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Kultur

Vater-Sohn-Drama "Helle Nächte"

Rumfahren reicht nicht

Fjorde, Licht, Auto: In Thomas Arslans Familiendrama "Helle Nächte" brillieren die beiden Hauptdarsteller bei dem Versuch, Vater und Sohn zu versöhnen. Ein Roadtrip durch Norwegen.

Foto: Piffl Medien
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Mittwoch, 09.08.2017   15:23 Uhr

Ein Auto fährt; es fährt und fährt. Ein stehender, dröhnender Klang liegt darüber. Vater und Sohn sitzen vorne, schauen durch die Scheibe auf die Straße. Links ziehen die Fahrbahnmarkierungen vorbei - gleichgetaktet, gelb. Rechts liegt ein Fjord; manchmal zuckt die Sonne durch die Wolken oder durch die Bäume; manchmal bleibt es draußen grau, monochrom, bewölkt. Nur dunkel - dunkel wird es nie.

Thomas Arslans "Helle Nächte", der im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale gezeigt und dort mit dem Darstellerpreis für Georg Friedrich ausgezeichnet wurde, ist immer dann am besten, wenn solche Autoszenen in ganz bestimmte, halbbewusstlose Innerlichkeitszustände umschlagen, wenn man als Zuschauer genau das ästhetisch erlebt, was man eigentlich von Autofahrten kennt.

Louis (Tristan Göbel) kann es nicht fassen, dass sein Vater Michael (Georg Friedrich) zu Hause in Berlin kein Auto hat: "Wie, du hast kein Auto? Wenn ich mal Geld verdiene, kaufe ich mir einen BMW oder einen Mercedes, irgendwas Cooles". Vater und Sohn verstehen sich nicht sonderlich gut, eigentlich kennen sie sich gar nicht. Michael hat die Familie verlassen, Louis zog mit seiner Mutter aufs Land. Jetzt sitzen sie gemeinsam im Auto und reden über Autos - irgendwo in Norwegen, da dort kürzlich Michaels Vater starb.

Vater und Sohn in einem kleinen Zelt

Für die Versöhnung mit dem Vater blieb Michael keine Zeit mehr, für die Versöhnung mit dem Sohn ist es aber noch nicht zu spät. "Wir könnten noch ein bisschen Urlaub machen und rumfahren", meint Michael zu Louis, nachdem der Opa beerdigt wurde. "Rumfahren", was soll das sein? Louis hat eigentlich keinen Bock. Fußballspielen hat er abgebrochen, Wandern findet er kacke, Natur hat er zu Hause auch. Entscheiden darf er aber wenig; es wird also rumgefahren, das heißt, ohne konkretes Ziel, durch norwegische Wälder, auf Bergpässen, Schotterpisten. Am See schlagen sie ein Zelt auf und kochen Würstchen.

Michael kann nicht schlafen, legt sich den Hemdsärmel über die Augen. Die dünne Zeltwand zappelt, weil draußen ein paar Jugendliche feiern, trinken und umherrennen, die ganze Nacht, die ganze helle Nacht lang. Das ist eine tolle Szene: ein Vater-Sohn-Raum, nur geschützt durch eine ganz besonders dünne Membran nach draußen; ein prekärer, gefährdeter, provisorischer Raum.

Fotostrecke

Fotostrecke: "Helle Nächte" von Thomas Arslan

Das Rumfahren verläuft nicht immer gut. Der Sprit geht aus, man muss zu Fuß weiter. Michael überfährt etwas, weil Louis ihm die Karte nicht ordentlich vors Gesicht gehalten hat. Sie streiten sich, die Situation eskaliert - sie eskaliert, wie sie nur der Österreicher Georg Friedrich eskalieren lassen kann: mit seiner Stimme, die zurückbleibt hinter dem Zorn in seinen Augen, die nur krächzend brüllen kann. Je stärker sie anschwillt, je lauter sie wird, desto dünner, poröser wird sie. Dann ist es wieder ganz still im Auto, man hört nur den zitternden Klang und sieht durch die Windschutz- oder Heckscheibe, sieht die Straße, wie sie sich unter einem abspult, wie sie hinter der Kurve ihren Verlauf preisgibt, wie sie auf einen Hügel und von dort wieder hinunterführt.

Der Film hält dieses schlafwandlerische Niveau allerdings nicht immer durch. Manchmal rast er mit ein bisschen zu viel menschelnder Emphase seiner Aussöhnungserzählung nach - einer Erzählung, die sich irgendwie nicht ganz mit dem decken lassen will, was seine Schauspieler eigentlich leisten, die für Friedrich und Göbel fast zur dramatischen Zwangsagenda wird.

Das Tolle an ihrem Spiel ist nämlich gerade, dass sie mit geteiltem Maß und Abstand eher aneinander vorbeispielen, als miteinander oder einander zu, dass sich zwischen ihnen dieser seltsam diffuse Raum öffnet, in dem die dramatischen Potenziale der Vater-Sohn-Konstellation eher kondensieren als erhärten. "Helle Nächte" durchfährt diesen Raum einmal.


"Helle Nächte"
Deutschland, Norwegen 2017

Drehbuch und Regie: Thomas Arslan
Darsteller: Georg Friedrich, Tristan Göbel, Marie Leuenberger
Produktion: Schramm Film Koerner & Weber, Mer Film, FilmCamp, WDR
Verleih: Piffl Medien
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 0
Start: 10. August 2017


Es ist ein Zwischenraum, in dem alles, was man fühlt und denkt, worunter man leidet, was einen glücklich macht, kurz, alles, was Vater und Sohn hier miteinander aushandeln, alles, was sie nachholen, woran sie sich stoßen, sich zu einer einzigen Masse verbindet. Wir schlafen in diesem Zwischenraum mit offenen Augen, werden sehend blind; sehen in die Senke zwischen Vater und Sohn; sehen dort vielleicht etwas Wahres, von Innen - jenseits des Bewusstseins, jenseits der Sprache, sogar jenseits des Bildes. Das Auto fährt und fährt und fährt.

Filmtrailer ansehen: "Helle Nächte"

Foto: Piffl Medien
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