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Kultur

Thriller "Zodiac"

David Finchers Gespür für Mord

US-Regisseur David Fincher ("Se7en") ist ein Virtuose des Thriller-Kinos. Für sein neuestes Werk wechselte er die Tonart: nicht mehr grausam und schick, sondern melancholisch und nüchtern erzählt er die wahre Geschichte vom Serienkiller "Zodiac".

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Mittwoch, 30.05.2007   16:47 Uhr

Er kennt sie alle: Jeffrey Dahmer (17 Tote). Ted Bundy (30 Tote). Der Green-River-Killer (mindestens 48 Tote). Oder Son of Sam: Mit seiner Vorliebe für dunkelhaarige Opfer versetzte er New York derart in Angst und Schrecken, dass sich Frauen einen Sommer lang die Haare blond färbten und Eltern ihre Kinder nicht aus der Wohnung ließen.

"Wir leben in einer auf Angst gegründeten Gesellschaft", sagt David Fincher über die schaurige Faszination für Serienmörder. Er hat sich lange darüber den Kopf zerbrochen, warum das so ist, woher die Obsession für Psychopathen kommt, und was Kinozuschauer von solchen Gruselgeschichten erwarten: "Die sagen: Zeig mir den Übeltäter, erschieß ihn, und dann gehen wir ein schönes dickes Steak essen", glaubt er.

Seine Karriere als Regisseur hat Fincher mit Musikvideos für Madonna ("Vogue", "Express Yourself") und Werbeclips (Nike, Pepsi) begonnen. Aus seiner Sicht sind Serienkiller im Kino nur ein Konsumartikel, den es zu inszenieren gilt. Sein filmisches Werk bildet die verschiedenen Facetten einer paranoiden Gesellschaft ab: Muskeln, die bloß ein Panzer für verwundete Männerseelen sind ("Fight Club"); Sicherheit, die es nicht mal in der eigenen Wohnung gibt ("Panic Room"); Kontrolle, die selbst dem mächtigsten Manager entgleitet ("The Game").

Mit "Se7en" drehte er 1995 das Standardwerk zum Genre Serienkiller, einen Thriller über die Jagd zweier Polizisten (Morgan Freeman, Brad Pitt) auf einen Psychopathen, der seine Morde als Hymne auf die sieben Todsünden inszeniert: ein ästhetisierter Horror, der kaum einen Schrecken auslässt und eine der vielleicht perfidesten Schluss-Sequenzen der Kinogeschichte zeigt. Fincher gilt seither als Autorität in diesem Fachgebiet, als Chronist einer Zeit, in der Paranoia nicht bloß klinischer Befund ist, sondern schubweise auch gesellschaftlicher Normalzustand.

"Der Fall Zodiac ist nicht besonders befriedigend"

Mehr als zehn Jahre später hat sich Fincher, 44, mit "Zodiac" wieder einen Serienmörder vorgenommen. In dem diese Woche in deutschen Kinos startenden Film geht es um den authentischen Fall eines kalifornischen Wiederholungstäters. Dessen verschlüsselte Botschaften und Briefe an den "San Francisco Chronicle" sorgten Anfang der siebziger Jahre für Schlagzeilen und Panik. Seine wahllosen Hinrichtungen versetzten den Norden des US-Bundesstaats in Schrecken, mal traf es Teenager beim ersten Rendezvous, dann ein Liebespaar beim Picknick oder einen Taxifahrer. Mit einer telefonischen Live-Schaltung schaffte es der Killer sogar ins Lokalfernsehen. Trotzdem wurde er nie gefasst.

"Der Fall Zodiac ist nicht besonders befriedigend", sagt Fincher, "am Ende ist niemand in Handschellen zu sehen". Er hat so lange recherchiert, Akten studiert und Zeitzeugen befragt, dass er zuletzt selbst nicht mehr wusste, was er glauben sollte. Fragt sich nur: Warum hat er dann diesen Film gemacht? Was fesselt ihn so sehr am Thema Serienmord?

Fincher war etwa sieben Jahre alt und lebte im Umland von San Francisco, als etwas Merkwürdiges passierte: Sein Schulbus wurde auf der täglichen Fahrt in die Highschool von der Polizei eskortiert. Jemand, wahrscheinlich ein Verrückter, hatte gedroht, mit dem Gewehr auf die Reifen von Schulbussen zu zielen, erklärte ihm sein Vater, ein Journalist.

"Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass jemand andere Menschen zum Vergnügen jagen könnte", erinnert sich Fincher. Seine Stimmung damals: eine Mischung aus Faszination und Grausen. Außerdem wunderte ihn, dass ihn seine Eltern sicherheitshalber nicht selbst mit dem Auto zur Schule brachten. "Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob sie es schaffen uns groß zu ziehen".

Der Film ist also auch ein Stück private Vergangenheitsbewältigung: Ein vielleicht siebenjähriger Junge ist da zu sehen, beim Einsteigen in den Schulbus, da entscheidet sich sein Vater in letzter Sekunde anders und bringt den Kleinen lieber selbst zur Schule. Eine Schlüsselszene: Der Vater, das ist "Chronicle"-Karikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhal) –eigentlich ein Unbeteiligter, doch die rätselhaften Kryptogramme von "Zodiac" ziehen ihn immer tiefer in den Fall hinein – fast beispielhaft für die Obsession, mit der sich ein Millionenpublikum dem Thema Serienmörder ergibt. Am Ende sind es Jahre, die Graysmith in seine Recherche investiert, zwei Bücher erscheinen, seine Ehe geht darüber kaputt.

Anschlag auf den Summer of Love

Im Rückblick ist das San Francisco dieser Zeit für Fincher ein kleines Juwel, eine liberale, kosmopolitische Hochburg, der Summer of Love, das Hippie-Viertel Haight Ashbury, Friedensmärsche auf der Golden Gate Bridge. Und dann taucht aus dem Nichts ein Mann auf, der Jugendliche beim Sex in ihrem Auto erschießt. Fast so, als würden die konservativen fünfziger Jahre zurückkehren und wieder die Kontrolle übernehmen. Fincher zeigt die psychosexuelle Komponente bei Serienmördern, ihre Jagd auf Teenager, die auf Parkplätzen am Stadtrand – den sogenannten Lovers' Lanes – ihre Sexualität erkunden. Es geht um Sicherheit und Vertrauen im Zusammenleben. Ein Unbekannter aus der Menge, der wahllos mordet, attackiert nicht nur Individuen. Er greift die ganze Gemeinschaft an.

In diesem Spannungsfeld ist es erstaunlich, dass Fincher so gut wie aller Erwartungen an ihn und das Genre unterläuft. Es gibt keinen Wettlauf gegen die Zeit, kein Zittern, wann der Unbekannte das nächste Mal zuschlägt wie einst in "Se7en".

Anders als in Don Siegels Clint-Eastwood-Klassiker "Dirty Harry", der lose auf dem "Zodiac"-Fall basiert, gibt es auch kein Porträt des Psychopathen. Fincher hält sich an die Fakten und nimmt in Kauf, dass über Verdächtige nur spekuliert werden kann. Und selbst die Gewalttaten sind eher klinisch und vergleichsweise schreckfrei gefilmt. Einer der besten Angstexperten Hollywoods verzichtet darauf, dem Publikum echte Angst einzujagen.

Stattdessen sind hilflose Ermittler zu sehen, die sich über Jahre hinweg selbst im Weg stehen. Die Polizeidienststellen der betroffenen Städte und Landkreise tauschen keine Informationen aus, das Berufsbild der sogenannten "Profiler" existierte noch nicht, die FBI-Abteilung für Verhaltensforschung wurde erst Jahre später gegründet. "Wir dürfen nicht vergessen, wie primitiv die Ermittlungsmethoden vor 30 oder 35 Jahren waren", sagt Fincher, "heute wäre es für den Killer viel schwieriger, sich immer wieder zu entziehen".

"Es ist ein Zeitungsfilm"

Er möchte "Zodiac" nicht als Thriller über einen Serienmörder verstanden wissen und auch nicht als Meditation über das Böse. "Es ist ein Zeitungsfilm", sagt Fincher.

Wohl kein anderer Psychopath hat so geschickt sein Spiel mit den Medien getrieben. Seine Briefe an den "San Francisco Chronicle" spielen eine Hauptrolle im Film. Es gibt hektische Redaktionskonferenzen, Großraumbüros, Journalisten auf der Spur des Mörders. Die Bezüge zum berühmten Watergate-Film "Die Unbestechlichen" mit Robert Redford sind nicht zu übersehen – mit einem großen Unterschied: Im Gegensatz zu den Enthüllern des Nixon-Skandals kommt den "Chronicle"-Journalisten keine Heldenrolle zu.

Zu besichtigen ist eine vierte Gewalt, die nur Auflagen kennt und keine Moral, ausgestellt wird ein nahezu parasitäres Verhältnis zwischen sensationshungrige Presse und einem Psychopathen, der nach Aufmerksamkeit giert. Als dessen erste Briefe eintreffen, wird nur kurz verschämt diskutiert, ob man den Scoop auf Seite eins präsentiert oder etwas diskreter auf Seite vier.

Fincher sieht die Lokalzeitung als Erfüllungsgehilfen des Killers. "Es war eine Symbiose, eine Mittäterschaft", sagt er, der "Chronicle" trage "eine Mitschuld, dass "Zodiac" nie gefasst wurde".

Die Zahl der "Zodiac"-Opfer ist bis heute umstritten. In zehn Fällen wird sein Name genannt, als gesichert gelten bislang nur fünf. Eine Annahme zu der auch Fincher neigt: Der Serienmörder habe etwas Befriedigenderes gefunden als Töten, sagt er - "nämlich die narzissistische Erfüllung, mit seinen Taten in aller Munde zu sein". Bislang etwa sieben Filme, darunter auch "Exorcist III", beruhen zumindest teilweise auf dem Zodiac-Fall – sowie fünf Romane und etliche Songs.

Die Geschichte gibt offenbar immer noch genügend Stoff. In diesem Frühjahr hat auch das San Francisco Police Department die Ermittlungen wieder aufgenommen.

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