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Kultur

"König Lear"-Premiere in Hamburg

Als der König seine Krone verlor

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszenierte Shakespeares düstere Tragödie "König Lear" höchstselbst und brachte wieder Edgar Selge auf die Bühne. Dennoch keine One-Man-Show: Das Ensemble war der Star.

Matthias Horn
Von
Samstag, 20.10.2018   14:14 Uhr

Gefangene sind sie alle. Für die neue "König Lear"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus hatte Bühnenmeister Johannes Schütz einen großen schwarz-weißen Kasten bauen lassen, nach hinten verengt, mit ungemütlicher Schrägebene, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ganz wie Franz Kafkas Mausefalle in der "Kleinen Fabel". Wohin man auch läuft, der Tod wartet auf alle. Oder zumindest der Wahn, wie beim alten Lear.

Bühnenstar Edgar Selge in der Titelrolle schleicht als gebrochenes Wrack gebeugt an der weißen Wand entlang, ein Schatten seiner selbst im hellen Licht. Aber das ist nur ein Vorgriff, der Verfall schleicht langsam. Aber so weit sind wird noch nicht. Er ist der König. Noch.

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszenierte Shakespeares dunkle Tragödie von circa 1605 selbst und holte sich dafür den mit 70 Lebensjahren inzwischen auch altersmäßig passenden Bühnenstar Edgar Selge. Mit ihm gelang ihr der bisher größte Coup ihrer Hamburger Zeit in Form der Bühnenbearbeitung von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung": eine sportliche wie theatralische Topleistung, die 2016 der wohl größte Bühnenerfolg in Deutschland wurde.

Räkeln in Society-Fummeln

Der Verfall und geistig-seelische Niedergang des alten Königs Lear, der in eitel-bigotter Selbstverliebtheit von seinen Töchtern gerne hören möchte, wie sehr sie ihn lieben, bevor er ihnen sein Reich übereignet, braucht starke, treibende darstellerische Kräfte. Diese besetzte Karin Beier mit Carlo Ljubek als Tochter Goneril, flankiert von Samuel Weiss als ihre Schwester Regan, die sich besser auf lockere, verlogene Schmeicheleien verstehen als die Jüngste des Trios, Cordelia, die sich angesichts dieses Schwalls an Heuchelei nur zu spröden, aber ehrlichen Worten durchringen kann. Lina Beckmann spielt diese reine Seele mit anrührender Schlichtheit. Dass sie später auch in die aberwitzige Rolle des Narren schlüpft, spricht erneut für das schlüssige Besetzungskonzept Beiers.

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Karin Beiers "König Lear": Selge stark, das Ensemble brilliert

So sehr sich Goneril/Ljubek und Regan/Weiss in zeitlosen Society-Fummeln, "Over The Rainbow" oder gar Händels "Ombra mai fu" singend auf der Bühne räkeln, so sehr gleitet diese Verführung Lears ins Groteske. Ein weiterer effizienter Einfall für den dramaturgischen Fluss in der Düsternis: Ein wenig Comic Relief muss sein. Beim parallel entstehenden Intrigenwirbel im Hause Gloucester abeitet Karin Beier ähnlich.

Überall Wahnsinn

Hier streiten die ungleichen Söhne Edgar/legitimer Sproß (intensiv, naiv: Jan-Peter Kampwirth) und Edmund/unehelich (diabolisch intrigant und wortgewandt: Sandra Gerling) um die Gunst des ebenfalls in Altersstarrsinn abgleitenden Grafen Gloucester (explosiv: Ernst Stötzner) mit erwartbarem Ausgang: Der kalt kalkulierende Edmund sticht mit fingierten Briefen den schlichten Halbbruder mühelos aus, der später auch dem Wahnsinn verfällt. Worte vergiften, verletzen und töten überall.

Als es Lear dämmert, wie zynisch und zielführend er von seinen habgierigen Töchtern Goneril und Regan aufs Kreuz gelegt wurde, hat der weltverzweifelnde Wahnsinn von ihm schon längst schleichend Besitz ergriffen. Edgar Selges Körper greift dem Verfall vor, die einst elegante graue Hose rutscht, wird fleckig, seine Haare stehen buchstäblich zu Berge, er kneift die Augen zusammen, Stück für Stück dringt das Grauen von außen nach innen. Für diesen Todesstrudel auf der Mausefallenbühne benötigt man schon einen Zentrierpunkt wie Selge, der die Blicke bindet und wieder streut: Den Wahnsinn hat er drauf. Dennoch läuft hier alles andere als Routine ab.

Haha, sagte der Clown

Allein Lina Beckmanns Part als Narr, mit dem Lear in die Einöde, in Sturm und Kälte flieht, spiegelt kongenial das Geschehen. Manfred Manns alter Hit "Ha! Ha! Said the Clown" blitzt immer wieder als Leitthema auf. Und Beckmann scheint im Wortsinne wahnwitzig zu übetreiben, sie zuckt und bebt körpersprechend und parodiert mit Gleichnissen und Witzen das irrsinnige Leben, das alle nur verblendet oder zynisch ertragen können.

So wie Sandra Gemling den kalten, intelligent analysierenden Gloucester-Sohn Edmund körperlich und mit schneidender Sprechweise spielt, so wild und verzweifelt verkörpert der Bruder Edgar seinen ureigenen Enttäuschungswahn. Jan-Peter Kampwirth zaubert hier parallel zu Selges Lear noch in seiner Nacktheit eine ergreifende Größe auf die Bühne, die zu einer weiteren großen Triebfeder in Karin Beiers Shakespeare-Kraftwerk wächst.

Intensive Musik

So ist es die große Leistung der dreistündigen Inszenierung, dass hier die Balance aller Schicksale ständig neue Spannung erzeugt, Edgar Selge natürlich als Zentrum wirkt, aber alle anderen keine Satelliten eines Fixsterns sind, sondern ihre Kraft aus sich selbst entfalten. Die sehr abwechslungsreiche Bühnenmusik (Jörg Gollasch) wirkt noch intensiver durch das Pianospiel von Yuko Suzuki, deren Präsenz diesem Atmosphärefaktor eigenes Gewicht verlieh.

Keine Sekunde Langeweile, ein "König Lear", der fordert, aber jederzeit ergreift. Beifall fürs Ensemble, ein einsames "Buh" für die Regie. Aber vielleicht gehörte das ja zur Inszenierung.

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