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Kultur

"Suburbicon" von George Clooney

Wenn der Postmann Sturm klingelt

George Clooney möchte ein politischer Regisseur sein. Doch bei seinem neuen Film "Suburbicon" mit Matt Damon und Julianne Moore kann er sich nicht entscheiden: Drama oder Satire?

Foto: Concorde
Von
Mittwoch, 08.11.2017   20:14 Uhr

"Haben Sie schon Ihre neuen Nachbarn getroffen?" Der feiste Briefträger platzt fast vor Mitteilungsdrang. Zusammen mit der Post überbringt er die Neuigkeit von Haus zu Haus. Die Vorstadtsiedlung mit den adrett frisierten Vorgärten und ebensolchen Hausfrauen hält bald darauf schockiert den Atem an: Die soeben zugezogene Familie Meyer ist - schwarz!

Und das ausgerechnet in einer rassistischen US-Gesellschaft, in der ein Bundesgesetz für die "Wiedereingliederung der Weltkriegsveteranen" der sich gerade entwickelnden weißen Mittelklasse den Traum vom Eigenheim auch finanziell erleichterte. Man zog in den Fünfzigerjahren verstärkt aus der Stadt heraus - um dort selbstredend "unter sich" zu sein.

Aus einer solchen Prämisse können sich zwei Genres entwickeln. Das eine ist ein kritisches period drama zum Thema Diskriminierung in den USA. Denn die Idee, mit der Regisseur George Clooney seinen Film "Suburbicon" aufmacht, beruht auf einer historischen Begebenheit: In Pennsylvania lief im Jahr 1957 tatsächlich ein aufgebrachter Briefträger von Haus zu Haus, um den reinweißen Kiez vor den neuen, farbigen Nachbarn zu warnen. Abends hatte sich ein Idiotenmob auf dem Rasen der Familie versammelt, die Menschen riefen rassistische Parolen, hissten die Südstaatenflagge und verbrannten ein Kreuz.

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Oder man macht daraus eine Komödie, die den tiefsitzenden Rassismus, der sich bis heute gehalten hat, parodistisch kritisiert, wie John Waters mit "Hairspray" (1988) oder Tim Burton mit seiner Außenseiter-Tragikomödie "Edward mit den Scherenhänden".

George Clooney kann sich bei seiner sechsten Regiearbeit nicht entscheiden. Neben der Geschichte der Meyers und ihrem feindseligen Empfang im pittoresken "Suburbicon" erzählt er ein altes Script der Coen-Brüder, das diese ihm drei Jahre nach dem 1996 entstandenen "Fargo" geschickt hatten und das in vielerlei Hinsicht an ihren größten Erfolg erinnert.

Gangster in der Vorstadt

Das Haus des unauffälligen Familienvaters Gardner Lodge ( Matt Damon), der mit seiner an den Rollstuhl gefesselten Frau Rose (Julianne Moore) und seinem Sohn Nicky (Noah Jupe) in besagter Vorstadtsiedlung lebt, wird aus dem Nichts von Gangstern überfallen. Die Familie, die gerade Besuch von Roses Zwillingsschwester Margaret (Julianne Moore) hat, wird von den Einbrechern betäubt. Als Nicky wieder zu sich kommt, ist seine Mutter tot.

Das Verhalten seiner Tante und seines Vaters, die nach dem Unglück eigentlich weitermachen wie bisher, lässt jedoch - beim Jungen wie beim Zuschauer - schnell Zweifel aufkommen: War das wirklich nur ein Einbruch, der unglücklich eskalierte? Oder stecken ganz andere, viel schlimmere Motive dahinter?


"Suburbicon"
USA 2017

Regie: George Clooney
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen, George Clooney, Grant Heslov
Darsteller: Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac
Produktion: Black Bear Pictures, Dark Castle Entertainment, Huahua Media, Silver Pictures, Smokehouse Pictures
Verleih: Concorde Filmverleih
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 106 Minuten
Start: 9. November 2017


Wieso Clooney mit beiden Geschichten beginnt, sich dann aber dafür entscheidet, den dringlichen Skandal um die Behandlung der Meyers nur als flackerndes Hintergrundrauschen zu inszenieren, erschließt sich nicht. Seine versuchte Melange aus Komödie und Drama hängt an allen Ecken und Enden und wird dabei beidem nicht gerecht. Die Storyline mit dem Lügengeflecht im Haus Lodge, das vom kleinen Jungen langsam entwirrt wird, schwankt zwischen Drama und geschmacklich unsicherer Komödie. Unverhofft erlebt Nicky immer mehr und immer grausamere Situationen und lässt einen als mitfühlender Zuschauer ratlos zurück.

Die Nebengeschichte mit den Meyers ist dagegen so stark - und wird nach dem Anfang mit der pöbelnden Meute einfach abgebrochen. So findet der Film weder in eine mögliche humoristische noch in eine antirassistische Tonlage und versuppt in einem holprig und oft zu langsam erzählten Mix.

Wenn der Film für den Philanthropen und Aktivisten Clooney ein Versuch gewesen sein sollte, sich weiter als politischer Regisseur zu etablieren, dann war das ein Griff in die Fünfzigerjahre-Keramikabteilung.

Im Video: Der Trailer zu "Suburbicon"

Foto: Concorde
insgesamt 2 Beiträge
ideologiefreier-Realist 09.11.2017
1. Also, ich persönlich
finde die Geschichte um das Geheimnis der toten Mutter interessanter als die um Familie Meyer. Das ist unterhaltsamer als die ewigen politischen Filme mit ihrem mahnenden, erhobenen Zeigefinger. Soll es von mir aus auch geben, [...]
finde die Geschichte um das Geheimnis der toten Mutter interessanter als die um Familie Meyer. Das ist unterhaltsamer als die ewigen politischen Filme mit ihrem mahnenden, erhobenen Zeigefinger. Soll es von mir aus auch geben, aber die anderen sind ungleich erfolgreicher. Die politischen Filme kann man ja irgendwo im Kunstkino spielen.
marty_gi 09.11.2017
2. Erzaehlweise
Fuer mich klingt die Erzaehlweise danach, dass sie eben auch nicht schwarz/weiss ist. Sondern eben aufzeigt, dass da trotz eines vermeintlich dominierenden Themas immer noch mehr passiert, lauter andere Dinge, die fuer die einen [...]
Fuer mich klingt die Erzaehlweise danach, dass sie eben auch nicht schwarz/weiss ist. Sondern eben aufzeigt, dass da trotz eines vermeintlich dominierenden Themas immer noch mehr passiert, lauter andere Dinge, die fuer die einen wichtiger, fuer die anderen voellig belanglos sind. Dass der Ansatz richtig ist sieht man an vielen Kommentar-Threads auch hier auf Spiegel-Online, wo sich wenn der Gesetzgeber oder Gerichte eine Staerkung von Minderheiten-Rechten anstreben recht viele aufregen, ob es nicht viel wichtigere Themen gaebe als sich um diese 0,002 Prozent der Bevoelkerung zu kuemmern....
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