männer kurze Hose im Büro tragen? Wen juckt's. Die viel wichtigere Frage: Warum werden Frauen und Männer in Arbeitszusammenhängen unterschiedlich bewertet?

Getty Images

Mann in weißer Shorts

Eine Kolumne von
Dienstag, 07.08.2018   12:20 Uhr

Wenn das deutschsprachige Feuilleton im 21. Jahrhundert auf die Idee käme zu fragen, ob Frauen bei der Arbeit oder auf der Straße Röcke tragen dürfen oder eine Form von Beinbekleidung, die nicht bis zu den Schuhen reicht, dann könnte man es guten Gewissens für komplett bescheuert erklären, vor allem, wenn dabei irgendetwas anderes herauskäme als die Antwort: Natürlich dürfen sie, es soll gerne ein bisschen schön sein und gerne mehr als man am Strand trägt, aber ansonsten, nur zu.

Bei Männern ist das offenbar nicht so einfach. Also, von mir aus schon. Meine Antwort wäre, dass für Männer das Gleiche gilt wie für Frauen - und von mir aus könnte dieser Text damit zu Ende sein -, aber Andere kommen zu ganz anderen Schlüssen.

"Mehr denn je stellt sich die uralte Frage nach der Legitimation kurzer Männerhosen in der Öffentlichkeit", hieß es neulich in der "Süddeutschen Zeitung", man zog dort allerhand Experten zurate, die warnten: "Nackte Beine machen den Herrn und seine Heimat lächerlich." Wem die jahrzehntealte Haltung des Deutschen Instituts für Herrenmode oder Straßenumfragen mit Frauen ("find ich nicht schön") nicht reichten, der bekam von der "Süddeutschen" den subtilen Hinweis: "Von Adolf Hitler gibt es irritierende Fotografien, auf denen er eine kurze Lederhose trägt. Später verbot er den Handel mit solchen Bildern, wohl ahnend, dass diese Fotos die Grenze zur Lächerlichkeit kratzten." Unklar, was man daraus folgern soll.

Zweierlei Maß

Aus feministischer Sicht kann man es natürlich erfrischend finden, wenn auch mal darüber debattiert wird, was Männer mit ihren Körpern zu tun haben: welche Körperteile sie verstecken müssen und welche Qualen sie bei Hitze erleiden sollen. Das ist genau so lange erquicklich, bis man merkt, dass es nicht die beste Variante von Gleichberechtigung ist, wenn alle Geschlechter gleich schlecht behandelt werden.

So weit ist es natürlich noch nicht. Niemand erwartet von Männern bisher dieselbe Arbeit am Körper und an der Kleiderwahl wie von Frauen. Ein Mann, der zu jedem öffentlichem Termin denselben Anzug trägt: merkt keiner. Einer Frau, die dasselbe tut: eigenartig, wahrscheinlich innerlich tot. Ungeschminkte Männer: normal. Ungeschminkte Frauen: verwahrlost oder "mutig".

Autorinnen, die auf Fotos nicht lächeln, müssen sich anhören, dass sie verbitterte Trockenpflaumen sind. Autoren, die auf Fotos nicht lächeln, fallen keinem Schwein auf. Frauen dürfen und sollen auch "was fürs Auge" bieten, das ist so eklig, wie es klingt, solange es nicht auch von Männern erwartet wird.

Von Frauen wird oft eine Mehrzweckfunktion erwartet

In einer neuen Studie haben Organisationspsychologinnen herausgefunden, wie unterschiedlich Frauen und Männer in Arbeitszusammenhängen beurteilt werden. Sie untersuchten, welche Eigenschaften Menschen zugeschrieben wurden, die im Technologiebereich erfolgreich sind. Unter den Männern waren es die, die als selbstbewusst galten. Bei Frauen reichte das nicht: Sie wurden einflussreicher, wenn sie zusätzlich noch als fürsorglich und warmherzig galten. "Um voranzukommen, müssen sich Frauen um andere kümmern, während sich ihre männlichen Kollegen auf ihre eigenen Ziele konzentrieren", sagte die Berliner Leiterin der Studie, Laura Guillén.

Nun könnte man sagen, das ist etwas anderes: ob man von Frauen Schönheit erwartet oder eine soziale Ader. Aber ganz so anders ist es nicht, denn in beiden Fällen geht es darum, anderen das Leben angenehm zu machen. Von Frauen wird oft eine Mehrzweckfunktion erwartet, die für Männer nicht gilt: Sie sollen arbeiten, aber auch dekorativ sein und Harmonie versprühen.

Wer Männern härtere Kleidungsvorschriften macht als Frauen - egal ob im Feuilleton, als Arbeitgeber oder in Straßenumfragen -, bei denen nur lange Hosen und lange Hemden als Auswahl bleiben, stützt letztlich diese Form der Arbeitsteilung: Männer arbeiten in möglichst neutraler Erscheinungsform, Frauen arbeiten und machen alles schön. Wollen wir das? Nein.

insgesamt 156 Beiträge
dasfred 07.08.2018
1. Endlich spricht es mal jemand aus
Männer dürfen nicht nur ihr Beine zeigen. Wenn sie ihren Körper regelmäßig stählen, sind sie sogar moralisch dazu verpflichtet. Schließlich sind sie für andere Männer Vorbild und für Frauen Objekt der Begierde. Auch die [...]
Männer dürfen nicht nur ihr Beine zeigen. Wenn sie ihren Körper regelmäßig stählen, sind sie sogar moralisch dazu verpflichtet. Schließlich sind sie für andere Männer Vorbild und für Frauen Objekt der Begierde. Auch die eher schwach ausgeprägte Muskulatur trägt zum Gemeinsinn in der Bevölkerung bei. Die gemeine Lästerschwester, ob weiblich oder männlich hat Anspruch auf andere Themen, als nur Wetter und Schuhe. Soll sich der Mann endlich auch der öffentlichen Fleischbeschau aussetzen. Das führt auf Dauer zur Waffengleichheit. Nur Mut Männer, auch als hübsches männliches Dummchen kann man Karriere machen, wenn Mann seine Reize richtig einsetzt.
deltaquadrant 07.08.2018
2. Frauen sollen für andere da sein....
...Das wird ihnen von klein auf eingetrichtert. Aus dem Grund lernen sie erst spät, für sich zu kämpfen: für eigenes Geld, Karriere und Macht -und schließlich ein gutes Auskommen im Alter. Auch junge Frauen verlassen sich auf [...]
...Das wird ihnen von klein auf eingetrichtert. Aus dem Grund lernen sie erst spät, für sich zu kämpfen: für eigenes Geld, Karriere und Macht -und schließlich ein gutes Auskommen im Alter. Auch junge Frauen verlassen sich auf das Versprechen, dass ihre Fürsorge für die Familie ihnen im Alter eine gute Versorgung garantiert. Die Scheidungsraten sprechen eine andere Sprache. Frauen sollten von Kind auf lernen primär für sich selbst zu sorgen.
Orthoklas 07.08.2018
3. Was Sie wollen und was ich will...
"Wollen wir das? Nein." Was Sie wollen, Frau Stokowski, ist naheliegender als der Klimawandel - obwohl Sie diesen übrigens ja auch erwünschen. Sozial gesehen. Und ich lasse Ihnen gerne Ihre Meinung. Schließlich weiß [...]
"Wollen wir das? Nein." Was Sie wollen, Frau Stokowski, ist naheliegender als der Klimawandel - obwohl Sie diesen übrigens ja auch erwünschen. Sozial gesehen. Und ich lasse Ihnen gerne Ihre Meinung. Schließlich weiß sogar ein Mann, was sich gehört. Auch mit langer Hose. Aber ich teile sie keineswegs. Sparen Sie sich doch bitte solche abschließenden Sätze. Ich brauche Sie nicht, um zu wissen, was ich will. Ganz sicher nicht, Frau Stokowski.
ksail 07.08.2018
4. Und das allerlustigste daran ist....
Das allerlustigste ist nämlich, dass diese Kategorisierungen von Frauen fast mehr ausgehen als von Männern. Ich weiß nicht welche Branchenerfahrungen Frau Stokowski hat, aber in meinem Bereich (Technik/Sicherheit) fällt es vor [...]
Das allerlustigste ist nämlich, dass diese Kategorisierungen von Frauen fast mehr ausgehen als von Männern. Ich weiß nicht welche Branchenerfahrungen Frau Stokowski hat, aber in meinem Bereich (Technik/Sicherheit) fällt es vor allem den wenigen Frauen auf, wenn Männer mal aus der Bekleidungsrolle fallen. Und auf Dauer ist es auch karriererelevant, wenn man von Frauen optisch nicht für satisfaktionsfähig gehalten wird. Vernünftige Schuhe zum Beispiel sollten schon ein, die unteren Ränge erkennt man an billigen und ungepflegten Schuhen. Lustigerweise auch in Tech- oder Startup-Firmen....
obace1960 07.08.2018
5. Frauen müssen nicht dekorativ sein, sondern kompetent
Von meinen Kolleginnen erwarte ich Kompetenz, ich gehe nicht zum Flirten ins Büro. Von mir aus könnten alle einen Blaumann tragen. Für Männer gibt es eben schon die Uniform, den Anzug. Frauen dürfen da gern mitmachen und auch [...]
Von meinen Kolleginnen erwarte ich Kompetenz, ich gehe nicht zum Flirten ins Büro. Von mir aus könnten alle einen Blaumann tragen. Für Männer gibt es eben schon die Uniform, den Anzug. Frauen dürfen da gern mitmachen und auch einen Hosenanzug tragen, aber viele Frauen wollen eben nicht. Wer sich allerdings durch Kleidung zum Sexualobjekt macht, sollte sich auch nicht beschweren, wenn er objektiviert wird. Die Lösung für dieses postmodene Scheinproblem ist mal wieder: Übernimm erstmal Verantwortung für dich selbst und beschwere dich erst dann über andere.
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