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Kultur

Neue französische Komödien

Ablachen über Abschiebungen

Frankreich ringt mit seiner Identität, das zeigt sich auch in den Kinos: Regisseure nehmen sich das Thema Integration vor - und versuchen es mit Humor. Zwei Komödien starten nun in Deutschland.

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Freitag, 21.04.2017   17:25 Uhr

Französische Komödien sind in den deutschen Kinos zuletzt so erfolgreich gewesen wie seit Jahren nicht mehr. Man fühlte sich beim Blick auf die Kinocharts manchmal fast in die Zeiten von Louis de Funès oder Pierre Richard versetzt. Aber anders als damals sind es heute nicht so sehr die Stars, die die Kinohits tragen, es sind vielmehr die gesellschaftlichen Themen, die sie auf den Punkt und die Pointe bringen.

Nehmen wir "Ziemlich beste Freunde": Eine Zweckallianz überwindet die Unterscheidungen von Klasse, Hautfarbe und Handicap. Oder "Willkommen bei den Sch'tis": Provinz und Metropole, Nord und Süd - am Ende verstehen sich ja alle doch. Und "Monsieur Claude und seine Töchter" erst: Die vier Schwiegersöhne - Nordafrikaner, Jude, Chinese, Schwarzafrikaner - werden vom konservativen, katholischen Gaullisten erst halbwegs akzeptiert, wenn alle gemeinsam die Marseillaise absingen.

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Komödie "Alles unter Kontrolle": Abschiebung als Buddy-Movie

Kritiker hatten dem Regisseur und Drehbuchschreiber Philippe de Chauveron vorgeworfen, "Monsieur Claude und seine Töchter" funktioniere nach dem Prinzip, dass jeder ein bisschen rassistisch sei, und es deswegen doch irgendwie in Ordnung gehe. Denn schließlich suggeriere der Film, so "Le Monde", dass "es in Frankreich offenbar kein Problem gibt, das sich nicht bei einem Festessen, einem guten Wein und einer Flasche Calvados lösen" ließe.

Spucktüte ohne Boden

Weil sich aber über zwölf Millionen Franzosen in den Kinos freuten, endlich mal politisch unkorrekt unterhalten zu werden, und auch in Deutschland für den Film fast vier Millionen Tickets verkauft wurden, ließ die Kritik de Chauveron vermutlich eher kalt. Er plant, so schreibt es die französische Presse, eine Fortsetzung von "Monsieur Claude".

Zuvor allerdings drehte Philippe de Chauveron mit zweien der Schwiegersohndarsteller, Ary Abittan und Medi Sadoun, die Komödie "Débarquement immédiat!", deren Originaltitel auf den unverzüglichen Verwaltungsakt verweist, der Thema des Films ist: die Abschiebung eines Mannes, der ohne gültige Papiere in Frankreich straffällig geworden sein soll.

Er kommt nun in dieser Woche auch in Deutschland ins Kino, und zwar unter einem Verleihtitel, der bereits anklingen lässt, wie unoriginell und hölzern die Geschichte umgesetzt wurde: "Alles unter Kontrolle". Der Grenzpolizist José (Abittan) soll einen letzten Ausweisungsflug begleiten, bevor er in eine reizvollere Abteilung versetzt wird. Es geht nach Kabul, allerdings aufgrund eines Justizirrtums, denn der Mann, der sich als Karzaoui ausgegeben hat (Sadoun), stammt eigentlich aus Algerien.

Immer unterwegs

Abschiebung als Buddy-Komödien-Thema, das bedürfte wohl besonderer Feinfühligkeit im Humorverständnis, aber das Gegenteil ist hier zu beobachten: Im Flugzeug wird in eine Spucktüte ohne Boden gekotzt, die Stewardessen strippen bei erster Gelegenheit, der Flüchtling würde Mutter und Tochter verkaufen (und dann doch nicht, ätschebätsch!).

Nach einigen (äußerst unglaubwürdigen) Turbulenzen geraten Polizist wie Flüchtling in ein Auffanglager auf Lampedusa, das ähnlich sonnensatt gefilmt ist wie die Gässchen von La Valetta, einem vorherigen, mutmaßlich von der maltesischen Tourismusbehörde arrangierten Zwischenstopp-Drehort.

Doch ein bisschen was von der Härte im Umgang an der Grenze der Festung Europa bekommt der nun selbst einlasswillige José schon mit. Und mit ihm die Zuschauer, die - anders als bei "Monsieur Claude" - nie am guten Willen des Filmemachers Chauveron zu zweifeln brauchen. Dass er sich des Schicksals der Abgeschobenen annimmt, ist jedenfalls ehrenhaft.

Allerdings spielt es sich im Film vor allem in Flugzeugen und Auffanglagern ab, also - wie in der Wirklichkeit - fern der Lebenswelt des "Normalfranzosen" wie ihn "Monsieur Claude" darstellte. Vielleicht ein Grund dafür, dass "Alles unter Kontrolle" in den französischen Kinos ziemlich floppte.

Die Moral von der Geschichte spricht zum Schluss ein Flüchtling von der Elfenbeinküste, der immer mal wieder an verschiedenen Orten im Film auftaucht: "Wir Afrikaner werden immer unterwegs sein", ist sein Kommentar zur Abschottungspolitik Europas.

Afro-Cool in der Provinz

Von dieser Beweglichkeit profitiert in der zweiten französischen Komödie, die in dieser Woche startet, der Bürgermeister eines kleinen Dorfes im Norden Frankreichs, der seit Jahren einen neuen Doktor für die leerstehende Landarztpraxis sucht. Denn Seyolo Zantoko, ein frisch gebackener Absolvent des Medizinstudiums, erklärt sich bereit, ins Departement Aisne zu ziehen - mit Frau und Kindern aus Kinshasa.

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"Ein Dorf sieht schwarz": Monsieur Seyolo und seine Bauern

Weil aber "Ein Dorf sieht schwarz" in den Siebzigerjahren spielt und Marly-Gomont reichlich abgelegen ist, haben die Dorfbewohner noch nie Schwarze gesehen. Groß sind also Irritationen und Vorbehalte, aber auch Seyolos Bereitschaft zu vertrauensbildenden Maßnahmen - ob in der Kneipe, im Kuhstall oder bei der Geburtshilfe. Seine Familie leidet hingegen schwer am Rassismus, der Abgelegenheit und der Sturheit, mit der Papa Zantoko den Assimilationskurs durchzieht.

Im Fernsehen läuft ein Spiel der französischen Nationalelf, die Spieler singen die Hymne und man sieht Marius Trésor, den dunkelhäutigen Verteidiger der Equipe Tricolore, eine mögliche Identifikationsfigur - doch der Vater schaltet ab: Fußballspielen, Tanzen, die Lingála-Sprache - all das untersagt er seinen Kindern, sie sollen lernen, sie sollen sich integrieren, sie sollen besser sein als die Weißen.

Im Video: Die Rezension zu "Ein Dorf sieht schwarz"

Die Dorfbewohner allerdings werden nach allen Regeln der Bauernklischees als äußerst tumbe, leicht manipulierbare Provinzler gezeichnet. Ebenso klischeehaft, aber eben auch tausend Mal weltläufiger erscheinen die aus Brüssel anreisenden Verwandten und Bekannten, die bei Besuchen den Afro-Cool der Siebzigerjahre nach Marly-Gomont tragen - und bei der Weihnachtsmesse "Stille Nacht" vergospeln.

"Ein Dorf sieht schwarz" kombiniert inhaltlich "Ziemlich beste Freunde" mit "Willkommen bei den Sch'tis", ergänzt mit einem Retro-Touch, der für hübsche Bilder sorgt, aber das Vorhersehbare und Märchenhafte der Handlung noch verstärkt. Dabei beruht der Film doch auf einer wahren Geschichte, der von Kamini.

Der Rapper und Comedian Kamini landete 2006 einen frühen YouTube-Viralhit mit dem Song "Marly-Gomont", einer Ode an sein Heimatdorf, in dessen Video etliche Dorfbewohner auftreten. Auf Kaminis Erinnerungen an seinen 2009 verstorbenen Vater beruht "Ein Dorf sieht schwarz", doch der Film, so sehr er als wohltuend unhysterisches Rührstück funktionieren mag, löst nicht aus, was das Video vermochte: Über ein Einzelschicksal einen übersehenen gesellschaftlichen Trend zu verallgemeinern, zu speziell sind die Umstände, zu märchenhaft ihre Inszenierung .

Diese Verallgemeinerbarkeit aber war es ja, die den Erfolg der französischen Hit-Komödien in den letzten Jahren ausmachte. Philippe de Chauveron, der "Monsieur Claude"-Regisseur, hat sich nach dem "Alles unter Kontrolle"-Flop wieder daran versucht. In seinem unlängst in Frankreich angelaufenen Film "A bras ouverts" (Mit offenen Armen) nimmt ein Roma-Clan die in einer Talkshow gemachte Einladung eines gemütlich elitär gewordenen Linksintellektuellen beim Wort und zieht bei ihm ein.

"Ein Gipfel des diskriminierenden Humors", ätzt das Kulturmagazin "Les Inrockuptibles". Also ein kommender Hit?

"Alles unter Kontrolle!" und "Ein Dorf sieht schwarz" starten am 20. April.

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