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Kultur

Zum Tod von Tomi Ungerer

"Jede Zeichnung ein Blitzkrieg"

Ein Kinderbuchautor, der Erwachsenen die Schamesröte ins Gesicht trieb, ein ewiger Satiriker und fantastischer Realist: Tomi Ungerer bereicherte die Welt mit kraftvollen Zeichnungen - und schockierte sie zugleich damit.

AFP
Von
Samstag, 09.02.2019   20:29 Uhr

"Mein Leben war ein Märchen", sagte Tomi Ungerer vor ein paar Jahren, "ein Märchen mit all seinen Monstern." Wobei die Monster in diesem Märchen gleich am Anfang aufkreuzten.

Jean-Thomas "Tomi" Ungerer wurde 1931 als jüngster Sohn einer renommierten Uhrmacherfamilie in Strasbourg geboren. Neun Jahre später wurde Strasbourg zu Straßburg und seine Muttersprache, das Französische, ebenso verboten wie das Elsässische. Kaum hatte der Knabe sich des Deutschen bemächtigt, war Straßburg wieder Strasbourg - und diesmal alles Deutsche ebenso streng verboten wie das Elsässische.

Wichtig an dieser Erfahrung multipler Entwurzlungen ist nicht nur, dass sie so etwas wie einen Schlüssel zum enormen Werk dieses enormen Mannes liefert, zu seiner Ironie im Geiste, seiner Freiheit im Herzen und der Kühnheit seines Strichs. Wichtiger vielleicht ist, dass ihm dieses gewaltsame Umschlagen von Gewissheiten neben einer radikalen Freiheit des Blicks ein Lebensmotto bescherte: "Don't hope, cope!" - "Hoffe nicht, bewältige!"

"Jede Zeichnung ein Blitzkrieg"

Schon als Kind malte er, unter anderem Adolf Hitler. Und nahm sich noch im hohen Alter die Freiheit, ausgerechnet die Nazi-Propaganda zu einem wichtigen Einfluss zu erklären: "Goebbels zeigte mir, dass ich die Waffen meines Feindes benutzen muss, wenn ich ihn vernichten will. Und das habe ich getan. Ich habe Faschismus und Gewalt bekämpft, aber mit der gleichen Technik, einfacher Gewalt". Anders gesagt: "Jede Zeichnung ein Blitzkrieg."

Die zehn Jahre nach Blitz und Donner verbrachte er zunächst in zielloser Wanderschaft. Per Fahrrad durch Europa, mit Kamelen durch Nordafrika, per Anhalter bis Murmansk und als Matrose bis in den nördlichen Atlantik. Eher zufällig entdeckte er die Illustrationen von Saul Steinberg und die Literatur von James Thurber, die beide für den "New Yorker" arbeiteten.

Mit nichts als seinem Talent und 60 Dollar in der Tasche wandert er 1956 nach New York aus. Es ist die hohe Zeit des Printwesen, Magazine und Zeitungen blühen und gedeihen, Illustratoren sind allenthalben gesucht. Da kommt der junge Mann aus der Heimatstadt von Gustave Doré, des "größten Illustrators aller Zeiten" (Ungerer) gerade recht. Protegiert zunächst vom "Harper's Magazine", explodiert er förmlich in die Szene hinein.

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Tomi Ungerer ist tot: Von Monstern und Moral

Ungerer arbeitet wie besessen, zeichnet Satiren und Illustrationen für die "Times", für "Village Voice", den "New Yorker", zeichnet Plakate für Hollywood, darunter das offizielle Filmplakat von "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" von Stanley Kubrick. Er freundete sich mit Tom Wolfe und Philip Roth an, war Teil des Establishments und nahm es zugleich aufs Korn.

In der Serie "Mad Men" hätte er als schlanker Schlacks mindestens eine Nebenrolle verdient, weil er bereits in den Sechzigerjahren schon eifrig für die Werbung tätig war - wie, wesentlich später noch, für Bonduelle ("…das famose Zartgemüse aus der Dose"). Wahre Erfolge als Künstler feierte er mit seinen Kinderbüchern, mit "Die Mellops gehen fliegen", "Die drei Räuber" oder anderen Geschichten, in denen Polizisten freundliche Schweine waren, Schlangen eigentlich ganz nette Leute und auch sonst alle Erwartungen unterlaufen wurden.

Kinder, meinte er, sollten mit der Herausforderung konfrontiert werden, neue Wörter zu lernen. Man müsse mit ihnen reden wie mit kleinen Erwachsenen, der Rest ergebe sich dann von selbst: "Eine große Malerei im Louvre ist vielleicht nicht so wichtig, volksweise, wie ein erfolgreiches Kinderbuch, das den Kindern etwas beibringt", sagte er einmal. Fördern könne nur, wer Überforderung riskierte.

Tatsächlich überforderte Ungerer damit weniger die Kinder als vielmehr die Bibliothekare in den USA - und die puritanische Gesellschaft dort. 1967 malte er unter dem Eindruck von Vietnam und im Auftrag der Columbia University eine Reihe von Antikriegsplakaten, deren Drastik unübertroffen ist - etwa den "gelben" Mann, dem die Freiheitsstatue in den Rachen gestoßen wird: "Eat!". Die Universität lehnte die Serie als "zu hart" ab.

Surreale Sexmaschinen

Solche subversiven Umtriebe riefen das FBI auf den Plan. Aber es war sein freimütiger (und "hoffnungslos europäischer", wie ein Blatt schrieb) Umgang mit Sexualität, der seine Karriere in den USA beendete. In Büchern wie "Fornicon" zeigte er in überspitzter Drastik surreale Sexmaschinen in Aktion, ästhetisch irgendwo zwischen hellenischer Vasenmalerei und den Visionen eines Comiczeichners wie Jean Girard alias Moebius.

Ein Kinderbuchautor, der Erwachsenen die Schamesröte ins Gesicht treibt? Auf einer Konferenz der Bibliothekare der USA zur Rede gestellt, platzte 1969 Ungerer der Kragen: "Wenn die Leute nicht ficken würden, gäbe es gar keine Kinder, und ohne Kinder wärt ihr alle arbeitslos!" In der Folge verschwand sein Werk aus den Bibliotheken und er selbst aus den USA.

Erst 2015 wurde er mit einer umfangreichen Ausstellung in New York als der Künstler gewürdigt, der er war und immer geblieben ist - auch wenn er sich zunächst in Kanada und später im irischen Cork als Viehzüchter und Farmer betätigte. Ungerer produzierte weiter. Machte Werbung, Kinderbücher, engagierte sich (mit bedruckten Kondomen) gegen Aids und für benachteiligte Jugendliche, veröffentlichte Bildbände über die BDSM-Szene, schrieb Kochbücher - und eröffnete in Straßburg ein Museum im eigenen Namen.

Alle möglichen Leben nebeneinander

Wohl fühlte er sich im Kreis von Freunden wie Horst Janssen, Janosch oder F.K. Waechter - Zeichner wie er, "die missgeborenen Kinder der Musen", wie er sagte: "Wir zeichnen, was wir schreiben, und wir schreiben, was wir zeichnen. Wir sind Aufzeichner. Und dann sind wir auch Satiriker. Wir machen uns lustig über die Gesellschaft." Bestenfalls wortlos. Die Kraft zum Zuschlagen müsse eine Zeichnung schon selbst aufbringen.

Noch nach drei Herzinfarkten und einer überstandenen Krebserkrankung machte er sich auch lustig über sich selbst. Bei einem Interview bestellte er einmal koffeinfreien Kaffee und rief dem Kellner hinterher: "Andernfalls explodiere ich. Aber keine Sorge, ich lade sie zu meiner Beerdigung ein. Sie tragen ja bereits schwarz für diesen Anlass."

Das Glück seiner frühen Jahre war, dass es kein Internet gab. Freier Künstler, PR-Experte, Satiriker, Kinderfreund, Pornograf - es waren alle möglichen Leben nebeneinander möglich, ohne einander ins Gehege zu kommen. Einer rigorosen Prüfung durch die Gesinnungstechniker vom neopuritanischen TÜV unserer Zeit würde sein Werk nicht standhalten. Sein Trick war, sich dieser Prüfung durch Gelächter zu entziehen. Der Moralist hat kein Mandat, über ein Lebenswerk zu richten.

In dieser anarchischen Freiheit lag die Größe dieses fantastischen Realisten, menschlich wie künstlerisch. "Ich glaube, dass sich die Realität durch das Absurde selbst illustriert", sagte er einmal. "Das ist der Schlüssel".

Am Samstag ist Tomi Ungerer im Haus seiner Tochter in Irland verstorben. Er wurde 87 Jahre alt.

insgesamt 9 Beiträge
odapiel 09.02.2019
1. R.i.p.
R.I.P. Tomi. Die Welt ist jetzt deutlich ärmer.
R.I.P. Tomi. Die Welt ist jetzt deutlich ärmer.
Jocklberlin 09.02.2019
2. Adieu.
Schon als Kind waren die Kinderbücher wundervoll und auch eine Generation später sind meine eigenen Kinder begeistert. Ein von Ungerer illustriertes Liederbuch habe ich gerade erst genommen, um meinem Sohn zum Einschlafen [...]
Schon als Kind waren die Kinderbücher wundervoll und auch eine Generation später sind meine eigenen Kinder begeistert. Ein von Ungerer illustriertes Liederbuch habe ich gerade erst genommen, um meinem Sohn zum Einschlafen vorzusingen. Wie alles, sind die Bilder witzig, schön und manchmal ein bisschen böse. Adieu.
ernstmoritzarndt 10.02.2019
3. Fornicon ....
… eine herrliche Satire, anders als sein Einblick in die SM - Szene in Hamburg St.-Pauli. Ein überragender Künstler, der sich in jedes Thema einfühlen konnte. …..
… eine herrliche Satire, anders als sein Einblick in die SM - Szene in Hamburg St.-Pauli. Ein überragender Künstler, der sich in jedes Thema einfühlen konnte. …..
francis-pierre 10.02.2019
4. Adieu mon vieux pote
Einer der Letzten seiner Art. Er hatte sich immer für die Zwei(bzw. Drei-)sprachigkeit in seiner (auch meiner) elsässischen Heimat eingesetzt. Das Elsass hat mit ihm einen seiner besten Söhne verloren. Ruhe in Frieden, mon [...]
Einer der Letzten seiner Art. Er hatte sich immer für die Zwei(bzw. Drei-)sprachigkeit in seiner (auch meiner) elsässischen Heimat eingesetzt. Das Elsass hat mit ihm einen seiner besten Söhne verloren. Ruhe in Frieden, mon vieux copain. Als wär's ein Stück von mir...
panzerknacker 51 10.02.2019
5. R.i.p.
Das ist doppelt traurig, weil ja nichts gleichgutes nachwächst.
Das ist doppelt traurig, weil ja nichts gleichgutes nachwächst.

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