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Kultur

Kulturwandel durch die Bayern-Wahl

Mia san emanzipiert

Der Machtverlust der CSU am Wahlsonntag ist für bayerische Kulturschaffende ein Epochenbruch. Und ein Grund zum Durchatmen.

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Schützen beim traditionellen Böllerschießen auf der Theresienwiese

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Montag, 15.10.2018   17:05 Uhr

Als der Schriftsteller Herbert Achternbusch sich einmal als Wahlforscher betätigte, kam er zu der Erkenntnis: "In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten, und die wählen alle CSU." Insofern muss man im Wahlergebnis vom Sonntagabend ein Signal der demokratischen Normalisierung, ja der Verbiederung und Entzauberung der bayerischen Politik erkennen. Nicht mal mehr 38 Prozent der bayerischen Bürgerinnen und Bürger bekennen sich zu der Partei, deren Anhänger oft seit Generationen stolz darauf sind, praktisch jeglicher Regierungsmacht die Anerkennung zu verweigern - und in ihrem Anarchie-Stolz kühn ignorieren, dass die von ihnen gewählte Partei seit fünf Jahrzehnten in eben dieser Regierung (und öfter auch in der Bundespolitik) über die Geschicke Bayerns bestimmt.

Die Sog- und Saugwirkung der CSU war bis zum Sonntag legendär. In einer Mischung aus aufrichtig gelebter Schizophrenie und berechnender Verlogenheit haben es Politiker und Anhänger der CSU über Jahrzehnte hin geschafft, einem großen Teil der Bewohner Bayerns das Gefühl zu vermitteln, gerade ihre Partei sei ein Ort des Widerstands gegen irgendeine ferne Obrigkeit. Egal, ob es die Bundespolitiker in Bonn oder Berlin waren, Europas Mächtige in Brüssel oder die schlaumeierischen Medienmenschen in Hamburg - gegen irgendwelche "Großkopferten", also bloß vorgebliche Autoritäten, musste und sollte Bayern immer verteidigt werden. Schon weil man sich unmöglich alles gefallen lassen konnte!

Der Zorn der Bauern gegen sämtliche Bürokraten

Deshalb teilte die CSU beispielsweise stets den Zorn der Bauern gegen praktisch sämtliche Bürokraten in Amtsstuben jenseits von Bayern, in denen oft ihre eigenen Leute saßen. Sie grummelte gegen Überfremdung und den Verlust der bayerischen Lebensart und holte doch begeistert Abertausende von Heimatvertriebenen, Russlanddeutschen, Fünfneuländern oder noch ferneren IT-Fachleuten ins schöne Bayernland. Sie paktierte mit Immobilienkonzernen und Autobauern und betrieb die Zubetonierung der süddeutschen Landschaft; zugleich mandelte sie sich auf zur Protestbewegung gegen die Verschandelung der Welt durch überirdische Stromtrassen. In glorreicher Wendigkeit inszenierte die CSU sich stolz als Heimatstützpunkt der Reichen und der Besitzlosen, der jungen Karrieristen und der müden Alten, der Evangelen und der Katholiken (und notfalls sogar der gänzlich Ungetauften).

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Das größte Volksfest der Welt

Nicht das Christenkreuz und nicht die Lederhose, sondern die Anmut des Bayernlandes, die herausragt aus der aller anderer Landstriche Deutschlands und der Welt, spielte im propagandistischen Selbstbild der CSU immer eine zentrale Rolle: Sie war "die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat", wie es der (natürlich CSU-kritische) bayerische Journalist Herbert Riehl-Heyse einst formulierte. Jahrzehntelang höhnten Künstler und Intellektuelle über den Bayernkitsch der CSU. "Es muss ein Sonntag gewesen sein, ein Tag voll hellem Sonnenschein/ Es war ein Glückstag ganz gewiss, wie unser Bayernland entstanden ist", heißt es in einem Lied der Biermösl Blosn. Der Kitsch wirkte trotzdem.

Warum ist es mit diesem identifikatorischen Voodoospuk nun offensichtlich vorbei? Warum ist der Heimathafen CSU plötzlich so viel weniger attraktiv? Die Kabarettistin Luise Kinseher hat es am Wahlwochenende so ausgedrückt: "Heimat ist immer Erinnerung. In München ist es zum Beispiel die Erinnerung an eine bezahlbare Dreizimmerwohnung." In der Tat ist ein bisher kaum gekannter Pragmatismus in viele Gegenden und Köpfe Bayerns eingekehrt. Er hat möglicherweise mit Zukunftsängsten, auch mit dem Abschied von eher finsteren Traditionen zu tun - und mit einer erfreulichen Durchlüftung der Verhältnisse, mit demokratischem Fortschritt.

Das demokratische Prinzip wechselnder Mehrheiten

In der kleinen bayerischen Stadt, in der ich in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchs, verteilte der Klassenlehrer im ersten Gymnasiumsjahrgang noch Mitgliedsanträge der CSU-Nachwuchstruppe "Schülerunion" unter seinen 11-jährigen Lieblingen, als besonderen Gnadenerweis. Der katholische Stadtpfarrer predigte von der Kanzel gegen die Unzucht und für die CSU, der evangelische Pastor vermutlich auch. Heute würde sich das kein Elternteil und kein Gläubiger mehr gefallen lassen. Warum nicht?

Der CSU-Starrhetoriker Edmund Stoiber hat sich vor der Wahl mit der These hervorgetan, seine Partei habe weniger Rückhalt im Wahlvolk, weil auf nicht ganz durchsichtige Weise im Lauf der Jahre große Teile der bayerischen Bevölkerung ausgetauscht worden seien. Wer könnte für diesen Umschwung durch Migration verantwortlich gewesen sein? Für die selbst gegen CSU-Traditionen verstoßende Hetze gegen Andersgläubige, die der Kreuz-Erlass des Ministerpräsidenten Söder offenbart? Für die Verschleuderung von Milliarden in vom bayerischen Staat verantworteten Bankgeschäften? Abermals die großen Köpfe irgendwo weit weg da oben?

Man darf hoffen, dass sich das Leben in Bayern verändert dadurch, auch wenn es diesmal noch nicht geklappt hat. Das demokratische Prinzip wechselnder Mehrheiten ist jetzt selbst in Altötting und Sonthofen angekommen. Das verändert das bayerische Lebensgefühl; auch das der Kulturmenschen, für die ja die CSU in oft besonders bedrängender Weise immer identisch war mit Staatsmacht.

"Bayern ist die CSU, diese Gleichung stimmt zum Glück nicht mehr", sagte der bayerische Schriftsteller Albert Ostermaier gestern am Wahlabend. "Bayern hat sich von seiner Einheitsbreipartei emanzipiert. Es ist vielstimmig geworden und hat mehrheitlich abgestimmt gegen Hetze und Ausgrenzung, auch wenn jeder AfD-Wähler eine Schande bleibt." Tatsächlich ist die deutsche Politik durch die Schrumpfung der Anarchistenbande im Süden ein bisschen langweiliger geworden. Aber das sollte für alle Demokraten, ob sie nun in Bayern oder jenseits des gelobten Landes leben, ein Grund sein, an diesem Montag erleichtert durchzuatmen.

insgesamt 27 Beiträge
Crom 15.10.2018
1.
Die "Kulturschaffenden" sollten sich nicht zu früh freuen. Die Freien Wähler sind stehen der CSU in denen im Artikel genannten Punkten in nichts nach. Gerade, dass die Freien Wähler so viel Zuspruch gewinnen konnten, [...]
Die "Kulturschaffenden" sollten sich nicht zu früh freuen. Die Freien Wähler sind stehen der CSU in denen im Artikel genannten Punkten in nichts nach. Gerade, dass die Freien Wähler so viel Zuspruch gewinnen konnten, ist typisch bayerisch. Gerade in Bayern haben die bundesweit unter "Sonstige" laufenden Gruppierungen schon immer überdurchschnittlich abgeschnitten. Sei es jetzt die Freien Wähler oder früher die Bayernpartei etc. Überdurchschnittlich auf kleinem Niveau heimsen auch Parteien wie die ÖDP regelmäßig ihre 1 - 2% ein.
qoderrat 15.10.2018
2. Und noch einer...
Liebe Spon-Redaktion, wird es Euch nicht langsam peinlich? Ist das jetzt schon Vorbereitung auf die anstehende Hessen-LTW? Bevor Ihr den nächsten Artikel online stellt, solltet Ihr Euch einfach im Stillen selbst die Frage [...]
Liebe Spon-Redaktion, wird es Euch nicht langsam peinlich? Ist das jetzt schon Vorbereitung auf die anstehende Hessen-LTW? Bevor Ihr den nächsten Artikel online stellt, solltet Ihr Euch einfach im Stillen selbst die Frage beantworten, was so toll an den 10% Verlust für die CSU ist, wenn die Afd mit 10% in den bayrischen Landtag einzieht. Auf diese Art von Veränderung hätte ich nämlich ganz gut verzichten können, und ich bin jetzt wahrlich kein Fan der CSU.
JeanGerard 15.10.2018
3. Aha - und was genau hat "diesmal noch nicht geklappt"?
Träumt der Autor etwa von einer links-rot-grünen Regierung in Bayern? Oder wie soll man diese Aussage interpretieren? Soll er träumen - auf jeden Fall wird er noch sehr lange davon träumen müssen. Richtig - "nicht mal [...]
Träumt der Autor etwa von einer links-rot-grünen Regierung in Bayern? Oder wie soll man diese Aussage interpretieren? Soll er träumen - auf jeden Fall wird er noch sehr lange davon träumen müssen. Richtig - "nicht mal mehr 38 Prozent" der bayerischen Wähler haben CSU gewählt, dafür aber fast 12% Freie Wähler und über 10% die AfD. Das ergibt nach meiner Rechnung ziemlich genau wieder 60% für Konservativ - und was genau soll daran jetzt anders sein? Richtig - "Bayern ist die CSU, diese Gleichung stimmt zum Glück nicht mehr", aber dafür haben 10% jetzt sogar Rechtsextrem gewählt. Kann es sein, dass manche Zeitgenossen vor lauter Euphorie über die Grünen den Bezug zur Realität verloren haben? Es ist erschreckend, mit welcher Beharrlichkeit in einem Medium mit dem Anspruch, seriös zu sein, immer wieder ein solcher Schmarren suggeriert wird. Bayern war konservativ und Bayern wird auf absehbare Zeit auch konservativ bleiben - und genau deshalb können die Bayern "an diesem Montag erleichtert durchatmen".
qwer 15.10.2018
4. Schmarrn
Man merkt es an so Kleinigkeiten: Wer den bayerischen evangelischen Geistlichen "Pastor" nennt, hat entweder keine Ahnung von Bayern, oder ist tatsächlich vor 40 Jahren aus dem Freistaat weggezogen und hat bis dahin in [...]
Man merkt es an so Kleinigkeiten: Wer den bayerischen evangelischen Geistlichen "Pastor" nennt, hat entweder keine Ahnung von Bayern, oder ist tatsächlich vor 40 Jahren aus dem Freistaat weggezogen und hat bis dahin in einem niederbayerischen Kaff am Ende der Welt gelebt. Dort wählt man dann heute zu 20 % AfD. Auch nicht repräsentativ für das (CSU-) Bayern der letzten 30 Jahre.
Proggy 15.10.2018
5.
Da hat der SPON nun monatelang versucht, die Bayernwahl in eine ihm genehme Richtung zu schreiben und es hat einfach nicht funktioniert. Jetzt, im Nachhinein das bayrische Ergebnis zu beweinen, bringt doch auch nichts. Freut [...]
Da hat der SPON nun monatelang versucht, die Bayernwahl in eine ihm genehme Richtung zu schreiben und es hat einfach nicht funktioniert. Jetzt, im Nachhinein das bayrische Ergebnis zu beweinen, bringt doch auch nichts. Freut euch an den von euch so gepushten Grünen. Auch wenn die gleichen Prozente und mehr, auf Seite der Roten dann verloren wurden - wo sollten die Stimmen auch sonst herkommen?. Die Grünen stehen zwar jetzt etwas hilflos auf dem bayrischen Polit-Abstellgleis, aber sie können immerhin vom Ergebnis schwärmen.

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