Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Zum Tod von Okwui Enwezor

Der Weltendenker

Okwui Enwezor war ein Star der Kunstszene, dessen Ruhm eng mit Deutschland verknüpft war. Doch gerade dieses Land machte es dem Kurator zunehmend schwer, seine Vision von grenzenloser Kunst zu verwirklichen.

DDP
Von
Freitag, 15.03.2019   18:36 Uhr

Seine Wohnung in München lag nicht weit vom Hofbräuhaus entfernt, doch Okwui Enwezor war wohl gerade in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr klar, ob er wirklich angekommen war im Zentrum dieser Stadt - und überhaupt in diesem Land. Er hatte viele Freunde hier und fühlte sich manchmal doch nicht mehr sicher, er sah die Pegida-Anhänger, die montags auch in München demonstrierten, ganz in seiner Nähe sogar, und er fragte sich, wer ihm helfen würde, wenn ihm etwas passierte.

So hat er es erst vor einigen Monaten erzählt.

Enwezor war seit einigen Jahren schwer krank, er hatte Krebs, er starb nun mit 55 Jahren, und es ist erstaunlich, was er in diesem zu kurzen Leben geleistet hat, für die internationale Kunstwelt und für die deutsche. Und ebenso erstaunlich ist, wie man ihn hier dann düpiert hat.

Wie sehr ihm das zusetzte, machte er im August 2018 deutlich, als er dem SPIEGEL ein langes Interview gab. Vielleicht hatte er überhaupt noch nie so ausführlich darüber gesprochen, was ihn ausmacht und was ihm etwas ausmacht.

Interview bei SPIEGEL+

Sein Heimatland ist Nigeria, der 1967 ausgebrochene Bürgerkrieg dort bereitete ihm eine schwere Kindheit, nicht zu vergessen sei etwa "dieses Gefühl, ständig in Gefahr zu sein, gejagt zu werden". Zu seiner Wahlheimat machte er die USA, wo er auch studierte.

Seine Karriere in der Kunstwelt war aber eben auch mit Deutschland verbunden, eng sogar. Immerhin leitete er die Documenta 11 in Kassel, die 2002 ein großes Publikum faszinierte, sie war so etwas wie ein endgültiger Durchbruch. 2011 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde Direktor des Münchner Hauses der Kunst.

Sieben Jahre später, im Juni 2018 hörte er dort auf, obwohl sein Vertrag noch nicht ausgelaufen war. Der Grund dafür war nicht nur seine Krankheit, obwohl die Bayerische Staatsregierung die Trennung so begründete. Er habe sich auch, wie er dann sagte, nicht mehr erwünscht gefühlt, ihm habe die moralische Unterstützung gefehlt, seine Erfolge seien unter den Teppich gekehrt worden.

Fotostrecke

Okwui Enwezor: Vordenker für ein neues Jahrtausend

Tatsächlich war eine Zeit lang vor allem über Probleme berichtet worden, Mitarbeiter, die er bei seinem Amtsantritt schon vorgefunden hatte, lösten Jahre später einen Skandal aus, weil sie verdächtigt wurden, Scientology anzugehören und Teile des Personals zu mobben. Hinzu kam als weiterer Schwierigkeitsgrad das, was Enwezor eine "chronische Unterfinanzierung" nannte.

Das alles musste er managen, und von seinem wichtigsten Dienstherrn, dem Freistaat, hätte er da tatsächlich Beistand und Beratung gebraucht. Für ihn stellte sich schließlich die Frage, ob es nicht längst eine Agenda gegeben habe, eine, die sich gegen ihn richtete.

Ungebrochen ein Superstar

Deutschland war also im Guten wie im Schlechten beinahe eine Konstante. International war er ganz ungebrochen ein Superstar. Immer wieder wurde er eingeladen, wichtige Ausstellungen zu kuratieren, etwa die Biennale von Venedig und jene in Johannesburg, im südkoreanischen Gwangju, auch die Triennale von Paris. Als Dramaturg und Denker der Kunst hatte er so etwas wie einen eigenen Stil und eine eigene Qualität der Kunstdarstellung entwickelt. In seinen Schauen gehörten Opulenz, intellektueller Anspruch und politisches Bewusstsein zusammen, Halfpipes und Widerstandskunst schlossen sich nicht aus, er war ein Entdecker neuer Künstlertalente und ebenso vernetzt mit den Berühmtheiten.

Enwezor war so ernsthaft wie ehrgeizig, wenn es darum ging, mit der ganzen visuellen und emotionalen Kraft von Kunst den Blick auf Geschichte und Gegenwart zu verändern, auch und vor allem auf den Kolonialismus und seine Folgen. Schon eine frühe und wichtige Ausstellung dazu fand in München statt, das war 2001 im Museum Villa Stuck, wo er in "The Short Century" die Geschichte der afrikanischen Unabhängigkeits- und Befreiungskriege auf eindrückliche Weise schilderte.

Eines seiner damit verbundenen, wichtigen Anliegen war, Werke und Strömungen aus solchen Teilen der Welt sichtbar zu machen, die in der Kunstszene lange ignoriert wurden. Für die "New York Times" war er der Ausstellungsmacher, der eine "globale Sicht auf die Gegenwartskunst" geprägt hat, der also ein enormes Umdenken ausgelöst hat.

Kaum zu unterschätzen

Auch mit dem Forschungs- und Ausstellungsvorhaben "Postwar" schrieb er die Geschichte der Nachkriegskunst entsprechend um, er bewies wieder einmal, wie absurd es ist, den Blick auf die Kunst geografisch einzuschränken und immer nur die Werke des Westen sehen zu wollen. So trug er zusammen, wie Künstler nach 1945 weltweit auf die großen Traumata reagiert haben, auf den Holocaust, aber auch auf die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki. Ein Blockbuster wurde diese 2016 im Haus der Kunst eröffnete Schau nicht, und dennoch ist ihre Bedeutung, auch für den Kulturstandort Deutschland, kaum zu unterschätzen.

Deutschland aber hat sich in den vergangenen Jahren, quasi um den Weltendenker Enwezor herum, gewandelt, als er 2011 nach München kam, war er mehr als willkommen, eben ein Superstar, durch den die hiesige Kunstszene weltläufiger aussah. Doch am Ende war das Land ein anderes, so nahm er es auch wahr, und er sagte, seine inhaltliche Ausrichtung habe vielleicht nicht mehr ins politische Klima gepasst. Ihm selbst wurden immer wieder seine fehlenden Deutschkenntnisse vorgeworfen, und so betrachtete er sich auch persönlich als "kulturell abgewertet".

Für ihn, für seinen ganze berufliche Entwicklung, sei Deutschland so wichtig gewesen, sagte er, er habe eine lange und gute Beziehung zu diesem Land. "Aber ich bin bestürzt darüber, welche Entwicklung es nun nimmt." Für die globale Kunstwelt ist es keine Frage, dass sie ohne Enwezor eine ärmere ist. Vielleicht wird auch diesem Land klar, was es an ihm hatte.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP