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Kultur

70. Filmfest von Locarno

Die Katzenmenschen retten das Kino

Publikumsfestival oder Cineasten-Treff? Mensch oder Tier? Zu seinem 70. Jubiläum wirft Locarno alle einengenden Kategorien ab und präsentiert sich wieder als eines der schönsten Filmfestivals der Welt.

Locarno Festival

Locarno-Film "Chien"

Aus Locarno berichtet
Mittwoch, 09.08.2017   16:59 Uhr

"Sie hat uns niemals angelogen." Überrascht schaut Oliver (Kent Smith) auf die Leiche seiner Frau Irene (Simone Simon). Stets hatte ihn die gebürtige Serbin gewarnt, dass ein Fluch aus ihrem alten Heimatdorf auf ihr liege und sie sich, wenn sie mit einem Mann intim werde, in eine Tod bringende Raubkatze verwandeln würde. Die längste Zeit hat Oliver das als Aberglauben abgetan, doch als Irenes Ängste überhand nehmen, schickt er sie zum Psychiater.

Der glaubt ihr ebenso wenig und nimmt es sich sogar heraus, ihr zum Gegenbeweis einen Kuss abzuringen. Am Ende liegt er, von einer Raubkatze gerissen, tot auf dem Boden, und Irene, von Schuldgefühlen geplagt, läuft in den Zoo, um sich dort selbst von einem Panther zerfleischen zu lassen. Sie hat tatsächlich niemals jemanden angelogen.

"Cat People" von Jacques Tourneur aus dem Jahr 1942 ist der Film des Locarno Festivals 2017. Weil er mit seiner gestaltenwandlerischen Hauptfigur so gut das Schaffen von Tourneur selbst auf den Punkt bringt. Noch als Kind war der gebürtige Franzose zusammen mit seinem Vater, dem Stummfilmregisseur Maurice, in die USA ausgewandert. 1931 entstand sein Erstling, das Liebesdrama "Tout ca ne vaut pas l'armour", danach produzierte er in den USA genauso wie in Frankreich, er drehte Krimis und Horrorfilme, Western und Kriegskolportagen. Manche Filme wurden große Publikumserfolge, zum Beispiel "Cat People", manche wurden kaum gesehen.

ddp images

"Katzenmenschen" aus dem Jahr 1942

Auf ein Genre ließ sich Tourneur nicht festlegen, genauso wenig auf bestimmte Stilmittel. Er liebte das Kino für seine Vielfalt, doch das Kino vergaß ihn genau deshalb nach seinem Tod 1977 auch wieder. Weil er sich als Filmemacher der einfachen Kanonisierung entzog und selbst in den ernsthaftesten Filmen sein unbändiger Spaß am Spiel mit den Formen und den Stilen durchschien.

Überaus verdienstvoll muss man es deshalb nennen, dass das Filmfest von Locarno in seiner 70. Jubiläumsausgabe Tourneur eine große Retrospektive widmet. Gleichwohl ist es für Locarno auch überaus naheliegend, denn kein Festival könnte mehr mit dem Filmemacher und seinen Katzenmenschen gemeinsam haben. Nicht nur ist eine große Raubkatze, der Leopard, Wahrzeichen des Festivals: Wie Tourneur begeistert sich Locarno auch für die Unbegrenztheit und den Wandel im Kino und feiert das Sich-nicht-festlegen.

Locarno ist das Festival, das in so schön benannten Reihen wie dem Concorso Cineasti del presente (Wettbewerb der Filmemacher der Gegenwart) oder Pardi di domani (Preisträger von morgen) cineastische Neuentdeckungen präsentiert und gleichzeitig seine Retrospektiven als Herzstück ausweist. Unterscheidungen wie Publikumsfestival oder Cineasten-Treff bedeuten hier nichts: In Locarno läuft abends auf der Piazza Grande die romantische Komödie "The Big Sick" und tagsüber der Essayfilm "Immortality for All" über die russische Philosophie des Kosmismus, nachdem die Menschheit ihre gesamten Kräfte darauf verwenden sollte, alle Menschen, die jemals gelebt haben, wieder auferstehen zu lassen. Weil soziale Gerechtigkeit erst gegeben ist, wenn alle Menschen unsterblich sind.

Als wollte der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian den einzigartigen Charakter des Festivals zusätzlich betonen, lässt er zum 70. Geburtstag des Festivals die Gestaltenwandler nun das Programm komplett übernehmen: Überall tauchen Menschen auf, die sich zur Kenntlichkeit wandeln, die ihr altes Ich hinter sich lassen, um zu ihrem wahrem Ich zu werden - nicht selten als Tier. Nach Tourneurs Katzenmenschen weckt das brasilianische Regieduo Marco Dutra und Juliana Rojas in "As Boas Maneiras" die Werwölfin in der Frau, in "Chien" findet Vincent Macaigne sein Glück wiederum im Leben als Hund.

Eine Erniedrigung nach der anderen muss Macaignes Jacques wegstecken: Erst verstößt ihn seine Frau, dann zieht ihn sein Sohn ab, schließlich verliert er auch noch seinen Job als Verkäufer in einem Laden für Künstlerbedarf. Er könnte sich gegen all das wehren, auf seinem Status beharren und Respekt einfordern. Aber warum eigentlich kämpfen, wenn es sich in der Unterwürfigkeit so gut lebt? Bei einem sadistischen Hundezüchter (gespielt vom belgischen Raubein Bouli Lanners) findet Jacques ein passendes Herrchen, schon bald apportiert er ihm Stöckchen und lässt sich abends neben dessen Bett nieder. Ob seine Frau ihn wohl jetzt, wo er so gut abgerichtet ist und keinerlei Ansprüche mehr erhebt, wieder zuhause aufnimmt?

Es ist viel, was Regisseur Samuel Benchetrit in der Verfilmung seines eigenen Romans seiner Hauptfigur und damit indirekt auch seinem Publikum zumutet - ganz ohne Gewalt lernt Jacques nämlich nicht, gehorsam zu sein. Doch dankenswerterweise überhöht Benchetrit seine schwarzhumorige Psychostudie nicht zu einer Analyse von Männlichkeit in der Krise, sondern führt den Film ganz eng an seinem Protagonisten, der wenig mehr vom Leben will, als ab und zu gestreichelt zu werden.

Durch Stromschlag zur Feuergestalt

Ausnehmend vergnüglich hingegen legt sich Isabelle Huppert ein Alter Ego zu. In "Madame Hyde" von Serge Bozon ist sie zunächst eine verhärmte Physiklehrerin namens Madame Géquil, die an ihrer technischen Gesamtschule vor lauter nicht weißen Gesichtern einfach kein Gehör findet. Erst ein schwerer Stromschlag, den sie sich aus Versehen bei einem privaten Experiment zufügt, gibt ihr buchstäblich die Energie, um sich bei ihren Schülern durchsetzen zu können - und als traumwandelnde Feuergestalt nachts ein wenig Schrecken in der Sozialsiedlung zu verbreiten.

Locarno Festival

Der Wettbewerbsbeitrag "Madame Hyde"

Plötzlich können sich auch Schüler wie Malik (Adda Senani) für Faradaysche Käfige begeistern und ihre schulischen Leistungen dramatisch verbessern. Ausgerechnet mit Hilfe der strengen Regeln der Physik brechen hier die strengen Ordnungen der französischen Gesellschaft auf. Am Ende geht die technische Gesamtschule samt ihrer überkommenen Vorstellungen von Erziehung in Flammen auf, aber das ist sicherlich nur rein symbolisch zu verstehen.

Ben Russell bringt die Mehrgestaltigkeit schließlich in die Bilder selbst. In seinem Dokumentarfilm "Good Luck" - am besten übersetzt als "Glück auf", da er unter Minenarbeitern spielt - verändern die Bilder ständig ihren Gehalt, sind erst konkret, werden dann abstrakt und schließlich wieder konkret. Als erstes geht es in eine Kupfermine in Serbien. In dunkler Tiefe setzen die Männer ihre Bohrer an und füllen die schmalen Gänge und Zwischenräume mit pulsierendem Lärm. Konkreteres als harte körperliche Arbeit können dokumentarische Bilder kaum einfangen, doch Russell lässt die Kamera so lange auf der scheinbar einfachen Handhabung der Maschine liegen, bis die pure Physis des Raums das Bild übernimmt, die Kraft spürbar wird, die es bedarf, um den schweren Bohrer zu bedienen, die Enge und die Wärme des Stollens.

Locarno Festival

Minenarbeiter im Dokumentarfilm "Good Luck"

Die Kopfleuchten der Kumpel werfen dabei schmale Lichtkegel auf ihre Umgebung. Die gesamten Ausmaße der Räume, in denen sie sich bewegen, können sie nie ganz erfassen. Einmal wirft ein Arbeiter Steine, um abschätzen zu können, wie weit die nächsten Wände entfernt sind. Mit Klang den Raum erfassen - im Kino von Ben Russell wird das möglich, ja geradezu nötig. Ein langgedienter Kumpel erzählt, dass er seit Jahren nicht mehr träumt. Wie sollte er das auch? Die Mine löscht Bilder aus und zersetzt die Vorstellungskraft.

Von der Finsternis ins grelle Licht

Umso härter ist der Kontrast, wenn Russell in der zweiten Hälfte im Dschungel von Surinam in eine ehemalige Goldmine führt. Das grelle Licht, die bunten Farben, die freien Bewegungen der Arbeiter, die auch nach der offiziellen Schließung der Mine weiterhin nach Gold schürfen - die Bilder sind hier wieder hergestellt, doch nun setzt Russell anderen Kategorien zu.

Als Natur lässt sich die Umgebung, in der sich die Arbeiter bewegen, nämlich nicht mehr bezeichnen. Schlackige Tümpel und Hügel, beide im selben Rotton, sind nichts mehr als Materie, die mit verschiedenen Maschinen und Handgriffen zugerichtet wird. Gleichzeitig setzt Russell die Idee von Mechanik aus, denn er zeigt nur einzelne Vorgänge, das Ansetzen einer Pumpe, das Vergießen einer Chemikalie, ohne ihre direkte Wirkung. So entsteht Fantastik in der konkreten kapitalistischen Gegenwart: Wir sehen Menschen, deren Handlungen wir nicht verstehen, in einer Landschaft, deren Eigenschaften wir nicht begreifen können.

Regisseur Todd Haynes, Preisträger des Ehren-Leoparden 2017, hat zu seiner Auszeichnung gesagt, das Unabhängigkeit für ihn bedeute, gegen die Begrenzungen des Mediums Film anzuarbeiten und es gerade dadurch am Leben zu erhalten. Schöner als in seiner Jubiläumsausgabe könnte das Festival von Locarno nicht für die Unabhängigkeit des Kinos und damit für dessen Zukunft eintreten.

insgesamt 2 Beiträge
troy_mcclure 10.08.2017
1.
Das Festival findet auf jeden Fall in einer der schönsten Gegenden unseres Planeten statt.
Das Festival findet auf jeden Fall in einer der schönsten Gegenden unseres Planeten statt.
spaceagency 10.08.2017
2. Europas tolle Festivals
Cannes, Venedig, Berlin und Locarno waren und sind in dieser Folge die schönsten und wichtigsten Festivals. Locarno mit seinem einzigartigen Setting sehr speziell
Cannes, Venedig, Berlin und Locarno waren und sind in dieser Folge die schönsten und wichtigsten Festivals. Locarno mit seinem einzigartigen Setting sehr speziell

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