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Kultur

Reaktionen auf Straßburg

Nur der Terror ist total

Wer behauptet, der Franzose Chérif Chekatt habe "unseren Lebensstil" angegriffen, gesteht dem Kriminellen zu große Bedeutung zu - und befördert damit auch mediale Empörung und Rassismus.

AFP

Polizisten in Straßburg

Ein Kommentar von
Freitag, 14.12.2018   20:42 Uhr

Wer auch immer bei der sonst so bekenntniswütigen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) fürs Reklamieren angeblicher Anschläge anderswo zuständig ist, der war nicht recht auf dem Posten. Ungewöhnlich lange dauerte es, bis der IS den Attentäter von Straßburg offiziell als einen ihrer "Soldaten" bezeichnete. Vielleicht hat die Miliz derzeit andere Sorgen. Vielleicht hat aber selbst die Terrororganisation es allmählich satt, dass jeder Kriminelle seinen Taten auf den letzten Drücker mit "Allahu akbar!" einen kulturkämpferischen Sinn verleihen will.

Nach allem, was wir wissen, war der Franzose Chérif Chekatt ein krimineller Serientäter. Deutsche Behörden haben dem mehrfach verurteilten Intensivtäter eine "von rücksichtslosem Profitstreben geprägte Persönlichkeitsstruktur" bescheinigt. Wer, darf man sich fragen, hat ihm eigentlich das Mandat gegeben, "unseren Lebensstil" anzugreifen? Stürzt eine solche Tat, so brutal und sinnlos sie gewesen sein mag, wirklich "ein ganzes Land in Trauer"?

Fotostrecke

Frankreich: Tödliche Schüsse in Straßburg

Die aktuellen Demonstrationen und Ausschreitungen der "Gelbwesten" haben in Frankreich bisher sechs Todesopfer gefordert. In der öffentlichen Wahrnehmung sind diese sechs Menschenleben offenbar nicht mehr als der tragische, aber leider unvermeidbare Kollateralschaden sozialer Unruhe. Wozu aber gleichzeitig diese Weihe von Chérif Chekatt? Warum wird der schäbigen Gewalt genau die höhere Bedeutung beigemessen, die der Täter ihr - und damit sich selbst - geben wollte?

Beinahe erleichtert reagierten die Medien nicht nur in Frankreich auf die Nachricht, dass hier nicht nur ein ohnehin in die Enge getriebener Krimineller durchgeknallt ist, sondern ein "Dschihadist" am Werke war. Damit hat das Sinnlose einen Namen: Terror, islamistischer. Beinahe schon vergessen, dass der Typ mit seinen 27 gerichtlichen Verurteilungen zuvor schon schwerkriminell war. Spannend ist plötzlich vor allem, wo und wie er sich "radikalisiert" hat, also im Knast zu toxischer Ramschreligiosität gefunden und seinem verpfuschten Dasein einen finalen Drall ins Wichtige gegeben hat.

Für die Medien ist "Terror!" erstens ein Empörungsangebot, das sie bereitwillig verstärken und ihrem Publikum anbieten. Für den Staat ist "Allahu akbar!" zweitens ein Reiz, auf den er mit exekutiver Wucht und symbolischer Gravität reagieren kann - anders beispielsweise als auf Bürgerinnen und Bürger in gelben Westen, die sich auf Asterix und Obelix berufen. Drittens gibt es auch hierzulande Leute, die sich ihren Rassismus - der Mann war nordafrikanischer Abstammung! - nur ungern trüben lassen.

Video: Zugriff am Stadtrand

Foto: REUTERS

So hat sich Udo Lielischkies, ehemals als Korrespondent für die ARD in Moskau und Washington, aus rechter Richtung einen Shitstorm von enormer Windstärke eingefangen, weil er angesichts der ungezählten Opfer "multiresistenter Krankenhauskeime" auf die Absurdität "öffentlicher Risikowahrnehmung" hingewiesen hatte. Schlimmer wäre nur gewesen, hätte er in seinem Tweet die Opfer häuslicher Gewalt oder die Verkehrstoten auf Deutschlands wunderbaren Autobahnen arithmetischen Erwägungen unterzogen.

Der Vorwurf gegen Lielischkies lautete, um die üblichen Obszönitäten und Rechtschreibfehler bereinigt, er "relativiere den Terror". Zwar ist auf dieser Welt restlos alles relativ. Nur der Terror nicht, der ist immer total. Ihm sollte, geht es nach der extremen Rechten, mit totalitären Methoden begegnet werden. Wer "relativiert", schränkt den Wert einer Sache ein, schwächt ihre Bedeutung. Hier ist genau das geboten.

Straßburg ist ein perfektes Beispiel für ein Stöckchen, über das wir nicht blind springen sollten. Aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch aus Respekt vor "unserer Art zu leben".

Vorausgesetzt, Vernunft spielt darin eine Rolle.

insgesamt 73 Beiträge
sabato.74 14.12.2018
1. Schöner Kommentar!
Ich findes es gut, wenn in den Medien auch einmal die Reflektion über die Berichterstattung über Anschläge einsetzt. Oder um den Comedian Dieter Nuhr zu bemühen: Sticht irgendein Irrer irgendwo jemanden nieder, sind die [...]
Ich findes es gut, wenn in den Medien auch einmal die Reflektion über die Berichterstattung über Anschläge einsetzt. Oder um den Comedian Dieter Nuhr zu bemühen: Sticht irgendein Irrer irgendwo jemanden nieder, sind die Zeitungen voll davon. Startet die Freibadsaison, ist das eine Lokalmeldung wert. Obwohl jeden Sommer dutzende Menschen in Freibädern ertrinken. Alles eine Frage der Sichtweise.
anonym07 14.12.2018
2. Es ist jedesmal dasselbe...
Es ist jedesmal dasselbe... Nicht die Tat, der primitive, verachtenswerte Hintergrund wird kritisiert, sondern die Reaktion darauf, die ja rassistisch sei. Doch genau das liegt in der Natur der Sache. Man lernt aus dem wahren [...]
Es ist jedesmal dasselbe... Nicht die Tat, der primitive, verachtenswerte Hintergrund wird kritisiert, sondern die Reaktion darauf, die ja rassistisch sei. Doch genau das liegt in der Natur der Sache. Man lernt aus dem wahren Leben, zieht seine Schlüsse und versucht das Risiko zu minimieren. Kein Staat, dem es nur darum geht dass möglichst Ruhe herrscht wird dabei irgendjemanden vom freien Denken abhalten.
bboy 14.12.2018
3. Nein, Herr Frank, sie sehen das leider falsch!
Dies war die abscheuliche Tat eines islamistischen Terroristen, der auf einem christlichen Weihnachtsmarkt wahrlos Menschen ermordete und sich dabei auf den IS beruft. Dies ist ein Angriff auf unsere westliche-christliche Welt. [...]
Dies war die abscheuliche Tat eines islamistischen Terroristen, der auf einem christlichen Weihnachtsmarkt wahrlos Menschen ermordete und sich dabei auf den IS beruft. Dies ist ein Angriff auf unsere westliche-christliche Welt. Wer das, so wie sie, abstreitet und verharmlost, der schürt nur noch mehr Wut, Hass und verpönt damit Opfer und Angehörige. Ich stelle mich hier vehement gegen ihren Versuch Terror zum Alltag zu machen. #ichbinhier #wirsindmehr
wahrsager26 14.12.2018
4. Krankenhauskeime mögen
von Fall zu Fall tödlich sein für die Patienten ,aber ich staune schon, mit welcher Selbstverständlichkeit Verbindungen geknüpft werden ,die ganz einfach nicht zusammen gehören.Wie man zu Tode kommt ,das ist das [...]
von Fall zu Fall tödlich sein für die Patienten ,aber ich staune schon, mit welcher Selbstverständlichkeit Verbindungen geknüpft werden ,die ganz einfach nicht zusammen gehören.Wie man zu Tode kommt ,das ist das entscheidende. Man kann durch einen Fehler eines anderen tödlich verunglücken ,man kann aber auch auf teuflische Art durch einen Terroranschlag um sein Leben gebracht werden.Es bringt auch nichts , hier 'die kriminelle Vergangenheit ' rot zu unterlegen...gerade das der Artikel nicht noch behauptet,das es schlecht gewesen wäre den Kriminellen Täter zu bestrafen...er hätte sich dann nicht radikalisieren können,im Gefängnis.Darüberhinaus halte ich zwar die Angst vor aufkeimendem Rassismus für nachvollziehbar,doch denke ich, das die Würfel in den Köpfen ohnehin schon gefallen sind.Um das zu vermeiden, hätte niemals in dieser Form Politik gestaltet werden dürfen.Vermutlich ist es jetzt zu spät, die 'schwarzen Schafe ' wieder auf den Weg der Tugend zu bringen.Zu viel Porzellan wurde zerschlagen! Danke
remedias.cortes 14.12.2018
5. Was ist der Aufreger?
Vielleicht weil jeder Tote, der im Namen einer imaginären wahnsinnigen Märchenwelt stirbt, zu viel ist? Vielleicht , weil man diesen importierten Wahnsinn satt hat, auch wenn der Täter französischer Staatsbürger war? Der [...]
Vielleicht weil jeder Tote, der im Namen einer imaginären wahnsinnigen Märchenwelt stirbt, zu viel ist? Vielleicht , weil man diesen importierten Wahnsinn satt hat, auch wenn der Täter französischer Staatsbürger war? Der Vergleich mit den Gelbwesten hinkt so gewaltig - wo haben Gelbwesten wahlos Menschen erschossen?
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