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Kultur

Harvey Weinstein

"Genie und Arschloch"

Früher ging an Harvey Weinstein kein Weg vorbei, er war der Mann hinter "Pulp Fiction" und "Herr der Ringe". Nach Vergewaltigungsvorwürfen lässt ihn Hollywood nun fallen - auch weil seine Macht schon länger bröckelt.

Foto: AFP
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Donnerstag, 12.10.2017   12:08 Uhr

Harvey Weinstein ist Oscarpreisträger. In Großbritannien ist er Commander of the Order of the British Empire, das "Time"-Magazin zählte ihn 2012 zu den 100 einflussreichsten Menschen. Er produzierte Filme wie "Pulp Fiction" und "Der englische Patient". Er setzte sich für ein unabhängiges, künstlerisch herausforderndes Kino ein. Er gab sich wie ein Studio-Mogul der alten Schule.

Und Harvey Weinstein war offenbar einer der größten Grapscher Hollywoods. Über Jahre soll der Produzent Schauspielerinnen und Models beleidigt, drangsaliert, befummelt haben. Drei Frauen klagen ihn gar der Vergewaltigung an, darunter die italienische Schauspielerin Asia Argento.

Viele Jahre lang ging an Weinstein kein Weg vorbei, vor allem beim unabhängigen Kino. "Mein ganzes Leben habe ich einem Meister gewidmet: dem Film", sagte Weinstein 2007 in einem Interview. So viel stimmt zumindest: Ohne Weinstein ist das Independent-Kino ab den Achtzigerjahren nicht denkbar.

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Harvey Weinstein: "Genie und Arschloch"

Dabei hielt der Mann, der nun sinnbildlich für die Verkommenheit Hollywoods steht, lange Abstand zur Glitzermetropole in Kalifornien. Harvey Weinstein und sein Bruder Bob gründeten ihre erste Produktions- und Verleihfirma Miramax 1979 in New York, und von dort aus führten die beiden auch ihre Geschäfte.

Der Name entstand aus der Verballhornung der Vornamen ihrer Eltern Miriam und Max. Die Weinsteins planten ganz explizit, Filme zu produzieren und zu verleihen, die für die großen Hollywoodstudios künstlerisch zu riskant und finanziell zu unsicher waren.

Miramax startete 1982 mit dem britischen Konzertfilm "The Secret Policeman's Other Ball" in den USA. Der erste kleinere Independent-Erfolg kam mit "Sex, Lügen und Video" von Steven Soderbergh, der damit 1989 die Goldene Palme bei Filmfestival in Cannes gewonnen hatte.

Bevor Harvey Weinstein selbst als Produzent in Erscheinung trat, verschaffte er internationalen Filmen in den USA eine Aufmerksamkeit, die sie vorher lange nicht genossen hatten. Ohne Weinstein hätten Arbeiten wie Pedro Almodóvars "Fessle mich!" niemals einen US-Kinostart bekommen.

Einer der Mächtigen in Hollywood

Miramax wuchs und wurde zum größten Independent-Studio in den USA. 1993 kaufte der Disney-Konzern die Firma für 80 Millionen Dollar, Bob und Harvey Weinstein blieben aber die Chefs.

Ein Jahr später dann hob Miramax endgültig ab: Mit Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" verbuchte Weinsteins Firma ihren ersten Blockbuster. Tarantino hat wiederholt betont, wie wichtig Weinsteins Einfluss für den Film war. Er gehört jetzt zu den großen Schweigern, was die Belästigungsvorwürfe angeht.

Mit "Der englische Patient" gewann Miramax 1997 erstmals einen Oscar, 1999 wurde auch Weinstein selbst als Produzent für "Shakespeare in Love" ausgezeichnet. Es folgte eine ganze Serie von Filmen, die Kritik und Publikum gleichermaßen begeisterten: "Scream", "Good Will Hunting", "Jackie Brown", die "Herr der Ringe"-Trilogie.

Weinstein war einer der großen Mächtigen in Hollywood. Noch 2012 rief Meryl Streep bei den Golden Globes in ihrer Dankesrede für ihre Auszeichnung als beste Schauspielerin in dem Film "Die eiserne Lady" aus: "Ich möchte meinem Agenten danken und natürlich Gott - Harvey Weinstein."

Schon früher allerdings sagte James Ivory über ihn: "Er ist ein Tyrann, der glaubt, wenn er genug herumschreit, wird er seinen Willen bekommen. Er ist beides: Genie und Arschloch, und leider ist er damit sehr weit gekommen."

Nicht nur Frauen gegenüber, auch unter männlichen Kollegen war Weinstein für sein aufbrausendes Temperament berüchtigt. Auch für fragwürdige künstlerische Entscheidungen: Insider nannten ihn "Harvey Scissorhands" ("Harvey mit den Scherenhänden").

Immer wieder erstellte er für ausländische Filme eigene Schnittversionen, um sie besser beim amerikanischen Publikum vermarkten zu können. Hemdsärmelig griff er dazu in die Arbeit der Regisseure ein, glättete hier, kürzte dort.

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

Zu den größten Opfern zählen Filme wie "Cinema Paradiso", den Weinstein um satte 30 Minuten kürzte; den Neo-Western "All die schönen Pferde" kürzte er ebenfalls heftig und verunstaltete ihn fast zur Unkenntlichkeit; Wong Kar-Wais "The Grandmaster" glättete Weinstein und fügte erklärende Schrifteinblendungen hinzu.

Mag sein, dass Weinstein dem Film gedient hat. Ganz sicher war der Film für ihn immer auch ein Geschäft, mit dem er viel Geld verdiente.

Die wichtigen Filme machen inzwischen andere

Dass sich nun immer mehr Frauen melden, die von Weinstein offenbar belästigt wurden, dass er so schnell fallengelassen wurde, hängt auch mit seinem schwindenden Einfluss zusammen. Das begann schon im Jahr 2005, als er Miramax verließ und sein eigenes Studio The Weinstein Company gründete. Zuletzt gewann mit "The Artist" im Jahr 2011 einer seiner Filme einen Oscar.

Echte künstlerische Erfolge wie "Carol" von Todd Haynes gelangen ihm nur noch selten, Flops wie "Tulpenfieber" häuften sich. So schwer es Independentfilme in den USA auch nach wie vor haben: Die Szene hat sich diversifiziert, es gibt viel mehr Produktionsfirmen.

Und die wirklich wichtigen Filme macht inzwischen nicht mehr Weinstein, das tun andere Produzenten. Megan Ellison etwa mit ihrer Firma Anapurna Pictures ("The Master", "Foxcatcher"). Oder die aufstrebende Talentschmiede A24, die den diesjährigen Oscargewinner "Moonlight" im Programm hat.

Karrieren stehen und fallen nicht mehr durch Harvey Weinstein. Jetzt ohnehin nicht mehr, seit ihn die Firma feuerte, die er selbst gründete. Gott verlässt Hollywood durch den Hinterausgang.

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