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Kultur

Konzeptkünstler Yoshinori Niwa

Hitler loswerden

Ein japanischer Künstler ermuntert Bürger in Österreich, private Nazi-Reliquien in einem Container zu entsorgen. Seine Kunstaktion kommt nicht bei jedem gut an.

Yoshinori Niwa/ Yelena Maksutay
Von Elinor Charlotte Lazar
Donnerstag, 27.09.2018   11:55 Uhr

In vielen Haushalten sind noch Spuren zu finden vom Nationalsozialismus. Eine alte Postkarte oder ein vergilbtes Foto zum Beispiel, vielleicht ein Kleidungsstück oder eine Originalausgabe von "Mein Kampf" - Relikte aus einer dunklen Zeit, Erbstücke, die ihre Besitzer in die hinterste Ecke des Dachbodens schieben, aber doch nicht entsorgen.

Seit zwei Monaten bietet nun der japanische Künstler Yoshinori Niwa über eine Anzeige Soforthilfe für Besitzer hinterlassener Nazi-Relikte an. Wer sich meldet, kann sich entweder von Niwa zu Hause besuchen lassen oder die Erinnerungsstücke in einen Container am Grazer Hauptplatz werfen. "Withdrawing Hitler from a private space" heißt diese Aktion, die Teil des Kunstfestivals "Steirischer Herbst" ist.

Ausgerechnet am ehemaligen "Adolf Hitler Platz" in Graz steht ein schwarzer Altkleidercontainer, der Passanten irritieren und zum Nachdenken bringen soll. Für Niwa ist das eine wichtige Aufgabe. "Da es illegal ist, Nazi-Überbleibsel öffentlich zu zeigen, sieht man von ihnen nichts mehr auf den Straßen. Ich habe aber erfahren, dass es im Privaten noch ganz anders aussieht."

Fotostrecke

"Withdrawing Hitler": Sammelstelle für Nazi-Erbstücke

Seit 2016 lebt Yoshinori Niwa in Wien. Gerade weil er als japanischer Künstler von außen auf Österreich schaut, kann er sich an ein solches Projekt heranwagen. "Niemand kennt die Realität dieser Zeit. Bald sind alle Zeitzeugen tot. Menschen aus meiner Generation kennen diese Realität nicht, es wird Zeit, dass sich die jüngere Generation wieder mit der älteren auseinandersetzt."

Vergangenheitsbewältigung mit Container

Niwas schwarzer Container solle den Unwillen der Menschen symbolisieren, über die Vergangenheit ihrer Familien zu sprechen. "Niemand kennt das Innere des Containers, er ist wie eine Black Box." Die gespendeten Memorabilien bleiben für die Öffentlichkeit unsichtbar. Jeden Tag wird der Container geleert, und die Inhalte werden gesammelt, um dann am Ende des Festivals am 14. Oktober vernichtet zu werden. "Die Landespolizei drängte mich, zwang mich fast schon dazu, das Projekt so zu beenden. Ursprünglich hatte ich geplant, die Menschen selbst entscheiden zu lassen, ob sie sich endgültig davon trennen wollen."

Deswegen ist der zweite Teil seines Projektes für Niwa auch der wichtigere: Parallel zur Sammelaktion führt er gemeinsam mit seiner Partnerin Yelena Maksutay ein Videotagebuch. Dafür trifft er sich mit Menschen und spricht mit ihnen über "Withdrawing Hitler". Die Angehörigen steckten oft in einem Konflikt, erklärt Niwa: "Bei den Gegenständen handelt es sich um Nazi-Reliquien, ja - aber auch um Familien-Erinnerungen, die sie nicht einfach wegwerfen wollen." Niwa stellt ihnen dann die unangenehme Frage, warum sie an etwas festhalten wollen, dass mit der nationalsozialistischen Zeit verbunden ist. Ob sie ihren Kindern etwa diese Relikte vererben wollen?

Die materiellen Dinge seien dabei kaum relevant, es geht um persönliche Geschichten und die Auseinandersetzung darüber. Diese Begegnungen sind Niwas Hauptanliegen, über das er liebevoll spricht, es wirkt wie ein Therapie-Angebot.

Nicht alle Reaktionen auf "Withdrawing Hitler" sind dabei positiv. "Viele Menschen wissen gar nichts über das Projekt und die Hintergründe, sie lesen nur die Worte 'Nazi', 'Hakenkreuz', und 'zerstören' und gehen auf die Barrikaden." Der Künstler und auch die Intendantin des Festivals, Ekaterina Degot, wurden für "Withdrawing Hitler" hart angegangen. Für Degot ist das ein Zeichen, dass das Programm der diesjährigen Ausgabe den Zahn der Zeit trifft. In der Eröffnungsrede betont sie, dass das diesjährige Thema "Volksfronten" die Menschen in ihren Gewohnheiten stören und bewusst provozieren soll. Deswegen findet ein großer Teil der diesjährigen Ausgabe des "Steirischen Herbstes" im öffentlichen Raum statt.

Yoshinori Niwa zeigt sich für die weitere Entwicklung seines Projekts offen. "Alles und nichts kann hier passieren. Wenn jemand heute den Container zerstört, ist das auch eine Reaktion. Dann muss ich damit umgehen." Bis zum Ende des Festivals will er weiter Interviews führen.

Im Video: Hitlers Zeit in Wien

Foto: SPIEGEL TV

Festival: Steirischer Herbst, Graz, bis 14. Oktober

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde Yoshinori Niwa mit den Worten zitiert, die Stadtverwaltung habe ihn gedrängt, das Projekt zu beenden. Tatsächlich meinte er die Landespolizei. Wir haben den Fehler korrigiert.

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