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Kultur

Künstler outen Rechtsextreme

Gezielte Eskalation

Aktivisten wollen über eine Onlineplattform Rechtsextreme identifizieren. Die Macher halten das nicht für Denunziantentum. Sondern für Kunst.

Ein Kommentar von
Montag, 03.12.2018   18:29 Uhr

Waren das wirklich alles Neonazis in Chemnitz? Waren nicht auch besorgte Bürgerinnen und Bürger darunter? Normale Leute, die für ihre berechtigten Interessen auf die Straße gegangen und dort versehentlich mit Neonazis marschiert sind? Und nach Hause gingen, als in ihrer Mitte "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" gebrüllt wurde?

Diese Fragen bewegten die politischen Feuilletons in diesem Jahr. Da wurde gewaltig weginterpretiert und geradegerückt - bis hin zu behördlicherseits gestreuten Zweifeln, ob es überhaupt zu "Hetzjagden" auf Ausländer gekommen sei. Immerhin das rechtsextreme Märchen, "eingeschleuste Journalisten" hätten den Hitlergruß gezeigt, hat es nicht in die seriösen Debatte geschafft - aber nur ganz knapp.

Es war also schon ein arges Gestochere im Nebel des Diskurses. Mit seiner neuen Aktion will das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) um den Philosophen Philipp Ruch diesen Nebel lichten und "auf eine empirische Basis" stellen. Auf der am Montagmorgen freigeschalteten Seite Soko-Chemnitz.de hat das ZPS einen "Katalog der Gesinnungskranken" erstellt.

Vor einem Jahr hatte die Gruppe direkt vor dem thüringischen Anwesen von AfD-Landeschef Björn Höcke 24 Betonstelen enthüllt - in Anlehnung an das Berliner Holocaust-Mahnmal, das der Politiker als "Mahnmal der Schande" bezeichnet hatte. Die neue Aktion kommt virtueller daher, rückt aber in ihrer erwünschten Wirkung weitaus mehr Menschen direkt zu Leibe.

Foto: SPIEGEL TV

Nicht nur will das ZPS in den vergangenen drei Monaten mit einem Team von 30 Mitarbeitern etwa drei Millionen Bilder von etwa 7000 an den Ausschreitungen oder Kundgebungen von Chemnitz beteiligten "Verdächtigen" ausgewertet haben. Es schließt sich an die exemplarische Enthüllung einiger Beteiligter - nebst Hinweisen auf deren Profile andernorts, etwa bei Facebook - auch der Aufruf an, weitere "Idioten" zu melden.

Darüber hinaus wird unter dem Button "Jetzt mithetzen!" dazu aufgefordert, etwa den Chef von "Marko L." über dessen Umtriebe zu informieren. Zudem liegen Vordrucke für die Arbeitgeber der Betroffenen für Kündigungen "aufgrund charakterlicher Eignung" oder "wegen Rufschädigung" bereit. Was, wie man hört, in dem ein oder anderen Fall nicht klappten dürfte, weil der Arbeitgeber ebenfalls in einer Kameradschaft organisiert war.

Wie schon beim "Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz" betreibt das ZPS die Mimikry einer Behörde, diesmal die sächsische Polizei (die das Zentrum wegen der Verwendung eines entsprechenden Logos bereits abgemahnt hat). Tatsächlich will das ZPS beim Aufbau seiner Datenbank nach eigenen Angaben moderne Gesichtserkennung nutzen und einer Software beigebracht haben, "wie man Nazis erkennt", sagt Ruch: "Am Ende wird das System sagen können, ob jemand in Chemnitz dabei war - oder nicht."

picture alliance/ ZUMAPRESS

ZPS-Aktionskünstler Philipp Ruch

Keineswegs gehe es dem ZPS um eine Diskreditierung aller Demonstrierenden von Chemnitz, so Ruch, sondern darum, die echten Neonazis darunter zu identifizieren - um der Legendenbildung vorzubeugen, hier wären durchschnittliche Deutsche marschiert. "Wir finden da eigentlich keinen normalen Menschen", so Ruch.

Zu identifizieren sind die Betroffenen relativ leicht "mit legaler Technik", deren Verbot das ZPS wie nebenbei fordert. Auch ist deren faschistische Gesinnung, etwa auf Facebook, allgemein sichtbar und so öffentlich wie ihr Auftreten in Chemnitz.

Gezielte Eskalation

Über die künstlerische Qualität, den politischen Sinn oder die rechtliche Bewertung einer solchen gezielten Eskalation der gesellschaftlichen Polarisierung lässt sich lange streiten. Ebenso wie über die Frage, welche Legitimation das ZPS eigentlich hat, sich als "Geheimdienst des Humanismus" zu gerieren. Woran allerdings die Frage sich anschlösse, wo eigentlich die legitimen Behörden sind, wenn man sie mal braucht.

Oder auch "die Medien", denen, um nur ein besonders beunruhigendes Beispiel zu nennen, die Enthüllung rechtsextremer Netzwerke in der Bundeswehr ("Hannibal") durch die "taz" bisher nicht einmal eine Fußnote wert waren. Wie rechts sind wir schon? Wie rechts wollen wir werden?

In den Sonntagsreden der politischen Feuilletons jedenfalls wird das Hin- und eben nicht Weggucken, die Identifikation und Unterscheidung von Rädelsführern und Mitläufern stets als zivilgesellschaftliche Tugend gelobt. Hier ist sie zugespitzt und auf die Spitze getrieben. Gesicht zeigen? Gerne doch!

Aktionen, mit denen Menschen kreativ auf eine Veränderung der Verhältnisse hinwirken, hat Joseph Beuys einst selbst als Kunstform bezeichnet, als Soziale Plastik. So ermöglicht das ZPS mit seiner kreativen Intervention zugleich eine neue Interpretation seiner erklärten Gegenspieler im öffentlichen Raum. Was sich da auf der Straße zeigt und umstürzen will, das ist der Mob als Nationalsoziale Plastik.

insgesamt 150 Beiträge
lugj 03.12.2018
1. Mir wird schlecht
Mir wird richtig schlecht wenn ich sowas lese. Ein online-Lynchmob baut einen virtuellen Pranger wo jeder jeden öffentlich anschuldigen kann? Und weil Denuzieren nicht reicht versucht man gleich noch den Beschuldigten den Job [...]
Mir wird richtig schlecht wenn ich sowas lese. Ein online-Lynchmob baut einen virtuellen Pranger wo jeder jeden öffentlich anschuldigen kann? Und weil Denuzieren nicht reicht versucht man gleich noch den Beschuldigten den Job und damit seine Lebensgrundlage zu zerstören? Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen, alles im Namen der gerechten Sache. Schräge Ideologien bekämpft man durch Aufklärung und, wenn nötig, mit rechtstaatlichen Mitteln und nicht durch Selbstjustiz und virtuelles Dreckwerfen. Ich will mit dieser Art von Inquisition nichts zu tun haben, dass ist auch der Grund wieso ich mich nicht mehr als links oder progressiv bezeichnen möchte.
fk85 03.12.2018
2. Polizei schreitet schon ein.
Gegen eine umstrittene Internetaktion des Künstlerkollektivs "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) ist die Polizei in Chemnitz eingeschritten. Zur Gefahrenabwehr seien Plakate vom Büro der Aktivisten entfernt [...]
Gegen eine umstrittene Internetaktion des Künstlerkollektivs "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) ist die Polizei in Chemnitz eingeschritten. Zur Gefahrenabwehr seien Plakate vom Büro der Aktivisten entfernt worden, teilte die Polizei am Montag mit. Da es in sozialen Netzwerken Aufrufe zu Sachbeschädigungen an den Büroräumen gab, sei entschieden worden, die Plakate zu entfernen und sicherzustellen. Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) sprach von einem "Kunstprojekt", sagte aber gleichzeitig, solche Methoden könnten von seriösen Politikern nicht unterstützt werden.
felisconcolor 03.12.2018
3. So so
das ist also kein Denunziantentum, sondern Kunst. Und die Kunst darf bekanntlich alles? Ich finde nicht. Was da in Chemnitz abgelaufen ist, ist nicht zu entschuldigen. Für die Aufklärung hat aber nicht die Kunst zu sorgen. Ich [...]
das ist also kein Denunziantentum, sondern Kunst. Und die Kunst darf bekanntlich alles? Ich finde nicht. Was da in Chemnitz abgelaufen ist, ist nicht zu entschuldigen. Für die Aufklärung hat aber nicht die Kunst zu sorgen. Ich hoffe nur das die Kasse dieser "Künstler" gut gefüllt ist. Üble Nachrede (die ja vielleicht sogar bis zur Kündigung führt) ist in Deutschland strafbar. Erschreckend ist das dieses verquere Rechtsverständnis in Deutschland Schule macht und eine "Hetzjagd" legitimiert ist weil sie ja angeblich von den Guten kommt eine andere aber nicht weil sie von den Bösen kommt.
keine Zensur nötig 03.12.2018
4. Blankes Entsetzen -
die netten Im´s an meiner Seite haben auch gern Geldgeschenke angenommen. In Chemnitz gibt es eine Stasi-Unterlagenbehörde. Der Autor sollte bitte sein Grundverständnis zum demokratischen Rechtsstaat überprüfen. Die [...]
die netten Im´s an meiner Seite haben auch gern Geldgeschenke angenommen. In Chemnitz gibt es eine Stasi-Unterlagenbehörde. Der Autor sollte bitte sein Grundverständnis zum demokratischen Rechtsstaat überprüfen. Die "Künstler" und ihre Finanziers gehören schnellstens hinter Gitter. Es sind offene Verfassungsfeinde, die sich an stalinistischen Systemen orientieren. Es reicht - das keine Kunst und keine Provokation, sondern eine veritable Straftat. DAFÜR sind wir 89 nicht auf die Straße gegangen. - Nein ich war nicht in Chemnitz.
der_seher59 03.12.2018
5. Blockwart wird wieder salonfähig
ich habe für Nazis und Rechtsextreme nichts übrig -allerdings kann man das bekanntermassen schneller werden als einem lieb ist,aber das ist eine andere Baustelle. Ich bleibe dabei: "Das größte Schwein im ganzen Land [...]
ich habe für Nazis und Rechtsextreme nichts übrig -allerdings kann man das bekanntermassen schneller werden als einem lieb ist,aber das ist eine andere Baustelle. Ich bleibe dabei: "Das größte Schwein im ganzen Land das ist und bleibt der Denunziant"
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