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Kultur

Stephen-King-Verfilmung "Der dunkle Turm"

Lass stecken, Revolvermann

Zu wild, zu wuchernd: An Stephen Kings Fantasy-Epos "Der dunkle Turm" traute sich Hollywood jahrelang nicht dran - völlig zu Recht, wie die vergurkte Verfilmung mit Matthew McConaughey und Idris Elba zeigt.

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Dienstag, 08.08.2017   15:18 Uhr

Heute schaust du noch die Sesamstraße, morgen bist du tot. Und übermorgen wiedererweckt. Der Horror des Schriftstellers Stephen King sickert meist durch genau diejenigen schmalen Ritzen im Gefüge des zeitgenössischen Alltags, die noch nicht vollständig von der Populärkultur versiegelt wurden.

In der "Der dunkle Turm", einer wild wuchernden Saga von acht Romanen und einer Comic-Reihe, haben sich die Ritzen geweitet zu Portalen, durch die gesprungen werden kann von einer Welt in die andere. Das Grauen soll dem Staunen weichen ob des größenwahnsinnig-kohärenten Entwurfs eines Multiversums, zusammengehalten durch das gigantische, titelgebende Bauwerk.

Irgendeinen mythologischen Zusammenhalt hätte auch die Verfilmung der Reihe bitter nötig. Dessen Kohärenz spritzt durch alle Ritzen ins Nirgendwo, übrig bleibt nur nackter Größenwahn: die Illusion, Kings Zyklus so komprimieren zu können, dass Fans und Neulinge sich lustvoll in dessen Welt verlören, dass eine nachvollziehbare Erzählung sich in etwas mehr als 90 Minuten öffnen ließe für die zahlreichen Ereignisse, Welten, Figuren, Tragödien.

Vor zehn Jahren schon bezahlten Damon Lindelof und J.J. Abrams 19 Dollar für die Filmrechte, die Zahl 19 spielt in den Büchern eine mysteriös-gewichtige Rolle. Spätestens als dann ausgerechnet diese beiden hinwarfen - immerhin zwei der Köpfe hinter der TV-Serie "Lost", die wahrlich keine Scheu vor offenen Enden und unaufgelösten Andeutungen beweist - hätte man in Hollywood gewarnt sein können.

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"Der dunkle Turm": Zu groß und zu klein zugleich

Lizenz und Drehbuchfassungen kursierten fortan dennoch durch so ziemlich alle großen Studios, landeten schließlich bei Sony und der Produktionsfirma Media Rights Capital und wurden in einer Fassung, an der neben anderen auch der routinierte Blockbuster-Autor Akiva Goldsman ("A Beautiful Mind", "Sakrileg", "Insurgent") mitschrieb, von dem außerhalb Dänemarks eher unbekannten Regisseur Nikolaj Arcel ( "Die Königin und Leibarzt") inszeniert.

Wörter, die ins Leere fallen

Unbeirrt von diesem Hickhack ließen sich Idris Elba und Matthew McConaughey als Hauptdarsteller anheuern: McConaughey spielt den Mann in Schwarz, der hier Walter heißt und bei King noch unzählige andere (Deck-)Namen trägt, mit einer Ruhe und Eiseskälte, die ihn zum grausig faszinierenden Zentrum jeder Szene macht. Ein Satz von diesem Zauberer genügt, um Menschen ersticken oder verbrennen zu lassen. Und Walter jagt Kinder. Kinder mit besonderen telepathischen Fähigkeiten, so heißt es, seien in der Lage, den Turm damit einzureißen. Und Jake Chambers (Tom Taylor), ein Knabe aus New York, hat Fähigkeiten wie kein anderes Kind. Er träumt von Walter und der Verwüstung, die dieser hinterlässt. Und von Roland Deschain, dem letzten der Revolvermänner, dessen Bruderschaft und Familie von Walter ausgelöscht wurden - schließlich macht er sich auf die Suche nach Roland und findet ihn auf einem kargen Hochplateau in einer Wüste in Mittwelt.

Bilder von erhabener Schönheit hat Kameramann Rasmus Videbaek in den südafrikanischen Zederbergen und den gewaltigen Nationalparks des Landes eingefangen. Ein eindrucksvolles, an Endzeit-Western wie "Mad Max" erinnerndes Zwischenreich voll verfallener und gleichzeitig hoch entwickelter Technik, voller Szenarien, die zeigen, wie die Natur sich zurück in die Zivilisation frisst, haben die Produktionsdesigner Christopher Glass und Oliver Scholl entworfen.

Mittendrin: Idris Elbas Roland, der Handwerker, der Cowboy, schwitzend, staubig, gehetzt, frustriert, das Gegenstück zu McConaugheys Walter, mit dem ihn doch eine scheinbar ewige Fehde verbindet. Rolands Welt hat sich "weitergedreht". Das steht so auch in den Büchern, aber hier im Film fallen diese Wörter seltsam ins Leere. Noch ärgerlicher: Walters Magie wirkt nicht auf Roland. Warum? Wohl deshalb, weil die Standardformel beim Drehbuchschreiben will, dass am Antagonisten ein letzter Hauch Besiegbarkeit bleibt. Eine andere Erklärung wird jedenfalls nicht angeboten.


"Der dunkle Turm"
USA 2017

Regie: Nikolaj Arcel
Drehbuch: Akiva Goldsman, Jeff Pinkner, Anders Thomas Jensen, Nikolaj Arcel, basierend auf Stephen King
Darsteller: Idris Elba, Matthew McConaughey, Katheryn Winnick, Tom Taylor, Claudia Kim, Fran Kranz, Abbey Lee, Dennis Haysbert
Produktion: Sony Pictures Entertainment, Media Rights Capital, Imagine Entertainment, Weed Road Pictures
Verleih: Sony Pictures
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 10. August 2017


Tatsächlich lässt Roland sich ermutigen, einen scheinbar aussichtslosen Kampf noch einmal aufzunehmen. Und zwischen New York und Mittwelt entspinnt sich eine Mythologie, die auf paradoxe Weise zu klein und zu groß zugleich erscheint: zu klein, weil die Geschichte sich in jeder Sekunde gequetscht, hektisch, ihrer Vielfalt beraubt anfühlt. Und zu groß, weil sie voller Anspielungen und nie eingelöster Versprechen bleibt auf eine andere, grandiosere Welterzählung.

In der Bescheidenheit und dem Mut, Kings Vorlage beim nächsten Versuch konsequent, also brutal, zu verdichten, liegt eine mögliche Lösung für dieses Dilemma. Oder man beschreitet den entgegengesetzten Weg und gibt dem Multiversum Raum, sich zu entfalten - eine TV-Serie zu "Der dunkle Turm" ist jedenfalls bereits in Planung.

Filmtrailer ansehen: "Der dunkle Turm"

insgesamt 32 Beiträge
benmartin70 08.08.2017
1.
Das konnte ja nix werden, nach dem ersten Trailer habe ich ohnehin beschlossen mir das nicht anzutun. Nebenbei ist der Hauptdarsteller fehlbesetzt obwohl ich Idris Elba sehr gerne sehe.
Das konnte ja nix werden, nach dem ersten Trailer habe ich ohnehin beschlossen mir das nicht anzutun. Nebenbei ist der Hauptdarsteller fehlbesetzt obwohl ich Idris Elba sehr gerne sehe.
leland_gaunt 08.08.2017
2. Das war leider klar
Die Idee, dieses monumentale Werk in einen Spielfilm zu quetschen, war meiner Meinung nach von vornherein völlig absurd. Das ist in etwa so, als wollte man aus dem Lied von Eis und Feuer (in Serienform besser bekannt unter dem [...]
Die Idee, dieses monumentale Werk in einen Spielfilm zu quetschen, war meiner Meinung nach von vornherein völlig absurd. Das ist in etwa so, als wollte man aus dem Lied von Eis und Feuer (in Serienform besser bekannt unter dem Namen Game of Thrones) einen einzelnen Film machen... wenn überhaupt sollte man aus dem Dunklen Turm auch eine umfangreiche Serie machen. Aber dann bitte eine bessere als das unsägliche Under the Dome, einer auf dem gleichnamigen King-Roman basierenden Serie. Aus diesem Roman hätte man im Nachhinein betrachtet wohl besser einen Film gemacht...
El pato clavado 08.08.2017
3. noch was Dunkles
sieht so aus, dass man sich den Zehner für die Kinokasse sparen kann
sieht so aus, dass man sich den Zehner für die Kinokasse sparen kann
sPeterle 08.08.2017
4. noch weiter
ich würde noch weiter gehen, der Buchzyklus ist nicht verfilmbar. Ein Multiversum dar zu stellen wäre höchstens möglich wenn es wie bei Cloud Atlas einen eigentlich recht banalen Faden gibt der das durchzieht. Beim dunklen [...]
Zitat von leland_gauntDie Idee, dieses monumentale Werk in einen Spielfilm zu quetschen, war meiner Meinung nach von vornherein völlig absurd. Das ist in etwa so, als wollte man aus dem Lied von Eis und Feuer (in Serienform besser bekannt unter dem Namen Game of Thrones) einen einzelnen Film machen... wenn überhaupt sollte man aus dem Dunklen Turm auch eine umfangreiche Serie machen. Aber dann bitte eine bessere als das unsägliche Under the Dome, einer auf dem gleichnamigen King-Roman basierenden Serie. Aus diesem Roman hätte man im Nachhinein betrachtet wohl besser einen Film gemacht...
ich würde noch weiter gehen, der Buchzyklus ist nicht verfilmbar. Ein Multiversum dar zu stellen wäre höchstens möglich wenn es wie bei Cloud Atlas einen eigentlich recht banalen Faden gibt der das durchzieht. Beim dunklen Turm laufen aber tatsächlich komplett unabhängige Handlungsstränge "durch die Bücher". Selbst wenn man es visuell schaffen würde wäre das für den Zuschauer nicht verdaubar. Aber King hat noch nie jemand gut verfilmt..... fast nicht zu schaffen
HeyerCo 08.08.2017
5. Vergurkter Vorspann?
Der Beitrag von Herrn Slagman war lange nicht so negativ, wie der von der Redaktion hinzugefügte Vorspann. Andererseits: Ich habe wegen des Wortes "vergurkt" auf den Link geklickt - Mission erfüllt also.
Der Beitrag von Herrn Slagman war lange nicht so negativ, wie der von der Redaktion hinzugefügte Vorspann. Andererseits: Ich habe wegen des Wortes "vergurkt" auf den Link geklickt - Mission erfüllt also.
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