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Kultur

Stück über die Finanzkrise

Nur Schulden machen reich

Mehr als eine weitere Empörungsstory über Lehman Brothers und Co.: die mit Feingefühl inszenierte, garstig-komische "Junk"-Inszenierung am Schauspielhaus.

Sinje Hasheider
Von
Montag, 16.04.2018   15:43 Uhr

Am Ende hockt Samuel Weiss im Unterhemd auf dem Boden und hält Zettelchen in der Hand. Er will dem Gefängniswärter vorrechnen, wie der mit seinem spärlichen Gehalt und Steuertricks zumindest einen kleinen Reibach machen könnte. Immer noch, auch wenn er jetzt im Knast sitzt, weil er einst mit Summen mit endlos vielen Nullen jonglierte, versucht Robert Merkin, den Weiss mit der verschrobenen Grazie eines Vorstadtgangsters spielt, Gewinn herauszuschlagen. Das ist seine Berufung und sein Fluch - er kennt nichts anderes als Maximierung, selbst wenn er hier nur eine Milchmädchenrechnung vor sich hat.

Dass er sich verzockt hat beim Versuch der Übernahme eines angeschlagenen Stahlkonzerns, der noch nach Gutsherrenart geführt wird, ficht ihn nicht an. Nur zwei Jahre Gefängnis hat er gegen eine Zahlung an den künftigen Bürgermeister von Los Angeles herausschinden können - danach wird er weitermachen mit Deals, die vornehmlich auf der wackligen wie einträchtigen, ebenso illegalen wie heftig genutzten Basis von Hochzins-, Schrott- oder Ramschanleihen getätigt werden. Stinknormaler "Junk" eben. Der amerikanische Erfolgsdramatiker Ayad Akhtar ("Geächtet") hat sein neues Stück so genannt und erzählt darin mehr als eine weitere Empörungsstory über Lehman Brothers und Co. und die Machenschaften in undurchsichtigen Finanzkreisen.

Für Akhtar ist es vor allem eine Geschichte über die amerikanische Gesellschaft und was es heute heißt, Amerikaner zu sein. Die Kluft zwischen angenommenem und wirklichem Wert, zwischen Sprache und Bedeutung, Erscheinung und Wirklichkeit - das Anhäufen von Schulden als Folge dieser Widersprüche habe das Bewusstsein seiner Landsleute nachhaltig geschädigt. Und auch, wenn in "Junk" kein einziges Mal der Name Trump fällt (nicht nur, weil der Stoff sich an wahren Begebenheiten in den Achtzigerjahren orientiert), ist der Präsident doch stets präsent: auch er kam durch Schulden an die Macht, auch er meint nie was er sagt. Das aus dem Ruder geratene Finanzgeschäft hat den gesamten amerikanischen "sozialen Körper" verändert.

Bilanz-Pirouetten auf glattem Börsenparkett

Akhtar hat einmal gesagt, er habe ein Stück über "Könige" geschrieben, die von der Wall Street aus mit fanatischem Eifer und fast religiösem Sendungsbewusstsein die Welt beherrschten und an den Abgrund führten. Im Hamburger Schauspielhaus, wo Jan Philipp Gloger jetzt die deutschsprachige Erstaufführung klug und mit großer Lust an der Offenlegung von Zynismus und Moralverlust inszenierte, kann "Junk" somit auch als Vorgeschichte zu dem dort ebenfalls im Spielplan stehenden "Königsdrama" von Elfriede Jelinek gesehen werden. In dem kommt Trump auch nicht vor und ist durchaus gemeint.

"Junk" lebt von stakkatoartigen Dialogen, nicht von exakt gezeichneten Charakteren. In kurzen Szenen tritt über ein Dutzend Figuren auf, die unrühmliche Rollen spielen. Niemand, der in diesen "Deal des Jahrhunderts", diesen gigantischen "Take-over" verwickelt ist, hat das Recht auf seiner Seite: Da werden Summen verschoben und Schulden auf der Habenseite verbucht; der Insiderhandel blüht, Strohmänner kaufen und verscherbeln, treiben künstlich Aktienkurse in die Höhe, um bei erwartbaren Abstürzen satt zu verdienen; da wird gedroht und geschmiert, betrogen und eingesackt, investiert und bankrottiert, bis die Finanzblase platzt. Da kann der Täter aber auch schnell zum Opfer werden, und die (vornehmlich) Männer, die auf dem glatten Börsenparkett ihre Bilanz-Pirouetten drehen, benehmen sich in Wirklichkeit wie plumpe Westernhelden, die sich den Weg freischießen zum nächsten Bankschalter.

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"Junk"-Inszenierung: Wie plumpe Westernhelden

Jan Philipp Gloger hat die epische Länge des Originaltextes geschickt eingedämmt und postiert seine Akteure wie auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen nebeneinander aufgereiht vor einer hohen, unüberwindbaren Wand. Von Spots ins grelle Licht gesetzt, verhandeln sie in schnellem Tempo ihre eher dunklen Angelegenheiten. Gloger will keinen Wirtschaftskrimi erzählen, der in Akhtars Drama auch steckt, sondern will uns Menschen zeigen, die bei Preisgabe jeglicher moralischer Skrupel an ihren eigenen, viel zu hoch gesteckten Ansprüchen scheitern.

Die perfide Kunst des Heuschreckenkapitalismus

Samuel Weiss spielt den Investmentmanager nicht als kalten Leichenüberschreiter, eher wie einen fast biederen Büro-Verdrucksten in Hosenträgern, der seinen Job sehr ernst nimmt und es nur zufällig mit vielen Nullen vor dem Komma zu tun hat. Die Gier ist seine Sache nur, weil er die Tricks kennt und wissen will, wie hoch er reizen kann. Sein "Gegenspieler" ist Ernst Stötzner als alternder, naiver Stahlmagnat aus Zeiten, in denen die Gottestreue auf dem Dollar noch echt und ehrlich war: ein Großbürgerlicher, der den Konzern wie einen Familienbetrieb führt - und an die Wand fährt. Täuschungen und Manipulation, die perfide Kunst des Heuschreckenkapitalismus sind ihm fremd, und die Kollateralschäden, die zu allen "Sanierungen" gehören, gehen ihm wirklich zu Herzen.

Drumherum in Hamburg: wunderbare Typen der abscheulichsten Sorte - Matti Krause etwa als jammernder Arbitragehändler, Götz Schubert als fein-schmieriger Bonze, Yorck Dippe als willenloser Strohmann, Paul Herwig als zur leichten Korruption neigender Politiker.

Jan Philipp Gloger, der demnächst am Staatstheater Nürnberg als Schauspielchef beginnt, hat in seiner tempoflinken, garstig-komischen Hamburger Inszenierung mit erstaunlichem Feingefühl die erschreckenden Grobheiten des Marktes und seiner habgierigen Diener seziert. Der Ausgang ist fast ein bisschen hoffnungsvoll: Banker Merkin muss noch eine Weile sitzen, während sein Wärter in Freiheit seine Runden dreht: mit Schulden Geld machen? Über solch ein blödsinniges "Junk"-Angebot kann der brave Bürger nur den Kopf schütteln.


"Junk" wird noch am 19., 23. und 29. April im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufgeführt.

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