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Kultur

Selbstdarsteller Picasso auf Fotos

Der Ich-kann-alles-Kerl

In einer Schau zeigen rund 250 Fotografien, wie Picasso zusammen mit weltberühmten Fotografen seinen Mythos als Genie kreierte: nie erschöpft, immer viril. Ein Egomane. Jetzt wandert die Ausstellung nach Hamburg.

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Dienstag, 10.07.2012   08:43 Uhr

Pablo Picasso gilt als das große Genie des 20. Jahrhunderts, als Exzentriker und als Frauenheld, als Egomane und Macho und als der berühmteste Maler der Moderne. Klein war er, mit großer Nase und stechenden Augen. Er war unberechenbar und konnte komisch sein, besonders, wenn er sich vor einer Kamera in Szene setzte. Am liebsten vor bekannten Fotografen, die er teilweise selbst beauftragt hatte, und deren Aufnahmen zur Legendenbildung beigetragen haben.

Ab Freitag ist im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung "Ichundichundich. Picasso im Fotoporträt" mit 250 Aufnahmen von 34 berühmten Fotografen zu sehen - von Richard Avedon und Cecil Beaton über Robert Capa und Henri Cartier-Bresson bis zu Dora Maar, Man Ray und Irving Penn. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Museum Ludwig in Köln, wo sie schon gezeigt wurde, ebenso wie im spanischen Málaga.

Es gab schon viele Ausstellungen, und es gibt viele Bildbände mit Picasso-Fotografien, und trotzdem sei "erstaunlicherweise noch niemals kunstwissenschaftlich untersucht worden", ob Picasso "stets selbst Regie geführt hat, oder ob zumindest die berühmten Fotografen, die ihn ins Bild gesetzt haben, ihre eigene Bildsprache fanden", so die beiden Museumsdirektoren Kasper König vom Museum Ludwig und José Lebrero vom Museo Picasso im Vorwort des wunderbaren Katalogs.

Genie mit nacktem Oberkörper

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War es also vielleicht so, dass der Selbstdarsteller Picasso die Fotografen als Hofberichterstatter benutzte? Viele der oft weltbekannten Fotografien zeigen ihn als das Genie mit nie versiegenden Ideen und andauernder Arbeitskraft inmitten seiner Bilder im Atelier, oft mit nacktem Oberkörper, manchmal im geringelten Pullover, immer direkt in die Kamera schauend. Und immer in Bewegung, nie müde oder erschöpft, immer viril, auch als Liebhaber und als Vater mit seinen Frauen und Kindern. Denn auch sein turbulentes Privatleben machte Picasso bewusst öffentlich, und die unzähligen Illustriertengeschichten darüber trugen zur Mythenbildung und zur Popularisierung seiner Person bei.

Schon früh in Paris fotografierte sich Picasso in Selbstporträts als Bohemien, und auch die Aufnahmen von Jean Cocteau von 1916 zeigen ihn flirtend mit seiner Geliebten Pâquerette oder umgeben von Literaten- und Malerfreunden wie Modigliani, natürlich immer im Mittelpunkt stehend. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg aber beginnt die Selbstinszenierung für die Öffentlichkeit. Picasso zeigt sich in Südfrankreich als Großbürger mit Schloss und als Familienmensch, später im Alter als Künstler, für den allein seine Arbeit wichtig ist und der dem nahenden Tod zu trotzen scheint. Nie gibt es Picasso als erschöpften Mann; vielleicht sah er die Aufnahmen als Symbole gegen die Vergänglichkeit, weil sie sein Leben überdauern würden.

Die Geliebte unterm Sonnenschirm

5000 Fotografien sollen sich allein in seinem Nachlass gefunden haben, manche der Aufnahmen sind zu Ikonen geworden, die jeder kennt. Wie das wunderbare Strandbild von Robert Capa, auf dem Picasso 1948 seiner jungen strahlenden Geliebten Françoise Gilot hinterhergeht und einen Sonnenschirm über sie hält. Oder wie das Foto von Robert Doisneau, der Picasso 1952 an einem Tisch sitzend mit großen "Brötchenfingern" aufnahm, eine Bildidee, die der Fotograf durchsetzte und die andere Protagonisten wie Steve Martin später nachstellten.

Langweilig ist die Fülle der Bilder nie. Es gibt unter all den Genie- und Heldenbildern sogar einige, die Picasso zeigen, wie man ihn noch nicht gesehen hat: zum Beispiel unverstellt wie auf dem Foto von Madame d'Ora, die ihn als entspannt lachenden älteren Mann abgelichtet hat. Picasso erscheint hier einmal nicht als Genie, nicht als Egomane, so wie ihn fast alle gesehen und gezeigt haben, darunter die Sammlerin und Schriftstellerin Gertrude Stein. In einigen Zeilen ihres Gedichts "Porträt, ergänzt von Picasso" beschreibt sie ihn wie folgt: "Er er er er und er und er und er und er und er und er und und wie und wie er und wie er und er. Er ist und wie er ist, ...".

Was sicher den Titel der Ausstellung inspiriert hat.


Ichundichundich. Picasso im Fotoporträt. Hamburg. Museum für Kunst und Gewerbe. 13.7. bis 21.10., www.mkg-hamburg.de

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