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Kultur

Revolutionärer Ausstellungsmacher

Okwui Enwezor ist tot

Als Kurator von Documenta und Venedig-Biennale öffnete der Nigerianer Okwui Enwezor die Kunstwelt für postkoloniale Perspektiven. Im Alter von 55 Jahren ist der ehemalige Leiter des Hauses der Kunst in München gestorben.

Getty Images

Okwui Enwezor

Freitag, 15.03.2019   14:33 Uhr

Okwui Enwezor, einer der wichtigsten Kunstkuratoren der vergangenen 20 Jahre, ist tot. Der gebürtige Nigerianer verstarb im Alter von 55 Jahren nach langer Krankheit. Das bestätigte sein letzter Arbeitgeber, das Münchner Haus der Kunst.

Enwezor hatte das Haus von 2011 bis 2018 geleitet. Seinen Abschied begründete er zunächst mit seiner gesundheitlichen Situation. Später sprach er im SPIEGEL von fehlendem Rückhalt in der Geschäftsführung: Er habe den Eindruck gehabt, nicht mehr erwünscht zu sein.

Enwezor wurde am 23. Oktober 1962 im nigerianischen Kalaba an der Grenze zu Kamerun geboren. Wegen des Bürgerkriegs in Nigeria musste seine Familie häufig umziehen, 1982 kam Enwezor in die USA, ein Jahr später ließ er sich in New York nieder. Am Jersey City State College studierte er Literatur- und Politikwissenschaften, bevor er sich der Kunst und damit der Arbeit als freier Kurator, Autor und Kritiker zuwandte. 1993 gründete er die Zeitschrift "Nka: Journal of Contemporary Art", die zu einem entscheidenden Forum für afroamerikanische Kunst avancierte.

Pionier bei der Documenta

Als Kurator von kolonialismuskritischen Ausstellungen wie "African Photographers" oder "The Short Century" hatte sich Enwezor bereits international einen Namen gemacht, als er 1998 als erster Nicht-Europäer zum künstlerischen Leiter der Documenta 11 berufen wurde. Die Großausstellung mit ihren verschiedenen Schwerpunkten zu Migration, postkolonialem Erbe und Globalisierung, die im Juni 2002 eröffnete, wurde allgemein als Durchbruch für neue, dezentrale Perspektiven auf moderne Kunst gefeiert.

Interview bei SPIEGEL+

Bis zu seiner Berufung in München war Enwezor anschließend als freier Kurator tätig, leitete die Biennalen von Sevilla und Gwangju und fungierte als Dekan am San Francisco Art Institute.

2013 wurde er als Kurator der Kunst-Biennale von Venedig berufen. Sie gilt neben der Documenta als weltweit wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Auch diese Ausstellung, die Enwezor unter das Motto "All the World's Future" stellte, machte durch ihr politisches Profil von sich reden. Unter anderem gehörte eine Lesung des kompletten "Kapitals" von Karl Marx zum Programm der 56. Biennale.

hpi/dpa

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