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Kultur

AfD-Ideologie

Warum es keinen homogenen Volkskörper gibt

Alexander Gauland relativierte in seiner "Vogelschiss"-Rede nicht nur den Holocaust, er negierte auch, dass der Islam zu Deutschland gehört - und leugnet so, dass die deutsche Gemeinschaft immer von Einwanderung geprägt war.

DPA

Menschen in Deutschland (Symbolbild)

Ein Gastbeitrag von Armin Langer
Montag, 11.06.2018   11:02 Uhr

In all den Beiträgen zur "Vogelschiss"-Causa fehlt ein wesentlicher Aspekt: die Kritik an der Mär von der 1000-jährigen Kontinuität. Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland sagte beim Bundeskongress der Jugendorganisation Junge Alternative: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." Der Holocaust relativierende Vergleich wurde nicht nur von Medienmachern kritisiert, sondern auch von Politikern.

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In derselben Rede betonte Gauland aber auch, dass der Islam nicht zum Land gehöre, weil "unsere Vorfahren" den Islam "1683 vor Wien besiegt" hätten. In dem Manifest "Fünf Grundsätze für Deutschland", das Gauland mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke zusammen verfasst hat, wird die Botschaft ebenfalls deutlich: "Eines werden wir nicht tun: Unser Land und unsere Nation aus der Hand geben. (…...) Deutschland war die Heimat unserer Vorfahren. Deutschland muss als Heimat unserer Kinder erhalten bleiben!" Das Programm des Thüringer AfD-Landesverbands deklariert die "Selbsterhaltung unseres Staats und Volkes" zum Ziel. Im rechtspopulistischen Narrativ muss Deutschland als ethnisch-homogen bewahrt und vor den Zuwanderern geschützt werden.

Grundsätzlich basieren alle populistischen Narrative auf dieser einen These: Deutsche ohne Migrationshintergrund würden seit 1000 Jahren dieses Land bewohnen und gestalten. Dabei war Deutschland nie ethnisch homogen, sondern schon immer ein Einwanderungsland. Das zeigt sich schon an den Namen der AfD-Vorstände Georg Pazderski und Stephan Protschka - oder an den Namen anderer deutscher Populisten wie Heinz Buschkowsky, Oskar Lafontaine oder Thilo Sarrazin. Die 1000-jährige Kontinuität eines homogenen Volkskörpers und das ethnisch-einheitliche "Land der Vorfahren" gab es nie.

Zuwanderung gehört zu dem Gebiet, das man heute Deutschland nennt, seit Jahrhunderten: Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs warben die Landesherren erwerbsfähige Personen aus anderen Ländern an, die sich in den kriegszerstörten Gebieten niederlassen sollten. Auch verfolgte religiöse Minderheiten zogen in die deutschsprachigen Gebiete - zum Beispiel die Hugenotten, unter ihnen die Vorfahren des CDU-Politikers Thomas de Maizière, die sich im 17. Jahrhundert in Brandenburg niederließen. Vier Jahrhunderte später kann de Maizière seine populistischen zehn Gebote einer "deutschen Leitkultur" in der "Bild"-Zeitung aufschreiben - weil er, ein Nachkomme hugenottischer Geflüchteter, deutsch ist.

"Die Krankheit des Jahrhunderts"

Für Geflüchtete und Migranten des Mittelalters und der frühen Neuzeit konnte die Integration in den deutschen Ländern relativ einfach sein, weil es in erster Linie die Sprache war, die die Bevölkerung der Länder miteinander verband, nicht das ethnische Zusammengehörigkeitsgefühl.

Der Begriff "deutsch" stand bis zum 19. Jahrhundert lediglich für eine Sprachidee und Kultur, keineswegs für eine Ethnie - im Gegensatz zu den meisten anderen Nationaladjektiven wie "englisch" oder "französisch", die sich am Anfang auf die Völker der Angeln und Franken bezogen und erst später auf die von diesen Völkern gesprochenen Sprachen. Damit hängt auch die Vorstellung einer deutschen Kulturnation zusammen, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herausgebildet hat. Das ethnische Element stand nicht im Vordergrund.

Bei der Debatte über die Grundrechte bei der Frankfurter Nationalversammlung im Jahr 1848 wurde festgelegt: "Die Nationalität ist nicht mehr bestimmt durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat." Jeder ist also ein Deutscher, der auf deutschem Gebiet wohnt. Die Ablehnung einer ethnisch-fundierten Volksgemeinschaft spiegelte die Realität der multikulturellen deutschen Nation des 19. Jahrhunderts wider.

Erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) und mit dem damit gegründeten Deutschen Reich entstand das Konzept einer inneren ethnischen Homogenität. Dazu bereitete die völkische Bewegung die geistigen Grundlagen vor, die dem Begriff der Nation auch als Abgrenzung zu den Franzosen eine ethnische Bedeutung verlieh.

Intellektuelle warnten umsonst vor dem wachsenden Nationalismus und erinnerten an den Kosmopolitismus der Zeit Goethes und Schillers, der das Wesen des Deutschen ausmache. Während sich Publizisten über den "ungeheuren Mischmasch" der unterschiedlichen Ethnien in Preußen ärgerten, begrüßte Friedrich Nietzsche diesen Zustand. Den Nationalismus nennt der Philosoph "die Krankheit des Jahrhunderts".

22 Prozent haben Migrationshintergrund

Deutschland war auch im 20. Jahrhundert Zufluchtsort vieler Migranten. Die neuen Migranten wurden im Gegensatz zu Zuwanderern der früheren Jahrhunderte wegen der völkischen Bewegung und den damit verwandten populistischen Ideologien nicht mehr als Deutsche wahrgenommen. Hunderttausende flohen nach der russischen Oktoberrevolution 1917 in die Weimarer Republik sowie Zehntausende osteuropäische Juden, die vor den Pogromen Schutz suchten.

Seit den Fünfzigerjahren kamen rund 14 Millionen ausländische Arbeiter nach Deutschland, von denen etwa drei Millionen blieben und später auch ihre Familien nachzogen. Dazu kommen insgesamt rund 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler, die vor allem Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre eingewandert sind. Heute haben 22,5 Prozent der Bevölkerung unseres Landes einen sogenannten Migrationshintergrund, also sie selbst oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit der deutschen Staatsbürgerschaft geboren - bei den unter 5-Jährigen sind es 38 Prozent. Deutschland ist nach den USA das zweitbeliebteste Einwanderungsland innerhalb des Industrieländerklubs OECD.

Die Realität der Einwanderungsgesellschaft Deutschland fordert auch eine Neudefinition des Deutschseins. Diese Auseinandersetzung dürfen wir aber nicht den Rechtspopulisten überlassen. Sonst würde sich endgültig ein ethnisch-definierter Nationenbegriff durchsetzen, der die Geschichte unserer schon immer multikulturell gewesenen deutschen Gemeinschaft leugnet.

Video: Vogelschiss oder Fettnäpfchen? - Umfrage beim Gauland-Nachwuchs

Foto: SPIEGEL TV

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