Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Boxerdrama "Bleed For This"

Schön, wenn sich die Schrauben lockern

Genick gebrochen? Kein Problem: "Bleed For This" erzählt die leidvolle Comeback-Geschichte des Boxers Vinny Pazienza mit viel Sinn für das US-Arbeitermilieu der Achtziger. Miles Teller brilliert in der Hauptrolle.

Foto: Sony Pictures
Von
Donnerstag, 20.04.2017   17:07 Uhr

Wenn das Leben dir Zitronen beschert - dann beiß rein und gib dem Gegner Saures. Boxergeschichten gehören zu den besten Stoffen, die das Kino zu bieten hat: Es gibt Action und Emotionen, die Spannung des Wettkampfs bis aufs Blut, das aus zertrümmerten Brauen und Nasen spritzt - und es gibt eine griffige Metaphorik über den ewigen Kampf des zumeist aus der Arbeiterklasse stammenden Individuums zu gesellschaftlicher Anerkennung und materiellem Reichtum.

Als Boxer wirft der Proletarier zunächst sein einziges Kapital auf den Markt, seinen Körper. Aber ohne die zugehörigen Soft Skills - Mut, Willensstärke und Leidenschaft - würde die Kraft allein nicht reichen. Gute Boxerfilme, zumeist saftige Aufsteigergeschichten aus den Härten des Kapitalismus, erzählen davon, wie sich der Underdog zum Meister dessen ermächtigt, was der britische Sportjournalist Pierce Egan im 19. Jahrhundert die "sweet science of bruising" nannte - die süße Wissenschaft des Mit-einem-blauen-Auge-Davonkommens. "Bleed For This", ein kleines, aber beherzt inszeniertes und brillant besetztes Drama von Regisseur Ben Younger ist einer dieser Filme.

Erzählt wird die wahre, wenn auch unglaubliche Comeback-Story des Boxers Vinny Pazienza (Miles Teller), einem italoamerikanischen jungen Mann aus kleinen Verhältnissen, der in Providence, Rhode Island aufwächst und sich als draufgängerischer "Pazmanian Devil" einen Namen macht. Kurz nach einem seiner größten Erfolge im Ring bricht er sich jedoch bei einem Autounfall mehrere Halswirbel und wird im Alter von 28 Jahren damit konfrontiert, mit Glück irgendwann wieder laufen zu können. Aber Boxen? Ha!

Fotostrecke

"Bleed For This": Underdog mit Heiligenschein

Entgegen dem Rat seiner Ärzte entscheidet sich Pazienza, der seinen Namen später zu Paz verkürzte und heute 54-jährig im Ruhestand lebt, für eine experimentelle Therapie: Um seinen Kopf wird, mit Stützstäben auf der Schulter und einem Metallring auf Stirnhöhe, ein sogenannter Halo errichtet, der sein zertrümmertes Genick über mehrere Monate hinweg stabilisiert, damit es heilen kann. Um die Jesus-Allegorie komplett zu machen, wird dieser "Heiligenschein" mit vier dicken Stahlstiften im Schädel zur medizinischen Dornenkrone verschraubt.

Pazienza, halsstarrig in doppelter Hinsicht, erduldet nicht nur dieses physische Martyrium, es gelingt ihm außerdem, sich geistig in Top-Form zu bringen. Die Überwindung der Angst, irreparabel verletzt werden zu können, macht den vormals impulsiven Haudrauf zu einem überlegenen Kämpfer, der nach seiner Rückkehr den Spitzenboxer Roberto Duran besiegt und den Titel des Super-Mittelgewichts-Champions gewinnt.

Buchstäblich dicke Hose

"No way, no way was I finished", beschwor Paz im vergangenen Winter zum UK-Filmstart von "Bleed For This" noch einmal seine vehemente Weigerung, sich dem Schicksal zu fügen. Eine andere Anekdote ist hilfreich, um zu verstehen, welches Temperament in Vinny Pazienza lodert: Als Berater am Set, behauptet er, habe er Hauptdarsteller Miles Teller geraten, sich bei einer signifikanten Szene in knapper Unterhose eine Banane vorne reinzustopfen. "Ich wollte es so real wie möglich haben."

Um so eine buchstäblich dicke Hose auszufüllen, braucht es einen Schauspieler, der furchtlos in den Ring steigt und auch vor größter körperlicher Transformation und Zumutung nicht zurückschreckt, nicht umsonst gilt die Boxerrolle als eine der Königsdisziplinen. Miles Teller bewies nicht zuletzt im furiosen Drummer-Drama "Whiplash!" , dass er über Schmerzgrenzen hinaus spielen kann.


"Bleed For This"
USA 2016
Regie: Ben Younger
Buch: Ben Younger
Darsteller: Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal, Ciarán Hinds, Ted Levine, Amanda Clayton
Produktion: Verdi Productions, Magna Entertainment, Sikelia Productions, Younger Than You
Verleih: Sony Pictures
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 20. April 2017


In "Bleed For This" brilliert er zunächst mit tollkühner Arroganz samt Faible für Pornosternchen und Glücksspiel - um dann, mit seinem sperrigen "Halo", der beim leichtesten Stoß den Schädel dröhnen lässt, einen fiebrig-nervösen Schmerzensmann zu geben, der sich mit Leib und Seele an das einzige klammert, was er gut kann: Boxen. Und einstecken: Als ihm die Schrauben endlich wieder aus dem Kopf entfernt werden, verzichtet Pazienza auf jegliche Betäubung - und beklagt sich krakeelend beim Arzt, er möge doch bitte in die richtige Richtung drehen. Eine von zahlreichen Comic-Relief-Momenten, die den Film trotz gravierender Thematik zum Tänzeln bringen.

Natürlich muss sich jeder Boxerfilm an den Großen des Genres messen, an Sylvester Stallones "Rocky"-Operette, am irisch-deftigen "Fighter" mit Mark Wahlberg und, ewig, an Robert De Niro als "Raging Bull". Dessen Regisseur Martin Scorsese stand Younger als Executive Producer zur Seite, was man "Bleed For This" auf wohltuende Weise anmerkt: Die solide inszenierten Kämpfe im Ring geraten zur Nebensache, je mehr sich der Film in seiner zweiten Hälfte auf das Psycho- und Seelendrama Pazienzas und die Dynamik innerhalb seiner Familie konzentriert.

Spaghetti mit Meatballs im engen Esszimmer

Youngers Blick auf postindustrielle Milieu von Rhode Island am Ende der dank Reagans Trickle-down-Politik verrosteten Achtzigerjahre ist authentisch mit bizarren Klamotten, Corvette-Sportwagen und vermüllten Hinterhöfen, ohne in Parodie oder Kitsch abzugleiten: Vinnys fromme Mutter (Katey Sagal), die jeden Fight ihres Sohnes lieber an ihrer Kommode mit Jesus-Ikonen belauscht, als am Fernseher zuzuschauen, der Patriarch und Boxmanager, der von Ciarán Hinds mit polterndem "Good Fellas"-Bravado verkörpert wird - alle Figuren sind bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt. Die Familie mampft Spaghetti mit Meatballs im engen Esszimmer, darunter, in niedriger Keller-Muckibude, beginnt Vinny nachts heimlich und leise wieder mit dem Training, obwohl ihn jede falsche Bewegung zur Querschnittslähmung verdammen könnte.

Dabei hilft ihm, gegen jeden Rat von Vater, Ärzten und Agenten, sein Trainer Kevin Rooney, hinreißend schmerbäuchig und stirnglatzig gespielt von Aaron Eckhart, der zum wichtigsten Sekundanten und Anspielpartner für Tellers Pazienza wird. Zusammen gelingt ihnen unter der bedächtig-präzisen Regie des zuletzt aus dem Hollywoodfokus geratenen Talents Ben Younger ("Boiler Room") ein stimmungsvolles und berührendes existenzielles Drama ohne Blockbuster-Effekthascherei.

So unauffällig kommt "Bleed For This" daher, dass er am US-Box-Office noch nicht einmal sein schmales Produktionsbudget von sechs Millionen Dollar einspielen konnte. Zu wünschen wäre es, wenn diesem charmanten Underdog zumindest in europäischen Kinos ein so glänzendes Comeback wie einst Vinny Pazienza gelingt.

insgesamt 1 Beitrag
akkzent 21.04.2017
1. Muss man sich ansehen!
Wer Miles Teller in "Whiplash" gesehen hat, kennt die aussergewöhnlichen Fähigkeiten dieses Schauspielers bereits. So gesehen darf man sich das Drama nicht entgehen lassen, auch wenn man das Genre Boxen eigentlich [...]
Wer Miles Teller in "Whiplash" gesehen hat, kennt die aussergewöhnlichen Fähigkeiten dieses Schauspielers bereits. So gesehen darf man sich das Drama nicht entgehen lassen, auch wenn man das Genre Boxen eigentlich nicht mag.
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP