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Kultur

"Schtonk" als Theaterstück

Hakenkreuzväterchen der Klamotte

Taugt "Schtonk" als Theaterstoff? Bei der Bühnen-Erstaufführung zu Helmut Dietls legendärem Kinohit wurde in Esslingen viel gelacht und entschieden gejubelt. Die Theatergeschichte muss deswegen nicht umgeschrieben werden

Patrick Pfeiffer

Martin Theuer in der Rolle des Fälschers Fritz Knobel

Von , Esslingen
Sonntag, 11.02.2018   14:55 Uhr

Am Ende hielten sie in der Württembergischen Landesbühne in Esslingen ein großes Schwarzweißbild von Helmut Dietl in die Höhe und riefen Tamara Dietl auf die Bühne, damit die Witwe des 2015 gestorbenen Filmregisseurs sich mitfeiern lassen konnte für diesen Theaterabend.

Schon während des Dramas, das die Schauspieler zuvor gezeigt hatten, waren immer mal wieder Champagnergläser aufeinander geklirrt, während man aus den angeblichen Tagebuchnotizen Adolf Hitlers vorlas und vom Privatleben des Führers schwadronierte. Die zahlreichen Musikeinspielungen hatten Marschmusik und ein paar besonders triumphale Stellen von Richard Wagner zitiert, während die Zuschauer den beiden Helden im Zentrum des Stücks lachend und applaudierend beim Scheitern zusahen.

Die allererste Theaterpremiere von "Schtonk" am Samstagabend, fast genau 25 Jahre nach dem Kinostart des gleichnamigen Films, den sich Dietl und sein Co-Drehbuchautor Ulrich Limmer ausgedacht hatten, war ein fröhlich bejubelter Erfolg.

Draußen auf den Straßen der Stadt Esslingen am Neckar, deren liebevoll herausgeputzte historische Fassaden von Reiseführern den Touristen aus aller Welt empfohlen werden, feiern an diesem Samstagabend viele junge Menschen in Narrenkostümen schwäbische Fastnacht. Drin im Theater stellte man mit Hitler-Büste und einem angeblich aus dem Besitz von Hermann Göring stammenden Bademantel einen zeitgeschichtlichen Knüller der Achtzigerjahre nach. Oder besser: eine große Medienblamage.

Dietls "Schtonk" erzählt auf dichterisch freie, aber in den Details sehr präzise Weise nach, wie sich die Hamburger Zeitschrift "Stern" im Jahr 1983 von einem ihrer Reporter und einem leidlich begabten Fälscher angebliche Tagebücher von Adolf Hitler andrehen ließ, diese als Weltsensation präsentierte (mit der Behauptung, die Geschichte des Dritten Reichs müsse in großen Teilen umgeschrieben werden) und dann zugeben musste, dass man einem Schwindel aufgesessen war.

Entertainment statt Geschichtslektion

Die Kinosatire "Schtonk", die diesen medialen Flop verarbeitete, zeigte Uwe Ochsenknecht als Fälscher und Götz George als Reporter. Dietls Werk war ein großer Zuschauerhit und sogar für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Nun hat der Esslinger Intendant Friedrich Schirmer die Rechte an der Uraufführung des Filmdrehbuchs von Dietl und Limmer erworben, aber gleich versichert, die Theatergeschichte müsse deshalb keineswegs groß umgeschrieben werden.

Tatsächlich hat der Regisseur Marcus Grube die "Schtonk"-Uraufführung nicht als Geschichtslektion oder pathetisches Großunternehmen, sondern als wohlig-leichtes Entertainment angerichtet. Er zeigt eine Komödie mit viel Slapstick und entschlossen aufgedrehtem Tempo, die sich ganz auf die beiden Männer verlässt, die hier einen nur bedingt faustischen Pakt eingehen.

Der Schauspieler Martin Theuer spielt den Fälscher Fritz Knobel - jene Rolle, die Uwe Ochsenknecht in Dietls Film zu einem komischen Triumph machte - mit blondem Strubbelhaar, vorgestrecktem Bauch und verschlurftem Künstlercharme. Der Schauspieler Oliver Moumouris gibt den Zeitschriftenreporter und Nazidevotionaliensammler Hermann Willié. Natürlich hat jeder, der Dietls Film kennt, da sofort das Gezappel und Geschwitze von Götz George vor Augen - mit bebender Unterlippe und in militärischem Spreizschritt. Moumoruris sieht dabei verblüffend dem früheren Spiegel-Reporter Matthias Matussek ähnlich, den vielen im Publikum durch allerlei Fernsehauftritte kennen.

Patrick Pfeiffer

Oliver Moumouris und Martin Theuer in der Esslinger Schtonk-Inszenierung

Beide "Schtonk"-Bühnenhelden entwickeln sehr schnell eine eigene Komik, die an klassischen Duos wie Stan Laurel und Oliver Hardy geschult ist. Der Bühnenbildner Frank Chamier hat eine Schiffsbrücke aus Metall gebaut, die jene angebliche Göring-Yacht symbolisiert, die sich der Reporter Willié gekauft hatte.

Von der Brücke führen zwei Treppen hinab; rechts vorn an der Rampe sieht man Knobels Fälscherwerkstatt mit allerhand Fake-Gemälden, Sofa und zwei Metallspinden, in denen er sein Werkzeug aufbewahrt. Links vorn ist ein Wirtshaustisch, an dem Geldkoffer aufgeklappt und Tagebuchkladden überreicht werden. In der Bühnenmitte aber probieren Theuer und Moumouris immer wieder Tanzschritte und Galoppsprünge aus, als seien sie die Hauptfiguren eines Musicals. Zwei Hakenkreuzväterchen der Klamotte.

Warum führt man das "Schtonk"-Drama heute auf? Grube zeigt zwei hemmungslose Narzissten, die sich die Welt malen, wie sie ihnen gefällt. Um Fragen der Moral scheren sie sich ebensowenig wie um die Frauen, mit denen sie ins Bett gehen, oder die Verlagschefs, mit denen sie ihre Geschäfte tätigen.

Der Fälscher Knobel und der Reporter Willié haben sich auf je eigene Weise mit jener Lüge arrangiert, die sie für ihr Leben halten. Beide glauben, dass die Welt belogen werden will, beide müssen dafür büßen - das aber scheint ihnen herzlich schnurz. Möglicherweise liegt gerade in der schamfreien Gewissenlosigkiet, mit der hier Fake News produziert werden, die Aktualität des Stücks.

Die Theaterwirkung des Stoffs jedoch entsteht aus der Eleganz der Dialoge, aus der Frechheit und der Musikalität des Drehbuchs, die sich über ein Vierteljahrhundert hin erstaunlich gehalten haben. Man wird "Schtonk" in naher Zukunft sicher öfter auf deutschen Theaterbühnen zu sehen bekommen.

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