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Kultur

S.P.O.N. - Der Kritiker

Wenn Worte Waffen werden

Wer einen Diskurs der Abgrenzung pflegt, der schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihren Hass ausleben. Die Morde von Orlando und Leeds sind Folgen einer kriegerischen Rhetorik.

REUTERS

Trauernde in Orlando

Eine Kolumne von
Sonntag, 19.06.2016   07:51 Uhr

Was passiert, wenn Rassisten regieren?

Menschen sterben.

Was passiert, wenn Hass, Misstrauen und Verachtung jeden Tag in den Abendnachrichten zu hören sind, als sei es das Normalste auf der Welt?

Menschen sterben.

Was passiert, wenn die Grenzen der Zivilisiertheit jeden Tag aufs Neue herabgesetzt werden? Wenn Politiker zu Hetzern werden? Wenn Worte zu Waffen werden?

Menschen sterben.

Oder, wie Barack Obama gerade gesagt hat: "Where does this stop?"

Es ging Obama um Donald Trump, der die Morde von Orlando mal wieder dazu benutzt hatte, seine islamophobe Agenda zu propagieren.

Trump war es egal, dass der Mörder von Orlando Amerikaner war, er forderte erneut - "a complete and total shutdown" - Einreisebeschränkungen für Muslime.

Kurz zuvor hatte er einem Richter mit einem mexikanisch klingenden Namen gedroht und damit nicht nur die Verfassung mit Verachtung gestraft - "Textbuch-Rassismus" sei das, sagten Parteikollegen von Trump.

Aber wo endet das?

Was passiert also, wenn die Menschen, die in einer Demokratie regieren wollen, selbst nicht mehr an die Grundlagen und die Grenzen der Demokratie glauben?

Wo endet das?

Was passiert, wenn jemand wie der Ukip-Chef Nigel Farage die Diskussion um den Brexit nutzt, um Hass auf syrische Flüchtlinge zu schüren?

Wo endet das?

Es endet damit, dass ein offenbar geistig verwirrter Mann in Leeds auf eine Politikerin schießt und "Britain First" ruft und einen Menschen ermordet und all das angreift, wofür die Demokratie steht.

Eines nämlich sollte man langsam begriffen haben: Worte haben Wirkungen.

Das gilt, wenn irgendwo im Mittleren Osten ein wütender Mann sagt: Tötet alle Ungläubigen - und in Orlando ein wütender Mann tanzende Homosexuelle ermordet.

Und das gilt auch, wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass Hass auf Minderheiten scheinbar okay ist - und die Menschen, die sich für diese Minderheiten einsetzen, wie Jo Cox, zum Ziel dieses Hasses werden.

War es ein Akt des Terrorismus, was in Orlando geschah?

Ja.

War es ein Akt des Terrorismus, was in Leeds geschah?

Ja.

Es ist das, was passiert, wenn Menschen sich systematisch ermutigt fühlen, den Hass, den sie im Herzen tragen, auszuleben.

Es ist das, was passiert, wenn das politische, soziale und kulturelle Umfeld sich so verändert hat, dass Hass eine akzeptable Haltung zu sein scheint.

Es ist das, was passiert, wenn es zu viele Menschen zu lange hinnehmen, dass nach und nach die Grenzen des Sagbaren verschoben werden.

Hier zeigt sich, wie sich die Härte, die die öffentliche Auseinandersetzung über die Frage der Flüchtlinge geprägt hat, langfristig auswirkt.

Es ist ein Gift, das in viele Verästelungen der Gesellschaft sickert und das Denken und Reden der Menschen schon mehr prägt, als sie wissen.

Das Erschrecken über den Mord an Jo Cox ist damit das eine - das andere ist, daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Wer einen Diskurs der Angst und der Abgrenzung pflegt, der schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihren Hass ausleben.

Im Fall der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, ist das exemplarisch falsch, weil hier gerade die Chance war, Politik auf andere und inspirierende Weise neu zu deuten.

"Es darf nicht sein, dass das Ende der Willkommenskultur als ein Fest gefeiert wird", sagte vor Kurzem der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier in Richtung eigene Partei, die CSU. Alles "Positive und glücklich Erreichte", wie Maier es nannte, werde durch solch eine Haltung aufgezehrt - und, kann man anfügen, durch das Negative und gezielte Manipulation ersetzt.

Das ist es, wie Rassisten regieren. Trump sei die "nationale Verkörperung all unserer Ängste", schrieb neulich Mark Danner - und Angst produziert eben neue Angst.

Angst braucht Angst - das ist eine Beschreibung dessen, was in Leeds und auch in Orlando passiert ist.

Es sei ein "warrior narrative", das Donald Trump antreibt, schrieb gerade der Psychologe Dan P. McAdams - die Kriegserzählung als grausam narzisstische Heldensage.

Aber wo Krieg ist, da gibt es Opfer.

Und das gilt auch umgekehrt: Man braucht Opfer, damit Krieg herrscht.

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insgesamt 415 Beiträge
rosskal 19.06.2016
1. Schlechtes Beispiel
Die westlichen Staaten machen es mit ihrer zunehmenden Kriegsrhetorik gegenüber Russland den Menschen regelrecht vor, Konflikte nicht mehr militärisch sondern auf einem Konfrontationskurs lösen zu wollen. Staat und Politik sind [...]
Die westlichen Staaten machen es mit ihrer zunehmenden Kriegsrhetorik gegenüber Russland den Menschen regelrecht vor, Konflikte nicht mehr militärisch sondern auf einem Konfrontationskurs lösen zu wollen. Staat und Politik sind der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht kein gutes Vorbild. Bedauerlicherweise wird eine solche Beispielfunktion allzu wenig in Rechnung gestellt.
sapereaude! 19.06.2016
2. Schwach!
Ganz schwache Kolumne, lieber Herr Diez! Gerade das Attentat von Orlando ist dermaßen vielschichtig und bei Weitem nicht aufgeklärt. Ähnliches gilt für die Ermordung von Jo Cox. Da machen Sie es sich viel zu einfach, wenn [...]
Ganz schwache Kolumne, lieber Herr Diez! Gerade das Attentat von Orlando ist dermaßen vielschichtig und bei Weitem nicht aufgeklärt. Ähnliches gilt für die Ermordung von Jo Cox. Da machen Sie es sich viel zu einfach, wenn Sie diese beiden Fälle als Beispiel für - ja für was eigentlich? - heranziehen. Oder geht es Ihnen nur darum, die Schuld für das Übel auf der der Welt Trump und der AfD in die Schuhe zu schieben? Bitte gestatten Sie mir abscließend noch eine Gegenfrage: Wohin führt das, wenn leitende Politiker und Journalisten kritsch denkende Mitbürger als Pack, Idioten, Deppen und Nazis bezeichnen?
nano-thermit 19.06.2016
3. Na dann debattieren wir dich mal
Ich frage mich, wenn ich das Dauerbashing gegen Russland sehe, ob SPON hier mit gutem Beispiel versucht die Verrohung voran zu treiben? Oder Thema Trump, ein Blick auf das Titel des aktuellen Magazins und die Verrohung wird klar. [...]
Ich frage mich, wenn ich das Dauerbashing gegen Russland sehe, ob SPON hier mit gutem Beispiel versucht die Verrohung voran zu treiben? Oder Thema Trump, ein Blick auf das Titel des aktuellen Magazins und die Verrohung wird klar. Oder BREXIT, ja, SPON möchte ihn nicht. Auch hier wird eher Meinungsmache betrieben als seriöser Journalismus. Das merken die meisten Leser. Der SHITSTORM im Forum muss dauerzensiert werden. Warum kann SPON nicht neutral sein, unparteiisch?
poetnix 19.06.2016
4.
Und diese Rhetorik, die in der Politik (CSU) zum Teil versteckt daher kommt, gibt es schon seit einer ganzen Weile. Sie ist gesellschaftlich besonders gefährlich, da sich die Politik auf "Geld" als Integrationsmoment [...]
Und diese Rhetorik, die in der Politik (CSU) zum Teil versteckt daher kommt, gibt es schon seit einer ganzen Weile. Sie ist gesellschaftlich besonders gefährlich, da sich die Politik auf "Geld" als Integrationsmoment zurückgezogen hat. Dies wirkt gesellschaftlich zusätzlich wertentleerend. Ein besonders negativer Punkt erscheint mir jedoch der Umgang mit und Wert des Menschen in den Billigproduktionen der Film -und Fersehbranche. Menschen werden aus nichtigen Gründen einfach reihenweise erschossen. Hass ist eine Frage des Wertes, den man dem Anderen zubilligt.
ichbinschuld 19.06.2016
5.
Beide Seiten, links UND rechts, müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Die Parallelen zur Weimarer Republik werden immer offensichtlicher
Beide Seiten, links UND rechts, müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Die Parallelen zur Weimarer Republik werden immer offensichtlicher
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) befasst sich mit Selbstbestimmung und dem Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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