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Kultur

Männerfilm "Fikkefuchs"

Wenn der Vater mit dem Sohn Frauen begrapscht

In "Fikkefuchs" geht ein gestörtes Vater-Sohn-Gespann auf Aufreißerjagd. Der Film soll Männlichkeit in der Krise satirisch aufspießen, verdoppelt in seiner Inkompetenz aber nur Frauenfeindlichkeit.

Foto: Alamode
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Dienstag, 14.11.2017   14:36 Uhr

Irgendwann in "Fikkefuchs" sitzt der fast 50-jährige Papa mit seinem erwachsenen Sohnemann in einem Café unter freiem Himmel. Papa erklärt, dass der Sohnemann keine Angst vor seiner Sexualität haben muss. Nicht in diesen Worten, sondern expliziter. "Ficken", "Fotze", "Möse" steht stolz im Drehbuch, denn "Fikkefuchs" findet sich selbst ziemlich gut in seiner Deutlichkeit beim Reden über Sex und in seiner Zurschaustellung der Krisenhaftigkeit der zwei Männer. Seht her, wir machen einen Film, der sich etwas traut! In Zeiten leicht auffindbarer Pornografie im Internet!

Dabei wirkt die Deutlichkeit in der Wortwahl bei genauerem Hinsehen hilflos und ambivalent. Hilflos, weil sich der Film mit solchen verbalen Übersprungshandlungen eigentlich gegen die Krisenhaftigkeit der Männer zu stemmen scheint. Und ambivalent, weil es die Filmemacher offenbar ein bisschen geil finden, öffentlich dauernd "ficken" sagen zu können.

Die gern mitgenommene Geilheit wird in dem Gespräch zwischen Papa und Sohnemann auch inszenatorisch ausgelebt. Die Kamera zeigt Papa nämlich immer wieder von Nahem und aus leichter Untersicht, wenn er in seine mit Senf bestrichene Bockwurst beißt. Das Ziel ist Komik: Durch die Untersicht wird Papa unvorteilhaft abgebildet, derweil muss die ostentativ in den Blick genommene Bockwurst als putziges Phallussymbol herhalten und das Reden über Männer, Frauen und Sex ironisieren.

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"Fikkefuchs": Zwei Würstchen wollen was aufreißen

Damit wäre das überschaubare Set an künstlerischen Mitteln beschrieben, das dem Film "Fikkefuchs" von Regisseur und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg zur Verfügung steht. Der kindische Titel veralbert nur schlecht, worum es in der mit 70.000 Euro crowdgefundeten Produktion geht: um eine Vater-Sohn-Geschichte, bei der der Papa den Filius beim Rumkriegen von Frauen beratend domestizieren soll.

Der Papa soll mal als "Stecher von Wuppertal" gegolten haben, geht nun aber prostatakrebskrank auf die Fünfzig zu und wird von Stahlberg mit lustvollem Zug zur Hässlichkeit ausgestattet (Wampe und Haare, die wie ein Wischmop um eine sich abzeichnende Glatze herumwachsen). Der Sohn wiederum war eigentlich in Therapie gesteckt worden, nachdem er eine Verkäuferin vergewaltigen wollte (man fragt sich schon, warum ein Schauspieler, der gerade als angesagt gilt und im aktuellen Haneke-Film High-End-Bürgertumsrebellion ausagieren darf, sich so unter Marktwert verscherbelt: Franz Rogowski).

Nur eklig, nicht traurig

Doch Sohnemann haut von der Therapie zum unbekannten Vater nach Berlin ab, eine Stadt, die ihm als "größte Fickerei Europas" erscheint. Entsprechend versucht er die Kontaktaufnahme mit Frauen, eingeleitet mit "Fotze"- und "Willst du ficken?"-Ausrufen, und driftet ansonsten durch die Stadt. Die Stelen des Holocaust-Mahnmals reportiert er für sein Blog als "Lustgarten" und filmt Frauen dort auf den Hintern.

Gleichzeitig brechen immer wieder Sexpartyaufnahmen, Wohnungspuffbesuche oder Pornofilme in die Spielhandlung des Films ein. Die Momente, in denen sich die Kamera dokumentarisierend und dramaturgisch redundant ins reale Stadtleben mischt, bringen die Billigkeit der Produktion aber am besten zum Ausdruck: Wenn man kein Geld und keinen Sinn für eine interessante Geschichte hat, dann greift man halt scheinbar aufregend "echtes" Leben ab.


"Fikkefuchs"
D 2017
Regie: Jan Henrik Stahlberg
Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg, Wolfram Fleischhauer
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Franz Rogowski, Thomas Bading, Susanne Bredehöft, Jan Pohl
Verleih: Alamode Film
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 16. November 2017


Ähnlich kläglich scheitert Stahlberg dabei, Distanz zu seinen Figuren zu schaffen, indem er Szenen auffährt, in denen sehr wohlwollende Kritiken vermutlich "Mut zur Peinlichkeit" entdecken. Szenen wie den "tiefsten Tiefpunkt" (Rudi Völler) des Films, auf dem Papa und Sohnemann von einer durchfeierten Nacht nach Hause kommen. Papa übergibt sich noch im Taxi, anschließend ringt Sohnemann damit, die Alkoholleiche, die sich eingekackt hat, in die Badewanne zu bugsieren - wo dann der Sohnemann beim Scheißewegspülen dem Papa auch noch in den Nacken kotzt. Der auf seine Freizügigkeit so stolze Film überlegt an der Stelle selbst, ob das alles dann nicht doch zu ordinär ist - und schiebt unentschlossen mehrmals Schwarzblenden ein.

Man muss diesen ganzen Unsinn so deutlich beschreiben, weil der Film mit seinen Figuren letztlich fast völlig identifiziert bleibt. Es gibt in "Fikkefuchs" schlicht keine zweite Ebene, die das dumpfe Handeln und Reden von Papa und Sohnemann als Satire oder Ironie erkennen ließen. Aus der Badewannenszene folgt nichts, sie ist nur eklig, nicht traurig, und soll wieder einmal nur zeigen, welche Krassheiten man sich hier traut.

Am Ziel aller Wünsche

Denn danach geht es munter auf in den letzten Teil, in dem das ganze frauenverachtende und bis zur Ermüdung affirmierte Pick-up-Artist-Gefasel zu sich selbst findet: Papa und Sohnemann belegen einen Pick-up-Artist-Workshop. Bei einer wenig zimperlichen Frau natürlich, damit als verschwiemeltes Alibi gezeigt werden kann, dass nicht nur Männer "so" sind. Das ist in etwa so durchdacht, wie gegen den aktuell diskutierten strukturellen Sexismus die Aussage einer einzelnen Schauspielerin ins Feld zu führen, sie habe damit nie Erfahrungen gemacht.

Der größte Witz ist allerdings, dass Papa und Sohnemann einerseits am Ziel ihrer Wünsche sind - einem Workshop zum Frauenbezwingen, der Papa auch prompt auf seinen "Stecher"-Pfad zurückführt -, der Film sich andererseits aber nicht traut, das hemmungslos zu feiern. Vermutlich wäre ihm dann aufgefallen, dass er eine ziemlich werkgetreue Verfilmung der Pick-up-Artist-Misogynie ist.

Also muss der Sohnemann aus dem Nichts einen Moralischen kriegen, den der Film an der Ägäis zu freundlicher Musik und in warmen Farben als versöhnliches Happy End verkaufen will. Dabei hat sich nichts geändert: Sohnemanns als liebevoll entworfenen Finalsex mit der Kellnerin (Frauenrollen haben in "Fikkefuchs" konsequenterweise keine Namen, wie der Abspann ausführlich dokumentiert) leitet er mit den Worten ein: "Ich würde dir gern die Muschi auslecken."

Löblich an dieser Szene ist einzig, dass ein unerträglicher Film damit endlich zu Ende geht.

Im Video: Der Trailer zu "Fikkefuchs"

Foto: Alamode
insgesamt 1 Beitrag
Mancomb 15.11.2017
1. Endlich eine ehrliche Kritik
Und keine wie auf ZON oder der SZ, die alle händeringend versuchen, diesem Machwerk etwas künstlerisches abgewinnen zu wollen - und jeder, der den Film nicht mag, ist halt ein Banause und hat keine Ahnung von nichts. Kultfilm! [...]
Und keine wie auf ZON oder der SZ, die alle händeringend versuchen, diesem Machwerk etwas künstlerisches abgewinnen zu wollen - und jeder, der den Film nicht mag, ist halt ein Banause und hat keine Ahnung von nichts. Kultfilm! Satire! Schwarzer Humor! Böses Patriarchat! Was für ein geschwurbelter Bockmist. Der Film war von vorne bis hinten eine Katastrophe und einer der schlechtesten, die ich je gesehen habe. Wenn ich gewusst hätte was da auf mich zukommt, wäre ich nicht in die Sneak gegangen.
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