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Kultur

Floßfahrt mit Flüchtlingen

Das Boot ist voll

Am Neuköllner Landwerkanal soll der Berliner Theatergänger Verzweiflung und Verderben der Flucht übers Mittelmeer nachfühlen. Eine erlebnispädagogische Irrfahrt über nächtliche Gewässer.

Hendrik Scheel/ Heimathafen Neukölln

Darsteller aus "Herz der Finsternis": Hinabgespült in einen Alltag, der keiner mehr sein konnte

Von Mareike Nieberding
Montag, 27.07.2015   10:18 Uhr

Das Paradies liegt im Hinterhof des IB Berlin, Neuköllnische Allee 10. Pflastersteine im Dämmerlicht, eine hölzerne Pagode, ein Gartenteich unter Birkenzweigen. Das Paradies ist eine Enttäuschung.

Die Aufführung des Stücks "Herz der Finsternis", angelehnt an Joseph Conrads kolonialkritischen Roman, inszeniert von Olek Witt und dem Theater der Migranten in Zusammenarbeit mit dem Heimathafen Neukölln, sollte eine "irrlichternde, theatrale Expedition mit Perspektivwechsel" werden. Wollte "gemeinsam mit Geflüchteten" eine "Performance mit (post)industriellen Räumen" erschaffen. Wollte. Sollte.

In der Hoffnung, etwas zu erfahren über die Perspektivwechsel, die die Geflüchteten schon verarbeiten mussten, ging man hin. Von einem Leben als Geschäftsmann, Lehrer, Bauer mit Familie, Verwandten, Freunden, hinabgespült in einen Alltag, der keiner mehr sein konnte. Weil er plötzlich von Militärdiktatoren, von Rebellengruppen, von Hunger geprägt war.

Statisten ihrer eigenen Flucht

Ja, man kam mit hohen Ansprüchen. Weil diese Menschen nun hier sind und es verdient haben, gehört zu werden. Weil sie für viele immer noch eine gesichtslose Masse sind, die Mitleid und Hilfsbereitschaft auslöst, aber im schlimmsten Fall, im Freital-Fall, auch irrationale, gefährliche Ängste. Diesen Menschen einen Platz auf unseren Bühnen, eine Stimme in unseren Theatern geben zu wollen, ist eine gute Idee. Wenn sie etwas teilen und sich mitteilen wollen und sollen. Ja, wenn.

Und was, wenn nicht? Dann sollte man es vielleicht besser sein lassen. Die Floßfahrt, die Olek Witt am vergangenen Wochenende zweimal veranstaltete und am kommenden Wochenende noch zweimal veranstalten wird, wollte das Richtige. Mit theatralen Mitteln Verständnis schaffen, Aufklärung leisten, die Verbindungen zwischen dem Kolonialismus und der Versklavung der vorherigen Jahrhunderte - wirtschaftlich, politisch, sozial - und dem immer noch bei vielen vorherrschenden Misstrauen gegenüber Menschen anderen Glaubens und anderer Hautfarbe sichtbar machen.

Es fing harmlos an: In der alten Fabrikhalle bekommt jeder Zuschauer einen Zettel und muss einen schlicht inszenierten bürokratischen Parcours absolvieren. Die Beamten sind die Geflüchteten. Verkehrte Welt. In einem anderen Land wären sie vielleicht die Grenzbeamten. Aber müssten sie dann Deutsch sprechen? Sie fragen: Woher kommen Sie? Wo wollen Sie hin? Nehmen Sie Drogen? Wie viel Geld haben Sie im Koffer? Essen Sie gern Kartoffeln?

Die Flüchtlinge können aber scheinbar nur diese wenigen Sätze Deutsch. Was nicht weiter schlimm ist, sie in der Improvisation aber hilflos macht. Antwortet der Zuschauer auf ihre Fragen nicht mit Ja oder Nein, können sie nicht reagieren. Nur lachen. Ein hilfloses Lachen, in dem das ganze Unheil dieser Inszenierung steckt. Weil es die Geflüchteten zu Statisten ihrer eigenen Flucht degradiert. Weil es den Zuschauer, den Weißen, wieder zum Mächtigeren macht, von dessen Gutdünken ihr Leben und in diesem Fall ihre Performance abhängt. Aber das war nur der Anfang.

Hendrik Scheel/ Heimathafen Neukölln

Expedition am Landwehrkanal: "Was haben Sie denn erwartet?"

Es ging dann noch viel weiter, mit einem gefalteten Boot am Landwehrkanal entlang, das Fitzcarraldo-mäßig Böschungen hochgeschleppt werden musste, eine Schauspielerin zitierte mit laientheaterhaftem Pathos aus Conrads "Herz der Finsternis". Schließlich auf das Floß, die Flüchtlinge singen vom Ufer in Bundeswehrsportkleidung "Muss I denn zum Städele hinaus?". Durch ein nächtliches Neukölln. Vorbei an Paaren, die ertappt ins Licht blinzeln. Einer zeigt dem Boot seinen nackten Hintern.

Am Ufer hin und wieder ein Flüchtling mit Schild: "Bon Voyage" steht da drauf oder "Die Gefahr liegt in Europa". Während das Floß schippert, erzählt der Geflüchtete Sami aus Mali seine Lebensgeschichte. Man schaut sich um: Wo ist er? Wo versteckt er sich? Der Mensch, der uns sein Leben anvertraut? Er darf nicht mitfahren. Das Boot ist voll. Sami spricht aus dem Lautsprecher.

Der Regisseur Witt hätte das Ruder noch rumreißen können. Auf dem Boot hätte sich niemand Samis Geschichte entziehen können. Seine physische Präsenz hätte dem Stück die Wahrhaftigkeit geben können, die es so dringend brauchte. Doch die erlebnispädagogische Irrfahrt ging weiter, über stillgelegte Bahnschienen, vorbei an einem riesigen bellenden Kangal hinter Stacheldraht und durch einen Tunnel, in dem eine weiße alte Frau im Negligé irgendetwas vom Tod faselte und die Geflüchteten mit Fackeln im Hintergrund stehen durften, vor ihren Gesichtern weiße Masken.

Kurz vorm Paradies, Neuköllnische Allee 10, mussten alle noch eine ziemliche steile Böschung hochklettern. Mittlerweile war es Mitternacht. Finsternis. Eine ältere Dame am Stock müht sich unter Schimpfen und mit einem helfenden Zuschauer an ihrer Seite den Berg hoch. Frage an den Regisseur: "Muss das sein?" Antwort des Regisseurs: "Was haben Sie denn erwartet?" Gute Frage.


"Herz der Finsternis". Eine nächtliche Expedition auf Berliner Gewässern mit dem Theater der Migranten. Weitere Touren am 31.7. und 1.8., Start jeweils um 21 Uhr an der Flutgraben Kunstfabrik. Restkarten an der Abendkasse.

insgesamt 1 Beitrag
hevopi 27.07.2015
1. Über solchen Schwachsinn
kann ich mich nur noch wundern. Es ist doch alles dramatisch genug, muss man da noch eine Kasperle-Veranstaltung mit Flüchtlingen veranstalten? Viel wichtiger wäre doch z.B. der Versuch, ein wenig des mitgebrachten kulturellen [...]
kann ich mich nur noch wundern. Es ist doch alles dramatisch genug, muss man da noch eine Kasperle-Veranstaltung mit Flüchtlingen veranstalten? Viel wichtiger wäre doch z.B. der Versuch, ein wenig des mitgebrachten kulturellen Verständnisses rüberzubringen oder auch mal den Menschen die Dramatik dieser Menschen mitzuteilen und nicht so einen Quatsch.

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