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Kultur

Zurück zur alten Rechtschreibung

Die "FAZ" ruft zur Konterrevolution auf

Die Konservativen auf Schlingerkurs: Ein Jahr nach Einführung der neuen Rechtschreibung kehrt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu den alten Regeln zurück - und ruft andere Redaktionen zur Nachahmung auf. Die jedoch weigern sich.

Mittwoch, 26.07.2000   17:41 Uhr

Frankfurt am Main - Ein Jahr nach der Übernahme der neuen Rechtschreibung in den meisten deutschen Medien habe sich "in der Redaktion die Überzeugung durchgesetzt, dass die wesentlichen Ziele der von den Kultusministern verordneten Rechtschreibreform nicht erreicht wurden", teilte die Politik-Redaktion der "FAZ" am Mittwoch mit. Daher werde das Blatt am 1. August zur alten Schreibweise zurückkehren.

"Weder hat sich eine verbesserte Sprachbeherrschung eingestellt, noch hat sich die Einheitlichkeit der deutschen Sprache bewahren lassen", erklärte die Redaktion. Neunzig Prozent der Bevölkerung hätten die Umstellung in ihrem privaten Schriftverkehr nicht vollzogen, zahlreiche Buchverlage hätten sich dem neuen Regelwerk nicht unterworfen. Ein großer Teil der aktuellen Druckmedien habe die neue amtliche Schreibweise in hauseigene Regelwerke abgewandelt.

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Zurück zur alten Rechtschreibung?

Die FAZ kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Andere Redaktionen nannten diese Entscheidung "idiotisch". Welche Schreibweise würden Sie gerne in Ihrer Zeitung sehen?

"Damit sind die wichtigsten Argumente für die Reform entfallen, denen sich die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' vor einem Jahr widerstrebend gebeugt hat. Die Redaktion verkennt nicht die Schwierigkeiten, die mit der Wiederaufnahme der alten Schreibweise verbunden sein werden. Sie bittet ihre Leser um Verständnis für Ungereimtheiten, die in der Umstellungsphase unvermeidlich sein werden, und hofft im Interesse einer Heilung des von den Kultusministern herbeigeführten Bruchs auf zahlreiche Nachahmer."

Andere deutsche Zeitungen und Magazine zeigten sich jedoch wenig begeistert von dem "FAZ"-Vorstoß. "Wir verstehen die Diskussion überhaupt nicht. Wir arbeiten vollkommen problemlos mit den neuen Regeln", erklärte der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Woche", Hans-Ulrich Jörges. Auch "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Stern" und der SPIEGEL bleiben bei der neuen Rechtschreibung, die sie am 1. August 1999 eingeführt hatten.

Bei vielen Regionalzeitungen, die immer noch mit der Umstellung zur neuen Rechtschreibung beschäftigt sind, machte sich Unmut breit. Aus der Chefredaktion der Düsseldorfer "Rheinischen Post" verlautete, mit der einheitlichen Einführung der neuen Schreib-Variante habe man noch genug zu tun. Auch der Chefredakteur der "Sächsischen Zeitung" in Dresden, Peter Christ, betonte, der Aufwand für eine erneute Umstellung "wäre viel zu groß". Der Chefredakteur des Bremer "Weser-Kurier", Volker Weise, nannte es gar "idiotisch, jetzt einen Rückzieher zu machen".

Die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt begrüßte hingegen die "FAZ"-Initiative. Sie erklärte, die variierenden Schreibweisen einzelner Verlage und der Agenturen "verringern zwar manchen Schaden, tragen aber in ihrer Vielfalt zur Verwirrung bei". Es sei daher höchste Zeit, mit dem "Rückbau der Rechtschreibreform zu beginnen". Die Akademie will die alte Schreibweise aber nur teilweise wieder einführen - die Reform habe auch Vorteile gebracht, die beibehalten werden sollten.

Zwar hat die Entscheidung der "FAZ" enorme Außenwirkung, eine Richtungsänderung in den deutschen Redaktionen könnten aber wohl nur die Nachrichtenagenturen erwirken. Der Chefredakteur der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Ralf Lehmann, brachte es auf den Punkt: "Was dpa tut, tut die deutsche Presse".

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