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Kultur

Leonardo-Auktion

Warum dieses Bild das teuerste der Welt ist

Ein Jesusbild sprengt alle Rekorde: Für mehr als 450 Millionen Dollar hat ein Unbekannter ein Gemälde von Leonardo da Vinci ersteigert. Warum es zum teuersten Werk aller Zeiten wurde.

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Donnerstag, 16.11.2017   17:07 Uhr

Der Käufer soll am Telefon ganz entspannt geklungen haben. "Er wollte das Gemälde unbedingt haben. Aber er blieb ruhig dabei", berichtet Alex Rotter, der das entscheidende Gebot entgegennahm. "Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, um wie viel Geld es ging." Der Spezialist bei Christie's hatte mit dem anonymen Bieter über sagenhafte 400 Millionen Dollar gesprochen.

In New York wurde das Gemälde "Salvator Mundi" versteigert, und inklusive Gebühren muss der neue Besitzer für den Posten 9B von Leonardo da Vinci nun 450.312.500 Dollar bezahlen - das sind etwa 383,6 Millionen Euro. Laut Christie's ist der "Salvator Mundi" nun das teuerste jemals auf der Welt versteigerte Kunstwerk. Den Rekord hatte bisher ein Picasso mit 179 Millionen Dollar gehalten.

Wie kann ein Bild so viel Geld wert sein?

Der "Salvator Mundi" ("Heiland der Welt"), ist ein besonderes Gemälde, das schon einige Jahre die Kunstwelt erregt hatte. Zunächst gibt es nicht viele Bilder von Leonardo da Vinci, denn er war kein besonders produktiver Künstler. Er hat nur wenige Gemälde eigenhändig vollendet, insgesamt sind weniger als 20 Werke bekannt - darunter allerdings eines der bekanntesten Gemälde der Welt, die "Mona Lisa".

Und der "Salvator Mundi" erinnert tatsächlich in Raffinesse und Präsenz an die Figur des berühmtesten Bildes von Leonardo, weshalb er gern "Die männliche Mona Lisa" genannt wird. Experten diskutieren die Modellierung der Hände, die Gestaltung von Haarlocken und Gewandfalten, die suggestive Lichtführung.

Die Anziehungskraft des Bildes gehe außerdem "von der unbeschreiblichen Verbindung des Werkes zu Geschichte und Nachwelt aus", hatte Kunstexpertin Marion Maneker im Vorfeld der Versteigerung gesagt. Es sei interessant für Käufer, die ein eigenes Museum aufmachen wollten und ein zentrales Werk als Publikumsmagnet suchten.

Von Leonardo - oder seinen Schülern?

Dann aber stritten sich die Fachleute jahrelang, ob es sich um einen echten Leonardo handele. Der Leipziger Professor für Kunstgeschichte Frank Zöllner kategorisiert das Bild in seinem Werkverzeichnis als "Werkstattarbeit": Der Entwurf stamme vom Universalgenie selbst, er habe auch an dem Gemälde mitgemalt - es spreche aber einiges dafür, dass einige Teile von seinen Schülern überarbeitet wurden.

Zudem ist die Tätigkeit des Künstlers ab dem Jahr 1500 gut dokumentiert - ein "Salvator Mundi" taucht darin allerdings nicht auf. Christie's war zu einer anderen Einschätzung gekommen und gab Leonardo als Allein-Autor an - was den Preis für den "Salvator Mundi" erheblich erhöhte.

Trotzdem hält Experte Zöllner die Rekord-Auktion für einen großen Schritt für den Kunstmarkt. "Ein stark beschädigtes Gemälde Leonardos, das mit Beteiligung seiner Werkstatt nach 1507 entstanden ist, erzielt einen Rekordpreis, der deutlich höher ist als die Summen, die für Meister der Moderne aufgerufen werden. Das rückt das Preisgefüge zurecht", so Zöllner.

Das Bild wurde auch zu einem Verkaufsrekord, weil Christie's kräftig die Werbetrommel gerührt hatte. Erstmals beschäftigte das Auktionshaus für ein einzelnes Bild eine PR-Agentur. Die Agentur bewarb das Werk als "heiligen Gral der Kunstwelt" und bezeichnete es in einem Werbevideo als den letzten Leonardo in Privatbesitz, der zuvor schon drei Königen gehört habe. Christie's stellte ein Jahr lang den Jesus Christus in Öl nicht nur in New York, sondern auch in Hongkong, London und San Francisco aus. Dort wurde er von fast 27.000 Interessenten besichtigt, darunter Stars wie Leonardo Di Caprio, Patti Smith, Jennifer Lopez.

Zu guter Letzt hat wohl auch das Timing eine Rolle gespielt: Christie's versteigerte den Leonardo in seiner Herbstauktion, die eigentlich für zeitgenössische Kunst gedacht ist, doch dort werden höhere Preise erzielt als bei den Alten Meistern.

Wer auch immer den Leonardo gekauft hat, es wird jemand sein, für den 100 Millionen mehr oder weniger keine große Rolle spielen. Dass ausgerechnet eine Darstellung von Jesus Christus zum teuersten Gemälde aller Zeiten wurde, hat für Kunstkenner Zöllner Symbolwert: "Der Salvator ist das Symbol schlechthin für eine sehr ungleiche Verteilung der Vermögen in der Welt." Niemand weiß, wie viele Menschen dieses Bild in Zukunft zu Gesicht bekommen werden.

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