Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Von oben nach unten

Runter kommt man immer

Ein zukünftiger CDU-Minister, der Armut verharmlost. Ein prominenter SPD-Abgeordneter, der sich über den IQ von AfD-Wählern lustig macht. Nach unten treten ist unter Politikern gerade sehr in Mode.

DPA

Obdachloser in Berlin

Eine Kolumne von
Dienstag, 13.03.2018   14:07 Uhr

Irgendwann als Kind lernt man, hoffentlich, dass man Schwächere nicht verprügelt, aber niemand kann ewig ein Kind bleiben, außer Peter Pan, und so wird man dann älter und erfahrener und erlebt allerlei verrücktes Zeug, und irgendwann hat man Schuhgröße 49 und redet Bullshit.

Traurigste Metamorphose ever. Neulich zum Beispiel bei Jens Spahn von der CDU. Der designierte Gesundheitsminister, von dem wir, warum auch immer, wissen, dass er gerne nackt duscht, hatte sich in einem Interview vorgenommen, bis zu seiner Vereidigung nichts zu seiner zukünftigen Arbeit zu sagen, also äußerte er sich zu bereits bestehendem Elend. Hartz IV bedeute nicht Armut, sagte Spahn, sondern sei "aktive Armutsbekämpfung": "Damit hat jeder das, was er zum Leben braucht. Mehr wäre immer besser. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass andere über ihre Steuern diese Leistungen bezahlen."

Das ist frech, denn wir dürfen natürlich nebenbei auch nicht vergessen, dass jemand wie Jens Spahn schon mit 22 begann, das Gehalt eines Bundestagsabgeordneten zu beziehen und von unseren Steuern als Gesundheitsminister für sich allein knapp zehn Mal so viel Geld bekommen wird wie ein Haushalt, in dem ein Paar mit einem vierjährigen Kind von Hartz IV lebt.

Spahn hat allerlei berechtigte Kritik für seine Aussagen erhalten, aber es bleibt die bittere Erkenntnis, dass da jemand Minister wird, der glaubt, man sei nicht arm, wenn man sein Kind täglich von 2,77 Euro ernähren muss, und nach dessen Ansicht sich die über vier Millionen Menschen, die Hartz IV beziehen, vielleicht einfach nur trottelig anstellen mit ihrem Budget.

DPA

Berliner Tafel

Aber bestimmt nicht so trottelig wie der alte Influencer Karl Lauterbach von der SPD, der am vergangenen Freitag ein Diagramm twitterte, laut dem AfD-Wähler womöglich ein bisschen dumm sind. Dem Diagramm zufolge hätten SPD-Wähler im Schnitt einen IQ von 100, Linke-Wähler 105 und AfD-Wähler nur 93. LOL.

"Studie erklärt sich selbst", erklärte Lauterbach dazu, und natürlich ist es witzig, wenn ein Wissenschaftler einen Persönlichkeitstest von "www.mein-wahres-ich.de" als "Studie" bezeichnet. Das Bildchen hatte Lauterbach dort offenbar gefunden, zwischen dem großen "König der Löwen"-Quiz für Disneyfans und dem Test "Wie hoch ist dein Prinzessinnen-Potential?". Er muss bei "Welches berühmte TV-Tier bist du?" hängen geblieben sein (ich: Jolly Jumper), denn sonst hätte er den Hinweis ganz unten gefunden: "Unser Redaktionsteam gibt sich sehr viel Mühe bei der Erstellung dieser Tests. Trotzdessen erheben sie nicht den Anspruch, wissenschaftlich korrekt zu sein, sondern dienen in erster Linie der Unterhaltung."

War auch eh nur ironisch gemeint, erklärte Lauterbach kurz darauf in einem Tweet: Die Ironie sei "untergangen", denn "natürlich sagt so eine Studie nichts über Wähler aus", erklärte er. Mäßig glaubwürdig. Nur war das Ganze auch zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Studie.

Und selbst wenn er, der immerhin Zugriff auf die wissenschaftlichen Dienste des Bundestags hat, irgendwie zu einer seriösen repräsentativen Untersuchung gekommen wäre, laut der die Wählerinnen und Wähler der AfD unterdurchschnittlich intelligent seien, dann würde man doch trotzdem hoffen, dass der Abgeordnete einer Partei, die für soziale Gerechtigkeit steht oder zumindest mal stand, sich eine halbe Minute lang überlegt, ob er gern verkünden will, dass es ja irgendwie auch nicht überraschend ist, wenn unterdurchschnittlich intelligente Leute halt eher rechts wählen, weil man damit eben nicht nur etwas über Rechte sagt - und leider: das Falsche -, sondern eben auch über unterdurchschnittlich intelligente Leute. Ob ironisch oder unironisch, ist in diesem Sinne egal, weil es keinen so großen Unterschied macht, ob man wahr oder witzig findet, dass Rechte eben dumm sind.

Apropos "Studien" oder was man dafür hält. Ein anderer Wissenschaftler hat ähnlich reüssiert vor ein paar Tagen: Manfred Spitzer, der Psychiater, über den mein Kollege Christian Stöcker schrieb, dass ihm als Wissenschaftler schlicht nicht zu trauen ist, weil er unseriös arbeitet. Diesen Spitzer hat der Deutschlandfunk befragt, ob es wohl sinnvoll ist, dass Kinder schon in der Grundschule programmieren lernen.

Auf keinen Fall, findet dieser. Kinder, die zu viel auf Smartphones "wischen" würden, hätten einen Nachteil, erklärte Spitzer: "Wir ziehen uns eine Generation von Behinderten heran, ich sage es mal drastisch. (...) Wenn sie nur wischen als Kindergartenkind, endet ihre Karriere als Putzfachkraft. Das sollte man einfach nicht machen." Einfach mal das Endgerät weglegen und fünf Minuten wirken lassen und fühlen, wie richtig es sich anfühlt, dass ein Psychiatrieprofessor Behinderte und Putzfachkräfte als Bilder zur Abschreckung verwendet.

Anzeige
Margarete Stokowski:
Untenrum frei

Rowohlt; 256 Seiten; 19,95 Euro

Allen drei Fällen - Spahn, Lauterbach, Spitzer - ist gemein, dass sie nicht allzu übertrieben darum bemüht sind, den Eindruck vom Empathie zu erwecken und stattdessen kein Problem damit haben, nach unten zu treten. Sie alle wollen eigentlich eine gesellschaftliche Situation kommentieren, auf sehr unterschiedliche Art: Spahn will sagen, dass Deutschland eines der weltbesten Sozialsysteme hat. Lauterbach will - keine Ahnung, irgendwas zur AfD sagen, ein mieser Witz am Freitagmorgen. Und Spitzer will sagen, wie man Kinder nicht erziehen soll.

Das kann man alles tun. Aber sie tun es alle drei auf Kosten von Schwächeren, von oben nach unten: arme Menschen, weniger intelligente Menschen, Menschen mit Behinderung und diejenigen, die vermutlich allen drei Herren das Klo sauber halten.

In einer Mischung aus dubioser Faktenlage und mangelndem Gefühl für die eigene Position in der Hierarchie erwecken alle drei den Eindruck, dass da auf dem Weg nach oben etwas verlorengegangen ist, was nicht verlorengehen sollte. Wenn es wäre, wie Spahn sagt, und man hätte mit Hartz IV wirklich alles zum Leben, dann wären die Leute, denen das Geld nicht reicht, entweder unfähig oder gierig. Wenn es irgendwie produktiv wäre, Rechte dumm zu nennen, hätten wir die AfD schon plattgelacht. Und wenn behinderte oder putzende Menschen sich anhören müssen, dass sie das sind, was dabei rauskommt, wenn man Kinder schlecht erzieht, dann gute Nacht.

Der Witz an Privilegien ist, dass man sie nicht die ganze Zeit fühlt, sondern dass sie Voreinstellungen der Macht sind, die einigen Menschen Dinge ermöglichen, die für andere wesentlich schwieriger oder unmöglich wären. Aber daraus ergibt sich Verantwortung. Wenn man die Fähigkeit besitzt, sehr viel Whisky zu trinken, ohne umzufallen, dann ist man dafür zuständig, dass die anderen, die weniger vertragen, sicher nach Hause kommen. Und wenn man ein erfolgreicher Typ ist, der es aus irgendwelchen Gründen dahin geschafft hat, wo man gehört wird, dann ist man dafür zuständig, von da oben nicht runterzupinkeln. So einfach.

insgesamt 130 Beiträge
lachina 13.03.2018
1. Sehr geehrte Frau Stokowski,
Sie haben sooo Recht. Ich befürchte nur, dass es gar nicht so sehr ein Umdenken gibt - die Alphamännchen an der Spitze haben schon immer insgeheim die Plebs verachtet - sondern dass es zum neuen rauen Ton gehört, jrgliche [...]
Sie haben sooo Recht. Ich befürchte nur, dass es gar nicht so sehr ein Umdenken gibt - die Alphamännchen an der Spitze haben schon immer insgeheim die Plebs verachtet - sondern dass es zum neuen rauen Ton gehört, jrgliche political correctness in die Tonne zu treten, und sie endlich, endlich frei zu lassen: Die Ressentiments! Schon in den Achzigern sagte eine Lehrerkollegin zu mir über schlechte Schüler: "Der arbeitet mal später bei der Müllabfuhr". Aber dann waren die Müllmänner ja städtische Angestellte mit all den Sicherheiten -und ich schaute mir die Tarife an, und siehe - die verdienten gar nicht schlecht. Seitdem sagt sie : "Die werden Hartz IV". Sie könnte auch sagen: "Die wählen AfD "
sven2016 13.03.2018
2.
In der Regel sind es Leute, die sich selbst christlich, wertkonservativ und politisch erfahren nennen, die solches Bashing betreiben. Das ist zumindest ehrlich und verschreckt ihre Wähler/Anhänger nicht. Die da beleidigt [...]
In der Regel sind es Leute, die sich selbst christlich, wertkonservativ und politisch erfahren nennen, die solches Bashing betreiben. Das ist zumindest ehrlich und verschreckt ihre Wähler/Anhänger nicht. Die da beleidigt werden, gehören ja nicht dazu. Bei Spahn kommt der übermäßige Gebrauch von Facebook/Twitter hinzu; das schleift Manieren und Anstand ab. Zum Professor fällt mir allerdings nichts mehr ein. Der ist da fehl am Platz.
pleromax 13.03.2018
3. Nagel auf den Kopf
Bin ja wirklich nicht immer Ihrer Meinung, Frau Stokowski, aber hier treffen Sie den Nagel ganz einwandfrei auf den Kopf.
Bin ja wirklich nicht immer Ihrer Meinung, Frau Stokowski, aber hier treffen Sie den Nagel ganz einwandfrei auf den Kopf.
andraschek 13.03.2018
4. Sehr gut Frau Stokowski
"Und wenn man ein erfolgreicher Typ ist, der es aus irgendwelchen Gründen dahin geschafft hat, wo man gehört wird, dann ist man dafür zuständig, von da oben nicht runterzupinkeln. So einfach." Und jetzt wissen Sie [...]
"Und wenn man ein erfolgreicher Typ ist, der es aus irgendwelchen Gründen dahin geschafft hat, wo man gehört wird, dann ist man dafür zuständig, von da oben nicht runterzupinkeln. So einfach." Und jetzt wissen Sie warum so viele die AfD wählen und einige, so wie ich, Die Partei.
dirk433 13.03.2018
5.
Uneingeschränkte Zustimmung. Es wirkt nicht wie ein großes Thema, zeigt aber einen Aspekt der öffentlichen Kommunikation, der m.E. einen Teil der Basis bildet für allerlei Überdruß mit Privilegierten. Ratschläge & [...]
Uneingeschränkte Zustimmung. Es wirkt nicht wie ein großes Thema, zeigt aber einen Aspekt der öffentlichen Kommunikation, der m.E. einen Teil der Basis bildet für allerlei Überdruß mit Privilegierten. Ratschläge & Satire von 'oben' nach 'unten' oder 'innen' nach 'außen' dienen dem Machterhalt von Menschen, deren Aufgabe es wäre, Verantwortung für's Ganze zu Übernehmen (auch für die Qualität des Humors, Herr Welke;) In anderen Worten: der unwürdige Weg.
Newsletter
Kolumne - Oben und unten

Verwandte Themen

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP