Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

"Star Wars"-Ableger "Rogue One"

Ein Kriegsfilm, kein Sternenmärchen

Mit Diversity gegen Faschismus: Im actionreichen "Star Wars"-Film "Rogue One" kämpfen Rebellen gegen das Imperium. Und die Jedi-Ritter? Sind lustige Sidekicks.

Von
Dienstag, 13.12.2016   18:05 Uhr

"Die Macht ist mit mir, und ich bin mit der Macht": Der blinde Krieger Chirrut Îmwe (Donnie Yen) wiederholt dieses Jedi-Ritter-Mantra immer wieder, dann streckt er einen Stormtrooper nach dem anderen mit den eleganten Hieben seines langen Kampfstocks nieder. Îmwe, begleitet von seinem Kumpel, dem bulligen, bis an die Zähne bewaffneten Baze Malbus (Jiang Wen), ist ein tragikomischer Samurai.

Edel und erhaben wirkt er nicht, eher ein bisschen lächerlich und trashig. Als würden sich die Macher des "Star Wars"-Films "Rogue One" ein Späßchen mit dem ja tatsächlich immer ein bisschen bräsig wirkenden spirituellen Überbau der Blockbuster-Saga machen: Die heldenhaften Jedis, in diesem packenden und überraschend kernigen Kriegsfilm von Regisseur Gareth Edwards ("Monsters", "Godzilla") spielen sie nur die untergeordnete Rolle clownesker Sidekicks, sorgen für ein bisschen comic relief.

Denn die Welt von "Rogue One" ist noch nicht die von Luke Skywalker, Han Solo und Prinzessin Leia, geschweige denn die der neuen Heldin Rey aus "Das Erwachen der Macht", dem spektakulären Neustart der Kinoreihe von vor einem Jahr. Die "Macht", zumindest ihre dunkle Seite, liegt in diesem Bindeglied zwischen Original-"Star Wars"-Trilogie und den Prequels der Nullerjahre ganz in Händen des faschistischen Imperiums der fernen, fiktiven "Star Wars"-Galaxie, kontrolliert von schurkischen Sith-Lords wie Darth Vader und ihren uniformierten Schergen. Der Film erzählt von einem kleinen Häuflein Rebellen, die das Schicksal zusammengewürfelt hat und die dem totalitären Regime die Pläne für dessen schrecklichste Waffe entwenden wollen: den Todesstern.

Fotostrecke

"Rogue One": Jyn statt Jedi

Die Idee zu "Rogue One" hatte John Knoll, Visual Director der Prequel-Trilogie, schon vor über zehn Jahren, inspiriert durch die sogenannte "Crawl", die ins All treibende Schrift, mit der 1977, zu Beginn des Ur-"Star Wars"-Films, die Szenerie etabliert wird. Die komplette, in Wahrheit recht übersichtliche Handlung von "Rogue One" findet sich in den paar Zeilen, die jeder Hardcorefan der Saga auswendig aufsagen kann: "Es herrscht Bürgerkrieg…".

Ein gelungenes Experiment

Erst nach dem Verkauf der Franchise-Rechte durch "Star Wars"-Schöpfer George Lucas an Disney ergab sich die Möglichkeit, das Projekt zu realisieren. Disney und Produzentin Kathleen Kennedy öffnen das Lucas-Universum nun in die weit verzweigten Gefilde der Fan-Fiction und Zudichtungen, die sich im Verlauf der Jahrzehnte um den "Krieg der Sterne" gebildet haben.

In den kommenden Jahren sollen parallel zur Hauptreihe, die mit "Episode VII" fortgeführt wurde, einzelne Anthologie-Filme wie "Rogue One" entstehen, deren Personal und Handlung sich nicht mit den Hauptakteuren überkreuzen sollen. Für Disney, das mit "Star Wars", Marvel und Pixar zurzeit über die zugkräftigsten Blockbuster-Lieferanten verfügt, ein lukratives Geschäft. Der inhaltlichen Auswertung und Diversifizierung der Marke "Star Wars" sind kaum noch Grenzen gesetzt.

"Rogue One": Videonews von der Weltpremiere in Hollywood:

Foto: REUTERS

Umso beruhigender, dass der erste dieser Stand-Alone-Filme ein gelungenes Experiment darstellt. Regisseur Edwards nimmt das Bürgerkriegsthema der Saga ernst und widmet sich mit seinem Film den zahlreichen Versprengten und Entwurzelten jedes langwierigen Konflikts.

Sein Grüppchen Kämpfer besteht aus Spionen wie Cassian Andor (Diego Luna), den vagabundierenden Jedi-Rittern, dem abtrünnigen Imperiums-Piloten Bodhi Rook (Riz Ahmed) und - natürlich - einem launigen, renitent-naseweisen Droiden namens K-2SO. Einen Schlüsselauftritt hat auch der Rebellen-Guerilla Saw Gerrera (Forest Whitaker), eine Figur, die der Animationsserie "Die Klon-Kriege" entlehnt wurde.

Im Zentrum jedoch steht, wie schon in "Episode VII", eine junge Frau, die durch ihren familiären Hintergrund und das daraus resultierende Schicksal tief in die Spannungen zwischen Imperium und Widerstand verstrickt ist. Jyn Erso ist es schließlich, die jenes Desperado-Team um sich schart und eine streng bewachte Basis des Imperiums infiltrieren will, um die Todesstern-Pläne zu besorgen. In ihnen ist jene entscheidende Schwachstelle verzeichnet, die in "Episode IV" zum ersten Triumph Luke Skywalkers führt. Felicity Jones, unlängst das Highlight im ansonsten stumpfen Dan-Brown-Thriller "Inferno", spielt diese zwischen den Fronten changierende Drifterin, die sich in ihre Mission fest verbeißt, mit düster brütenden Blicken als Amazonen-Version von Leia.

Spürbarer Realitätsbezug

Ohnehin ist die Stimmung düsterer als gewohnt. Zwar gibt es immer wieder atemberaubende Schauwerte und wohldosiert gesetzte Gags und Referenzen, die das Fan-Herz erfreuen dürften. Dennoch ist "Rogue One" dem Kriegsfilm-Genre näher als der Fantasy: Nach einer etwas schwerfälligen Exposition, die zu viele Orte und Personen einführt, wird die Handlung in der zweiten Hälfte stringenter und fokussiert sich auf rasante, explosiv in Szene gesetzte Action-Sequenzen. Der Bodycount ist erstaunlich hoch für einen ab 12 freigegebenen Familien-Blockbuster.

"Rogue One" - Trailer ansehen:

Zudem müht sich Edwards Team, die Handlung in den Konfliktzonen der Erdrealität zu verankern. Als Schauplätze dienen Wüstenfestungen, deren vom Krieg zerbombte Gemäuer und Tempel an die zerstörten Kulturdenkmäler von Palmyra und anderen Stätten in Syrien und im Irak erinnern. Der überdimensionierte Sendeturm, auf dessen schwindelnder Höhe das Finale spielt, mutet an wie der Burj-Khalifa, er thront, wie in Dubai, über einer künstlich angelegten Oasenlandschaft.

Vielleicht war es dieser spürbare Realitätsbezug, der Chris Weitz, einen der beiden Drehbuchautoren von "Rogue One", zu einem inzwischen gelöschten Tweet verleitete: "Please note that the Empire is a white supremacist (human) organization". Bald darauf formierte sich unter dem Hashtag #DumpStarWars die Empörung der amerikanischen Alt-Right-Bewegung, die die Fake News verbreitete, es hätte in letzter Minute noch Eingriffe und Änderungen in "Rogue One" gegeben, um Anti-Trump-Statements darin zu implementieren.

Ein PR-Desaster für Disney, das sich vom vorweihnachtlichen Start des "Star Wars"-Films nach Erfolgen wie "Captain America: Civil War", "Findet Dorie" und "Vaiana" (Deutschlandstart am 22. Dezember) einen weiteren Kassenschlager erhofft und Angst vor einem Boykott hat. Disney-Chef Bob Iger veröffentlichte Anfang der Woche über das Branchenblatt "The Hollywood Reporter" ein beschwichtigendes Statement, in dem er erklärte, "Rogue One" sei ein Film, "an dem sich jeder erfreuen sollte. Es ist kein Film, der, in irgendeiner Form, politisch ist. Es gibt keine politischen Statements darin, nicht im geringsten."

"Rogue One: A Star Wars Story"

USA 2016

Regie: Gareth Edwards

Drehbuch: Chris Weitz, Tony Gilroy

Darsteller: Felicity Jones, Diego Luna, Riz Ahmed, Mads Mikkelsen, Ben Mendelsohn, Forest Whitaker, Donnie Yen, Yiang Wen

Produktion und Verleih: Lucasfilm/Disney

Länge: 134 Minuten

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Start: 15. Dezember 2016

Gleichzeitig lobte Iger jedoch auch das "tollste und vielfältigste" Ensemble, das je ein "Star Wars"-Film gehabt habe - und führt seine Behauptung, der Film sei unpolitisch, damit selbst ad absurdum.

Denn wie könnte eine Bande, die aus einer selbstbestimmten Frau, einem Mexikaner, einem Schwarzen, zwei Asiaten, einem aus Pakistan stammenden Briten, einem Dienstroboter und allerlei Fantasiewesen besteht und gegen eine Armee aus weiß gerüsteten Sturmtruppen antritt, die von alten weißen Männern befehligt wird, in diesen Zeiten nicht als Aufstand der Vielfalt gegen ein Unterdrücker-Regime begriffen werden? Eine Wucht, dieser neue "Star Wars"-Film, in jeder Hinsicht.

insgesamt 55 Beiträge
Bueckstueck 13.12.2016
1. Ironie
Und der Profitkonzern Disney buckelt verbal vor den faschistoiden Rechten um finanzielle Einbussen zu vermeiden - im krassen Kontrast zu seinen fiktiven Helden im Kampf gegen die in der Realität existierenden Brüder im Geiste. [...]
Und der Profitkonzern Disney buckelt verbal vor den faschistoiden Rechten um finanzielle Einbussen zu vermeiden - im krassen Kontrast zu seinen fiktiven Helden im Kampf gegen die in der Realität existierenden Brüder im Geiste. Trotzdem ein toller Film den man nicht verpassen sollte.
schlawa 13.12.2016
2. Lustiges Detail ...
Auf dem Titelbild halten die Schwarzen Sturmtruppen Deutsche Maschinengewehre (MG3 - früher Mg42) mit ein paar Sachen drangeklebt ... :) Die gute "Rey" benutzt eine alte "Luger" im gleichen Stil, n paar [...]
Auf dem Titelbild halten die Schwarzen Sturmtruppen Deutsche Maschinengewehre (MG3 - früher Mg42) mit ein paar Sachen drangeklebt ... :) Die gute "Rey" benutzt eine alte "Luger" im gleichen Stil, n paar schwarze Teil drangeklebt und viola hat man seine Laserwaffe aus einer weit entfernten Galaxis. War übrigens in den alten Filmen auch schon der Fall (die von 1977-1988)
harjunsalmi 13.12.2016
3. Bräsig
ist eine gute Bezeichnung für diese null/acht/fünfzehn Fortsetzung westlicher Kulturmoral.
ist eine gute Bezeichnung für diese null/acht/fünfzehn Fortsetzung westlicher Kulturmoral.
murksdoc 13.12.2016
4. Noch'n Tera-Flop
Inzwischen haben sich die Entdeckungen auf der Erde so sensationell weiterentwickelt, dass schwarze Löcher und Todessterne Kinderkacke geworden sind. Was Wissenschaftler bisher nur theoretisch berechnen konnten, wurde vor kurzem [...]
Inzwischen haben sich die Entdeckungen auf der Erde so sensationell weiterentwickelt, dass schwarze Löcher und Todessterne Kinderkacke geworden sind. Was Wissenschaftler bisher nur theoretisch berechnen konnten, wurde vor kurzem bewiesen: dass es jenseits der blökenden menschlichen Einzelexemplare eine bisher unbekannte, kritische Masse von Antimaterie, genannt "schweigende" bzw. "nichtblökende" Mehrheit, gibt, deren multidimensionale Raumverortung noch völlig unbekannt ist. Diese ist wahrscheinlich für den sogenannten "Teraflop-Effekt" verantwortlich, der immer dann eintritt, wenn zuviel "Reality" in "Fantasy-Filme" gemischt wird. Um den nächsten hoffnungsvollen Kandidaten dürfte es sich hier handeln.
cataclysmic 13.12.2016
5. .... echt
Interstellare Terroristen kämpfen gegen einen den Staat verteidigenden Militärapparat. Wo sind eigentlich die Zivilisten im "Imperium" und die Umfragen, wer jetzt die Guten und die Bösen sind? Vielleicht wollen die im [...]
Interstellare Terroristen kämpfen gegen einen den Staat verteidigenden Militärapparat. Wo sind eigentlich die Zivilisten im "Imperium" und die Umfragen, wer jetzt die Guten und die Bösen sind? Vielleicht wollen die im IMperium lebenden Zivilisten diesen Krieg der Sterne gar nicht.
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP