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Kultur

Julia Klöckner und die Unionsmitglieder

Wir sind nicht blöd. Wir sind halt nur CDU

Julia Klöckner ist froh, dass bei der Union das Fußvolk nicht über den Koalitionsvertrag abstimmen darf. Was sagt uns das über die stellvertretende CDU-Vorsitzende? Und über ihre Partei?

JEON/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Julia Klöckner

Eine Glosse von
Freitag, 09.02.2018   17:28 Uhr

Es fühlt sich einfach falsch und schmutzig an, entwürdigend wie eine 153 Jahre alte Karnevalsmaske. Trotzdem wollen wir uns für eine Sekunde vorstellen, wir wären Mitglied der SPD. Dann würden wir demnächst über das Schicksal von Martin Schulz, Deutschland, Europa und damit im Grunde der ganzen Welt entscheiden. Eine gewaltige Verantwortung, auch wenn sie sich auf 463.723 Schultern verteilt.

Wir würden gewiss ins Schwitzen geraten, uns mit dem Parteiprogramm frische Luft zufächeln und halblaut vor uns hinstammeln: "Mensch, so eine klare Führungsbeschreibung wäre schon etwas Feines! Die haben doch tagelang verhandelt! Sind in die Details reingegangen! Und jetzt muten sie uns zu, einmal Daumen hoch, einmal Daumen runter, ohne all die Informationen, die die ja hatten, puh".

Überraschenderweise sieht das Julia Klöckner ganz genauso. In einem aktuellen Gespräch mit dem Deutschlandfunk wurde die stellvertretende CDU-Vorsitzende und designierte Landwirtschaftsministerin mit der tückischen Frage konfrontiert, ob sie nicht "schon froh" sei, dass ihrer Partei, anders als der SPD, nun kein Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag ins Haus steht.

Klöckner: "Was heißt froh? Wir haben eine klare Führungsbeschreibung bei uns. Wir delegieren unsere Verantwortung nicht einfach an Mitglieder, denn das wäre auch nicht ganz fair, denn wir haben ja tagelang verhandelt, sind in die Details reingegangen, und würden dann einem Mitglied zumuten, einmal Daumen hoch, einmal Daumen runter, ohne all diese Informationen, die wir ja hatten."

177 Seiten stählerne Entschlossenheit

Ein Satz, den man sacken lassen muss. Ganz langsam, wie flockiges Fischfutter in einem Aquarium. "Was heißt froh?" Froh heißt froh. Wobei "froh" vermutlich ein zu bescheidenes Wörtchen ist für die kolossale Erleichterung der Parteispitze, dass das eigene Fußvolk offenbar keinen Wert auf die Zumutung demokratischer Teilhabe legt. Warum Menschen überfordern, die einem vertrauen?

Von einer Basis spricht Klöckner überhaupt nur in hörbar neckischen Anführungszeichen: "Die 'Basis', das ist so ähnlich wie 'die Bürger' oder wenn ich 'die Journalisten' beschimpfen würde". Da ist es schon fairer, die Mitglieder im Zustand selbstgewählter Unmündigkeit zu halten. In einzelnen "E-Mails" und "sehr großen Telefonkonferenzen" hatte sich ihr, Klöckner, diese Basis jedenfalls "ein bisschen differenzierter" dargestellt.

Wer wollte denn auch die bröseltrockene Juristenprosa eines 177-seitigen Vertrages ernsthaft Zeile für Zeile studieren? Immerhin hockten da Experten dran, sind in die Details reingegangen und haben ihre Haltung gerade bei kritischen Fragen in stählerne Entschlossenheit gegossen, etwa in Zeile 7.091: "Diese gegenwärtige russische Außenpolitik verlangt von uns besondere Achtsamkeit und Resilienz". Gut, da ließe sich noch "Nachhaltigkeit" hineinverhandeln. Aber Achtsamkeit und Resilienz? Klassische Anliegen der CDU, über die kein Mitglied den Daumen senken würde.

Das gilt auch für eine Reihe anderer Themen, die in den vergangenen Jahren nur deshalb angepackt werden konnten, weil die konservative Kernklientel ihrer klar beschriebenen Führung freie Hand gelassen hat. Ohne das schmunzelnde bis wohlwollende Schweigen ihrer Mitglieder wäre es der CDU kaum gelungen, fortschrittliche Projekte wie die Aussetzung der Wehrpflicht, den Ausstieg aus der Atomenergie, den Mindestlohn, die Rente mit 63 oder diese ganze Schwulensache gegen den Willen von SPD und Grünen durchzuboxen.

Wir sind nicht blöd. Wir haben nur nicht alle Informationen

Nun hat, wie man hört, die SPD mit Hinweis auf den drohenden "Mitgliederentscheid" recht effektiv Druck auf die Verhandlungsführer der CDU ausüben können. Was bedeutet, dass SPD-Mitglieder entscheiden, was die SPD macht, dass diese Mitglieder also - zumindest virtuell - bei den Verhandlungen stets anwesend waren. Anders als die Mitglieder der Union, die sich so unauffällig verhalten wie eine chinesische Terracotta-Armee. Und wie heißt nochmal der Vorsitzende der Jungen Union?

Mit der CDU, sagt Julia Klöckner völlig zurecht, wäre so eine umständliche Hin- und Herdelegiererei nicht zu machen, das lässt schon deren solides Demokratieverständnis nicht zu. Wer die CDU wählt, gibt mit seiner Stimme auch die staatsbürgerliche Verantwortung ab und schaut zu, wie die von ihm gewählten Experten das Kind schaukeln - oder in den Brunnen werfen.

Versetzen wir uns also für eine Sekunde in die glückliche Lage, CDU-Mitglied zu sein. Gerade als mündige Bürger zeichnet uns aus, dass wir auch mal den Mund halten können. Wir sind keineswegs blöd. Wir haben nur nicht all diese Informationen.

insgesamt 71 Beiträge
Garak 09.02.2018
1. Das sie nichts von Demokratie halten!
Die CDU ist seit Jahren nur noch ein Kanzlerwahlverein ohne Plan. Deshalb hat Angela Merkel der SPD ja auch alles gegeben was sie wollte, außer dem Ziel Kanzlerin zu bleiben hat sie kein Ziel mehr.
Die CDU ist seit Jahren nur noch ein Kanzlerwahlverein ohne Plan. Deshalb hat Angela Merkel der SPD ja auch alles gegeben was sie wollte, außer dem Ziel Kanzlerin zu bleiben hat sie kein Ziel mehr.
mcmf 09.02.2018
2. Diese Frau ist unter all den sie umgebenden,
unqualifiezierten Populisten noch die einzige mit etwas Hoffnungspotential fuer den Waehler auf die Zukunft. Viel Glueck fuer Sie.
unqualifiezierten Populisten noch die einzige mit etwas Hoffnungspotential fuer den Waehler auf die Zukunft. Viel Glueck fuer Sie.
walldemort 09.02.2018
3. Sehr treffend
Musste ziemlich schmunzeln. Der Text beschreibt die Geisteshaltung dieser pfälzischen Weinprinzessin sehr gut - wie auch das christdemokratische Demokratieverständnis.
Musste ziemlich schmunzeln. Der Text beschreibt die Geisteshaltung dieser pfälzischen Weinprinzessin sehr gut - wie auch das christdemokratische Demokratieverständnis.
isolde_trinken 09.02.2018
4. Da fällt mir eine Zeile aus dem Steuersong ein...
"Gewählt ist gewählt, ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern, Das ist ja das Geile an der Demokratie." Gilt für Frau Klöckner halt auch für Parteifunktionäre ihrer Basis gegenüber.
"Gewählt ist gewählt, ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern, Das ist ja das Geile an der Demokratie." Gilt für Frau Klöckner halt auch für Parteifunktionäre ihrer Basis gegenüber.
miriam_rosenstern 09.02.2018
5. Herrlich!
Ich liebe den Absolutismus ehemaliger Majestäten, die ihre Erfahrungen mit dem Volk aus einem Festzelt voller Betrunkener beziehen. Herrlich!
Ich liebe den Absolutismus ehemaliger Majestäten, die ihre Erfahrungen mit dem Volk aus einem Festzelt voller Betrunkener beziehen. Herrlich!
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