Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Belästigungsvorwürfe beim WDR

Früherer Chef­redak­teur Schönen­born nahm Hinweise nicht ernst genug

Zwei Korrespondenten des WDR sollen Kolleginnen sexuell bedrängt haben. Der damalige Chefredakteur Schönenborn beförderte die Karrieren der beiden, obwohl er die Hinweise auf Belästigung kannte. Die "Anschuldigungen" hätten sich "weder entkräften noch belegen lassen".

DPA

Jörg Schönenborn

Von und
Freitag, 13.04.2018   15:00 Uhr

Die Affäre rund um WDR-Korrespondenten, die Kolleginnen belästigt haben sollen, spitzt sich für die Funkhaus-Spitze zu. Die damalige Intendantin Monika Piel, der heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel waren in einem der beiden Fälle, die nun öffentlich wurden, involviert. Das belegen Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 16/2018
Ist das noch mein Land?
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, damals noch Chefredakteur, beförderte den Beschuldigten, obwohl er von den Vorwürfen wusste. 2011 wurde er von einem Kollegen gebeten, den Bericht über sexuelle Belästigung zu lesen, der zuvor angefertigt worden war.

Darin hatte die Personalrätin, die zu den Vorwürfen gegen einen Redakteur recherchiert hatte, festgehalten: Sie habe den Eindruck, dass es in der Auslandsredaktion "Vorkommnisse gab und noch gibt, die die jeweiligen Grenzen von Kolleginnen überschritten und verletzt haben, und somit als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bewertet werden könnten".

Schönenborn antwortete seinem Kollegen ausweichend. Er könne sich "ehrlicherweise nicht erinnern, ob ich damals den Bericht zur Einsicht bekommen habe", schrieb er. Er gab zu: "Es entspräche den Gepflogenheiten und wäre ungewöhnlich, wenn das nicht passiert wäre." Und: "Ob ich dies nachhole, habe ich für mich noch nicht entschieden." Ein Jahr später beförderte Schönenborn den Beschuldigten auf eine Korrespondentenstelle.

Der WDR teilt dazu mit, die "damals Verantwortlichen" seien "den betreffenden anonymen Hinweisen intensiv und sorgfältig nachgegangen". Die "Anschuldigungen" hätten sich "weder entkräften noch belegen" lassen.

Anschuldigungen wegen Machtmissbrauch

Schönenborn war es auch, der jenen anderen beschuldigten WDR-Mann, der sich selbst "Alphatier" nannte, auf prestigeträchtige Korrespondentenstellen schickte. Und das, obwohl Schönenborn die Gerüchte über sexuelle Belästigung aus den Neunzigerjahren kannte.

Sie seien "in der Chefredaktion unter Jörg Schönenborn seit 2002 intensiv und ohne Ergebnis geprüft worden", teilt der WDR mit. Trotzdem wurde der Beschuldigte in zwei begehrte Auslandsstudios entsandt. Schönenborn sagt dazu: "Ich hätte mir gewünscht, dass ich die Informationen, die uns heute vorliegen, schon damals gehabt hätte. Denn mit dem Wissen von heute hätte man damals andere Entscheidungen getroffen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Jörg Schönenborn habe 2011 von Vorwürfen erfahren. Tatsächlich erfuhr er 2010 davon. 2011 wurde er von einem Kollegen auf den Bericht hingewiesen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP