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Kultur

Söhne von Brandt und Guillaume

Leben im Schatten der Väter

Der eine war berühmt, der andere berüchtigt. 1974 stürzte Kanzler Willy Brandt über den DDR-Spion Günter Guillaume. 30 Jahre später erzählen zwei Söhne in einem Film über die Schatten der Vergangenheit - und Brandt-Sohn Matthias nennt seinen Vater "emotional behindert".

Samstag, 05.11.2005   17:04 Uhr

Berlin - Am 24. April 1974 werden Kanzlerreferent Günter Guillaume und seine Frau Christel in ihrer Wohnung in Bonn als DDR-Spione verhaftet. Zwei Wochen später tritt Bundeskanzler Willy Brandt von seinem Amt zurück. Bei der Aufdeckung des größten Spionagefalls der Bundesrepublik ist Matthias Brandt, der jüngste Sohn des Regierungschefs, 12.

Pierre Guillaume ist bereits 17, als sein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Nach der Verhaftung seiner Eltern - die später per Agentenaustausch ebenfalls wieder in den Osten kommen - muss er in die DDR ziehen. Richtig Fuß fasst er dort jedoch nie. 1988 stellt er einen Ausreiseantrag und geht wieder in die Bundesrepublik. Das Verhältnis zum Vater bleibt ein Leben lang belastet, wie er im Interview erzählt.

Heute ist Pierre Boom 48 Jahre alt. Mit seiner Vergangenheit setzte sich der Journalist und Fotograf, der schon vor Jahren den Mädchennamen seiner Mutter Boom annahm, in seinem Buch "Der fremde Vater" auseinander, das 2004 erschien. Ab Donnerstag ist er im Dokumentarfilm "Schattenväter" zu sehen - wie auch der jüngste Sohn von Willy Brandt, Matthias. Er wurde Schauspieler. 2003 war er in dem TV-Zweiteiler "Im Schatten der Macht" über die letzten Amtstage seines Vaters zu sehen: ausgerechnet als Günter Guillaume.

Der fremde, distanzierte Willy Brandt

Rund drei Jahrzehnte nach dem Spionageskandal hat Regisseurin Doris Metz die beiden Söhne vor die Kamera gebracht, um sie von ihren "Schattenvätern" und ihrem Lebensweg erzählen zu lassen. In getrennten Interviews gehen Brandt und Boom in der Dokumentation an den Orten ihrer Vergangenheit in ihrer Erinnerung zurück.

Einen Erzähler gibt es nicht in dem Film, nur die Aussagen der beiden sowie Musik von Markus Stockhausen. In der ehemaligen Kanzlervilla in Bonn berichtet Brandt von seinem distanzierten Vater, den er als "emotional Behinderten" erlebte, erzählt aber auch amüsante Anekdoten. So musste er einmal als Kind auf einem Rummelplatz vor der Presse so viele Lose ziehen, bis er einen Gewinn hatte.

Boom habe die schwierigere Geschichte, findet Brandt. Doch auch bei ihm wird deutlich, wie fremd ihm sein Vater war. Doris Metz bietet mit ihrer Dokumentation einfühlsamen Einblick in das Innenleben zweier Männer, die wider Willen ihr Leben lang den Schatten ihrer Väter spüren, und damit einen spannenden Aspekt abseits der üblichen Darstellung der historischen Ereignisse.

Dennoch bleibt die Dokumentation, vielleicht auch angesichts der Fülle des Stoffes, bruchstückhaft. Greifbar werden die Väter auch für die Zuschauer nicht.

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