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Kultur

Münchner Kammerspiele

Emanzen auf der Erbse

1968 sorgte Peter Steins "Viet Nam Diskurs" an den Kammerspielen für einen Eklat. Fünfzig Jahre später erinnert Regisseurin Leonie Böhm daran - und schwankt in "1968" zwischen Slapstick und Agitation.

Julian Baumann
Von
Freitag, 09.02.2018   13:07 Uhr

"Niemand wird bezweifeln, dass 1968 etwas bedeutet", heißt es einmal lapidar in Heinz Budes neuem Buch "Adorno für Ruinenkinder" über die revolutionären Ereignisse vor 50 Jahren, die vielleicht doch nur eine "coole Revolte" waren? Nur - welche Bedeutung hat diese Jahreszahl heute noch? Bude meint, sie sei nach wie vor ein begehrtes Gut, was "von den Kritikern und den Feinden der 68er im Negativen nur bestätigt wird". Aber mit dem, könnte man hinzufügen, die übrig gebliebenen Sympathisanten und nachgeborenen Freunde heute kaum noch etwas anfangen können.

Und wenn sie sich doch aufraffen, wie jetzt die Münchner Kammerspiele, die ein "Spektakel" mit dem Titel "1968" ankündigten, halten sie sich nicht lange bei Theorien und schon gar nicht bei Adorno auf. Dann sinnieren sie nicht über Autonomie, Denkfreiheit und Widerstandsgeist, über Muff und Talare, über Mai '68 und die Folgen - nein, dann wollen sie feiern, dass da mal was war - einen bunten "Kessel Aufstand" aufmachen im Gedenken an die alten Zeiten, die sie nur aus Geschichtsbüchern kennen. Denn nur einer der knapp 20 Akteure, die sich an diesem Abend an der Bühnensause beteiligten, war 1968 schon auf der Welt (Schauspieler Stefan Merki hatte allerdings auch erst zwei Jährchen auf dem Buckel). Das schloss von vornherein eine Nostalgieshow mit Erzählungen vom roten Großvater und Schauermärchen vom Barrikadenstürmer aus.

Höchst wandelbare Kulissenspielerei

Stattdessen versuchte man es stilecht mit einer Art "Besetzung der Kammerspiele". Die darf man sich nicht so vorstellen wie kürzlich das Entern der Berliner Volksbühne: In München geht das gesitteter vor sich. Man zahlt Eintritt und findet sich in einem Theaterraum wieder, in dem die Stühle ein wenig vom Parkett auf die Bühne verschoben wurden ("Freie Platzwahl" ist eben auch ein Hauch Freiheit), und in dem große, aufgeblasene Kissen herumliegen. Die gehören zum Ausstattungskonzept des Berliner "raumlabors" und erweisen sich im Verlauf als höchst wandelbare Kulissenspielerei, sind mal sanfte Ruhemöbel, mal ballernde Panzer, stören das (soziale) Gleichgewicht und dienen als Projektionsfläche, auf der irgendwann Elfriede Jelinek minutenlang und ziemlich gesichtszerknautscht aus ihren Werken liest. Ohne Ton, als gelte ihr Wort nicht mehr.

Solche Kapriolen, deren Sinn einem nicht immer aufgeht, gibt es zuhauf in München, wo man sich nach knapp einer Stunde schon so wohl fühlt wie auf einer spontanen WG-Party: Kinder tollen herum, Bier wird gereicht - Nudelsalat nicht - und die Erwachsenen haben sogar ein paar nette Gesellschaftsspiele mitgebracht. Durch die offenen Reihen schlurfen aber erst mal zwei Unsinn brabbelnde Öko-Schlaffis und gebärden sich als eher peinliches Ergebnis politischer Aufklärungsarbeit. Später schweben vier Damen vom Himmel herab, schrill gewandet wie Punk-Prinzessinnen und maulig wie Emanzen auf der Erbse, und beginnen mit einer öden Verlosung von binsenweisen Toleranzfloskeln, bei der es nichts zu gewinnen gibt, außer einem Hammerschlag auf die Macho-Birne.

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"1968": Elfriede Jelinek liest ohne Ton

Faschistische Autorität in den Hirnen

Zwischen lustiger Polsterschlacht und gewaltigem Wortgeknatter, Schlagersound und Wabernebel versuchen in dieser blumig-wirren Revolutions-Revue dann allerdings doch noch einige Akteure den Anschluss an den alten "68er" zu bekommen. Anna-Sophie Mahler konzentriert sich in einer kühnen Text-Film-Musik-Collage auf das gestörte Verhältnis der Studenten zu ihren Vätern, denen aus der Nazi-Zeit noch der Dreck an den Stiefeln und die faschistische Autorität in den Hirnen klebte. Die deutsch-ivorische Gruppe "Gintersdorf/Klassen" kramt Frantz Fanon aus dem verstaubten Bücherschrank und entdeckt die Aktualität der "Verdammten dieser Erde"; die Dekolonialisierung ging schief, Europas Erfindung der Menschlichkeit ist gescheitert, und auf einmal ruft das ganze Theater wie aus einem Mund: "Ich werde immer ein genozidales Monster sein." Selbstbezichtigung statt Publikumsbeschimpfung.

Das klingt zwar auch ein bisschen albern und aufgesetzt, aber man freut sich gleichwohl, dass hier überhaupt einmal der politische, kritische, provozierende Faden aufgenommen wird und so etwas Ähnliches wie eine Haltung zu verkramten Thesen zum Vorschein kommt (den theoretischen Überbau muss man sich ohnehin aus einem dicken Reader und einer Reihe Zusatzveranstaltungen zusammenbasteln). Es geht dann noch um Selbstverbrennungen in osteuropäischen Staaten, um das Massaker in Mexiko kurz vor den Olympischen Spielen, es werden flammende Menschenrechts-Manifeste verlesen, Diktaturen des Glücks angeprangert, bis endlich auch die empörte Sprachlosigkeit von einem Orkan aus der Staubsaugerdüse verblasen wird.

Die Revolution hat ihre Enkelkinder verlassen

Das ganze Unternehmen, ersonnen von Johanna Höhmann und Tarun Kade und gespielt von hauseigenen Schauspielern und internationalen Teams, krankt letztlich aber daran: "Grotesk ist es, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht mehr hier sind", wie es einmal in Anna-Sophie Mahlers Text heißt. Denn tatsächlich hat dieses theatralische "1968" mit dem legendären Jahr 1968 so viel zu tun wie die RAF mit gewaltfreiem Widerstand oder der Klassenkampf mit einer Schulbalgerei. Die Revolution hat ihre Enkelkinder verlassen. Aus der erst 50 Jahre alten Idee, "nicht das Ganze zu begreifen oder die Welt zu verändern", wie Bude schreibt, "sondern seinem Sehnen nach Weite, Überschreitung und Metamorphose Ausdruck zu verleihen," wird in München ein launischer Balanceakt zwischen Slapstick und bemühter Agitation, der eher in die Enge strebt und harmlos im Rahmen bleibt.

Und das ausgerechnet hier, in den Kammerspielen, wo im Sommer 1968 Unerhörtes über dieselbe Bühne ging: Peter Stein hatte "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss inszeniert. Nach der Vorstellung sammelten die Schauspieler Geld für Waffenspenden für den Vietcong. Es kam zum Skandal und zur Absetzung der Inszenierung. August Everding, der damalige Intendant, solidarisierte sich mit seinen Künstlern und sagte: "Der Kern unseres Theaters ist Diskussion." Heute ruft da schon mal eher jemand von der Bühne herab, ob noch irgendwer ein Sitzkissen braucht.


"1968", Münchner Kammerspiele, 11., 12., 17.-20.2 und 12-14. März, jeweils 20 Uhr

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