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Kultur

Zombie-Papst George A. Romero

Beim Comeback über Leichen gehen

Ob blutiger Splatter ("Dawn of the Dead"), Kulturkritik ("28 Days Later") oder Horror-Klamotte ("Shaun of the Dead"): Zombies sind popkulturell nicht totzukriegen und erleben eine Kino-Renaissance. Auch Regisseur George A. Romero, der Großmeister der Untoten, meldet sich zurück. Titel seiner neuen Metzelei: "Das Land der Toten".

Donnerstag, 04.11.2004   15:08 Uhr

1968 revolutionierte er mit "Night of the Living Dead" das Horrorgenre: Statt der expressionistischen Kulissen traditioneller Gruselfilme schuf George Romero ein realistisches Szenario, das, in grobkörnigem Schwarzweiß gefilmt, dem Schrecken ein fast dokumentarisches Ausmaß verlieh. Die Geschichte von einer Gruppe Landbewohner, die sich in einem Farmhaus verschanzen, um gegen eine Armee von Untoten zu kämpfen, spielte nicht in Transsylvanien, sondern in Pennsilvania, USA. Am Ende wird der einzige Überlebende, ein Afroamerikaner, von rassistischen Rednecks ermordet.

Vom Trash zum Kult

Anfänglich von der Kritik als Trash geschmäht, geriet der Film über die Zeit zum Kultphänomen, das die Schrecken des Vietnam-Kriegs und die Desillusionierung über eine korrupte Politik ins Bild der lebenden Toten bannte. Zahllose Sequels, Remakes und Imitate folgten, und der Zombie löste zeitweise den Vampir als neuen Star des Horrorgenres ab.

Romero selbst drehte noch zwei Fortsetzungen: "Dawn of the Dead" (1978), eine blutige Sozialsatire auf den grassierenden Konsumismus mit Zombies, die ein Einkaufszentrum belagern. Und "Day of the Dead" (1985), eine Gewaltorgie um durchgedrehte Wissenschaftler und Militärs, die die Untoten für ihre Zwecke manipulieren wollen. Jetzt, fast 20 Jahre nach seinem berühmt-berüchtigten Zombie-Debüt, belebt George Romero die Untoten erneut. Der mittlerweile 65-Jährige hat in Toronto mit den Dreharbeiten seines vierten Horror-Spektakels begonnen.

Romero gilt als unerbittlicher Perfektionist, der selbst Statisten zu Höchstleistungen antreibt. Zehnmal soll der Regisseur eine kleine Szene mit von Zombies belagerten Sicherheitskräften wiederholt haben, berichtete die "New York Times". Am Ende verlangte Romero nach Extra-Proben für die Nebendarsteller mit Kleinstrollen. "Die spielen nicht so, als würden sie begreifen, dass hier ein Krieg stattfindet", so der Filmemacher genervt.

Kino-Schrecken, Produzenten-Freude

Dass Romero ein millionenschweres Comeback beschert wird und Stars wie Dennis Hopper und John Leguizamo verpflichten konnte, ist nicht der Begeisterung einiger Genre-vernarrter Filmproduzenten zuzuschreiben, sondern finanziellem Kalkül: Horror-Filme lassen die Kinokassen klingeln.

Allein im letzten Jahr haben vier Medium- bis Low-Budget-Zombiefilme ("Dawn of the Dead"/Universal; "Shaun of the Dead"/Focus Features; "28 Days Later"/Fox; "Resident Evil: Apocalypse"/Sony) insgesamt mehr als 165 Millionen Dollar am Box Office eingespielt.

Der vor zwei Wochen in den USA angelaufene Horror-Film "The Grudge" mit "Buffy - The Vampire Slayer"-Star Sarah Michelle Gellar hat Columbia Pictures bereits um 71 Millionen Dollar reicher gemacht. "Saw", eine weiterer, relativ kostengünstig produzierter Schocker, konnte beim Start am letzten Wochenende 17 Millionen Dollar umsetzen. Sowohl für "Saw" als auch für "28 Days Later", Danny Boyles so anspruchsvolle wie kostengünstige Zombie-Geschichte, sind bereits Fortsetzungen angekündigt.

Romero zufolge sagt der Zombie-Boom mehr über Hollywood aus als über die kulturelle Lage insgesamt: "Wenn ein Horrorfilm einschlägt", zitiert ihn die "New York Times", sagen alle: 'Lasst uns einen Horrorfilm machen.' Es ist das Genre, das niemals stirbt."

"Land of the Dead"-Star Leguizamo sieht die Entwicklung nicht ganz so pragmatisch. Für den Darsteller ist die Popularität der Untoten eine Folge der aktuellen Politik Amerikas. Der Horror habe "mit unserer Zeit zu tun, in der so viele Dinge unsicher sind und es soviel Gewalt gibt wie beispielsweise im Irak."

Daniel Haas

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