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Kultur

Hausfrauen-Glorifizierung

Das goldene Zeitalter der Unterdrückung

Die "Zeit" erklärt, wie gefährlich es für die Liebe ist, wenn sie mehr verdient als er, die "FAZ" trauert der Hausfrau nach. Das zeigt: Früher war vielleicht alles schlimmer. Aber heute ist längst nicht alles gut.

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Eine Kolumne von
Dienstag, 11.12.2018   15:38 Uhr

Niemand will gern pleitegehen, deswegen muss man ein bisschen Respekt vor der Entscheidung von FAZ.net haben, ihre Seite durch Wutklicks von Feministinnen am Laufen zu halten, aber da hört es auch schon auf. "Wo steckt die gute Hausfrau?", fragte Ex-FAS-Wirtschaftsressortleiter Rainer Hank dort vor ein paar Tagen.

Keine Stellenanzeige, sondern eine Art Nachruf auf vergangene Zeiten. "Einst war es eine Tugend, eine gute Hausfrau zu sein", hieß es da. "Doch Feministinnen haben dies einfach aus dem Bewusstsein getilgt." Herr Hank ist in den frühen Fünfzigerjahren geboren und trauert nun öffentlich darum, dass er dort nicht bleiben durfte. Begleiten wir ihn ein Stück auf seinem schweren Weg.

Die Hausfrauen, die damals die Windeln von Herrn Hank und seiner Kohorte waschen mussten, dürfen wir uns als glückliche Menschen vorstellen. Herr Hank kennt natürlich die damalige Gesetzeslage, wo es unter anderem hieß: "Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung."

Wem das nach einer tristen Existenz klingt, dem hilft der preisgekrönte Journalist gern ein bisschen nach: "Macht man sich einen Moment lang frei vom Emanzipationsnarrativ, hört sich der Satz nicht wirklich nach Unterdrückung, sondern nach Macht und Stärke an." Er habe selbst, so erzählt Hank, als Schüler den Beruf der Mutter mit "Hausfrau" angegeben, "ohne jegliche Scham". Denn: "Ich habe meine Mutter als stolze Frau in Erinnerung."

Ohne jegliche Scham erinnert er dann auch daran, dass die Fünfziger- und Sechzigerjahre als "goldenes Zeitalter der Familie" in die Geschichte eingegangen seien: "viele Eheschließungen, viele Kinder, wenige Scheidungen, wenige Alleinerziehende. Die Rollen waren vorgegeben. Man muss das nicht zwangsläufig spießig finden." Nein, muss man nicht. Man kann es aber mit guten Gründen völlig irre finden, wie jemand ausblenden kann, was die damalige Rollenverteilung, die Hank mit "Macht und Stärke" für Frauen verbindet, im Alltag bedeutete - und warum Scheidungen oder alleinerziehend zu sein für die allermeisten Frauen schlicht keine Optionen waren weil gleichbedeutend mit der Entscheidung für ein Leben in Armut.

Maul halten und mitspielen

Noch bis 1977 sah das deutsche Recht die Frau vor allem als Haushaltsvorstand. Goldene Zeiten waren es insofern, als die gesellschaftlich akzeptierte Lösung für Frauen, die das alles nicht ertrugen, "Frauengold" war, sprich: Alkohol. Die goldene Tugend für Frauen war: Maul halten und mitspielen.

Man müsste sich gar nicht so lang mit Herrn Hanks Romantisierung dieses Elends aufhalten, weil Twitter-Nutzerin "Persephone" bereits eine würdige Kritik verfasste, als sie schrieb: "Ein ganzer Text, um zu rechtfertigen, warum er nicht in der Lage ist, allein seine Unterwäsche zu waschen. Mach deinen Haushalt selbst, du Lauch."

Nun ist aber Herr Hank nicht nur traurig, dass niemand mehr mit Stolz seine Socken zusammenlegt - und natürlich darf er jederzeit Hausfrau werden, es wäre eine einzige Win-win-Situation - sondern er unterstellt zugleich Feministinnen, ein falsches Narrativ verbreitet zu haben: "Die heute dominante Erzählung, wie man sie Regalmeter lang in den Bibliotheken der Genderforschung findet, liest sich so: Lange Zeit wurden die Frauen unterdrückt von ihren Männern." Nun ist es natürlich nicht ganz falsch, von einer langen Zeit der Unterdrückung zu sprechen, wenn Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 kein Straftatbestand war.

Es ehrt Herrn Hank, dass er so viele Regalmeter Genderforschung gelesen hat, auch wenn offensichtlich einige Klassiker immer gerade dann ausgeliehen waren, wenn er zum Lesen vorbeikam. Sonst wäre ihm sicher Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" aufgefallen, in dem auf über 800 Seiten untersucht wird, inwiefern Frauen in einer nicht gleichberechtigten Gesellschaft über sich selbst bestimmende Subjekte und Objekte sein können, denen Unrecht geschieht. "Halb Opfer, halb Mitschuldige, wie wir alle", so lautet das Zitat von Sartre, das Beauvoir dem zweiten Band ihres Werks voranstellt.

Beauvoir beschreibt seitenlang, wie ermüdend und auszehrend die Rolle der Hausfrau zu ihrer Zeit war: "Ihre Hände sind fleißig, nur ihr Geist hat nichts zu tun." Dabei sind es nicht die Tätigkeiten im Haushalt selbst, die besonders schlimm wären, sondern die Festlegung auf sie: "So geachtet [die Hausfrau] auch sein mag, sie ist untergeordnet, zweitranging, parasitär. Der schwere Fluch, der auf ihr lastet, besteht darin, dass der Sinn ihrer eigenen Existenz nicht in ihren Händen liegt."

Wo bleibt der stolze Hausmann?

In den vergangenen Tagen gab es unter den Hashtags #ehrlicheeltern und #ehrlicheltern auf Twitter viele Erzählungen, oft von Müttern. Einige gaben nur zu, ihre Kinder oft fernsehen zu lassen, wenn sie keinen Nerv hatten, sie zu beschäftigen, andere erklärten, wie einsam und anstrengend es sein kann, für Kinder und Haushalt zuständig zu sein. "Als Mutter von zwei Kleinkindern bin ich meistens nervlich über- und intellektuell unterfordert", schrieb eine Frau, 69 Jahre nach Beauvoir.

Es war seit jeher Bestandteil feministischer Theorien, die reproduktiven Tätigkeiten und die Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich Frauen leisten, nicht als langweiligen Rotz abzuwerten, sondern im Gegenteil für diesen grundlegenden Bestandteil jeder Gesellschaft eine angemessene Anerkennung zu fordern.

Die "Zeit" schrieb neulich erst darüber, wie gefährlich es angeblich für die Liebe sei, wenn Frauen mehr verdienen als ihre Partner. "Wenn Mama das Geld verdient", hieß der Text, als wenn das eine Kuriosität wäre. Man hätte auch fragen können: Wo bleibt der stolze Hausmann?

Wir leben immer noch in einer Welt, in der "Zeit"-Journalist Moritz von Uslar sich nicht schämt zu twittern: "Mich machen Männer, die ihr Baby an ihre Brust geschnürt haben, so wahnsinnig aggressiv." Und in einer Welt, in der die "Süddeutsche" eine Frau, die Ultramarathon gelaufen ist und unterwegs ihr Baby stillte, mit Fragen penetriert, ob sie nicht einfach hätte abstillen können, ob ihre "Selbstverwirklichung auf Kosten der Familie" gehe oder ob sie womöglich andere Frauen unter Druck setzen wolle. "Aber was ist so falsch, sich einfach nur auf seine Elternrolle zu konzentrieren?", wird die Sportlerin gefragt, und sie antwortet: "Wenn ich das Laufen nicht als Ausgleich hätte, wäre ich eine sehr viel schlechtere Mutter."

Der trauernde "FAZ"-Journalist Rainer Hank verortet den Sieg des Feminismus in den Achtzigerjahren, als Feministinnen es angeblich schafften, "ihre Geschlechtsgenossinnen aus ihrem fremdverschuldeten Leid zu befreien". Leider wieder eine Fehleinschätzung. Wir sind längst, längst nicht fertig.

Frauenbilder - Kochtopf oder Karriere? (SPIEGEL TV 2012)

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 239 Beiträge
jamsrhb 11.12.2018
1. Und jetzt?
Seit gut 20 Jahren werden Frauen die zu Hause bleiben und Mütter von Feministinnen in der Luft zerrissen und schlecht gemacht. Sie seien rückständige Heimchen, ja Mitschuld an der Unterdrückung der Frau. Der Lebensweg der [...]
Seit gut 20 Jahren werden Frauen die zu Hause bleiben und Mütter von Feministinnen in der Luft zerrissen und schlecht gemacht. Sie seien rückständige Heimchen, ja Mitschuld an der Unterdrückung der Frau. Der Lebensweg der kinderlosen Karrierefrau wird dem Volk als einzig richtiger Lebensentwurf aufgedrückt. Jetzt spricht mal jemand von der Würde der Hausfrauen und Müttern und es wir ein Fass aufgemacht als ob er die Rechtlosigkeit der Frau wieder herbeiwünscht.
andreasclevert 11.12.2018
2. und last but not least
lässt es sich über die hausmännlichen Tätigkeiten extrem gut intellektuell lästern, so ohne ist der Job dann auch nicht. Meine Versuche mit der Wäsche habe ich hier aufgeschrieben (https://wp.me/p4WCtx-9D), wiewohl ich es [...]
lässt es sich über die hausmännlichen Tätigkeiten extrem gut intellektuell lästern, so ohne ist der Job dann auch nicht. Meine Versuche mit der Wäsche habe ich hier aufgeschrieben (https://wp.me/p4WCtx-9D), wiewohl ich es verstünde wenn dies als Werbung wahrgenommen werden würde und nicht ins Forum käme :-)
pizzerino 11.12.2018
3.
Wenn ich alles was mit Kochen, Einkaufen, Urlaubsplanung, Steuer, Versicherung, Kinderbetreuung, Sozialkontakte,.... in einem Haushalt manage, so dass mein/e Partner/in in Vollzeit das nötige Spielgeld beschaffen kann (was nicht [...]
Wenn ich alles was mit Kochen, Einkaufen, Urlaubsplanung, Steuer, Versicherung, Kinderbetreuung, Sozialkontakte,.... in einem Haushalt manage, so dass mein/e Partner/in in Vollzeit das nötige Spielgeld beschaffen kann (was nicht zwingerndermassen eine intelektuelle Herausforderung sein muss...) UND mich das auch noch voll ausfüllt und befriedigt, dann sollte ich mir wohl langsam Gedanken machen was mit mir nicht stimmt. Die Aufzählung im Text, was früher alles falsch und fürchterlich war verstehe ich auch nicht. Das war früher und jetzt ist es gottseidank anders.
goethestrasse 11.12.2018
4.
Sind Frauen heute glücklicher und zufriedener. Ich lehne es ab, dass die Allgemeinheit den Selbstfindungs- und -bestimmungstick von vielen beziehungsunfähigen und -willigen finanzieren muss. Jedes Kind hat Vater/Erzeuger. Jede [...]
Sind Frauen heute glücklicher und zufriedener. Ich lehne es ab, dass die Allgemeinheit den Selbstfindungs- und -bestimmungstick von vielen beziehungsunfähigen und -willigen finanzieren muss. Jedes Kind hat Vater/Erzeuger. Jede Mutter hat Verantwortung. Nicht nur das Amt und der Unterhaltsvorschuss. Und. Nicht jede Hausfrau ist frustriert.
MatthiasPetersbach 11.12.2018
5. "Wir sind längst, längst nicht fertig"
Nun, mein Eindruck ist: "wir" waren schon fertig. In den 70ern hätte man die Männer mit den weißen Westen gerufen, wenn jemand ernsthaft behauptet hätte, daß Leute nicht gleichviel Wert hätten, jenachdem was [...]
Nun, mein Eindruck ist: "wir" waren schon fertig. In den 70ern hätte man die Männer mit den weißen Westen gerufen, wenn jemand ernsthaft behauptet hätte, daß Leute nicht gleichviel Wert hätten, jenachdem was für einen Glauben, Haut- oder Haarfarbe oder Geschlecht sie haben. Zu dem Letzteren hätten meine Ur-Großmutter, Großmutter und Mutter durchaus auch etwas zu sagen gehabt. Nur weil das "Gesetz" noch nicht soweit war, haben die trotzdem im Leben ihren -anerkannten - "Mann" gestanden und kein Mann mit Grips hätte geleugnet, daß seine Frau gleichviel zum Gelingen des Lebens beigetragen hat. Warum "wir" das im Moment verlieren, kann ich nicht sagen. Entweder es ist tatsächlich sowieso nicht so - oder die Tatsache, daß man über diese Selbstverständlichkeit überhaupt "diskutiert", lässt erst Gegenpositionen wachsen. Vorstellbar ist beides.
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