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Kultur

Sexismusdebatte in Frankreich

#moiaussi

Prominente Frauen um Catherine Deneuve beschreiben männliche Aggression als "unentbehrlich für die sexuelle Freiheit". Feministische Gruppen rufen zu Widerstand auf. Wo steht die #MeToo-Debatte in Frankreich?

AFP

Demonstrantin in Paris 2016: "ekelhafte patriarchalische Gesellschaft"

Von , Paris
Mittwoch, 10.01.2018   17:18 Uhr

Laurence Rossignol, ehemalige Ministerin für Frauenrechte, bedauerte bei den Schreiberinnen die "merkwürdige Furcht, ohne den Blick und die Begehrlichkeit der Männer nicht mehr zu existieren." Sie führe dazu, dass intelligente Frauen riesige Dummheiten verfassen." Nach einer Erklärung, mit der sich die Schauspielerin Catherine Deneuve gemeinsam mit Autorinnen wie Catherine Millet oder Catherine Robbe-Grillet und Sängerinnen wie der deutschen Ingrid Caven in der Tageszeitung " Le Monde" gegen die #MeToo-Bewegung ausgesprochen hat, ist die Sexismusdebatte in Frankreich wieder neu entfacht.

In dem Brief spricht Deneuve gemeinsam mit insgesamt rund 100 weiteren Frauen Männern das "Recht auf Aufdringlichkeit" zu. Es drohe eine Rückkehr des "Puritanismus", beklagen sie und sehen einen Feminismus auf dem Vormarsch, "mit dem hasserfüllten Gesicht gegen Männer und die Sexualität." Und weiter: "Die Vergewaltigung ist eine Straftat, aber die aufdringliche Anmache ist ebenso wenig ein Delikt wie die Galanterie eine Macho-Aggression. Wir sind heute ausreichend erfahren, um zuzugeben, dass der sexuelle Trieb von Natur aus offensiv und wild ist. Und wir sind scharfsichtig genug, um nicht ungeschicktes Flirten mit sexuellen Übergriffen zu verwechseln."

AFP

Catherine Deneuve: "Recht auf Aufdringlichkeit"

Dem Text folgte ein Aufschrei feministischer Gruppen. "Empörend", rügt der Verband "Osez le féminisme" (Feminismus wagen) das Traktat, die Aktivistin Caroline de Haas wertete ihn als Versuch, das Recht auf "sexuelle Aggression gegen Frauen zu verteidigen".

Und die "Gruppe F, Aktionen gegen Gewalt" sezierte die Argumentation von Deneuve und Co. gleich komplett: "Der 'Le Monde'-Text spricht von der Erziehung der jungen Mädchen und davon, dass sie sich nicht einschüchtern lassen sollen. Den Frauen wird damit die Verantwortung zugeschoben, sich nicht angreifen zu lassen. Wann wird man den Männern die Verantwortung geben, nicht zu vergewaltigen oder zu attackieren?" Und zu der Befürchtung, nicht mehr flirten zu dürfen, schreiben die Aktivistinnen: "Hier wird vorsätzlich die Beziehung des Verführens, bestimmt von Respekt und Gefallen, mit Gewalt vermischt." Und: "Gewalttätigkeiten sind keine gesteigerte Form der Verführung'".

Die Enthüllungen in den USA um Harvey Weinstein hatten in den vergangenen Monaten unter #moiaussi oder #balancetonporc (Etwa: "Entlarve dein Schwein") auch in Frankreich für breites Echo und Frauensolidarität, aber auch für kontroverse Auseinandersetzungen gesorgt.

Einerseits demonstrierten Tausende Ende Oktober auf dem Place de la Republique gegen sexuelle Gewalt. Auch Präsidentengattin Brigitte Macron zeigte sich solidarisch und forderte ihrer Mitbürgerinnen auf "das Schweigen zu brechen". Und Marlène Schapira, Staatsekretärin für die Gleichstellung von Frauen und Männern, kündigte ein Gesetz gegen sexuelle Gewalt mit "angemessenen rechtlichen und gesellschaftlichen Sanktionen" an.

Andererseits hatte sich aber etwa Catherine Deneuve bereits für Roman Polanski eingesetzt, als im März Feministinnen vor der Pariser Cinémathèque gegen eine Retrospektive des US-Regisseurs protestierten. Gegen Polanski läuft in den USA seit Jahrzehnten ein Verfahren, weil er 1977 Sex mit einer Minderjährigen hatte; zuletzt gab es neue Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn.

Vermutlich gehören Diskussionen und so auch reaktionäre Backlashs zu dem gesellschaftlichen Diskurs um strukturellen Sexismus und sexuelle Übergriffe dazu - in jeder Gesellschaft. Unabhängig von dieser Aushandlung zeigen die harten Zahlen in Frankreich, dass auf jeden Fall dringender Handlungsbedarf besteht: 2016 wurden in Frankreich 123 Frauen durch ihre Partner getötet, täglich werden landesweit 46 Vergewaltigungen bei der Justiz gemeldet. Eine von acht Frauen wurde Opfer einer Vergewaltigung oder eines Vergewaltigungsversuchs - wobei nur in zehn Prozent der Anklagen eine Verurteilung erfolgt.

91 Prozent aller Franzosen betrachten sexuelle Belästigungen als "wichtiges Problem". Und jede zweite Französin, so eine jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Odoxa für die Zeitung "Le Figaro", wurde bereits Opfer von Belästigungen oder sexueller Gewalt.

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