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Kultur

Serena Williams als Karikatur

Nachdenken statt hinschmieren

Serena Williams als zeterndes Baby? In dieser Karikatur stecken diverse rassistische Stereotype. Ob sie absichtlich benutzt wurden oder nicht, ist egal: Einem Profizeichner darf so etwas nicht passieren.

AFP

Cartoon von Mark Knight aus der "Herald Sun"

Ein Kommentar von
Mittwoch, 12.09.2018   17:13 Uhr

Wir leben in von Bildern dominierten Zeiten. Auch wer nicht auf Instagram ist, keine Handyvideos dreht und YouTuber für Vollpfosten hält, lebt in dieser Zeit. Der sekündlichen und massenhaften Produktion von Bildern, bewegt oder statisch, ist fast nicht zu entkommen.

Man muss diesem Bilder(über)fluss aber auch nichts hinzufügen. Und wer nicht von der Neugier gepackt ist, warum bestimmte Bilder plötzlich diskutiert und geteilt werden, sie also etwas in unserer Gesellschaft ansprechen und zum Ausdruck bringen, der muss sich auch nicht weiter mit ihnen beschäftigen. Wer aber Bildern Relevanz zuspricht und sie noch dazu selber produziert, wie zum Beispiel Mark Knight, der Karikaturist der australischen Zeitung "Herald Sun", der kann und sollte die Entstehung und Geschichte bestimmter Motive nicht ausblenden. Für einen satirischen Zeichner erlangen Bilder ja überhaupt erst durch die Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge eine Bedeutung.

Sieht man sich nun Knights vielfach kritisierte Karikatur von Tennis-Star Serena Williams nach dem Finale bei den US Open an, die der australische "Herald Sun" veröffentlicht hat und nun lautstark verteidigt, könnte diese Einleitung zunächst ziemlich abstrakt wirken. Denn die Darstellung von Williams als aufgebrachtem Baby, das wütend auf seinem Spielzeug, sprich: ihrem Schläger, herumspringt, hat zunächst etwas sehr Konkretes, wenn nicht Naheliegendes: Jemand, der wütend ist, wird beim Wütendsein gezeigt. Und jemand, der dunkle Haut, volle Lippen und krauses Haar hat, wird als jemand, der dunkle Haut, volle Lippen und krauses Haar hat, gezeigt.

Hingeschmiert und undurchdacht

Große Kunst ist das natürlich nicht. Es ist vielmehr die Art von Bildidee, auf die man beim Bekritzeln eines Telefonblocks kommen könnte, hingeschmiert und undurchdacht. Womöglich überrascht die Kritik an dieser Karikatur auch deshalb viele Menschen, weil die Zeichnung so nah an den eigenen Bildreflexen dran ist. Reflexe sind aber unwillkürliche, automatische Reaktionen auf einen Reiz, ihnen liegen keine Überlegungen und Erkenntnisse zugrunde, es bricht sich vielmehr ein kulturell unbewusstes Bildergedächtnis Bahn. Bilder, die so entstehen, sind auch im privaten Rahmen von zweifelhaftem Wert. In öffentlichen Zusammenhängen sind sie jedoch ein grobes professionelles Versagen.

Denn von Karikaturistinnen und Karikaturisten kann man erwarten, dass sie sich mit Bilderwelten und -geschichten auskennen. Dass sie wissen, in welchen rassistischen Traditionen es steht, bei Schwarzen volle Lippen und krauses Haar zu betonen; dass es zu kolonialen Darstellungsweisen gehörte, Nicht-Weiße als Kinder und damit als intellektuell und sozial Unterlegene zu zeigen; und dass es das viel kritisierte Stereotyp von der "angry black woman" gibt, das schwarze Frauen als ungehemmt und unkontrollierbar, sprich unzivilisiert zeichnet.

Ob Mark Knight von alldem wusste? Die Antwort darauf ist letztlich egal. Denn die Optionen sind beide unglücklich: Entweder er hat, wie das Blatt, das seine Bilder publiziert, kein Problem damit, rassistische Traditionen fortzusetzen - oder aber, er ist denkbar ungeeignet für seinen Job. Schließlich sollte es eine Minimalanforderung an einen professionellen Zeichner sein, dass er nicht seinem ersten Reflex nachkommt, sondern einen weiterführenden Gedanken entwickelt und ihn künstlerisch umsetzt. Ansonsten könnte man auch die Kritzelei des Tages statt einer bezahlten Zeichnung veröffentlichen.

Wie nun eine Karikatur aussehen könnte, die die wütende Serena Williams zeigt und dabei keine rassistischen Stereotype bedient? Keine Ahnung. Aber wenn man keine Idee dazu hat, muss man auch kein Bild in die Welt setzen. Das gilt für uns alle und ganz besonders für Mark Knight.

insgesamt 185 Beiträge
rahelrubin 12.09.2018
1. Jetzt
darf man nichtmal mehr Karikaturen von Schwarzen mehr machen. Da Karikaturen überzeichnen? Wie sollte man denn Williams sonst darstellen? Mit kaukasischen Gesichtszügen? Alternativ gar nicht karikieren? Es ist doch absurd.
darf man nichtmal mehr Karikaturen von Schwarzen mehr machen. Da Karikaturen überzeichnen? Wie sollte man denn Williams sonst darstellen? Mit kaukasischen Gesichtszügen? Alternativ gar nicht karikieren? Es ist doch absurd.
santoku03 12.09.2018
2.
Es ist schon peinlich genug, dass Williams den Schiedsrichter wegen angeblicher Benachteiligung in einem Spiel *zwischen zwei Frauen* des "Sexismus" bezichtigt, aber nun auch noch "Rassismus" zu rufen, obwohl [...]
Es ist schon peinlich genug, dass Williams den Schiedsrichter wegen angeblicher Benachteiligung in einem Spiel *zwischen zwei Frauen* des "Sexismus" bezichtigt, aber nun auch noch "Rassismus" zu rufen, obwohl hier zwei Nichtweiße gegeneinander antraten, setzt der Sache die Krone der Lächerlichkeit auf.
Dr._Copy 12.09.2018
3. Au wei, die Rassismuskeule mal wieder.
Komischerweise regt sich niemand in der weißen Bevölkerung auf wenn z.B. Donald Trump als schreiendes Baby oder als dumpfbräsiger white Trash dargestellt wird. Es gibt genug Stereotype die auch latenten Rassismus gegen weiße [...]
Komischerweise regt sich niemand in der weißen Bevölkerung auf wenn z.B. Donald Trump als schreiendes Baby oder als dumpfbräsiger white Trash dargestellt wird. Es gibt genug Stereotype die auch latenten Rassismus gegen weiße Menschen darstellen. Das wird dann aber augenzwinkernd als Karikatur wahrgenommen.... Vielleicht sollten alle mal wieder den medialen Echauffierungsgrad ein wenig zurückfahren. Es ist und bleibt eine Karikatur und die lebt nun mal von Überzeichnungen von Personen, egal ob schwarz oder weiß.
jo125 12.09.2018
4. Ach ja, die Betroffenheitsnummer
Karikaturen sind nun mal provozierend. Niemand wird da zart behandelt. Das gilt für Donald Trump (mit Entenschnabel) genauso wie für Serena Williams. Wer sich als hochbezahlter Profi wie ein zeterndes Baby benimmt, darf auch so [...]
Karikaturen sind nun mal provozierend. Niemand wird da zart behandelt. Das gilt für Donald Trump (mit Entenschnabel) genauso wie für Serena Williams. Wer sich als hochbezahlter Profi wie ein zeterndes Baby benimmt, darf auch so dargestellt werden. Gut, die Lady ist schwarz - na und? Soll sie nun weiß gemalt werden oder grün? Was für ein Unsinn! Wer - wie ich - die Titanic ließt, weiß, das auch die vermeintlich politisch korrekten Linken und Grünen nicht gerade zimperlich sind, wenn es um Personen geht, die dem eigenen Weltbild nicht entsprechen. In Wort und Bild. Soviel zu der besch…. Political Correctness.
NuclearSavety 12.09.2018
5. Ja wie denn sonst?
Man darf also eine Frau mit recht üppigen Lippen und krausen Haar in einer Karikatur nicht mit üppigen Lippen und krausen Haar darstellen. Da drängt sich doch die Frage auf: JA WIE DENN SONST? Der Punkt einer Karikatur [...]
Man darf also eine Frau mit recht üppigen Lippen und krausen Haar in einer Karikatur nicht mit üppigen Lippen und krausen Haar darstellen. Da drängt sich doch die Frage auf: JA WIE DENN SONST? Der Punkt einer Karikatur ist doch, dass man eine Person und deren Eigenheiten überzeichnet. Aber ich vermute sehr, dass Frau Pilarczyk auf obige Frage selbst keine Antwort hat.
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