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Kultur

Klimawandel

Die Katastrophe hätte verhindert werden können

Die Welt nähert sich dem Abgrund, doch statt zu handeln, stecken wir den Kopf in den trockenen Sand. Warum weckt der mögliche Untergang der Menschheit so wenig Interesse?

DPA

Trockener Rheinufer (Archivbild 2017)

Eine Kolumne von
Sonntag, 05.08.2018   18:38 Uhr

Es gibt Geschichten, die verändern die Art und Weise, wie man die Welt sieht und versteht, und "Losing Earth" von Nathaniel Rich im Magazin der "New York Times" ist so eine Geschichte, Journalismus wie von einem anderen Stern: Auf einmal ist all das, was man eh wusste, in einer neuen Klarheit und Dringlichkeit greifbar, mit einem Knall wird deutlich, in der nicht nachlassenden Hitze dieser Wochen, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben.

Es wird Chaos geben und Kriege, es wird Millionen von Toten geben und Aufstände und Flucht und Vertreibung von ungeahnten Ausmaßen und ein Wegschauen und Grausamkeit und einen Verfall dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen. Es wird Krankheiten geben, die Millionen von Jahren alt sind, eingeschlossen im Eis, zum Leben und zum Töten erweckt durch die Eisschmelze. Es wird die sechste Auslöschung geben, und es ist nicht klar, ob nicht der Mensch zu denen gehört, für die die Erde kein Ort mehr ist, auf dem sie leben können.

Bei fünf Grad droht das Ende der Menschheit

Das Tragische und Verstörende dabei ist, und das beschreibt Nathaniel Rich so gut: Es hätte verhindert werden können, das meiste jedenfalls. Die Grundlagen und Details der Erderwärmung waren bekannt, Ende der Siebzigerjahre spätestens, als in den USA ein paar wache Wissenschaftler die Bausteine zusammensetzten und sich an die Politik wandten und sogar Gehör fanden. Als Pläne gemacht wurden und Kommissionen gebildet wurden, als sich die Einsicht durchsetzte, dass die Verbindung von Mensch und Planet zunehmend toxisch war und es eine Lösung gab, die das Minimum war und ein Anfang, damals wie heute: ein radikaler und sofortiger Kohle-Stop.

Die Geschichte macht auch klar, dass das nicht reicht, damals nicht und heute nicht, um wenigstens eine Erwärmung von zwei Grad Celsius zu verhindern. Bei drei Grad, so Robert Watson, der früher für die Vereinten Nationen Lösungen für den Klimawandel, wie es verharmlosend heißt, suchte, werden die Küstenstädte der Welt verloren gehen, womöglich New York, Hamburg, Kalkutta, Bangkok und viele mehr. Bei vier Grad wird in Europa permanente Dürre herrschen, weite Teile Chinas, Indiens und Bangladeschs werden zu Wüsten, der Südwesten der USA wird unbewohnbar. Bei fünf Grad, so sagen es einige der führenden Wissenschaftler, droht das Ende der Menschheit.

Die Frage ist nun, und sie ist so naiv wie ernstgemeint: Warum wird davon nicht dauernd gesprochen?

Wie kann es sein, dass der Untergang der Menschheit so wenig Interesse erweckt und die Titelseiten sich in dieser Woche, wie in den Wochen und Jahren zuvor, eher mit der Partymetropole Berlin oder dem Elend der Patchwork-Familie beschäftigen als mit der im Grunde einzigen und überwölbenden und schrecklichen Realität unserer Zerstörung des Planeten? Wie kann es sein, dass mit magnetischer Intensität über Abschiebung und Asyl, über BAMF und drei bayerische Grenzübergänge diskutiert wird, während jeder Tag einer zu spät ist?

Auch der Journalismus versagt

Das gleiche Versagen kann man dem Journalismus attestieren, der es mit ein paar Ausnahmen nicht geschafft hat, Formen zu finden, um diese Bedrohung wenigstens teilweise zu erklären, oft aus Scheu davor, in den in diesem Fall so notwendigen Aktivismus zu wechseln. Auch hier ist die Erklärung möglicherweise die fatale Kombination einer Entwicklung, die zugleich andauernd und zukünftig ist, und einer Verantwortung, die damit immer wieder delegiert werden kann und verdrängt, genauso wie die Schuld, die letztlich kaum individuell zugeordnet werden kann.

Obwohl der Philosoph Michel Serres schon einmal den Vorschlag gemacht hat, dass die Natur, in seinem Fall das Meer, die Möglichkeit bekommen sollte, die Menschheit vor Gericht zu verklagen.

Die Grundfragen bei all dem hat Nathaniel Rich, der auch als Romanautor und Essayist bekannt ist, gleich an den Anfang seiner Reportage gestellt: Wie wird diese Katastrophe unser Bild von uns selbst verändern, wie wir die Vergangenheit erinnern und uns die Zukunft vorstellen? Und vor allem: Warum haben wir uns das selbst angetan?

Video: Klimawandel - Ist die Welt noch zu retten?

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 328 Beiträge
Hardisch 05.08.2018
1.
Ein bisschen viel Tremolo- die Kritik an der Politik ist allerdings berechtigt- die uns heute in Berlin regierenden wirken wie Figuren aus einem Kasperletheater- unfähig und unwillig an echten Problemen zu arbeiten- und dabei [...]
Ein bisschen viel Tremolo- die Kritik an der Politik ist allerdings berechtigt- die uns heute in Berlin regierenden wirken wie Figuren aus einem Kasperletheater- unfähig und unwillig an echten Problemen zu arbeiten- und dabei ohne Visionen und Leidenschaft!
mucschwabe 05.08.2018
2.
Ist genau richtig. Wir haben es verbockt. Es macht überhaupt keinen Sinn mehr eine Klimakonferenz abzuhalten um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu beschließen der dann wieder nicht eingehalten wird. Nein. Alle Kraft auf die [...]
Ist genau richtig. Wir haben es verbockt. Es macht überhaupt keinen Sinn mehr eine Klimakonferenz abzuhalten um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu beschließen der dann wieder nicht eingehalten wird. Nein. Alle Kraft auf die Entwicklung von technischen Methoden zur Abkühlung des Planeten. Forcierung der Anpassungsmaßnahmen. Richten wir uns auf heiße Zeiten ein.
soisses1 05.08.2018
3. Es
steht ausser Zweifel, dass wir eine Klimaerwärmung erleben. Für mich auch eindeutig CO2 getrieben. Die absoluten Aussagen, dass die Menschheit bei 5 Grad Temperaturerhöhung vor dem Aussterben steht, ist dennoch erstaunlich. Es [...]
steht ausser Zweifel, dass wir eine Klimaerwärmung erleben. Für mich auch eindeutig CO2 getrieben. Die absoluten Aussagen, dass die Menschheit bei 5 Grad Temperaturerhöhung vor dem Aussterben steht, ist dennoch erstaunlich. Es gab in Äonen gerechnet schon deutlich höhere CO2 Konzentrationen, in den letzte 100 Mio. Jahren bis über 3000 ppm, das sind 0.3%, also acht mal soviel wie heute und das Leben ist prächtig gediehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einem Butterfly Effect getrieben Klima solche Aussagen zu Überlebensmöglichkeiten der Menschheit auch nur annähernd getroffen werden können. Dabei stellt sich auch die grundlegende Frage, wieviel Kohlenstoffträger können noch verbrannt werden. Wir haben in den letzen 40 Jahren eine Zunahme von vielleicht 100 ppm geschafft. 1000 ppm bräuchten dann einen Faktor X länger. Irgendwann ist aber Schluss mit den finanziell tragbaren Kohlenstoffträgern und ich glaube nicht, dass dies noch 200 Jahre dauert. Sicher, es kann nicht ausgeschlossen werden, das es zu verheerenden Auswirkungen kommen wird, aber deswegen aussterben? Nein, das halte ich bei einem der anpassungsfähigsten Lebewesen auf diesem Planeten für ausgeschlossen.
KobiDror 05.08.2018
4. Menschen
Insbesondere Politiker sind nicht in der Lage weitreichend zu planen und zu verstehen was da auf uns alle zukommt. Und wenn sie es doch verstehen, dann interessiert es sie nicht weil die Konsequenzen noch Jahrzehnte entfernt sind. [...]
Insbesondere Politiker sind nicht in der Lage weitreichend zu planen und zu verstehen was da auf uns alle zukommt. Und wenn sie es doch verstehen, dann interessiert es sie nicht weil die Konsequenzen noch Jahrzehnte entfernt sind. Viele der aktuellen Politiker werden 2050 und erst Recht 2100 nicht mehr erleben. Dann sind ihnen auch die Konsequenzen egal. Es betrifft sie ja nicht persönlich. Dass die Menschheit aber mit dem Verhalten sich die Grundlage zum Überleben selbst entzieht begreifen nur wenige. Und diese wenigen haben keine Lobby. Auch ich werde 2100 nicht erleben. Meine Kinder oder Enkel vermutlich schon. Die Frage ist nur: Was ist dann noch übrig...
marthaimschnee 05.08.2018
5. Warum? Ganz einfach!
Weil dagegen zu steuern, radikal wäre, in jeder Hinsicht. Es wäre ein radikaler Eingriff in die Individualität nötig. Vordringlich ginge es um die Begrenzung der Bevölkerungszahl durch eine restriktive Geburtenkontrolle (oder [...]
Weil dagegen zu steuern, radikal wäre, in jeder Hinsicht. Es wäre ein radikaler Eingriff in die Individualität nötig. Vordringlich ginge es um die Begrenzung der Bevölkerungszahl durch eine restriktive Geburtenkontrolle (oder die möglichst lautlose Auslöschung von 4 bis 5 Milliarden Menschen, so wie sie der Schurke in Moonraker). Als nächstes stünde die generelle Gier nach Wachstum und Besitz auf der Agenda. Man braucht nicht sonderlich weit zu gehen um zu erkennen, daß nichts an unserer modernen Existenz kompatibel mit der Rettung einer lebenswerten Umgebung ist. Und darum wird es auch nicht thematisiert, weil ein "Weiter so!" das unbrauchbarste in dieser Hinsicht ist.
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