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Kultur
Ausgabe
54/2018

#MeToo beim SPIEGEL

Wir müssen über Augstein reden

Der SPIEGEL begann als Männerladen, er blieb es jahrzehntelang. Die Herren hatten die Posten, die Macht. Und heute? Wie ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in Zeiten von #MeToo?

DER SPIEGEL

SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein mit Sekretärin Renate Möhring

Von
Mittwoch, 10.10.2018   10:00 Uhr
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Es war in jenen Tagen im Oktober vor einem Jahr, als die ersten Meldungen zum Fall Weinstein aufkamen. Ich führte damals beim SPIEGEL die Geschäfte, so heißt das hier im Haus, wenn der Chefredakteur oder einer seiner Stellvertreter oder eben seine Stellvertreterin das nächste Heft plant, das "Blatt macht" - noch so ein Journalistenbegriff. Der Produzent Harvey Weinstein war ein wichtiger Mann im Filmgeschäft, er war, ein weiteres Jahr zuvor, 2016 also, im amerikanischen Wahlkampf für die Demokraten eingetreten und war somit auch eine politische Figur.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 54/2018
#frauenland
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Wir besprachen an einem Montag in einer Ressortleiterkonferenz, wie wir über die ersten Vorwürfe, Weinstein habe Schauspielerinnen systematisch belästigt, berichten sollten. In den nächsten beiden Tagen wurde die Sache immer größer, also lud ich am Mittwoch in meinem Büro zu einer Konferenz nur zu diesem Thema ein. Wir sprachen über die Verquickung von Sex und Macht. Und dann stellte einer meiner Kollegen diese Frage: "Wenn wir das groß machen, was ist mit dem SPIEGEL, was mit Rudolf Augstein? Wir müssen dann Augstein erwähnen."

Journalismus als Leidenschaft

Wir anderen blickten einander an und wussten sofort, dass der Kollege recht hatte. 2016 ist das Buch unserer früheren Kollegin Irma Nelles erschienen: "Der Herausgeber" handelt vom SPIEGEL-Gründer, langjährigen Chefredakteur und Herausgeber Rudolf Augstein, geboren im Jahr 1923, gestorben im Jahr 2002. Augsteins Leitspruch "Sagen, was ist" hängt in silbrigen Lettern im Atrium unserer SPIEGEL-Zentrale in Hamburg, er ist unser Credo. Und natürlich haben wir alle auch eine Bindung an diesen Mann, den die wenigsten von uns noch näher gekannt haben.

Für ihn war Journalismus Stärkung der Demokratie durch Kontrolle und Kritik, das hat ihn ins Gefängnis gebracht. Er hat im SPIEGEL Bedingungen geschaffen, die es bis heute möglich machen, dass alle Mitarbeiter im Haus ihren Aufgaben leidenschaftlich nachgehen können. Denn Journalismus und alles, was dazugehört, ist eine Leidenschaft, und die hat Augstein verkörpert. Wir sind ihm dankbar dafür, und dennoch wissen wir oder ahnen vielmehr, dass seine Großzügigkeit, seine Leidenschaft auch eine dunkle Seite gehabt hat.

Irma Nelles, die seine persönliche Assistentin gewesen ist, hat dies in ihrem Buchporträt in aller Fairness ausdrücken können: wie groß Augstein denken konnte, wie sehr sie sich von ihm unterstützt gefühlt hat und welche Zumutung er ihr zugleich gewesen ist - das Vorstellungsgespräch im Hotelzimmer, er im Morgenmantel. Avancen, immer wieder. Und da Augstein ein Vorbild gewesen ist, hat er auch die Kultur im Haus bis heute geprägt, und dazu gehört der Umgang zwischen Mann und Frau.

"Wir müssen Augstein erwähnen", ja, das haben wir getan in unserem ersten Artikel über den Fall Weinstein. Es kamen dann viele Artikel über die #MeToo-Bewegung, die in den Wochen und Monaten nach den ersten Berichten über Weinstein entstanden sind, es waren Enthüllungen dabei, auch über andere Medienhäuser. Und so beschlossen wir, dass es im SPIEGEL diesen Artikel über den SPIEGEL geben müsste, darüber, wie Augstein und die Seinen die Unternehmenskultur hier geprägt haben, was geblieben ist davon und was wir heute daraus machen.

Das Haus schwirrt vor Geschichten und Gerüchten. Das Schwimmbad im alten SPIEGEL-Gebäude an der Brandstwiete, bunt ausgestattet im psychedelischen Stil der Sechzigerjahre, auch die Sauna dort sind so sagenumwoben wie die Feste auf den Fluren: Männer, die Frauen ungefragt umarmten, küssten - aber was davon stimmt? Was davon ist nur genährt von den Fotos und Filmszenen jener Sechzigerjahre, der Zeit, in der der SPIEGEL groß geworden ist? Und was davon ist heute da?

Noch immer Anzüglichkeiten beim SPIEGEL

Im Laufe meiner Recherche habe ich Kolleginnen gebeten, mir anonymisierte Berichte zukommenzulassen, über das, was sich heute zuträgt in der gesamten SPIEGEL-Gruppe - der SPIEGEL ist ja im Laufe der Jahrzehnte zu einem multimedialen Unternehmen geworden, mit etwa 1000 Mitarbeitern, SPIEGEL ONLINE, SPIEGEL TV, Außenbüros im In- und Ausland, einer neuen gläsernen Zentrale in der Hamburger HafenCity, die als architektonisches Sinnbild der Gemeinsamkeit und der Transparenz gedacht ist.

In den anonymisierten Berichten lese ich über Praktikantinnen, die von immer wieder denselben Redakteuren nach Dienstschluss in die Bar gebeten werden. Von jungen Kolleginnen, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und sich dann Andeutungen gefallen lassen müssen, dass der Freund ja nichts wissen müsse von Affären. Von zweideutigen nächtlichen SMS, die wiederum junge Frauen hier bekommen. Von Kolleginnen, die an ihrem Schreibtisch erstarren, wenn sich Männer über sie beugen und dann das tun, was die Kolleginnen An-der-Wange-entlang-Hauchen nennen. Von Frauen, die sich ärgern, weil sie den Eindruck haben, ihnen werde mehr auf die Brüste als in die Augen gesehen. Noch mal: Es sind keine Berichte aus früheren Zeiten, es sind Berichte von heute.

Von schweren Übergriffen erfahre ich nichts. Das heißt nicht, dass es sie nicht gegeben hat, es heißt zunächst nur, dass meine Recherche ein anderes erstes Ziel hatte, nämlich zu fragen, inwiefern sich das Verhältnis der Geschlechter zueinander darauf auswirkt, wie Frauen sich im Beruf entwickeln oder eben nicht entwickeln.

Eine Betrachtung von innen nach innen

Außerdem ist dies ja kein im Sinne des SPIEGEL üblicher Text. Hier blickt jemand von innen nach innen. Es ist, als hätte ich mir zur Aufgabe gemacht, Ornithologin und Vogel zugleich zu sein. Die Erzählperspektive zu klären gehört hier unbedingt dazu. Wer ist das, die hier schreibt? Seit 22 Jahren bin ich beim SPIEGEL, er ist Teil meiner Identität.

Dass ich zurzeit noch in der Chefredaktion des Hefts bin, erweist sich für diesen Text als Chance und Grenze zugleich. In meiner derzeitigen Position bin ich einerseits freier, auch Unangenehmes zu benennen, andererseits bin ich allen Kollegen gegenüber zu Loyalität verpflichtet, und zwar gleichermaßen. Das Thema sexuelle Belästigung aufzuarbeiten, das muss von innen, aber auch von außen geschehen.

Die derzeitigen Chefredaktionen und die Geschäftsführung haben eine 30-köpfige Kommission aus SPIEGEL-Mitarbeitern eingesetzt, die Vorschläge machen sollte, wie mit dem Thema #MeToo hier umzugehen sei. Einer der Vorschläge ist bereits umgesetzt worden: Die Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaft wurde mit einer Mitarbeiterbefragung beauftragt. An der Umfrage haben sich 45 Prozent der Belegschaft beteiligt. Die Ergebnisse der Umfrage unter Männern und Frauen liegen seit Juli vor.

SPIEGEL-Leute hätten ein "sensibles Verständnis von sexueller Belästigung" heißt es: "Sie schließen auch unangemessene Witze in ihre Begriffsdefinition mit ein." Im Bundesdurchschnitt werde sexuelle Belästigung deutlich "enger verstanden": "Männer und Frauen teilen in dieser Hinsicht beim SPIEGEL eine ähnliche Auffassung."

Die Befragung ergab unter anderem:

Das komplizierte Geflecht zwischen Mann und Frau lässt sich auch, aber nicht nur in Zahlen ausdrücken. Es ist immer auch gebunden an die jeweilige Zeitgeschichte, die wiederum den Zeitgeist prägt. Was drücken Zahlen aus? Wenn die Studie zu dem Ergebnis kommt, übergriffiges Verhalten sei nahezu ausschließlich bei Männern beobachtet worden, ist das eine ernst zu nehmende Tatsache, die Führung des Hauses hat daraus ihre Schlüsse zu ziehen.

Aber ist darüber hinaus ein anderer Aspekt zu beachten? Wird das Verhalten von Frauen prinzipiell anders wahrgenommen als das Verhalten von Männern? Artikel über weiblichen Machtmissbrauch sind erst in neuerer Zeit häufiger zu lesen, Tenor dieser Texte ist, wie schwer es für Menschen sei, etwas zu erkennen, was sie nicht gewohnt sind zu erkennen.

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Asia Argento: Einigung für 380.000 Dollar

Ein Dilemma der #MeToo-Bewegung, dass die Geschichten, die bisher überwiegen, die von Opfern und Tätern, von gut oder böse, von schwarz oder weiß sind. Was ist mit den vielen Grautönen dazwischen? Mit der systemischen Frage, wie alles mit allem zusammenhängt?

Auch deswegen dieser Text. Der SPIEGEL soll stellvertretend stehen für Systeme, für andere Medienhäuser, für Firmen, für Behörden, Bildungsanstalten, Krankenhäuser, Theater, Filmcrews.

Ein Brief geht raus an ehemalige Kolleginnen und Kollegen mit der Bitte um Gespräche. Annahme: Sie werden freier sein, mit mir zu reden als die noch tätigen Kollegen. Doch es kommen Absagen, vor allem von Männern, vielleicht lag es an dem Moment, an dem ich die Briefe losgeschickt habe: Die #MeToo-Bewegung war fortgeschritten, Männer äußerten sich verstört, fühlten sich unter Generalverdacht gestellt.

Ein Kollege antwortete mir auf meinen Brief: "So etwas macht man nicht." Texte haben ihre Entstehungsgeschichte, das Thema gibt den Ton vor, aus Zusagen und Absagen ergibt sich eine Dramaturgie. Dieser Text blickt nun aus der Sicht einzelner Frauen auf mehr als 70 Jahre SPIEGEL.

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Rudolf Augstein mit Ehefrau Anna-Maria 1972

MARIA RANK - Mitschülerin

Sie war die erste Dokumentarin beim SPIEGEL, hat bald nach dem Krieg das Archiv mitaufgebaut und das miterfunden, was heute und schon lange zum Wesenskern des SPIEGEL gehört: Dokumentare überprüfen die Fakten in den Texten. Der SPIEGEL hat die größte Pressedokumentationsabteilung im europäischen Journalismus.

Heute ist Maria Rank 92 Jahre alt. Das Interview mit ihr ergibt sich zufällig. Sie ist zu Besuch in unserer Redaktion, möchte noch einmal zu Gast sein in unserer Großen Konferenz am Montag, die "Blattkritik" heißt - das neue Heft wird von Gästen oder Kollegen aus dem Haus kritisiert. Maria Rank hat die digitale Ausgabe des neuen Heftes auf ihrem iPad gelesen, es steckt in ihrer Tasche, die an ihrem Rollator hängt.

Nach der Blattkritik gehen wir in die Kantine, Frau Rank bestellt einen Salat. Als am nächsten Tag eine meiner Kolleginnen bei ihr anruft, um zu fragen, ob sie gut wieder zu Hause in Hannover angekommen sei, wird Frau Rank sich entschuldigen, dass sie vor lauter Reden den Salat nicht aufgegessen hat - es gehöre sich doch, aufzuessen.

Augstein redete viel vom Krieg

Sie beginnt die Geschichte von sich und dem SPIEGEL in der Vorkriegszeit. Maria Rank wurde 1926 geboren, drei Jahre nach Rudolf Augstein. Die meisten Lehrer damals waren Kinder des 19. Jahrhunderts, des rigiden Wilhelminismus. 1933 erzählte der Klassenlehrer, es sei jemand ans "Ruder gekommen", der den Versailler Vertrag, mit dem Deutschlands Gegner den Ersten Weltkrieg beendet hatten, rückgängig machen wolle. Maria Rank hat damals nicht verstanden, was das heißt, "ans Ruder kommen". Sie habe sich Hitler als Ruderer vorgestellt.

Die jungen Leute, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg den SPIEGEL gegründet haben - wie Frau Rank zwischen zwei Kriegen geboren -, waren die Jüngsten unter jenen Deutschen, die nie wieder als unschuldig gelten würden. Augstein ist an der Front im Osten gewesen, er war 21 Jahre alt, als er aus dem Krieg zurückkam, und er war 23 Jahre alt, als er 1947 die Lizenz für den SPIEGEL bekam.

Zeitzeugen, die den späten Augstein gekannt haben, den Augstein, der zu viel getrunken hat, sagen, er habe ständig von diesem Krieg geredet. Frau Rank bestätigt das nicht. Wenn die Rede auf den Krieg und den Nationalsozialismus und die Folgen für die frühe SPIEGEL-Zeit kommt, wird sie vorsichtig. Da seien Männer gewesen, "nett und wohlerzogen" - Frau Rank macht eine Pause und sagt dann: "Ich habe nichts gemerkt." In "gewissen Gefilden" seien diese Männer während des Krieges wohl gewesen, das Wort "Nazis" benutzt sie nicht.

Die Perspektive von heute auf damals, sie ist Frau Rank fremd, auch der heutige Blick auf die Männer und Frauen beim SPIEGEL von damals. Sie muss lachen, als sie den Begriff "Männerladen" hört, "das Thema gab es nicht". Natürlich - es habe nur wenige Frauen beim SPIEGEL gegeben, aber es seien halt auch kaum welche gekommen. Es sei doch ganz einfach gewesen: Wer wollte, konnte auftauchen beim SPIEGEL und habe "dazugehört". Sie spricht auch nicht von "Männern" und "Frauen". Sie seien so jung gewesen, "wir waren wie Mitschüler".

Die Liebe war ernst und unschuldig

Die Liebe, so klingt es bei Frau Rank, war eine ernste Sache: Die Männer, auch Augstein, waren früh verheiratet, die Frauen, die heirateten, hörten meist sofort auf zu arbeiten. Die Liebe war zugleich aber auch unschuldig, wie ihre eigene zu einem Kollegen: "Glauben Sie mir, da war fast nichts, das war alles nicht so wie heute."

Hat diese erste SPIEGEL-Generation im Krieg zu früh erwachsen werden müssen und konnte deswegen Großes leisten? Und sind dieselben Leute zugleich Kinder geblieben - Kinder, die spielen wollen?

Frau Rank würde das so nicht sagen. Frau Rank interpretiert nicht, sie erzählt, zum Beispiel diese Szene: Der SPIEGEL war schon von Hannover nach Hamburg gezogen, Augstein konnte sich bereits einen Chauffeur leisten, und der fuhr ihn über den Jungfernstieg. Da habe Augstein sie gesehen, wie sie einen "Bretterwagen" gezogen habe, er sei ausgestiegen, habe sich auf den Bretterwagen gesetzt und sich von ihr in die Redaktion schieben lassen.

Warum sie 1961 beim SPIEGEL aufgehört hat, daran erinnert sich Frau Rank nicht mehr. Ein Kollege aus der Dokumentation findet im Hausarchiv Akten, aus denen sich das Bild einer Frau mit sehr eigenen Vorstellungen ergibt. Der SPIEGEL hat sich, vielleicht genau deswegen, von ihr getrennt. "Es tut mir leid", schreibt der damalige Verlagschef an das "Fräulein Rank", "daß wir mit Ihnen nicht zu Rande kamen".

ARIANE BARTH - die Vertraute

Fahrt zu Ariane Barth. Sie ist seit 2002 nicht mehr beim SPIEGEL. Ariane Barth kam 1967 als Redakteurin ins Haus, sie beschreibt sich selbst als "damals das einzige weibliche Wesen im schreibenden Männerkollektiv". Augstein habe auf sie gezeigt in der ersten Montagskonferenz, in die sie sich, Wochen nachdem sie angefangen hatte, getraut hat zu gehen: "Was sehe ich hier, ich sehe eine Frau." "Na ja", habe sie geantwortet: "In dem Kreis wäre ich auch lieber ein Mann." Alle hätten gelacht, und Augstein habe gesagt: "Das hat ja ein Gutes, dann machen wir keine unanständigen Witze mehr."

Ariane Barth, Jahrgang 1942, in Posen geboren, auf der Flucht aus dem Osten 1945 in Dresden bombardiert, wohnt heute am Deich in einem reetgedeckten Haus, eingerichtet mit Möbeln aus der ganzen Welt. Ihr exzellenter Geschmack, ihre Kreativität sind überall sichtbar. Es ist diesem Haus anzusehen, dass der SPIEGEL ein schönes Leben möglich machen konnte - Reisen, ein gutes Einkommen, das Zutrauen in eigene Ideen.

Ariane Barth weiß nicht mehr, ob wir zuletzt beim Sie oder beim Du waren, sie wird hin und her wechseln im Gespräch. Ihr erster Satz schließt direkt an die Erzählungen von Frau Rank an. "Ich bin erzogen worden in einer bürgerlichen Familie, mit der Vorstellung, dass man unschuldig in die Ehe ging, und wenn man sich hatte hinreißen lassen, sollte man den Mann sofort heiraten. Aus diesem bürgerlichen Milieu stammte auch Augstein. Auf Kuppelei stand Zuchthaus. Man konnte seine Tochter nicht mit einem jungen Mann in der Wohnung ohne Aufsicht lassen. Und dann musst du dir vorstellen, was die 68er-Zeit bedeutete."

Augsteins Flirts als Spiel

68 sei "ein Befreiungsschlag" gewesen: "Man konnte erotische Abenteuer haben, ohne dass man eine Schlampe war, es war einfach toll." Aber eines müsse man verstehen: "Die Zeiten waren zwar sexuell freizügiger geworden, aber trotzdem galten die alten Anstandsregeln." Erst in späteren Zeiten sei der Anstand verloren gegangen, "und deshalb konnten sich die Unmöglichkeiten entwickeln", also das, was #MeToo anprangert: die sexuelle Belästigung. Der Kern des Problems ist für sie "die Missachtung der Humanität und nicht der Sex, bedauerlich der Hauch der Prüderie".

Sie schickt das alles vorweg, damit ich verstehe, wie sie Augstein sieht. Ja, er habe "angefragt", so nennt sie das, "im Laufe seines Lebens sicherlich bei einigen Hundert Frauen, wenn ihm eine besonders gut gefiel, hat er auch noch gefragt, ob sie ihn heiraten will, gern auch, wenn sie gut verheiratet war." Aber das habe erstens nicht geheißen, dass die Frau nicht habe Nein sagen können, und es habe zweitens nicht geheißen, dass es ihm immer ernst damit gewesen sei. "Es war ein Spiel."

Ariane Barth ist eine Vertraute von Augstein geworden: "Es war nicht mein Sex-Appeal, der ihn interessierte, sondern mein Faible für die französischen Strukturalisten. Durch deren Brille sah ich Konstellationen im Haus unter einem Blickwinkel, der ihn oft verblüffte. Wir hatten eine Kopfgeschichte, auch wenn es die Hausfama gern anders gesehen hätte."

Angst der SPIEGEL-Männer vor starken Frauen

Ich verstehe Ariane Barth so, als blicke sie auf Augstein als einen Mann, der in alle Richtungen keine Grenzen gekannt hat. Die ganze Fülle des Lebens habe er auskosten wollen. Zugleich sei er ungeheuer großzügig gewesen, zu sich selbst wie zu vielen anderen. Ariane Barth musste Augstein davon abhalten, "meiner kleinen Tochter einen Wald zu schenken". Als sie hochschwanger um den Kindesvater weinte, habe er sie "mit einer grandiosen Geste getröstet", er wollte die Vaterschaft übernehmen. Sein Schutz habe geholfen, das Verhältnis zu dem eigentlichen Vater zu entspannen.

Sie sagt, Augstein habe Frauen als Gesprächspartnerinnen geschätzt und habe besser verstanden als andere Männer, dass sexuelles Begehren nicht nur eine Sache der Männer ist. 1991 schrieb Ariane Barth eine Titelgeschichte über die Begierde der Frau: "Es hat sich irrsinnig gut verkauft. Es war kein pornografisch aufreizender Text, sondern ein sachliches, eher dröges Stück. Und nach der Veröffentlichung war mein ganzes Zimmer voll von Männern. Die allgemeine Klage war, eine Frau, die Männer überwältige - da könnten Männer doch keinen hochkriegen. Da war also eine Angst vor der aktiven, der überwältigenden Frau."

Ariane Barth würde Augstein immer verteidigen. Dass er Leute, "Frauen ebenso wie Männer", im Bademantel empfing, empfindet sie als "amüsantes Spielen von Häuslichkeit". "Der Bademantel war damals das, was heutzutage die Jogginghose ist. Rock Hudson sieht man in den alten Filmen mit Doris Day im Bademantel. Das war kein erotisches Kleidungsstück. Das war bequem."

Es herrschten Neid und Missgunst

Es könnte hier der Eindruck entstehen, Ariane Barth fehle der Abstand, ihr fehle der kritische Geist. Den aber hat sie. Sie blickt mit Strenge auf sich und das Verhältnis der gleichaltrigen SPIEGEL-Frauen untereinander.

Neid und Missgunst habe geherrscht unter ihnen, der einen wurde Hausverbot erteilt, weil sie auf den Flurfesten beim Wein immer über die andere hergezogen habe. Ich selbst aber habe Ariane Barth in meiner Anfangszeit beim SPIEGEL Mitte der Neunzigerjahre anders erlebt. Sie hat mich freundlich empfangen, mich bestärkt und sich für meine Arbeit, später auch für meine Kinder interessiert.

Ja, sagt sie, das freue sie, dass ich mich auf diese Weise an sie erinnere. Sie habe sich tatsächlich irgendwann so über sich und die Kolleginnen geärgert, dass sie sich in dieser Hinsicht bewusst verändert habe. "Die erste weibliche Ressortleiterin wurde meine Freundin, Männerintrigen haben sie leider schnell wieder abserviert."

Es kamen die Jüngeren nach, der Abstand zwischen den Generationen bewirkte, dass sich die Kultur im Hause änderte, es waren keine "Mitschüler" mehr, wie Frau Rank es genannt hat, die hier ihre vertrauten Spiele spielten, die Jüngeren brachten ihren fremden Blick hinein - und sie waren befremdet, tatsächlich, von dem, was sie hier erlebten.

DPA

SPIEGEL-Hochhaus 1971

DINAH DECKSTEIN - die Angestellte

1982 ist Dinah Deckstein zu ihrem Vorstellungsgespräch beim SPIEGEL erschienen. Sie war zunächst für das Politikressort vorgesehen, arbeitete später im Wirtschaftsressort. Bis heute ist sie Redakteurin "in der Wirtschaft", wie es hier heißt, so unverzichtbar, dass die Kollegen sich das Ressort ohne sie weder vorstellen können noch wollen.

Sie erzählt, wie sie damals Augstein kennenlernen sollte, es war noch die Zeit, in der Augstein endgültig darüber entschied, wer eingestellt wurde. Er empfing sie und den damaligen Politikressortleiter in seinem Haus am Hamburger Leinpfad. Im Bademantel. Am Nachmittag. Seine damalige Lebensgefährtin sei auch da gewesen, er habe sie zur Seite geschubst und sich dann so tief auf dem Sofa niedergelassen, dass er fast heruntergerutscht sei.

"Das musste man akzeptieren in dieser Zeit", sagt Dinah Deckstein heute, "aber für mich ist das immer noch ein Zeichen von Respektlosigkeit. Wenn man nicht krank ist und Besuch bekommt, kann man doch am Nachmittag ordentlich gekleidet sein."

Augstein und der Leiter des Politikressorts hätten über ihren Kopf hinweggeredet. "Wollt ihr schon wieder eine Frau?", habe Augstein den Ressortleiter gefragt. Er spielte auf eine Kollegin an, die bereits im Politikressort tätig war. "Ihr habt doch schon eine. Ihr wollt doch nicht, dass die eine der anderen die Augen auskratzt." Dinah Deckstein wurde aus dem Gespräch entlassen, so erzählt sie es, mit der Information, dass sie den Test bestanden hatte - obwohl sie kaum etwas gesagt hatte.

Frauen galten als nachtragend und weinerlich

Frauen, so habe sie gelernt, galten als schnell beleidigt, nachtragend, weinerlich. Das alles nie und nimmer zu sein, diesen Auftrag habe sie sich selbst gegeben. Bei den Männern beobachtete sie eine "regelrechte Verhaltensunsicherheit. Die hatten kein Muster für den Umgang". Die Verhaltensregeln der Nachkriegszeit, die ein Erbe des Wilhelminismus waren, gingen durch die 68er-Bewegung verloren, neue waren noch nicht gefunden. Sie habe immer nur Hosen getragen, sei nach drei Jahren weg aus der Zentrale und ins Stuttgarter SPIEGEL-Büro gegangen, später nach München.

Wenn sie von heute auf damals blickt, staunt sie über die Fortschritte in der Gleichstellung von Mann und Frau - aber diese Fortschritte seien spät eingetreten, in den vergangenen zehn Jahren. "Man kann die Fortschritte erst ermessen, wenn man weiß, woher man kommt."

1996 habe ich beim SPIEGEL angefangen, Augstein kam noch manchmal in die Konferenzen am Montag, der Raum erstarrte jedes Mal vor Ehrfurcht. Augstein wirkte, als bedauerte er das, als sehne er sich nach den alten Mitschüler-Zeiten zurück.

Nochmal wie Mitschüler fühlen

Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1998 lud er alle Mitarbeiter zu einem Fest im Zelt ein, sang "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten", und die Gäste verwandelten sich für diesen Moment tatsächlich in eine Schar Mitschüler. Wir glühten vor Rührung und vor Stolz auf diesen Mann, der uns sein fantastisches Lebenswerk hinterließ und zugleich ein freier Mensch geblieben war.

Ein Jahr zuvor aber hatte es ein großes Fest zum 50. Geburtstag des SPIEGEL gegeben, eine Begebenheit machte bald die Runde: Augstein habe sich gegenüber der Frau eines Kollegen so anzüglich, so unmöglich verhalten, dass sie das Fest verlassen habe. Zu jener Zeit wurde ich gefragt, ob ich Augstein vorlesen möge, seine Augen waren schlecht geworden. Ich lehnte ab. Ich hätte ihn gern kennengelernt und ihm auch gern vorgelesen, aber er war ein mächtiger Mann - nichts wäre mehr als meine eigene Leistung angesehen worden, mir wäre seine Protektion unterstellt worden, und das wollte ich nicht.

Die Trauerfeier für Augstein im Hamburger Michel 2002 war das Ende des alten SPIEGEL, der ganz auf den einen Patriarchen ausgerichtet war. Mit seinem Tod erodierte diese Machtstruktur, die sich einerseits überlebt, andererseits für Klarheit und Halt gesorgt hatte. Bis heute gibt es im Haus eine diffuse, fast kindliche Sehnsucht nach dem einen Mann, der alles richtet, denn es ist immer leichter, die Verantwortung bei einem anderen zu suchen und nicht bei sich selbst, am eigenen Platz - nur so viel hierzu: Gut ist das nicht. Ob Frauen überhaupt schreiben können, dieser Zweifel waberte durch die Flure in meinen ersten Jahren beim SPIEGEL, mal in scherzhaftem Ton, mal in ernsthaftem. Es hat mich verunsichert, mich um Jahre zurückgeworfen in dem, was ich dem SPIEGEL hätte sein können.

Auch die Texte von Männern wurden scharf angeschaut, wirklich jeder Text, jede Zeile. Auch Männer litten unter diesen ständigen Urteilen. Ein viel älterer Kollege, ein Star beim SPIEGEL, erzählte mir einmal, wie er sich in seinen ersten Jahren unten auf die Treppe zum Wasser gesetzt und geweint habe. Der SPIEGEL, so hieß es, sei die "Soldateska" des Journalismus. Übersetzt heißt Soldateska: rohes Kriegsvolk. Nicht jeder ist gern im Krieg. Ohne das Leid der Männer gering bewerten zu wollen, kam für Frauen die prinzipielle Skepsis über ihr Können eben noch dazu.

Skepsis der Informanten gegenüber Frauen

Die Skepsis kam zudem von außen. Wenn Informanten anriefen, konnte es passieren, dass sie darauf bestanden, einen Mann zu sprechen, auch wenn sie die Expertin am Telefon hatten. Wenn ein Redakteur und eine Redakteurin zu SPIEGEL-Gesprächen fuhren, konnte es vorkommen, dass ihr Gesprächspartner ausschließlich bereit war, auf die Fragen des Mannes zu antworten.

Einmal fuhren eine Kollegin und ein Kollege gemeinsam zu einem Gespräch, die Frau stellte die kritischeren Fragen, der Gesprächspartner antwortete aber nur dem Kollegen, mit der Begründung, die Frequenz der weiblichen Stimme sei zu hoch, er verstehe sie akustisch nicht. Entsetzt über den Verlauf dieses Gesprächs hat sich mir gegenüber der Mann geäußert, nicht die Frau. Für sie war eine solche Erfahrung nicht neu.

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SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein 1975 in seinem Büro

Heute blicke ich befremdet auf meine ersten Texte im SPIEGEL. Die wenigsten Autorinnen und Autoren durften ihre Artikel mit Namen zeichnen, der Ton war noch einheitlich und schnittig. Das hatte in der Gründungszeit des Hauses seine Funktion gehabt, es war richtig gewesen, unerbittlich gegen Restaurationsmomente der Adenauer-Zeit vorzugehen, der böse Geist des Nationalsozialismus war lange noch da, er musste weg.

Meine Generation der um die 50-Jährigen ist zwar noch verfangen gewesen in der fatalen Kette aus Wilhelminismus - Erster Weltkrieg - Nationalsozialismus - Zweiter Weltkrieg - Kalter Krieg, wir sind in einem geteilten Land aufgewachsen, einer Zeit der Ideologien, haben dann aber die deutsche Einheit erlebt und die Digitalisierung und Globalisierung mitgestaltet. Wir haben erfahren, dass Geschichte sich zum Guten hinwenden kann, sich aber alles immer rasanter und umfassender verändert. Somit sind unsere Gewissheiten wandelbare Größen.

Gegensätzliches kann stimmen

Unsere Erfahrung ist die, dass auch Gegensätzliches stimmen kann. Es gibt zwar die Lüge, und die Lüge ist falsch, auch die diplomatische Lüge ist falsch, und Lügen offenzulegen, das wird immer der Auftrag investigativen Journalismus sein. Aber jenseits der Lüge ergibt sich heute ein vielfältiges Spektrum an Wahrheiten. Es gibt unveräußerliche Wahrheiten, durchaus, aber eben nicht nur eine. Das genaue Hinsehen wird bleiben, aber es kann nicht mehr nur den einen Ton, die eine Sprachhaltung geben.

Und vielleicht lag die Irritation, die beim SPIEGEL von Frauen ausging, genau hier. Ende der Neunzigerjahre waren wir Frauen als Gruppe zu klein, um selbstverständlich zu sein, aber zu groß, um nicht als das wahrgenommen zu werden, was wir ohne eigenes Zutun waren. Unsere schiere biologische Andersartigkeit hat das einheitliche Bild gesprengt. Wir waren Vorboten einer Zeit, deren Kernbegriff die Vielfalt sein würde.

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Gleichberechtigung: Zwölf Frauen haben wir gefragt: Wie modern ist dieses Land?

Insofern mag sich im prinzipiellen Zweifel über unser Können, in der permanenten Bewertung von allen Aspekten unseres Aussehens (über eine Kollegin hieß es, sie könne nicht schreiben, aber ihr Po sei so schön rund), in den Anzüglichkeiten, den Belästigungen eines ausgedrückt haben: Angst.

Angst vor dieser neuen Zeit, die für Männer zwar Gewinne, aber eben auch Verluste mit sich bringen würde. Und weil Angst zwar ein starkes Gefühl ist, das stärkste überhaupt, sie zu haben aber nicht als Ausdruck der Stärke gilt, koppelte sich die Angst an Gesten der Macht. Mit der Zeit ist der Ton im SPIEGEL vielfältiger geworden; seinen eigenen zu finden war irgendwann sogar erwünscht, und so wurden die Dinge leichter, auch dadurch, dass Kolleginnen zusammenhielten.

Viele Männer, korrektes Verhalten

Es waren zwar zu viele Männer, die ihre Sprüche klopften, als dass es die Atmosphäre nicht geprägt hätte, die meisten Kollegen aber verhielten sich anständig, im besten Sinne kollegial, freundschaftlich. Das gehört zum Bild dazu. Wir gingen gemeinsam in die Kantine, Tag für Tag, wir reisten zusammen, wir saßen bis in die Nächte an Texten. Wir hatten gemeinsame Probleme jenseits der Gleichstellungsfrage. Es war eine schwierige Zeit, es war eine schöne Zeit, beides ist wahr.

Es dauerte zwar dann noch lange, bis Frauen Führungspositionen übernahmen, doch nun ist es so weit. In diesem Jahr ist der SPIEGEL vom Verein Pro Quote, der über die Gleichstellung in Medienhäusern wacht, zum Sieger unter den Print-Leitmedien gekürt worden. Frauen werden inzwischen schwanger zu Ressortleiterinnen berufen, das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist aber ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, wie lange es für Frauen hier kaum vorstellbar gewesen ist, überhaupt schwanger zu werden, nicht nur wegen der Atmosphäre beim SPIEGEL, sondern auch wegen der desaströsen Betreuungslage für Kinder bis vor gar nicht so langer Zeit in Deutschland. Frauen kehren inzwischen nach längeren Elternzeiten wieder auf Führungsposten zurück. All das ist normal geworden. Und es ist richtig.

Natürlich muss das andere ebenfalls möglich sein und normal werden: dass Frauen und Männer nach der Elternzeit nicht mehr auf Führungsposten zurückkehren. Auch wenn es ein Ziel sein sollte, sind die Erfordernisse des Arbeitgebers nicht immer in Einklang zu bringen mit persönlichen Bedürfnissen und Notwendigkeiten.

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SPIEGEL-Verlag 2004

Denn worum geht es, wenn ein Unternehmen wie der SPIEGEL auf Gleichstellung zielt? Erstens geht es um Glaubwürdigkeit. Wir handeln mit Werten. Wir geben unseren Leserinnen und Lesern zu verstehen, dass wir uns immer noch als das "Sturmgeschütz der Demokratie" verstehen, und Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes schreibt die Gleichstellung von Mann und Frau vor. Unsere Leitsprüche "Sagen, was ist" und "Keine Angst vor der Wahrheit" müssen wir auch auf uns anwenden und auf das Produkt, das wir herstellen.

Zugleich möchte der SPIEGEL wirtschaftlich unabhängig bleiben. Wir glauben, dass das die beste Voraussetzung für unabhängigen Journalismus ist. Wir müssen ökonomisch erfolgreich sein, Leserinnen und Leser zugleich ansprechen. Auf SPIEGEL+, unserem neuen digitalen Bezahlangebot auf SPIEGEL ONLINE, mit dem der Erfolg einzelner Artikel zu messen ist, hat sich zuletzt gezeigt, dass Artikel von Frauen besonders gern gelesen werden. Es geht also um Werte und um Ökonomie.

Grenzen des Sagbaren werden enger

Alles ist gut? Nein. Die Ergebnisse der Mitarbeiterstudie und das, was junge Kolleginnen heute anonym berichten, zeigt, dass es noch nicht gut ist. Und noch etwas kommt hinzu: Es heißt, neue Tabus hätten sich ergeben, die Grenzen des Sagbaren würden enger, gerade über Frauen oder gegen Frauen lasse sich offen jedenfalls nichts mehr sagen.

"Sagen, was ist", Rudolf Augsteins Credo - ist es in Gefahr? Wir sind zu viert in der Chefredaktion des Heftes gewesen, drei Männer, eine Frau, also ich. Wir sind unter der Woche kaum je zu Hause gewesen, wir haben gelebt im SPIEGEL, und wir hätten das nun wirklich nicht ausgehalten, wenn wir nicht ständig Witze übereinander gemacht hätten.

Wir haben uns auch kritisiert. Wer handelt, macht Fehler, das ist normal, aber Fehler zu wiederholen, das sollte man vermeiden: also Kritik. Überhaupt ist das ja Journalismus: Kritik. Aber die Basis von allem, übrigens auch die Basis von Journalismus, sollte Respekt sein. Immer. Und wenn Respekt füreinander da ist, dann ist alles sagbar. Bei uns im Team ging es, also geht es auch generell: Witze, Kritik und Respekt.

Der SPIEGEL wird sich im nächsten Jahr eine neue Betriebsstruktur geben, die Redaktionen des Heftes und von SPIEGEL ONLINE werden zusammengelegt, das ist schon lange ein Ziel. Eine neue Chefredaktion wird Anfang nächsten Jahres antreten. Das ist verkündet worden, einen Tag nachdem Maria Rank, die 92-jährige frühere SPIEGEL-Dokumentarin, uns hier im Haus besucht hat. Wir standen gemeinsam am Empfang, Klaus Brinkbäumer, der Chefredakteur, Frau Rank und ich.

Wandel braucht Zeit

Klaus Brinkbäumer stellte mich Frau Rank als erste Frau in der Chefredaktion in der Geschichte des SPIEGEL vor. Frau Rank sah mich überrascht an, so als bekomme sie einen Schreck, dann erzählte sie, wie Rudolf Augstein sie bei einer Feier beim Tanz gefragt habe, ob sie seine Assistentin werden wollte: "Ich habe mir das nicht zugetraut."

Auch ich habe einen großen Schreck bekommen, als mir meine jetzige Position angeboten wurde. Natürlich habe ich mich selbst gefragt, ob mir das überhaupt zuzutrauen ist. Doch beim SPIEGEL habe ich gelernt, dass Zweifel gar nicht schlecht sind. Zweifel sind der Ausgangspunkt von Journalismus. Das prinzipielle Zutrauen aber in sich und vor allem in andere, das sollte davon nicht beschädigt werden. Wir Frauen beim SPIEGEL haben dem SPIEGEL zugetraut, den Wandel zu schaffen.

Wandel braucht Zeit. Ungeduld ist verständlich, wenn die Dinge so klar sind - warum sie nicht von hier auf jetzt ändern? Leider funktioniert das nicht. Menschen agieren aus ihren Erfahrungen heraus, immer. Und erst auf der Grundlage der Erfahrung, dass der Wandel Gutes mit sich bringt, ist Fortschritt möglich. Zweifel gehören dazu und Kritik und: "Sagen, was ist."

insgesamt 126 Beiträge
tillburkhardt 10.10.2018
1. Grautöne...
Danke für diesen offenen und wichtigen Artikel! Und an meine lieben "Mit-Männer", die da debattieren und relativeren und hinterfragen und abtun..: es gibt eine meiner Ansicht nach relativ einfache Faustregel, stell Dir [...]
Danke für diesen offenen und wichtigen Artikel! Und an meine lieben "Mit-Männer", die da debattieren und relativeren und hinterfragen und abtun..: es gibt eine meiner Ansicht nach relativ einfache Faustregel, stell Dir vor es ist Deine Frau, Deine Mama oder Deine Tochter und denk noch mal über den Witz, die Berührung, das "an-der-Wange-hauchen" nach und lass es dann einfach sein!
henryboehm 10.10.2018
2. solange wir (maenner) dachten
das wir die emanzipation steuern haben uns "vorlaute frauen" noch amuesiert. gut das es jetzt um die macht, um die ressourcen, die posten geht. gut das frau nicht mehr ueber unsere altherrenwitze lachen muss.
das wir die emanzipation steuern haben uns "vorlaute frauen" noch amuesiert. gut das es jetzt um die macht, um die ressourcen, die posten geht. gut das frau nicht mehr ueber unsere altherrenwitze lachen muss.
Bondurant 10.10.2018
3. das
68 sei "ein Befreiungsschlag" gewesen: "Man konnte erotische Abenteuer haben, ohne dass man eine Schlampe war, es war einfach toll." Aber eines müsse man verstehen: "Die Zeiten waren zwar sexuell [...]
68 sei "ein Befreiungsschlag" gewesen: "Man konnte erotische Abenteuer haben, ohne dass man eine Schlampe war, es war einfach toll." Aber eines müsse man verstehen: "Die Zeiten waren zwar sexuell freizügiger geworden, aber *trotzdem galten die alten Anstandsregeln*." Erst in späteren Zeiten sei der Anstand verloren gegangen, "und deshalb konnten sich die Unmöglichkeiten entwickeln", also das, was #MeToo anprangert: die sexuelle Belästigung. ist interessant und das habe ich noch über '68 noch nie gehört. Aber es ergibt Sinn, dank dafür.
Lutz2344 10.10.2018
4. Schade nur ...
... das so ein Thema von Frauen thematisiert wird und nicht mal ein Mann in der Redaktion die Recherche aktiv angegangen ist. Da scheint es so, als ob das für die Männer in der Redaktion kein Thema ist?
... das so ein Thema von Frauen thematisiert wird und nicht mal ein Mann in der Redaktion die Recherche aktiv angegangen ist. Da scheint es so, als ob das für die Männer in der Redaktion kein Thema ist?
Bondurant 10.10.2018
5. Absurd
wieso sollte sich ein Mann so etwas vorstellen, wenn er auf eine potenzielle Sexualpartnerin trifft (und für Heteros ist praktisch jede Frau eine potenzielle Sexualpartnerin, da liegt ja die Basis des Problems).
Zitat von tillburkhardtDanke für diesen offenen und wichtigen Artikel! Und an meine lieben "Mit-Männer", die da debattieren und relativeren und hinterfragen und abtun..: es gibt eine meiner Ansicht nach relativ einfache Faustregel, stell Dir vor es ist Deine Frau, Deine Mama oder Deine Tochter und denk noch mal über den Witz, die Berührung, das "an-der-Wange-hauchen" nach und lass es dann einfach sein!
wieso sollte sich ein Mann so etwas vorstellen, wenn er auf eine potenzielle Sexualpartnerin trifft (und für Heteros ist praktisch jede Frau eine potenzielle Sexualpartnerin, da liegt ja die Basis des Problems).
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