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Kultur

Fast-Food-Drama "The Founder"

Von der Hand in den Mund

McDonald's hat die Ernährungsweise von Millionen Menschen dem Verderben preisgegeben. Dabei gehörten die Gründer der Imbisskette eigentlich zu den Guten, wie der Kinofilm "The Founder" zeigt.

Splendid Film
Von Nina Rehfeld
Mittwoch, 19.04.2017   17:05 Uhr

Mit roten Wangen und schüchternem Blick sitzen zwei unscheinbare junge Männer namens Jason und Corey French zwischen einem Aufgebot von Hollywood-Stars: Michael Keaton, Laura Dern und Nick Offerman haben im schicken Hotel London in West Hollywood zum Pressegespräch anlässlich von "The Founder" gebeten, und Jason und Corey French wirken in ihrer braven Erscheinung - weißes T-Shirt, kariertes Hemd, hellbraune Hose mit Gürtel, die Uniform des amerikanischen Kleinunternehmers - ganz schön fehl am Platze.

Es ist ein bezeichnender Anblick, denn Corey und Jason French sind die Enkel von Richard McDonald (im Film gespielt von Nick Offerman), der gemeinsam mit seinem Bruder Maurice (John Carroll Lynch) in den frühen Fünfzigerjahren den amerikanischen Imbiss revolutionierte - und die schließlich von einem Geschäftsmann namens Ray Kroc (Michael Keaton) um ihren Firmennamen und letztendlich um eine Profitbeteiligung an der heute größten Hamburgerkette der Welt gebracht wurden.

Die ursprünglichen McDonald-Brüder - Richard, genannt Dick, und Maurice, genannt Mac - waren einst während der Großen Depression aus New Hampshire nach Kalifornien aufgebrochen, um sich mit einem Lkw-Unternehmen selbstständig zu machen. Sie scheiterten zunächst und fingen mit einem Imbiss wieder ganz von vorn an. Die Frage, wie sie ihre Kunden zügiger bedienen könnten, inspirierte sie schließlich zum Entwurf einer höchst effizienten Küche, die nichts als Hamburger, Pommes und Milchshakes herstellte.

Die McDonald's-Philosophie: Bestellen, essen, wegwerfen

Eine Filmszene, in der die Brüder gemeinsam mit ihren Angestellten verschiedene Versionen dieser Küche auf einem Basketballfeld skizzieren und durchspielen, zählt zu den Highlights von "The Founder". Das Konzept der McDonald's geriet zum Riesenerfolg - die Menschen waren begeistert, ihr Essen nicht auf dem Teller, sondern in die Hand serviert zu bekommen, bloße Minuten nach der Bestellung, in Wegwerfverpackung.

Als die Brüder, die gern anderen ihre Küche vorstellten (darunter übrigens einem Mann namens Dan Bell, der die Taco-Bell-Kette gründen sollte), dem Milchmixer-Verkäufer Kroc eine Tour geben, schwebt dem sogleich eine große Zukunft vor: Lizenzbetriebe landesweit, kostensparende Zutaten. Doch die Brüder sträuben sich gegen eine Verwässerung der Qualität, und Kroc bootet sie schließlich aus. Er lässt sich als titelgebender "Gründer" des McDonald's-Imperiums ausweisen; eine per Handschlag versprochene Profitbeteiligung der McDonald-Brüder löste er nie ein.

Für Jason und Corey French ist "The Founder" eine späte Rehabilitierung ihres Großvaters und ihres Großonkels. "Mir gefällt, dass den Machern nicht entgangen ist, was Poppa und seinen Bruder motivierte", sagt Corey French. "Sie liebten ihre Angestellten, und sie waren sehr stolz auf ihr Produkt und auf den Service, den sie ihren Kunden bieten konnte. Ja, wir können das hier groß aufziehen, dachten sie sich, aber die Qualität muss hervorragend bleiben."

Es ist ein Film über die widerstrebenden Kräfte des amerikanischen Unternehmergeistes, vielleicht auch über seinen Wandel: auf der einen Seite die harte und ehrliche, vom Innovationsgeist beflügelte Arbeit, die den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär wahrmachen konnte; auf der anderen die schrankenlose Gier des Superkapitalisten, der "statt in großen Dimensionen in gigantischen, in Science-Fiction-Größenordnungen denkt", wie das der Drehbuchautor Robert Siegel in Los Angeles formulierte.

"Wir wollen nur das Einfache hören, nicht das Komplizierte"

"Hier vereinen sich ja einige der höchsten Tugenden des amerikanischen Unternehmertums: Beharrlichkeit, Verkaufstalent, Vision", befand John Carroll Lynch ("Fargo"), der als Mac McDonald einen liebenswerten und optimistischen Mann spielt, dem vor allen anderen Dingen das Wohl seines Bruders und seiner Kunden am Herzen liegt. "Es wäre halb so schlimm, wenn Kroc den Brüdern nur ein bisschen Tribut gezollt hätte. Aber er wollte endlich der große Macker sein, also verdaut er die Lüge mit der Zeit, und sie wird zur Wahrheit - und das ist ja bezeichnend für die Zeit, in der wir heute leben: Wir wollen nur das Einfache hören, nicht das Komplizierte."

Tatsächlich müsste es hier ehrlicherweise um mehr gehen als um den heimeligen Familienbetrieb, der vom Raubtierkapitalisten gefressen wird. Schließlich öffneten die McDonald-Brüder mit der Erfindung des Fast Food eine Pandorabüchse, die die Nahrungsherstellung notwendigerweise der Hand der lokalen Farmer und Rancher entriss und die Ernährungsgewohnheiten zunächst der Amerikaner und schließlich von Menschen weltweit dem Verderb preisgab.

Nick Offerman, der einer Farmersfamilie entstammt, bekannte denn auch seine anfänglichen Zweifel an dem Projekt. "Als Fan kleiner Landwirtschaftsbetriebe war ich mir zuerst nicht sicher, wem hier der Applaus gelten würde. Überzeugt hat mich die Botschaft, dass es keine gute Idee ist, eine riesige Rinderherde auf kleinstem Raum zu züchten."


"The Founder"
USA 2016
Regie: John Lee Hancock
Buch: Robert D. Siegel
Darsteller: Michael Keaton, Nick Offerman, John Carroll Lynch, Laura Dern
Produktion: FilmNation Entertainment, The Weinstein Company, Faliro House Productions
Verleih: Splendid Film
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 20. April 2017


Freilich überwog der Innovationsgedanke im amerikanischen Unternehmertum immer schon die Weitsicht, und letztlich fasst "The Founder" die Dinge in schlichterem, wenn auch nicht unbedingt optimistischerem Rahmen. Der Film erzählt die Geschichte eines Erfolgsbesessenen, der sich mit der Idee anderer auf hohem Niveau profiliert.

"Mir gefiel, dass man zu Beginn mit Kroc mitfiebert. Dann hält man plötzlich inne und kratzt sich am Kopf. Und schließlich schreit man laut 'Nein!'", sagt der Regisseur John Lee Hancock ("The Blind Side"). Mit Michael Keaton hat er einen idealen Hauptdarsteller für diese komplizierte Figur gefunden: Keaton spielt den von Niederlagen gepeinigten Kroc als verzweifelnden Verlierer, der sich endlich in seine Chance zum ganz großen Durchbruch verbeißt und darüber seine Ehe und seine Ehre fahren lässt. Und natürlich möchte man fragen: Ist das nun der amerikanische Traum?

"Der amerikanische Traum", sagte Michael Keaton in Los Angeles, "war eigentlich: Arbeite hart, damit du dir eines Tages ein Haus leisten kannst und vielleicht ein Auto, und womöglich eine gute Schulausbildung für die Kinder. Aber jetzt haben wir diese andere, irgendwie hässliche Vorstellung davon. Wenn ich auf internationalen Presseterminen darauf angesprochen werde, geht es immer um Milliarden, Villen, Privatjets. Eine Million ist einfach nicht mehr genug."

Im Video: Der Trailer zu "The Founder"

Foto: Splendid Film

Sie hätten viel von ihrem Opa mitbekommen, sagen die Brüder, als sie gegen Ende der Veranstaltung ein wenig aufgetaut sind - den Willen zu harter Arbeit etwa, sagt Jason French. "Dick und Mac sind nicht morgens um neun zur Arbeit erschienen und sind um fünf wieder heimgegangen - sie waren von vor der Ladenöffnung bis lange nach Feierabend vor Ort, um sicherzugehen, dass alles so war, wie es sein sollte." Corey French fügt an: "Und sie liebten ihre Arbeit, sie hatten Spaß daran, kreativ zu sein und das Geschäft zu führen, und sie waren beflügelt davon, dass ihre Angestellten sich solche Mühe gaben."

Es mag ihnen ein schaler Trost sein, dass die Marke McDonald's heute für alles andere als jenen nachhaltigen, qualitätsorientierten Kapitalismus steht, den Dick und Mac McDonald im Sinn gehabt haben mögen.

insgesamt 4 Beiträge
querollo 19.04.2017
1. Schamlose Propaganda
Ich war überrascht, dass man diesen Film im Kino sieht und nicht als Goody in der Burger-Tüte findet.
Ich war überrascht, dass man diesen Film im Kino sieht und nicht als Goody in der Burger-Tüte findet.
LukasPeti 19.04.2017
2. Der Preis bestimmt
Solange Mitbewerber um dieselben Kunden, für win Menü mit Label gesund ein vielfaches des Mcdoof Preises heuschen,braucht sich niemand zu wundern. teureren Herstellungskosten und Bio-hof mit Mutterkühen glaub ich nicht, auch [...]
Solange Mitbewerber um dieselben Kunden, für win Menü mit Label gesund ein vielfaches des Mcdoof Preises heuschen,braucht sich niemand zu wundern. teureren Herstellungskosten und Bio-hof mit Mutterkühen glaub ich nicht, auch die BioUnternehmen haben nur Profit im Kopf(was sich im Preis deutlich zeigt), haben einfach Glück, etwas gefunden zu haben,das zufällig gesund ist. Auch die Feldarbeiter auf BioHöfen verdienen nur 5 Euro die Stunde.gut,vielleicht 5.25.
quark2@mailinator.com 20.04.2017
3.
Ich esse nur sehr selten Fast Food, aber mMn. hat MD nicht "die Ernährung von Millionen Menschen dem Verderben preisgegeben". Zum einen ist die Behauptung an sich unsinnig, denn wennschon, dann kann man Menschen dem [...]
Ich esse nur sehr selten Fast Food, aber mMn. hat MD nicht "die Ernährung von Millionen Menschen dem Verderben preisgegeben". Zum einen ist die Behauptung an sich unsinnig, denn wennschon, dann kann man Menschen dem Verderben preisgeben, eventuell noch ihre Nahrung, aber wohl nicht ihre Ernährung, aber vor allem haben wir alle die Wahl, was wir essen. Niemand muß Fast Food kaufen. Auch nicht aus Preisgründen.
U. Haleksy 22.04.2017
4. Schaler Trost?
Im letzten Absatz wird vom Autor der Vermutung oder Hoffnung Ausdruck gegeben ("mag"), dass die Enkel eine eingeschränkte, aber durchaus vorhandene, Zufriedenheit ("schaler Trost") empfinden könnten oder [...]
Im letzten Absatz wird vom Autor der Vermutung oder Hoffnung Ausdruck gegeben ("mag"), dass die Enkel eine eingeschränkte, aber durchaus vorhandene, Zufriedenheit ("schaler Trost") empfinden könnten oder sollten, dass aus dem angestrebten Qualitätsprodukt das genaue Gegenteil geworden ist. Wollte uns der Autor das sagen? Was wollte uns der Autor damit dagen?
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